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"Arbeitslosigkeit wäre auf Dauer frustrierender als ein sinnloser Job"

Frau Langeweile [Quelle: unsplash.com, Stacey Gabrielle Koenitz Rozells]

Quelle: unsplash.com, Stacey Gabrielle Koenitz Rozells

Viel Zoom, kein Kicker: In der Krise verzweifeln Menschen besonders an ihrem Job. Das liegt häufig am Chef und nicht an der Aufgabe, sagt die Expertin Amy Wrzesniewski.

Krisensituationen, wie wir sie während der Corona-Pandemie erleben, werfen oft bedeutsame Fragen auf. Unter anderem die nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Jobs. Amy Wrzesniewski ist Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der US-amerikanischen Yale-Universität. Sie erforscht, wie Menschen ihrer Arbeit Sinn verleihen können. Wir haben sie gefragt, was sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber anders machen können – und wann es Zeit ist, zu kündigen, weil das alles nichts mehr nützt.

ZEIT ONLINE: Frau Wrzesniewski, der letzte Woche verstorbene Anthropologe und Kapitalismuskritiker David Graeber schrieb in seinem Buch über sogenannte Bullshit-Jobs – und davon, dass etwa ein Drittel aller arbeitenden Menschen ihre Arbeit sinnlos finden. Kommen Sie in Ihrer Forschung auch zu einem derart hohen Ergebnis?

Wrzesniewski: Es gibt in der Tat eine Menge Menschen, denen ihre Aufgabe recht egal ist und die nur arbeiten, weil sie Geld verdienen müssen. Sie würden sofort kündigen, wenn sie einen Sechser im Lotto hätten. Zahlreiche Umfragen bestätigen das. Ich habe mir außerdem angesehen, wie viele Menschen in diese Kategorie fallen und wie viele stattdessen von ihrer Karriere sprechen, also beruflich vorankommen und eine Hierarchieleiter erklimmen wollen. Eine dritte Gruppe von Menschen sagt: Mein Beruf ist meine Berufung. Für diese Menschen hat Arbeit an sich einen intrinsischen Wert.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie herausgefunden?

Wrzesniewski: Die Aufteilung ist recht ausgewogen. Je ein Drittel der Menschen findet sich in einer dieser drei Gruppen wieder. Interessant ist aber vor allem: Es sind nicht unbedingt die Jobs, die darüber bestimmen, in welcher Kategorie jemand landet. Es kommt darauf an, welche Einstellung und Beziehung die Menschen zu ihrer Arbeit haben. Was für die eine Person ein Bullshit-Job ist, kann für eine andere Person sinnstiftende Arbeit sein.

ZEIT ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass es keine Jobs gibt, die per se eher unschön und wenig erfüllend sind?

Wrzesniewski: Nein. Selbstverständlich gibt es bessere und schlechtere Jobs, vor allem in Bezug auf Arbeitssicherheit, Selbstbestimmtheit, Würde und die Abwechslung, die möglich ist. Aber diese Faktoren allein sind nicht ausschlaggebend dafür, wie Menschen ihre Arbeit bewerten.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet dann sinnstiftende von weniger sinnstiftender Arbeit?

Wrzesniewski: Guckt man sich die Studien der letzten Jahrzehnte an, stellt man fest: Die entscheidende Komponente sind die Beziehungen, die Menschen zu ihrer Arbeit aufbauen. Es geht darum, wie sehr sie mit dem eigenen Wertesystem übereinstimmt und ob sie zur eigenen Identität passt. Wichtig sind auch die Beziehungen, die im Arbeitsumfeld entstehen. Kolleginnen und Kollegen, die einem das Gefühl von Gemeinschaft geben, dass man zu einer Gruppe gehört, mit der man sich identifiziert. Entscheidend ist natürlich auch die Arbeit selbst. Was macht man den ganzen Tag? Wie sind die Aufgaben strukturiert? Fühlen sie sich und der Kontext, in denen sie geschehen, bedeutungsvoll an?

ZEIT ONLINE: Welche Auswirkungen hat es langfristig, wenn Menschen ihre Arbeit sinnlos und frustrierend finden?

Wrzesniewski: Wir wissen zum Beispiel, dass durchschnittlich etwa 20 Prozent der generellen Lebenszufriedenheit eines Menschen mit dem Beruf zusammenhängen. Das ist durchaus essenziell. Hinzu kommt, dass viele Menschen sich sehr stark über ihren Beruf definieren und auch von anderen danach beurteilt werden. Ein Job, der einen nicht erfüllt, kann einen also in eine Identitätskrise stürzen und eine ganze Reihe an mentalen Folgeerscheinungen nach sich ziehen, wie einen Burn-out.

ZEIT ONLINE: Wie bedeutsam ist das Gehalt bei der Frage, wie erfüllend man die eigene Arbeit findet?

Wrzesniewski: Sehr bedeutsam. Selbst Menschen, die ihre Arbeit als Berufung sehen, macht es etwas aus, wenn sie nicht angemessen bezahlt werden. Aber relativ gesehen zu den anderen Faktoren ist der Inhalt der Arbeit oft sinnstiftender als das Gehalt. Geld als Motivation ist generell eine schwierige Angelegenheit.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Wrzesniewski: Die Forschung zeigt, dass Menschen, deren Fokus ausschließlich darauf liegt, wie viel Geld sie verdienen, signifikant unzufriedener mit ihrem Job und auch generell mit ihrem Leben sind. Und zwar oft ihre gesamte Karriere lang. Wir wissen außerdem, dass es sich negativ auf das Unternehmen auswirkt, wenn es ausschließlich ums Geldverdienen geht. Menschen, die in einer solchen Unternehmenskultur arbeiten, tendieren zum Beispiel weniger dazu, sich sozial gegenüber Kolleginnen und Kollegen zu verhalten. Das wiederum ist aber entscheidend für die Jobzufriedenheit. Gleichzeitig kann Geld natürlich äußerst sinnstiftend sein, wenn es dazu führt, dass man sich in der Freizeit oder innerhalb der Familie Dinge leisten kann, die einem wichtig sind. Die Ausbildung der Kinder zum Beispiel. Oder ganz generell ein gutes Leben.

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