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"Ich will nie wieder in die Welt der Leistung zurück"

Yoga Fitness Pilates Sport [Quelle: Pexels.com, Autor: Unsplash]

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Weniger Stress ist der häufigste Vorsatz für 2019. Aber bringt es mehr Ruhe, den Job zu kündigen, um etwa Yoga zu lehren? Zwei Geschichten mit unterschiedlichem Ausgang.

Gegen Ende des Jahres wird der Wunsch groß, ab dem ersten Januar alles besser zu machen. Der häufigste Vorsatz für 2019 in Deutschland ist: weniger Stress. Seit 2011 erhebt Forsa im Auftrag der Krankenkasse DAK, was sich die Menschen hierzulande für das nächste Jahr vornehmen. Bei der letzten Umfrage gaben 62 Prozent der Befragten an, in diesem Jahr Stress abbauen oder reduzieren wollen, weitere 60 Prozent wünschen sich mehr Zeit für Freunde und Familie.

Der Wunsch, beruflich weniger eingespannt zu sein, ist in Deutschland offensichtlich stark – schließlich ist der Job die größte Stressquelle. Aber wird das Leben wirklich ruhiger, wenn man einen Top-Führungsposten oder das Studium aufgibt – um etwa Heilpraktikerin oder Yogalehrerin zu werden? Hier erzählen zwei Frauen, die sich das getraut haben, ihre Geschichte.

Mirian Lamberth, 49

hatte 22 Jahre lang Spitzenpositionen in der Modebranche inne – unter anderem als Kreativdirektorin für Tommy Hilfiger. Jetzt arbeitet sie als Körpertherapeutin – und ist glücklicher als zuvor.

Ich erinnere mich noch gut an den Moment, an dem ich beschloss, alles loszuwerden. Den Privatjet meines Unternehmens, die Firmenkreditkarte, mein Haus in den Hamptons. Es war nach einer Yogastunde, die meisten anderen waren schon gegangen. Ich rollte gerade meine Matte zusammen, in Gedanken schon beim nächsten Termin. Meine Yogalehrerin kam auf mich zu und sah mich einen Moment lang ruhig an. Dann sagte sie: "Hör mal, Miri. Es reicht, oder?"

Das war vor acht Jahren. Ich war damals Kreativdirektorin der Modemarke Nautica in New York. Ich war kaum zu Hause, sondern arbeitete oft bis spät abends im Unternehmen oder war auf Dienstreise. Dafür hatte ich ein dickes Auto, eine Haushälterin und zwei Putzfrauen, meine beiden Kinder gingen auf teure Privatschulen. Ich hatte so viel Geld, dass ich kaum wusste, wofür ich es ausgeben sollte.

22 Jahre lang habe ich dieses Leben geführt. Mit 18 Jahren zog ich aus meiner Heimat Berlin nach New York, um Modedesign zu studieren. Kurz nach dem Studium bekam ich meinen ersten großen Job als Konzeptdesignerin bei Abercrombie & Fitch. Mit Anfang 20 verdiente ich dort im ersten Jahr 100.000 Dollar. Ich hatte zu diesem Geld überhaupt keinen Bezug. Ich bin in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen, in einem Sozialbau am Kottbusser Tor. Meine Mutter war alleinerziehend und arbeitete als Sekretärin im Bezirksamt – und plötzlich saß ich im Schleudersitz ins Universum der Reichen. Im New York Ende der Achtziger schmissen die Unternehmen einem das Geld hinterher. Ein Jobangebot kam nach dem anderen. Mit 35 Jahren war ich Kreativdirektorin für den weltweiten Markt bei Tommy Hilfiger. Weiter oben geht in meiner Branche nicht.

Ich habe mich zwar nie zu hundert Prozent über meine Arbeit identifiziert und habe auch nie so viele Überstunden gemacht wie meine Kollegen. Trotzdem wurde mein Job über die Jahre zermürbend. Ich konnte mich über nichts mehr richtig freuen. Ich fühlte mich übersättigt, weil ich mir alles leisten konnte, gleichzeitig wusste ich kaum noch, wer diese reiche Person eigentlich war. Ich wünschte mir mehr Ruhe und Kontakt zu mir selbst – auch wenn ich das damals nicht so klar benennen konnte. Ich erinnere mich aber, dass ich kleine Glücksmomente immer dann erlebte, wenn ich mit mir allein war, zum Beispiel bei kleinen Spaziergängen im Park.

In meiner Arbeit sah ich derweil immer weniger Sinn. Ich saß in Meetings, in denen stundenlang die Farbe von Knöpfen diskutiert wurde. Ich reiste nach Brasilien, Japan und Indonesien, um shoppen zu gehen und Trends zu kopieren. Was dort gerade gut lief, stellten wir dann auch her. Die Massenproduktion wurde mir mit der Zeit immer unheimlicher. Einmal besuchte ich eine unserer Textilfabriken in China, die Halle war so groß wie ein Fußballfeld und komplett voll mit Kleidung. Ich fragte, ob das die gesamte Produktion sei. Nein, erklärte man mir, es seien nur die T-Shirts in der Farbe Weiß – in einer einzigen Größe. Das war ein Schockmoment für mich. Ich spürte: Das geht so nicht weiter. Wer bitte braucht so viele T-Shirts?

Die Entscheidung, etwas an meinem Leben zu ändern, kam ganz leise, ohne großen Knall. Monatelang spürte ich nur einen Kloß im Hals, der immer größer wurde. Dass mein Ausstieg dann ziemlich glatt verlief, ist einem Zufall zu verdanken:  Zwei Tage nach der Unterhaltung mit meiner Yogalehrerin bat mein Chef mich zu einem Gespräch. Es tue ihm furchtbar leid, aber die Zukunft meiner Stelle sei ungewiss. Das war 2010, nach der Finanzkrise, die goldenen Zeiten in New York waren vorbei. Ich sagte ihm, er brauche keine neue Stelle im Unternehmen für mich zu suchen. Stattdessen zog ich mit meiner Familie für ein Jahr nach Bali. Wir verkauften alles, was wir hatten, und jeder nahm nur einen Koffer mit. Da habe ich gemerkt, wie wenig ich eigentlich zum Leben brauche. Und dass ich nie wieder so arbeiten möchte wie früher. Ich hatte das Gefühl, mich zu viele Jahre herzloser Massenware gewidmet zu haben, während die Beziehungen in meinem Leben zu kurz kamen.

Ich war nie besonders sparsam oder habe mir viele Gedanken ums Geld gemacht. Ich habe immer gleich alles ausgegeben oder verschenkt. Nach dem Jahr auf Bali hatte ich keine Rücklagen mehr. Doch ich habe mir sehr viel weniger Sorgen um mich gemacht als mein Umfeld. Ich dachte: Zur Not arbeite ich eben im Bioladen. Das wäre nicht das Schlechteste gewesen.

Nach der Auszeit kam ich zurück nach Berlin, weil der Wohnungs- und Arbeitsmarkt hier viel entspannter ist als in New York. In der ersten Zeit hielt ich mich mit kleinen Consulting-Aufträgen über Wasser. Dann fragte mich jemand, ob ich eine Sterbebegleitung machen würde. Durch meine ehrenamtliche Arbeit im Kinderhospiz hatte ich Erfahrung damit und sagte zu. Etwa zeitgleich begann ich, als Yogalehrerin zu arbeiten. Die Ausbildung hatte ich schon Jahre zuvor nebenbei in New York gemacht. Dann bekam ich eine Anfrage, Yoga in Verbindung mit Körpertherapie anzubieten. Später habe ich auch eine Ausbildung zur Heilpraktikerin gemacht.

Heute bin ich selbstständig und biete Coaching, Akupunktur, Akupressur und Körpertherapie an. Ich lebe mit meiner Familie zur Miete in einer 70-Quadratmeter-Dachgeschosswohnung und mache alles ganz in Ruhe. Ich arbeite gerade so viel, dass ich genug Geld für den Monat habe, manchmal habe ich nur einen Termin am Tag. Ich mache viel Sport an der frischen Luft und habe mich einer Outdoor-Crossfit-Gruppe angeschlossen. Insgesamt fühle ich mich heute verbundener mit der Welt. In meinem alten Job ging es immer nur um Äußerlichkeiten. Heute übernehme ich mehr Verantwortung für mich selbst, für meine Familie und auch für unseren Planeten. Ich buche seltener Flugreisen und versuche, ein nachhaltiges Leben zu führen.

Wenn ich doch mal mit meiner Familie in den Urlaub fliege, merke ich, dass ich noch nicht ganz losgelassen habe: Ich finde es schrecklich, am Flughafen Schlange zu stehen. Früher durfte ich immer an allen vorbeigehen oder bin im Privatjet geflogen. Mein Partner lacht nur, wenn ich das teurere Priority Boarding buchen will: "Nein, du stehst schön mit uns an!"

Die erfolgreichen Klienten als Spiegel des früheren Ichs

Wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, fehlt mir heute nichts. Ich liebe meine neue Arbeit, denn sie ist sinnvoll und ich merke, dass ich meinen Klienten helfe. Ich mag Menschen sehr gern – das ist auch der Grund, warum ich in der Modeindustrie so lange durchgehalten habe. Ich durfte dort mit Leuten zusammenarbeiten, die ich toll fand und mit denen ich sehr gerne Zeit verbrachte. Mit einigen alten Kollegen bin ich bis heute befreundet. Doch nicht alle Freundschaften haben den Wechsel überlebt. Das war die einzige negative Erfahrung im Zuge meiner Entscheidung: Ich musste feststellen, dass manche Menschen nur an mir interessiert waren, solange ich viel Geld hatte und wichtig war. Das war in einigen Fällen schmerzhaft – aber es hat auch sein Gutes. Heute weiß ich, dass meine Freunde wahre Freunde sind.

Mit der Welt der Unternehmer und Topmanager habe ich übrigens auch als Gesundheitscoach noch zu tun. Viele meiner Klienten haben tolle, kreative Jobs, in denen sie gut verdienen. Gleichzeitig besteht ein Leidensdruck, der sie zu mir führt. Ich arbeite ganzheitlich und schaue mit ihnen gemeinsam, was sie brauchen. Es geht in meiner Therapie um Körpererfahrung und wir führen Gespräche darüber, wie Körper und Seele zusammenhängen. Mir kommt es manchmal so vor, als würde mir das Schicksal einen Spiegel vorhalten, in dem ich mein früheres Ich erkennen kann. Ich mag diese Menschen und bewundere sie. Aber ich will nie wieder in ihre Welt der Leistung zurück.

(Protokoll: Inga Pötting)

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