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Zeit für Zebras

Mensch mit offenen Armen [Quelle: unsplash.com, Autor: Zac Durant]

Quelle: unsplash.com, Zac Durant

Der Digitalboom der vergangenen Jahre hat Deutschland viele junge Multimillionäre beschert. Die neuen Superreichen pfeifen auf alte Statussymbole. Sie investieren ihr Geld, pflegen ihr Netzwerk, sonnen sich im Glanz nobler Absichten – und sind ziemlich kritikempfindlich.

Doreen Huber nimmt sich eine Auszeit auf Mallorca. Sie ist 37, besitzt eine Finca mit Swimmingpool, fünf Gehminuten vom Meer entfernt. Und sie überlegt, wie’s jetzt weitergeht. Zufrieden zurücklehnen? Finanziell kein Problem. Aber an diesem Punkt sei sie noch nicht, sagt Huber: "Dafür mag ich den Moment, in dem mich die Begeisterung für eine Idee packt, zu sehr."

Huber hat drei Start-ups gegründet, in 30 Unternehmen investiert, sie sitzt im Aufsichtsrat von Domino’s Pizza. Und ihr gehörten Anteile am Pizzabringdienst Lieferheld, den sie seit 2011 als Geschäftsführerin mit aufbaute, der später in Delivery Hero aufging. Heute ist Delivery Hero ein hoch bewertetes Dax-Unternehmen, das drei Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet – und Doreen Huber eine reiche Frau, die nicht viel Wert zu legen scheint auf distinktiven Konsum und demonstrativen Gelderfolg: Sie trägt gern "Jeans, T-Shirt und Turnschuhe", sagt sie, "brauche keine teure Tasche, um zu zeigen, dass ich es geschafft habe". Was sie stattdessen braucht, von diesem Selbstbild legt sie gerne Zeugnis ab, ist brennende Leidenschaft für the next big thing.

Huber zählt zu Deutschlands neuen Superreichen, also zur Garde junger Gründer und Gründerinnen, die im Smartphone- Kapitalismus eine App-gesteuerte Garagenfirma zum (Börsen-)Erfolg geführt haben und nun hohe Millionenvermögen verwalten. Viele haben ihre Anteile früh verkauft, beteiligen sich an frischen Start-ups, investieren in neue Deals: Sie verausgaben ihr Vermögen nicht, sondern feiern ihren zuversichtlichen Can-do-Lebensstil und ihre tätige Unabhängigkeit; sie sind (selbst-)verliebt ins Ermöglichen und Gelingen, ihre woke Mentalität und das, was sie für unkonventionell halten; sie begeistern sich für ihresgleichen, pflegen ihre Netzwerke und wollen die Welt natürlich ein wenig ökologischer, sozialer, fairer gestalten. Ihr zentrales, immaterielles Statussymbol: "Dazugehören" zum exklusiven Club der unternehmerischen Geldstreuer, Wegbereiter, Zukunftsdiener.

Die neue deutsche Geldelite unterscheidet sich damit stark von den Gründern der Nachkriegszeit. Die Würths (Schrauben), Herrenknechts (Tunnelbohrmaschinen), Mieles (Waschmaschinen), Stihls (Motorsägen) oder Grupps (Mode) waren von der Leidenschaft für ein Produkt getrieben.

Sie identifizierten sich mit ihrer Firma und oft auch ihren Mitarbeitern, ihre Unternehmen wuchsen organisch, aus eigener Kraft, reiften auf der Basis von Gewinnen und sukzessiven Markteroberungen zu Weltmarktführern. Nie wäre es den oft patriarchalischen Eignern in den Sinn gekommen, ihr Unternehmen, ihr "Kind" zu verkaufen.

Heute sind Unternehmen kein Dauerauftrag mehr für Solide und Fleißige, sondern oft Investmentvehikel für Listige und Findige, jedenfalls nicht mehr Ziel und Zweck eines Unternehmerlebens, sondern Weg und Mittel in einem schnelldrehenden Ideengeschäft, in dem es um Finanzierungsrunden und Skaleneffekte, Wagniskapital und Wachstumsstorys geht: Wer märchenhaft gut von sich zu erzählen weiß, gewinnt – ganz gleich, ob das Geschäftsmodell in zehn Jahren trägt oder nicht.

Der schnelle Exit aus der schuldenbasierten Umsatzmaschine wird dabei als Option oft mitgedacht, nicht selten einkalkuliert: gründen, finanzieren, aufbauen, verkaufen, danach flugs was Neues gründen, finanzieren, aufbauen, verkaufen. Es ist ein Kreislauf von Kick-offs, in Schwung gehalten von Buddys unter sich – ein selbstreferenzielles System sich wechselseitig antreibender Antreiber, die, bitte schön, nicht gestört werden wollen beim Drehen ihrer großen (Wind-)Räder und von denen sich manche am liebsten schon immunisiert sähen gegen alle Kritik an ihrem angeblich segensreichen Wirken: Vor ein paar Tagen erst schlug der Beirat Junge Digitale Wirtschaft im Wirtschaftsministerium eine "Disziplinierung der Presse" vor, um endlich ungestört IPOMillionen umschlagen zu können.

Kritik am Rein-raus-Unternehmer

Kein Wunder also, dass die Szene bei der älteren Unternehmergeneration Irritationen auslöst. "Ich habe ein Problem mit diesen Gründungen, die nur auf schnelle Gewinne aus sind: Ich kaufe mir ein paar Computer, bau eine Idee um und verkaufe ein paar Jahre später für Millionen", sagte Delo-Chefin Sabine Herold vor wenigen Wochen der WirtschaftsWoche: "Das ist für mich kein echtes Unternehmertum."

Auch Wolfgang Grupp lässt kein gutes Haar an schulden - finanzierten Start-ups: "Als Unternehmer sind zwei Dinge wichtig: Haftung und Verantwortung. Ich habe 50 Jahre lang keine negative Bilanz abgegeben, wir arbeiten mit 100 Prozent Eigenkapital und haben selbstverständlich keinerlei Bankkredite."

Andererseits sind zahlreiche Start-ups inzwischen zu respektablen Unternehmen gereift, etwa der 2008 gegründete Modeonlinehändler Zalando, der acht Milliarden Euro umsetzt und 14 500 Menschen beschäftigt – ein aussichtsreicher Kandidat für die Aufnahme in den Dax im Herbst. Und der Sektor boomt – trotz Corona.

Die Investitionen in Start-ups sanken im Vergleich zum Vorjahr leicht auf rund 5,3 Milliarden Euro, aber das ist laut der Wirtschaftsprüferfirma EY immer noch "die zweithöchste Gesamtsumme" überhaupt.

Die Anzahl der Finanzierungsrunden stieg auf 743. Und auch die Zahl der Einhörner – Start-ups mit Milliardenbewertung – wächst, reicht von den Onlinehändlern Auto1 und About You, die inzwischen an der Börse notieren über die Fintechs Trade Republic und N26 und bis weit über das Softwarehaus Celonis hinaus (siehe Grafik rechts).

Alles Luftnummern? Nein, nein – nur nicht alles, wie früher in Familienunternehmen, für eine gefühlte Ewigkeit konzipiert. Huber blickt inzwischen auf zahlreiche geglückte Deals zurück. Sie hat drei Start-ups gegründet, zuletzt Lemoncat, eine Plattform für Cateringanbieter, die speziell Büros beliefern – und verkaufte das Unternehmen im Sommer 2019 an Rocket Internet, bevor die Pandemie das Geschäftsmodell bis auf Weiteres erledigte: "Um das Team, das ich eingestellt hatte, tat es mir sehr leid", sagt Huber.

Sie selbst war da längst auf Weltreise mit ihrer Familie, steuerte dann in der Coronakrise Mallorca an und feilte an der Tiefe ihrer Lebensweisheiten: "Geld alleine macht mich nicht glücklich. Aber es gibt mir die Freiheit, nur noch Dinge zu tun, die ich möchte."

Seth Streeter hat mit seiner Beratung Mission Wealth mehr als 1000 Vermögende auf der Suche nach dem Sinn des Lebens begleitet. Er sagt: "Den meisten Gründern sind Autonomie und Unabhängigkeit im Leben am allerwichtigsten. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht auch für Luxusvillen oder teure Autos begeistern können."

Seriengründer sind für Streeter eine Spezies für sich: "Die sind wahnsinnig wirkungsfokussiert und tun alles, um ihre Idee umzusetzen – dafür nehmen sie große Opfer in Kauf." Opfer? Was meint er damit? Streeter hat mehrere deutsche Gründer beraten: "Das sind oft ganz besonders private Menschen. Sie kommen, im Vergleich zu dem, was in den USA üblich ist, mit einer größeren Demut daher, wollen ihren Reichtum eher nicht so raushängen lassen."

Jan Beckers etwa. Er sammelt keine Kunst, besitzt kein Auto. Wann er sich zuletzt etwas gekauft habe – die Frage macht den 38-Jährigen kurz ratlos: "Einen Gegenstand? Kann mich nicht erinnern." Beckers hält sich, abgesehen von der Eigentumswohnung, in der er in Berlin lebt – nicht mit Immobilien auf, weiß sich weitgehend unbelastet von Besitztümern. Der Zwei-Meter-Mann trägt Boss-Sneaker, Jeans und einen Blazer überm Hemd, das meiste blau, "da passt alles zusammen", sagt Beckers, "da muss man nicht drüber nachdenken."

Ein Hausboot, ja doch, das schon, das sei bislang sein größter Luxus gewesen, für Partys mit seinen Gründerteams: inzwischen verkauft, da es ihm zu viel Aufmerksamkeit abverlange. Freunde, an die er das Boot verlieh, riefen an und fragten nach dem Stromschalter; "einmal meldete sich nachts sogar die Polizei, dass mein Boot unbefestigt treibe". Für so was will Beckers keine Zeit haben. Seine Lebensweisheit: "Zeit ist definitiv das knappste Gut."

Jedes Start-up 32 Millionen wert

Beckers kommt dem Ideal der Gründermillionäre ziemlich nahe. Er stellt bereits als BWL-Student in Münster eine Online-Event-Plattform und einen Partyveranstalter auf die Beine, obwohl ihm schnell "klar" ist, „dass sich das Geschäft nicht skalieren lässt“. Seine Vision ist größer: Er will das Internet mitgestalten, geht "als Nobody" nach Berlin, baut für den StudiVZ-Investor Lukasz Gadowski den Blog "Gründerszene" auf – ohne Bezahlung, aber mit dem Ziel, die richtigen Leute kennenzulernen.

Zehn Monate später gründet er das erste von etlichen Start-ups; stets leistet er die Aufbauarbeit, führt die Gründerteams zusammen. Das Geld aus seinem ersten Erfolgsexit investiert er in Mitarbeiteranteile von Facebook und LinkedIn, noch ehe die Unternehmen an der Börse notieren.

Inzwischen hat Beckers mit seiner Beteiligungsfirma Ioniq, früher Hitfox, 25 Unternehmen in den Branchen Internetwerbung, Finanztechnologie und Digitalmedizin gegründet, eigenen Angaben zufolge im Wert von rund 800 Millionen Euro. Er besitzt Aktien und Anteile weiterer Unternehmen. Seit drei Jahren baut er mit BIT Capital eine Fondsgesellschaft mit sich selbst als Chefanleger auf und verwaltet bereits 1,5 Milliarden Euro.

"Ist die Performance gut, gewinne ich direkt, weil ich im Fonds investiert bin – und indirekt, weil der Fonds bekannter wird, mehr Anleger anzieht und ich mehr Zugang zu den Unternehmen bekomme." Seit 2017 stieg sein Hauptfonds nach eigenen Angaben um mehr als 500 Prozent.

Beckers – ein Role Model der Branche? Oliver Meinschien ist Berater bei der Berenberg Bank. Er kennt die Szene. Erfolgreiche Gründer, sagt er, "investieren ihr Geld gern wieder in andere Start-ups", in den nächsten Deal unter ziemlich besten Freunden.

Einzelne Gründer seien bei Dutzenden anderer Start-ups investiert; manche hätten bereits Probleme, den Überblick zu behalten, erzählt ein anderer Banker – und beeilt sich, seine Aussage ins Positive zu wenden: Sie seien halt "eher als die vorherige Unternehmergeneration bereit, Risiken einzugehen".

Angriff auf die Pressefreiheit

Tatsächlich? Einige wollen für ihre "Risikobereitschaft" nicht nur gelobt, sondern auch lobbyiert werden – und sei es auf Kosten der Pressefreiheit. Sie haben sich offenbar in einen Kokon der Selbstgerechtigkeit eingesponnen, scheinen sich Kritik nurmehr als Dementi ihrer Geniehaftigkeit vorstellen zu können. Jüngstes Beispiel: 28 Jungunternehmer und Investoren, zusammengefasst als Gruppe Junge Digitale Wirtschaft, einem Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums, beklagen in einem Positionspapier ein „IPOund New-Economy-Bashing“ der Medien.

Der Staat habe für die "Gewährleistung einer ausgewogenen Berichterstattung" und eine "Disziplinierung der Presse zu sachlicher, richtiger und vollständiger Information" zu sorgen. Zu den Unterzeichnern des abgründigen Papiers gehören Lea-Sophie Cramer, Gründerin von Amorelie, einem Versandhändler für Erotikspielzeug, Investor Christoph Gerlinger und Alexander von Frankenberg, Chef des High-Tech Gründerfonds.

Minister Altmaier reagierte entsetzt, entfernte das Papier von seiner Homepage. Die Gruppe argumentierte zunächst, es habe sich nicht um eine finale Arbeitsversion gehandelt – als sei nicht welche Version auch immer das Problem. Cramer wollte dann von einer Veröffentlichung nichts gewusst haben, Gerlinger trat zurück. Andere Beiratsmitglieder distanzierten sich eilig, etwa Celonis-Mitgründer Bastian Nominacher, GetYourGuide-Mitgründer Johannes Reck und FlixMobility-Chef André Schwämmlein.

Sie seien nicht eingebunden gewesen, halten "die an der Presse geäußerte Kritik ausdrücklich für unangebracht und falsch". So oder so: Die Posse zeigt, wie sich einige Gründer und Gründerinnen selbst gern sehen: als Heilsbringer für eine Nation, deren Beitrag kritiklos zu würdigen sei – wenige Monate nach dem Fall Wirecard.

Aber klar, es gibt solche und solche. "Die Ziele von Gründern sind sehr viel differenzierter geworden", lobt Tobias Kollmann, Professor für Digital Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen: "Es geht längst nicht mehr nur darum, sein Unternehmen an die Börse zu bringen und sich dann eine Jacht zu kaufen." Oft wollten Gründer ihr Start-up aus einer gesellschaftlichen oder ökologischen Verantwortung heraus entwickeln.

Kollmann nimmt statt "Unicorns", also ökonomisch getriebener Start-ups, die mit Venture Capital märchenhaft schnell wachsen, vermehrt "Zebras" wahr: "Statt um ein Fabelwesen handelt es sich um ein Herdentier, dass kontinuierlich von Wasserloch zu Wasserloch zieht und damit den schrittweisen, nicht rasanten Erfolg im Blick hat." Eine gesunde Entwicklung, wie er findet: "Wir brauchen ja nicht nur Leuchttürme, sondern auch die Basis für den neuen Mittelstand von morgen."

Der langjährige Zalando-Co-Chef Rubin Ritter etwa hat das Unternehmen gerade verlassen, um einen Teil seines Vermögens in die Z Foundation zu investieren, eine private Initiative der Zalando-Gründer, die sich für Chancengleichheit einsetzt. Ziel sei es, "dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unabhängig von ihrer Herkunft" ermutigt werden, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Ja, das hört sich schon mal gut an.

Oder Lawrence Leuschner. Der passionierte Surfer hätte sich längst ein Anwesen an der Algarve kaufen können, um Tag für Tag meterhohe Wellen zu reiten. Er gründete im Jahr 2018 Tier Mobility, avancierte mit dem Verleih von türkisen Tretrollern zum Investorenliebling, manche Geldgeber bezeichnen die Firma inzwischen als Einhorn. Leuschners Anteile dürften mehr als 100 Millionen Euro wert sein.

Und was tut Leuschner? Er unterzeichnet 2020 eine Absichtserklärung mit der Londoner Initiative Founders Pledge. Sie sieht vor, dass das gesamte Geld aus einem Verkauf seiner Anteile einem gemeinnützigen Zweck zukäme.

Seine Anteile an Tier sind dafür in seiner Beteiligungsfirma Blue Impact Ventures gebündelt, die in "ImpactFirmen" investiert, also in Unternehmen, die ein ökologisches Geschäftsmodell verfolgen oder gleich die ganze Welt verbessern wollen. "Was du besitzt, besitzt dich", habe ihm mal ein guter Freund gesagt, sagt Leuschner. Wieder so eine tiefe Lebensweisheit.

Leuschner wuchs in Hofheim am Taunus auf, in einer "gutbürgerlichen" und "sehr sozialen" Familie, sagt er. Auf einem Grundstück, das an Felder, Wiese, Wälder grenzte. Wo er fast jeden Nachmittag in der Natur verbrachte. Die Familie habe Weihnachten häufig mit einem alleinstehenden Menschen aus dem Altersheim gefeiert.

Und in den Sommerferien wochenlang mit Kindern aus der nuklearverseuchten Region Tschernobyl unter einem Dach gelebt. Das Engagement seiner Eltern präge ihn bis heute. "Ich brauche nicht viel Geld, um mit Familie und Freunden am Strand, im Wald oder auf dem Sportplatz Spaß zu haben."

Dass er trotzdem eine Menge Geld verdiente, liegt am Erfolg der Trade-a-game GmbH, die Leuschner in den Nullerjahren gründete. Das Unternehmen erwirtschaftet heute unter dem Namen Rebuy dreistellige Millionenumsätze mit dem An- und Verkauf gebrauchter Smartphones, Notebooks und Gamingkonsolen. Leuschner stieg 2017 aus, verkaufte einige Anteile. Einen Teil des Geldes investierte er an der Börse, in Aktien nachhaltiger Unternehmen, steckte das Ersparte später in eine Wohnung in Berlin-Kreuzberg.

Hier lebt er mit Freundin und Kind auf 140 Quadratmetern, "sicherlich über dem Standard". Sein Statussymbol: ein VW T2 Bulli, weiß-blaue Lackierung, 47 Jahre alt, von Leuschner auf den Namen "Willy" getauft – und inzwischen voll elektrifiziert.

Berater für die Gründerszene

Für Banken sind Leute wie Leuschner eine Chance. Längst sind etablierte Finanzinstitute wie UBS oder Deutsche Bank in die Szene vorgerückt und haben Berater angeheuert, die so jung sind wie die Gründer, damit diese sich besser verstanden fühlen. Aber die Geldhäuser wollen nicht nur den Reichtum der Neu-Vermögenden verwalten; sie wollen auch an den Börsengängen der Start-ups mitverdienen. Oder anders gesagt, psst, leise: Es geht ihnen ums Geld.

Michael Schmidt leitet seit knapp einem Jahrzehnt die Berliner Niederlassung der Schweizer Großbank UBS und kennt die Gründerszene bestens: Seine Klientel, beobachtet er, wolle mehr als ihre Vorgängergenerationen wissen, was mit ihrem Geld passiert: "Sie interessieren sich stärker dafür, ihr Geld nachhaltig anzulegen."

Gutes Geld statt schlechtes Geld also. Und es gibt noch einen Unterschied: "Die jungen Vermögenden erwarten von uns als Bank viel stärker als vorherige Unternehmergenerationen, dass wir ihnen helfen, ihr Netzwerk auszubauen", sagt Schmidt. Es gehe, ergänzt Frank Schriever, der das deutsche Vermögensverwaltungsgeschäft der Deutschen Bank leitet, darum, "vor allem internationale Netzwerke zu öffnen". In Deutschland, zumal in Berlin, unterhielten die Gründer schließlich schon ihre eigenen.

"Bei früheren Generationen war es oft weniger gewollt, dass wir Unternehmer zusammenbringen", sagt auch Berenberg-Banker Meinschien. Und bestätigt: "Das Statussymbol der jungen Reichen ist ihr Netzwerk, ist der Freund oder die Bekannte, mit dem er oder mit der sie den nächsten Deal machen können."

Die Netzwerkerei nutze den Gründern, meint Meinschien; sie sprächen mit ihren Vertrauten über ihre Erfahrungen: "Dadurch lernen sie vielleicht auch schneller als vorherige Unternehmergenerationen, die die Dinge eher mit sich ausgemacht haben."

Josef Brunner ist so ein Multi-Dealmaker. Zuletzt sorgte er vor drei Jahren für Aufsehen, als er das Softwareunternehmen Relayr für 300 Millionen Euro an Munich Re verkaufte. Der vormalige Gründer betrachtet Geld als Werkzeug, sagt er, klar – und erzählt, dass er den Betrag, der bei seinen vier Exits am Ende der Verhandlungen stand, immer auch als Ausdruck von Anerkennung verstanden habe.

So handhabe er es noch heute, als Investor, auf der anderen Seite des Tischs: "Ich verlebe kein Geld, ich investiere es." 15 Start-ups gehören zum Portfolio. Er steckt in diejenigen, die skalieren, eine sieben- bis achtstellige Summe; sitzt überall im Aufsichtsrat, um Einfluss nehmen zu können. "Spray and pray", also das Geld einfach verteilen und darauf hoffen, dass es Gewinne abwirft? Nein, das sei nichts für ihn.

Werte schaffen, Umbrüche einleiten, darum gehe es, sagt Brunner. Natürlich. Und er mahnt: "Wir müssen aufhören, uns reichzurechnen." Das Land, so sieht er das, lebe in einem trügerischen Wohlstandspuffer, zehre von seiner Substanz: "Wir verwechseln Einkommen mit Vermögen." Noch gehe es der Wirtschaft gut, aber sie habe zu wenig Antworten auf die Fragen der Zukunft. Die nach neuen Antriebstechnologien. Die nach datengetriebenen Diensten.

Brunner ist in München aufgewachsen. Man hört ihm das an, auch wenn er regelmäßig englische Worte einstreut. Zum Zoom-Call wählt er sich eine Minute vor der verabredeten Uhrzeit ein. Pünktlichkeit, sagt er, sei ein Zeichen des Respekts. Wenn er sagen will, dass er jemanden schätzt, beschreibt er ihn als bodenständig. Christian Bruch etwa, Chef von Siemens Energy, mit dem er sich regelmäßig zum Gedankenaustausch trifft.

Brunners Eltern hatten eine Bäckerei. Der Betrieb ging pleite, Brunner war damals 16 Jahre alt. Es schmerzte ihn zu sehen, wie sich viele Freunde von seinen Eltern abwandten. Und auch, dass sie ihn damals am Gymnasium Pleitegeierkind nannten.

Eigentlich hatte Brunner dann vor, Quantenmathematiker zu werden. "Ich sah mich schon mit Birkenstock in Berkeley", erzählt er. Dann aber brach er die Schule ab, um es allen zu zeigen – obwohl er "von Tuten und Blasen keine Ahnung" hatte "und wirklich gar kein Geld".

Sein Vater borgt sich damals 3000 Mark, damit Sohn Brunner sich einen Computer kaufen kann. Den Rest verdient er sich dazu, indem er Vermessungsingenieuren bei der Arbeit assistiert: Er hebt Gullideckel hoch, damit der Abwasserpegel kontrolliert werden kann. "Ein echter Scheißjob also."

Was ihn bis heute antreibt? Schmerz, sagt Brunner, so wie der, den ein Triathlet zwischen der Brust spürt: "Das pusht mich nach vorn." Er weiß noch, wie er damals, bei seiner zweiten Firma, auf die falschen Partner setzte. Wie er, gerade um die 20, drei abgebrühte Manager und deren Anwälte gegen sich wusste.

Ein Schlüsselmoment, an dem er weinend in seiner Wohnung stand, der Trotz in ihm emporkroch. So, wie damals auf dem Schulhof, als sie ihn Pleitegeierkind nannten. Und er wusste, dass er nicht klein beigeben wird. Er mag, wie er sagt, die Überromantisierung des Scheiterns nicht. Scheitern "ist echt brutal". Aber diejenigen, die sich nicht brechen lassen, die einmal mehr aufstehen als sie hinfallen, ja – die seien in der Lage, etwas Großes zu erreichen. So viel zu seiner Lebensweisheit.

In den USA spricht man gerne übers Scheitern, in Deutschland immer nur übers Geld, sagt Brunner. Er sei mal in der Redaktion einer Frankfurter Zeitung zum Interview verabredet gewesen. Es sollte um sein Unternehmen gehen. Ein regnerischer Tag.

Er habe die Straßenbahn genommen, war einiger - maßen zerzaust und sei dann auch noch aus Versehen in eine Pfütze getreten. "Ich sah aus wie der letzte Schlump, als ich da ankam", sagt Brunner. Und der Redakteur habe zur Begrüßung nur wissen wollen, ob er in Frankfurt schon an seinem "Geldtresor war".

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