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Welche Notlügen im Bewerbungsgespräch erlaubt sind

Mädchen Sch-Zeichen Blauer Hintergrund Frontal [Quelle: Pexels.com, Autor: Sound On]

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Sich in Vorstellungsgesprächen in ein möglichst gutes Licht zu rücken, ist nicht verwerflich. Vor maßlosen Übertreibungen sollte man sich aber in Acht nehmen.

Der Fall des "Dr. Frankenstein", der vor sieben Jahren die Öffentlichkeit schockierte und die Gerichte beschäftigte, war besonders drastisch: Ein Neurologe, der in den Niederlanden aufgrund schwerer Vergehen schon längst nicht mehr praktizieren durfte, konnte in Deutschland noch jahrelang unbehelligt sein Unwesen treiben. Der Grund: Man hatte es bei den Kliniken mit der Einstellung des Arztes offenbar nicht so genau genommen. Dabei hätte eine einfache Google Recherche die Personalchefs damals schon rasch aufklären können: Im Internet fand sich für jedermann lesbar ein Kommissionsbericht, auf dessen Grundlage längst Anklage gegen den Arzt im Nachbarland erhoben worden war.

Die Folgen dieser Nachlässigkeit in den Personalabteilungen waren fatal: Der Neurologe, selbst medikamentensüchtig, hatte zahlreiche und schwerwiegende Fehldiagnosen gestellt und entsprechend die Patienten mit Medikamenten behandelt, die schwere Nebenwirkungen auslösen konnten. Eine Patientin hatte nach ihrer Diagnose sogar Selbstmord begangen. Etliche Patienten sind unnötig operiert worden. Der den Medienberichten zufolge als "lieber, netter Mensch" beschriebene Mann bezeichnete sich zudem als Professor, obwohl er keinen solchen Titel besaß.

Nicolai Kranz ist dieser krasse Fall besonders gut im Gedächtnis geblieben, weil er seine Branche damals regelrecht erschütterte. Als ehemaliger Personalleiter der Uniklinik Köln, kaufmännischer Direktor der Uniklinik Essen, zwischendurch Geschäftsleiter der Ärztevermittlung Stegdoc und aktuell Gründer und Geschäftsführer des Bonner Start-ups Gigwork ist dem Juristen das Thema Personalmanagement im Klinikbereich bestens vertraut. "Wir haben damals bei Stegdoc sehr genau geprüft, ob Mediziner, die wir anstellen wollten, auch wirklich die entsprechende Qualifikation besaßen."

"Einen Riesenaufwand betrieben"

Man habe "einen Riesenaufwand" betrieben, berichtet Kranz. Denn es sei schließlich fatal, einen Arzt ohne Berufsberechtigung auf Patienten loszulassen. So habe man sich die Facharzturkunden im Original vorlegen lassen und zusätzlich bei den Ärztekammern nachgefragt, ob die Kandidaten auch berechtigt waren, diese Urkunden zu führen. Einen so schlimmen Fall wie den des "Dr. Frankenstein" habe er in seiner Berufslaufbahn aber nicht erlebt, sagt Kranz. Er finde es "unglaublich", dass so etwas Arbeitgebern "durchrutscht".

Dabei kommt es durchaus vor, dass Bewerber in Vorstellungsrunden lügen. "Bewerber wollen sich im besten Licht präsentieren, was im Wettkampf um eine bestimmte Position nachvollziehbar ist", berichtet die Personalentwicklerin Ragnhild Struss von der Hamburger Agentur Struss und Claussen. Man wolle eben vermeiden, "mit Ehrlichkeit einen Wettbewerbsnachteil zu haben". So würden eigene Erfahrungen, Kenntnisse und Fähigkeiten gern mal beschönigt oder übertrieben. Eine einmalige Projektleitung würde dann etwa als mehrjährige Führungserfahrung dargestellt oder eine Kündigung seitens des Arbeitgebers so, als ob man selbst die Motivation zum Wechsel gehabt habe.

Basiert die Einstellung auf einer Lüge, hat man also falsche Angaben über Berufserfahrungen, Aus- und Weiterbildungen oder Qualifikationen gemacht, liefere dies dem Arbeitgeber einen berechtigten Grund zur fristlosen Kündigung, warnt das Bewerberportal Stepstone. Je nach Art der Lüge kann das bis zum Jobverlust oder sogar zu Schadenersatz führen. Es gebe auch Fälle, in denen die Lüge im Bewerbungsgespräch eine Anzeige wegen Betrugs nach sich gezogen habe.

Die Spanne zwischen Selbstbewusstsein und Täuschung

Zwischen der selbstbewussten Nennung eigener Stärken und manipulativen Täuschungsversuchen liege eine weite Spanne, sagt Struss. "Wer zu dick aufträgt, wirkt unsympathisch und nicht vertrauenswürdig. Denn das gesprochene Wort übermittelt immer nur einen Teil der Informationen, die Message der Aussage sollte nicht unterschätzt werden." Zumeist würden Personaler merken, ob jemand "echt" ist oder "eine Verkaufsshow abspult". Spätestens wenn unlogische und nicht nachvollziehbare Angaben in Bezug auf den eigenen Werdegang gemacht werden, läuten beim Job-Interviewer alle Alarmglocken. "Eine derartige Unehrlichkeit zeugt von Unsicherheit und Charakterschwäche beziehungsweise von einer Einstellung, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist."

Kranz berichtet von einem Online-Marketing-Spezialisten, den er für sein Start-up gesucht habe und der von sich behauptete, "praktisch alles" zu können. Tatsächlich beherrschte er aber nur – wie sich bald herausstellte – maximal 20 Prozent dessen, was er können sollte. Denn der Kandidat hatte zuvor in einem größeren Betrieb zwar ein Team mit zehn Leuten geleitet, aber nicht selbst mit angepackt, also keinerlei operative Erfahrung. "Das passte natürlich nicht, wir haben uns dann schnell wieder getrennt." Kranz sieht allerdings die Schuld in diesem Fall auch bei sich selbst, denn er habe damals nicht genau gewusst und formuliert, welches Jobprofil der Bewerber mitbringen sollte. "Das ist dann so, als wenn Sie im Krankenhaus einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt brauchen, aber einen Anästhesisten bekommen."

Als weiteres Beispiel aus seiner Berufspraxis nennt Kranz eine Personalleiterin, die er eingestellt hatte, weil sie im Vorstellungsgespräch "geglänzt" habe. "Sie machte einen tollen Eindruck und besaß auch gute Referenzen, es schien alles zu passen. Mein Chef fand sie ebenfalls prima. Drei Monate später kamen dann die Mitarbeiter und sagten: Die hat ja gar keine Ahnung, sie kennt sich im Arbeitsrecht überhaupt nicht aus." Schnell sei es auch hier wieder zur Trennung gekommen. Selbstkritisch bleibt Kranz auch in diesem Fall: "Wir haben die Kandidatin eben nicht genau genug geprüft, dann wäre das aufgefallen."

Notlügen sind erlaubt

Ein Klassiker sei laut Kranz das Thema Lügen rund um die Gehaltsfrage: "Der Kandidat erzählt, dass er vorher 100.000 Euro verdient habe und nun 120.000 Euro möchte. Wir lassen uns dann zur Sicherheit immer die alte Gehaltsabrechnung zeigen, um zu prüfen, ob die Höhe des bisherigen Gehalts stimmt." Gravierend findet Kranz auch stets die Frage, ob jemand nur operativ gearbeitet oder auch geführt hat – oder umgekehrt: nur geführt und nicht operativ gearbeitet. "Das macht schon einen Riesenunterschied, wenn Sie jemanden in einem Start-up suchen, der nicht nur geleitet, sondern auch selbst angepackt hat."

Letztlich sei die Übereinstimmung zwischen Persönlichkeit und Anforderungen des Jobprofils entscheidend, sagt Ragnhild Struss. "Bewirbt man sich auf eine Stelle, die wirklich zum individuellen Potential und den eigenen Stärken passt, kann man selbstbewusst und authentisch sowohl Talente als auch Entwicklungsfelder beschreiben." Es könne dann sogar ein Pluspunkt sein, eigene Schwächen ehrlich zu benennen. Signalisiere dies doch Lernbereitschaft und Ehrgeiz, wenn man Fähigkeiten aufzählt, die man sich noch aneignen möchte.

"Ehrlichkeit bedeutet natürlich nicht, dass man alles zu hundert Prozent erzählen und indiskret werden muss", warnt Struss. Zu den Dingen, über die man auf keinen Fall etwas im Bewerbungsgespräch erzählen sollte, gehören etwa Details eines Konflikts am letzten Arbeitsplatz. Wer über den früheren Chef herziehe, sammele keine Pluspunkte beim neuen. Stattdessen könne man einen anderen Aspekt der Wahrheit nennen, rät sie. Zum Beispiel: Ich bin auf der Suche nach einer neuen Herausforderung.

Als erlaubte Notlügen im Bewerbungsgespräch gelten Antworten auf unzulässige Fragen zu privaten Lebensbereichen. Der Klassiker: die Frage nach einer bestehenden Schwangerschaft. Allerdings habe auch hier ein unehrliches Vorgehen Grenzen und Nachteile, sagt Struss: "Wer im Job-Interview beispielsweise zustimmt, er strebe eine Führungsposition mit Personalverantwortung an, in Wirklichkeit aber in den nächsten zwei Jahren eine Familiengründung plant, wird irgendwann in ein Dilemma geraten."

Man sollte sich deshalb immer auch klarmachen: Nur wer sich im Vorstellungsgespräch authentisch zeigt, wird den passenden Job finden. Im Zweifel sollte man lieber länger suchen, statt sich zu verbiegen, nur um in die Schablone einer bestimmten Stelle zu passen, rät sie. "Umgekehrt könnte man sagen: Wer meint, im Interview besonders viel lügen zu müssen, der kann das als Zeichen werten, sich wahrscheinlich für den falschen Job zu bewerben."

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