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Ein Plädoyer fürs Auswendiglernen

Lernen, Auswendig lernen, Buch lesen [Quelle: unsplash.com, Autor: Thought Catalog]

Quelle: unsplash.com, Thought Catalog

Professoren geben sich skeptisch, Kommilitonen belächeln es – für viele Studenten aber bleibt Memorieren weiter das Mittel der Wahl. Auf wessen Seite steht die Lernforschung in dieser Debatte und welche Mittel helfen dir, deine Lernleistung zu steigern?

Dem Klischee nach ist Auswendiglernen die bevorzugte Lernmethode der weniger Begabten. Gute Studenten memorieren hingegen nicht, sie verstehen. So wird zum Beispiel Juristen empfohlen, den Sinn hinter gesetzlichen Regelungen nachzuvollziehen, anstatt sich mechanisch Fälle oder Prüfungsschemata in den Kopf zu prügeln. Auswendiglernen sei dann gar nicht mehr erforderlich, weil der Stoff auch so behalten oder in der Klausur hergeleitet werden könne.

Auswendiglernen ist besser als sein Ruf

Ganz falsch ist diese Kritik nicht: Da du nie den gesamten Stoff beispielsweise einer Jura- oder Medizinklausur auswendig beherrschen kannst, solltest du dir genau überlegen, was du auswendig lernst. Und natürlich musst du auch verstanden haben, an welcher Stelle das Gelernte in der Klausur relevant ist. Aber wenn du deshalb das Auswendiglernen als Feind des Verstehens betrachtest und ganz darauf verzichtest, entgehen dir einige beträchtliche Vorteile dieses Lernansatzes.

Denn egal, ob es sich um eine Definition handelt, ein Prüfungsschema oder die Lösung eines juristischen Sachverhalts: Du bist klar im Vorteil, wenn du die relevanten Informationen auswendig kennst. Erstens bist du schneller, wenn du eine Antwort aus dem Gedächtnis weißt, anstatt sie dir erst mühsam herzuleiten. Zweitens bist du sicherer, weil du über ein vertrautes Raster verfügst, in das du unbekannte Probleme leicht einsortieren kannst. Und drittens übersiehst du keine Schritte und vermeidest Aufbaufehler. Anders als Mike aus der Serie Suits wirst du zwar nie den gesamten Lernstoff im Wortlaut auswendig können. Trotzdem gilt: Je mehr du davon sicher beherrschst, desto besser für dich. Wenn du in deinen Prüfungen von diesen Vorteilen profitieren möchtest, musst du dir deshalb die Frage stellen: Wie memoriere ich möglichst intelligent?

Spaced Repetition est mater studiorum

Diese Frage kann die moderne Lernforschung inzwischen ziemlich genau beantworten. Wichtig hierfür sind zwei grundlegende Erkenntnisse über die Funktionsweise unseres Gedächtnisses:

Use it or lose it: Informationen, die nicht mehr gebraucht werden, verschwinden früher oder später wieder aus deinem Kopf. Um Wissen zu behalten, musst du es deshalb wiederholen: Ansonsten geht der Großteil der Informationen, die du dir so mühsam angeeignet hast, bis zur Prüfung wieder verloren.

Wiederholung ist nicht gleich Wiederholung: Wie sehr sich deine Mühe auszahlt, hängt stark von deiner Wiederholungsmethode ab. Denn die verschiedenen Wiederholungsmethoden sind längst nicht gleich effektiv. Zwei Faktoren, die einen besonders großen Einfluss auf die Wirksamkeit haben, sind der Spacing Effect und der Testing Effect.

Beim Spacing Effect geht es um das richtige Timing: Du hast mehr davon, wenn du eine Information in wachsenden Abständen wiederholst, als wenn du dich direkt am Anfang mehrmals hintereinander damit beschäftigst und dann längere Zeit gar nicht mehr. Um diesen Effekt voll auszureizen, wiederholst du eine Information immer erst kurz vor dem Moment, in dem du sie wieder vergisst.

Der Testing Effect betrifft hingegen die Frage, wie du wiederholen solltest: Es bringt mehr, wenn du dich selbst abfragst und versuchst, dich aktiv an die richtige Antwort zu erinnern, als wenn du den Stoff nur noch einmal passiv liest. Fun Fact: In Studien schätzen Testpersonen oft intuitiv das nochmalige Lesen als wirksamer ein. Die Ergebnisse dieser Studien belegen jedoch immer wieder die Überlegenheit des Sich-Abfragens. Übrigens: Sich selbst abzufragen ist auch effektiver, als den Stoff noch einmal in eigenen Worten zusammenzufassen. Die Wirksamkeit dieses Ansatzes wird leider oft überschätzt.

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Kommentare (2)

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  1. Thomas Kahn

    Liebe Michelle-Monique, gerne! Deine Skepsis bzgl. der Anwendung von Spaced Repetition Software in Lernfächern kann ich gut verstehen. Sie ist nicht unberechtigt. Als jemand, der sich mit Anki sowohl auf das erste als auch auf das zweite juristische Staatsexamen vorbereitet hat und damit beide Male erfolgreich war (gut & vb), möchte ich aber dennoch für die Gegenposition argumentieren. Es ist auf jeden Fall leicht, bei der enormen Stoffmenge den Überblick zu verlieren und in Wiederholungen zu ersticken. Wer es aber schafft, das wichtigste Wissen herauszufiltern, und nur dieses regelmäßig wiederholt, der hat aus meiner Sicht einen riesigen Vorteil gegenüber anderen Studenten. Dies gilt ganz besonders dann, wenn man damit bereits im Studium beginnt. Wer so lernt, hat wirklich die Chance, bereits vom ersten Semester an die Grundlage für seine letzte und wichtigste Prüfung zu legen. Nach meiner Erfahrung sind nur ca. 10-20% des Lernstoffs so wichtig, dass man sie mit Spaced Repetition Programmen regelmäßig wiederholen müsste, vielleicht noch weniger. Für Jura habe ich bereits selbst versucht, dieses Wissen zu sammeln. Die Ergebnisse dieses Experiments sind unter www.basiskarten.de erhältlich. Tipps zur Auswahl des richtigen Wissens gebe ich auf den S. 30 ff. der Lernapotheke für Juristen (http://lernapotheke.de). Ich kann natürlich nicht mit Sicherheit sagen, dass auch Studenten anderer Fächer im selben Maße von diesem Ansatz profitieren würden. Z. B. in Medizin scheint es ja so zu sein, dass viele Informationen nicht über das gesamte Studium bis zur Abschlussprüfung behalten werden müssen, sondern z. B. "nur" bis zum Physikum oder den jeweiligen Semesterabschlussklausuren. Auch meine ich, dass man dieses Wissens wegen der Abfrage in Multiple Choice-Tests zum Teil wohl eher wiedererkennen als positiv erinnern muss. Aber sicherlich gibt es auch in Medizin einen Kernbestand an Wissen, von dem es sehr vorteilhaft wäre, ihn dauerhaft präsent zu haben. Alexander Chamessian and Peter Wei (beide Ärzte) haben sich z. B. intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie sie Anki für ihr Medizin-Studium nutzen können, siehe http://www.learningmedicinebook.com/ bzw. die Beiträge auf http://drwillbe.blogspot.de/ .

  2. Anonym

    Vielen Dank für den hilfreichen Input über die beiden Methoden. Den Testing Effect kann ich selbst nur wärmstens empfehlen, er bietet sich nicht nur zum Aneignen von Wissen in Lerngruppen, sondern auch zum rekapitulieren eines gerade gelesenen Textes an. Die andere Methode werde ich sicherlich auch bald testen. Allerdings möchte ich gerne zu dem Üben mit Lernprogrammen anmerken, dass sich das bestimmt bei einem Fach anwenden lässt, aber es sich bei einer großen Menge an Lernstoff nicht eignet. Grund dafür ist, dass es viel zu lange dauern würde und nicht effektiv genug wäre, das ganze auf Karteikarten zu schreiben.