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Lieben in Zeiten von Tinder

Restaurant, Tisch, Getränke, Mädchen, Junge, Nacht, Liebe [Quelle: pexels.com, Autor: Khoa Võ]

Quelle: pexels.com, Khoa Võ

Es ist Valentinstag. Zeit für einen Blick auf das Milliardengeschäft mit Herzschmerz und Partnersuche: Online-Dating ist auf dem Vormarsch.

Es gibt kaum eine Sache, über die so viel fantasiert, von der so viel geschrieben und nach der sich so gesehnt wird, wie die Liebe. Musiker schreiben ihre größten Hits dazu, manch Buchautor verfasst einen Liebesroman nach dem anderen. Das Thema, das so von Emotionen trieft, hat aber auch eine ganz nüchterne Seite, das wussten schon Systemtheoretiker und Hirnforscher – und auch eine Reihe gewiefter Geschäftsleute. Diese haben mit der Sehnsucht nach Partnerschaft ganze Unternehmensimperien aufgebaut.

Zunächst einmal: Warum ist die Liebe ein gutes Geschäft? Ganz einfach: Weil sie nicht einfach zu finden ist. Mechanismen der Knappheit generieren nun mal Nachfrage. Die ist da, denn die meisten Deutschen leben allein. Einige davon befinden sich trotz fehlender gemeinsamer Wohnung durchaus in einer Partnerschaft. Trotzdem ist beachtlich, dass die Zahl der Single-Haushalte immer weiter zunimmt, während die Mehr-Personen-Haushalte in Deutschland kontinuierlich weniger werden.

Grafik Anzahl der Haushalte in Deutschland und wie viele Personen in ihnen leben [Quelle: FAZ]

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Zu diesem Phänomen trägt bei, dass Singles in der heutigen Gesellschaft einen anderen Stand haben als früher. In der vorindustriellen Gesellschaft galt es als höchst ungewöhnlich, alleine zu leben. Das Alleinsein wurde selten freiwillig gewählt, sondern kam in der Regel durch Zwangssituationen zustande, etwa dem Tod von Ehemann oder Ehefrau. Mit der Zeit jedoch gingen die kulturellen und materiellen Zwänge in der Gesellschaft zurück. Wer heute alleine lebt, gilt nicht mehr als seltsam, sondern zuweilen eher als autonom oder emanzipiert. Von gestandenen Singles abgesehen, gibt es unter den vielen Alleinlebenden eine große Zahl von Menschen, die einen Partner suchen. Und wo Nachfrage ist, tummeln sich meist auch genug Anbieter.

Liebe wird deswegen heute längst auch jenseits traditioneller Wege gefunden. Die meisten Partnerschaften entstehen nach wie vor im gemeinsamen Freundeskreis. Doch der Einzug des Internets erweiterte den Kreis möglicher Bekanntschaften erheblich – Liebe musste plötzlich nicht mehr nur im analogen Bekanntenkreis gesucht werden. Die virtuelle Sphäre bot die Möglichkeit, sich mit jedem Menschen mit Internetzugang zu vernetzen und sich potenziell zu verlieben. 

Grafik Wie haben Sie ihren Partner kennengelernt? [Quelle: FAZ]

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21 Prozent der Deutschen – jeder fünfte Bundesbürger – nutzt inzwischen Singlebörsen wie Tinder oder Parship. Weiter normalisiert wurde das Dating im Netz durch die Corona-Pandemie. Bars, Clubs und andere Freizeitaktivitäten waren schließlich lange Zeit zu, Verabredungen außerhalb der eigenen vier Wände erschwert.

Jüngeren Menschen fällt es leichter, sich auf die Online-Datingseiten einzulassen. Zwischen 16 und 29 ist fast die Hälfte aller Deutschen auf Dating-Plattformen aktiv. Auch unter mehr als 65  Jahre alten Menschen sind es aber immerhin schon mehr als 10 Prozent. Die Zahlen könnten durch die weitere Digitalisierung weiter zunehmen – gerade in älteren Generationen.

Grafik Nutzung von Online-Dating-Diensten nach Altersgruppen in Deutschland [Quelle: FAZ]

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Es gibt schon spezielle Singlebörsen für ältere Menschen. "Wir glauben, für eine neue Liebe ist es nie zu spät", heißt es auf solchen Seiten. Ganz altersunabhängig änderte sich mit dem Einzug des Online-Datings auch die Art, wie Menschen nach Partnern suchen und kommunizieren: Theoretisch ist es jederzeit möglich, in Kontakt zu bleiben. "Gematcht" – wie das Entdecken eines gegenseitigen Interesses im Tinder-Jargon heißt – werden kann an jedem Ort und zu jeder Zeit der Welt. Zugleich nimmt die Verbindlichkeit ab: Wer nicht mehr mit jemanden chatten will, löst die digitale Verbindung einfach wieder auf. Das hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass das sogenannte "casual dating" zunahm, das Verabreden ohne jegliches Bedürfnis nach einer festen Beziehung.

In der Affinität zum Online-Dating gibt es deutliche Unterschiede auf der Welt. Deutlich mehr online geflirtet als in Deutschland wird unter anderem in den USA; das Land führt, wenn es um die Nutzerzahl geht. So war es auch ein amerikanischer Unternehmer, der das Lieben im Internet erfand und kommerzialisierte: Mitte der neunziger Jahre startete Gary Kremen die Plattform Match.com, dort suchten zunächst vor allem Menschen nach gleichgeschlechtlicher Liebe. In Deutschland startete die erste Plattform ein paar Jahre später. Mit Datingcafe.de konnte sich auch hier ab 1998 digital verliebt werden. 

Grafik Was Frauen und Männern an einem Partner am wichtigsten ist [Quelle: FAZ]

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In Ländern, in denen arrangierte Ehen durch die Eltern gängig sind, ist Online-Dating bislang eher eine Randerscheinung. Jedoch bietet es in Ländern wie Indien für viele Menschen die einzige Möglichkeit, sich außerhalb der elterlichen Fittiche nach einem Partner umzuschauen. Fachleute gehen davon aus, dass die Nutzerzahlen auch dort deutlich steigen werden. Schon heute gilt der Markt als umkämpft, da dort die größten Zuwachsraten generiert werden können – und zugleich die Umsätze hoch sind. 

Apps wie Tinder oder Lovoo können zwar grundsätzlich gratis genutzt werden, bieten aber auch kostenpflichtige Funktionen. Die Preise können sich je nach Smartphone oder Nutzungsdauer ändern. Besonders elitäre Plattformen, die versprechen, dass sich dort nur besonders intelligente, gebildete oder reiche Menschen aufhalten, verlangen zudem mehr Geld. Ob dadurch die Chancen auf eine Partnerschaft steigen, lässt sich nicht sagen. Tinder, hinter dem die amerikanische Match Group steht und das keinen solchen Anspruch erhebt, gilt als erfolgreichste Datingplattform der Welt.

Grafik Preise der Premium-Versionen von Dating-Diensten [Quelle: FAZ]

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Um bei einem potenziellen Partner zu landen, ist Geld zumindest keine Notwendigkeit. In Umfragen geben die wenigsten Männer und Frauen an, dass Ihnen das Vermögen des Partners wichtig sei.

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Stattdessen wollen beide Geschlechter einen Partner, der mit seiner Persönlichkeit überzeugen kann. Männern ist bei ihrem Partner oder ihrer Partnerin vor allem das Aussehen wichtig, Frauen der Humor. Ob das am Ende wirklich stimmt, würde vielleicht auch der ein oder andere Systemtheoretiker oder Hirnforscher in Frage stellen. Oder man bleibt einfach bei den Liebesliedern oder Groschenromanen.

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