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Was können Sie besser als andere?

Mann, Triumph, Erfolg, Glück, Jubel [Quelle: unsplash.com, Autor: bruce mars]

Quelle: unsplash.com, bruce mars

In vielen Menschen schlummern verborgene Talente. Doch die wenigsten erkennen ihr wahres Potenzial. Oder verwechseln es mit dem, was sie interessiert. Wie es gelingt, die eigenen Stärken zu erkennen – und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen

Hausaufgaben hatte Friedericke Stern schon seit Jahrzehnten nicht mehr machen müssen. Doch die Mittvierzigerin fügte sich, als die Karriereberaterin Madeleine Leitner ihr auftrug, sieben Geschichten aus ihrem Leben niederzuschreiben, in der ihr eine Sache besonders gut gelungen war. Schließlich hatte sie erst ein paar Wochen vorher ihren Job als Verlagsmanagerin hingeschmissen, beim nächsten Mal wollte sie etwas machen, was ihr besser liegen würde. Und bis dahin hatte die Grübelei sie nirgendwohin geführt.

So notierte Stern unter anderem, wie sie einmal innerhalb von vier Wochen das Konzept für einen völlig neuen Nischenverlag aufgesetzt hatte. Sie hatte Logos und Schriftzüge entworfen, über Zielgruppen nachgedacht, entwickelte mögliche Buchprogramme, das Budget geplant und anschließend alles ihrem Auftraggeber und seiner Belegschaft präsentiert. Was sie ohne viel Aufheben erzählte, versetzte Madeleine Leitner ins Staunen. "Erst als wir die Geschichte Schritt für Schritt besprochen hatten, wurde mir bewusst, dass ich so vieles kann", sagt Stern. Sie war schnell und kreativ, konnte unternehmerisch denken und konzeptionell arbeiten, kalkulierte die Finanzen. "Obwohl ich in Mathe nie ein Genie war."

Friederike Stern hatte damit Antworten auf eine zentrale Frage gefunden, über die sich viel zu viele Menschen nie Gedanken machen: Was kann ich wirklich gut, besser als andere? Welche versteckten Eigenschaften sind für mein Fortkommen entscheidend? Und aus welchen mache ich noch viel zu wenig? Ein Talent ist eine Begabung, die jemanden zu überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten Gebiet befähigt – angeboren also. Nichts, wofür man ein Zeugnis hätte oder was sich ständig in messbaren Ergebnissen offenbaren würde. Wie sollen Suchende etwas als besondere Begabung identifizieren, was ihnen schon immer leichtgefallen ist? Etwas, das Bestand hat, egal, ob man es pflegt oder nicht?

Viele besinnen sich gar nicht erst auf ihre verborgenen Talente, weil gesellschaftliche Normen wie Gehalt, Jobtitel oder Ansehen ihnen den Blick dafür versperren. Sie machen sich nicht erst auf die Suche, sondern geben sich mit dem vagen Gefühl zufrieden, der Status quo werde schon irgendwie zu ihnen passen.

Manager oder doch lieber Schreiner

Denn erschwert wird die Suche nach den eigenen Potenzialen durch die wachsende Fülle an Optionen, sein Talent einzusetzen. Wer wählen soll, ob er als Entwicklungshelfer kleine Kaffeebauern in Südamerika unterstützt, sich als Schreiner niederlässt oder studiert und eine Managerkarriere im Autokonzern einschlägt, verliert schnell den Überblick. Laut einer Analyse des Sozialpsychologen Neal Roese von der Kellogg School of Management bereut fast jeder Dritte Berufstätige in den USA, Chancen in der Schule oder bei der Ausbildung nicht genutzt zu haben. 22 Prozent beklagen eine falsche Karriereplanung.

In Deutschland dürfte das Stimmungsbild ähnlich ausfallen: Mehr als 20.000 Studiengänge und rund 330 anerkannte Ausbildungsberufe stehen Schulabgängern hierzulande zur Auswahl. Aljoscha Neubauer, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Graz, rät deshalb zu einer Negativselektion: Man schließe zunächst aus, was man garantiert nicht gut kann. "Wer Komplexität reduziert, ist schon einen großen Schritt weiter." Vor ein paar Generationen war das für den überwiegenden Teil der Gesellschaft eine irrelevante Frage. Man tat, was die Eltern getan hatten oder für einen vorsahen. Talent? Unwichtig.

Für jeden Beruf ist ein Mindestmaß an Talent notwendig. Das lässt sich nicht mit Fleiß kompensieren.

Aljoscha Neubauer, Psychologieprofessor an der Universität Graz

Heute steht die Selbstverwirklichung im Mittelpunkt. "Junge Leute stehen unter einem enormen Druck, das Optimale aus ihrer Berufswahl herauszuholen", beobachtet Karriereberaterin Leitner. Gleichzeitig würden sie mit dieser prägenden Entscheidung alleine gelassen, beklagt Psychologe Neubauer. Es sollten viel mehr Begabungstests durchgeführt werden, meint er.

Stärken finden bei einem Auslandsaufenthalt

Probieren geht über studieren

Das hätte vielleicht auch Leif Rau geholfen. Der 20-Jährige macht eine Ausbildung zum Gemüsegärtner auf einem Biobauernhof in Niedersachsen und ist damit, wie er es ausdrückt, "mega zufrieden". Doch um dort zu landen, musste er erst mal 3.500 Kilometer weit reisen. Nach dem Abitur war er zunächst völlig überfordert, was aus dem großen Nichts namens Berufslaufbahn werden sollte. Sollte er Biologie studieren? Agrarwissenschaften? Oder doch lieber Jura? Eine Ausbildung kam für ihn zunächst nicht infrage. "Meine ganze Familie besteht aus Akademikern", sagt Rau. Also entschied er sich für ein freiwilliges soziales Jahr, in der Hoffnung, auf der Suche nach dem Sinn, dabei ein wenig weiter zu kommen. Auf Teneriffa arbeitete er mit Behinderten auf einem Bauernhof und in einer Schreinerwerkstatt.

Und wurde erstmals im Leben über das wahrgenommen, was er sonst eher nebenbei getan hatte. Seine älteren Arbeitskollegen lobten ihn für sein handwerkliches Geschick beim Schnitzen, schenkten ihm Anerkennung, weil er beherzt mit anpackte, als eine Ziege geschlachtet wurde. In seinem Alltag zu Hause hätte er diese Stärken nicht erkannt, ist sich Rau sicher. "Meine Freunde und meine Familie hat es nicht mehr beeindruckt, wenn ich was getischlert habe. Für sie ist so was ganz normal, weil ich es immer schon gemacht habe."

Weil es ihnen so leichtfällt, halten Menschen ihre Talente oft für nichts Besonderes

Madeleine Leitner, Karriereberaterin

Psychologieprofessor Neubauer ist überzeugt, dass eine neue Umgebung bei der Suche nach seinen wahren Stärken helfen kann. "Wer seine Begabungen bei der Berufswahl außer Acht lässt", resümiert der Forscher, "erlebt häufiger Rückschläge. Das macht auf Dauer unzufrieden." Außerdem falle es leichter, sich auf einem Gebiet weiterzuentwickeln, das einem liegt. Ein klarer Vorteil in Zeiten von lebenslangem Lernen und digitalen Umbrüchen. Und doch warnt Neubauer davor, sich an den eigenen Vorlieben zu orientieren. Denn mit Talenten haben die nicht zwingend etwas zu tun. Nur weil sich jemand für Fußball interessiert, ist er noch längst kein grandioser Kicker; ein Faible für leckeres Essen macht niemanden zum Sternekoch. "Für jeden Beruf ist ein Mindestmaß an Talent notwendig", sagt Neubauer. Das kann man nicht durch Begeisterung oder Fleiß kompensieren."

Das belegt auch eine Überblicksanalyse von Psychologen der Princeton-Universität aus dem Jahr 2014. Darin haben sie Studien aus den vergangenen 20 Jahren zusammengefasst und herausgefunden, dass regelmäßiges Üben, egal, ob beim Schach, auf der Violine oder im Sport, nur wenig helfe. Im Schnitt verbesserte sich die Leistung der Probanden durch Training um gerade mal zwölf Prozent. Je nach Betätigung zahle sich das ständige Wiederholen zwar auch mal mehr aus, insgesamt sei der Einfluss doch niedriger als erwartet, resümieren die Forscher. Vor allem im Bereich der Kunst und der Naturwissenschaften brauche man großes Talent, um etwas Bedeutsames zu erreichen, betont Psychologieprofessor Neubauer. In der Physik etwa hänge viel vom räumlichen Vorstellungsvermögen und logischen Schlussfolgern ab. "Das kann man nicht trainieren", sagt er.

Blinde sehend machen

Diese Talente auch zu erkennen, daran jedoch scheitern viele Menschen, wie etwa die Meta-Analyse der beiden US-Psychologen Ethan Zell und Zlatan Krizan zeigt. Sie fassten 22 Studien zusammen, in denen Autoren Selbsteinschätzungen tatsächlichen Leistungen gegenüberstellten. Ihr Ergebnis: "Die Menschen haben nur mittelmäßige Einblicke in ihre eigenen Fähigkeiten." Vor allem nonverbale Talente wie Einfühlungsvermögen würden die Studienteilnehmer kaum registrieren. Denn auf solche weichen Faktoren würden sie von anderen seltener aufmerksam gemacht.

Die Entdeckungsreise zu den eigenen Talenten muss nicht bis nach Teneriffa führen so wie bei Leif Rau. Oft reicht auch ein wirklich intensives Gespräch, ein ehrlicher Austausch unter Freunden oder mit Experten wie der Beraterin Madeleine Leitner, die damals Friederike Stern mit der Aufgabe, die Geschichten ihrer Erfolge aufzuzeichnen, nach Hause schickte. "Bei den eigenen Talenten haben die Menschen den größten blinden Fleck", sagt die Psychologin. "Weil es ihnen so leichtfällt, halten sie ihr Talent für nichts Besonderes."

Unterstützung durch den Vorgesetzten

Manche schließlich entdecken ihre verstecken Talente eher zufällig. So wie Christin Ziemek. Die gelernte Tourismuskauffrau für Geschäftsreisen hatte sich lange keine großen Gedanken über ihr Tun gemacht, im Job war sie zufrieden, auch sonst fehlte ihr nichts. Doch dann kam Corona – und mit dem Virus die Kurzarbeit bei ihrem Arbeitgeber Baldaja. Bis dahin hatte die 25-Jährige für Firmenkunden, die sie anriefen, Geschäftsreisen gebucht. Jetzt klingelte aber keiner mehr.

Ziemeks Chef Michael Holdkamp erkannte schnell, dass die Krise nicht zügig vorüberziehen würde. Also begann er nach alternativen Geschäften zu suchen. In nur vier Wochen entwickelten Holdkamp, Ziemek und ihre Kollegen eine digitale Plattform, über die Kunden virtuelle Konferenzen abhalten können. Möglich war das, davon ist Holdkamp überzeugt, nur deshalb, weil er sich regelmäßig Gedanken über die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter macht. Mindestens einmal im Quartal spricht er mit jedem der 35 Angestellten, notiert im Nachgang deren Stärken. Diese überprüft er im nächsten Gespräch, um nicht einer Momentaufnahme aufzusitzen. An Christin Ziemek war ihm schon früh aufgefallen, wie gut sie sich ausdrückte und wie leicht sie andere von einer Sache überzeugen konnte. Deshalb ist ihr Job nun, Kunden für das neue Produkt zu finden. "Das passt zu mir", sagt Ziemek. Sie ist selbst von ihrem neu entdeckten Talent überrascht.

Leif Rau weiß längst, was ihm gefällt: draußen anpacken, statt drinnen die Dinge zu analysieren. "Mir gefällt es, abends zu sehen, was ich geleistet habe", sagt der Gemüsegärtner mit Blick auf die geernteten Salatköpfe. Ob ihn das auch in zehn Jahren noch glücklich macht, ist eine andere Frage. Dessen ist sich Rau bewusst und kann sich deshalb gut vorstellen nach seiner Ausbildung noch ein Studium draufzusatteln. Die Vorarbeit, in Form der Talentsuche, hat er ja bereits abgeschlossen.

Neustart nicht nötig

Denn nicht jede Umorientierung im Job muss ein radikaler Neustart sein, beobachtet auch Karriereberaterin Madeleine Leitner. Im Gegenteil. "Die wenigsten sind im völlig falschen Beruf gelandet." Nur etwa drei bis fünf von 100 Klienten bräuchten einen kompletten Neuanfang. In den meisten Fällen würden die bestehenden Talente nicht ausreichend gefördert. Dann reiche es etwa, den Arbeitgeber zu wechseln, neue Aufgaben zu übernehmen oder eben sich mittels Weiterbildung neue Möglichkeiten im alten Umfeld zu erschließen.

Auch Christin Ziemek denkt trotz aller Erkenntnis nicht darüber nach, ihren Job hinzuwerfen. Und das ist wahrscheinlich richtig so. Die Verwirklichung des Talents ist schließlich nur einer von vielen Aspekten, die eine Arbeit erfüllend oder unerträglich machen. Sie zu erkennen lohnt sich meist vor allem, um Stärken fortan besser ausspielen zu können.

Bei Friederike Stern hingegen lief es letztlich auf einen kompletten Neuanfang hinaus. Sie betreibt inzwischen im Münchner Stadtteil Schwabing einen kleinen Laden für Einrichtungsaccessoires, Postkarten und Schmuck. "Hier kann ich meine Talente einbringen", sagt die Unternehmerin. Sie analysiert ihre Zielgruppe genau, präsentiert ihre handverlesenen Waren auf Instagram und kümmert sich um die Finanzen. Obwohl sie in der Schule nie ein Mathe-Genie war.

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