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Wie schädlich ist Hirndoping?

Tabletten, Pillen, Drogen, Koffein, Hirndoping [Quelle: unsplash.com, Autor: Markus Spiske]

Quelle: unsplash.com, Markus Spiske

Von Kaffee bis Kokain: Mittel zur Leistungssteigerung gehören für viele zum Berufs- oder Unialltag. Doch die Nebenwirkungen von legalen und illegalen Substanzen werden oft unterschätzt.

Ehrgeizig, erschöpft, am Ende: Bei dauerhafter Überlastung versuchen manche Berufstätige, ihre Leistungsfähigkeit künstlich zu steigern. Sie trinken literweise Kaffee oder Energydrinks, nehmen Aufputschmittel oder Psychopharmaka, um ihre Konzentration und ihr Gedächtnis zu verbessern. Doch all das geschieht mit zweifelhaftem Erfolg.

Verlässliche Zahlen, wie viele Menschen ihr Gehirn mit Medikamenten aufputschen, welche Berufsgruppen betroffen sind und ob diese Form des Hirndopings zugenommen hat, gibt es zurzeit noch nicht. Hinzu kommt: Viele Studien sind nicht repräsentativ, weil nur bestimmte Gruppen von Menschen befragt wurden und sich die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf die Gesamtbevölkerung übertragen lassen. Nach aktuellen Schätzungen hat jeder Zwanzigste in Deutschland schon einmal Medikamente genommen, um seine Hirnleistung zu steigern.

Die Palette der Hirndoping-Mittel reicht von Kaffee über Koffeintabletten und Energydrinks, Vitaminen und pflanzlichen Mitteln zu verschreibungspflichtigen und illegalen Substanzen. Mit Koffein wird man wacher und aufmerksamer, aber das Gedächtnis wird nicht beeinflusst. Auch in Energydrinks wirkt vor allem Koffein. Bevor man aber die süßen Drinks als Hirndoping verteufelt und beruhigt seinen Kaffee schlürft, sollte man sich die Koffeinmengen anschauen: 250 Milliliter Energydrink enthalten rund 80 Milligramm Koffein. In 240 Millilitern Filterkaffee sind 95 bis 200 Milligramm, in 450 Milliliter Caffè Latte von einer bekannten amerikanischen Kette 150 Milligramm Koffein. Ein Espresso hat dagegen nur 40 bis 75 Milligramm Koffein und eine Dose Cola 30 bis 35.

Doping mit Nebenwirkungen

Manche erhoffen sich mehr mit "natürlichen" Mitteln. Vitamine sind zwar wichtig für die Funktion unseres Hirns. Dass sie in Pillenform aber unsere Hirnleistung steigern, ist unwahrscheinlich. Ähnlich sieht es bei Ginkgo biloba aus.

Zu den verschreibungspflichtigen Substanzen gehören Modafinil, Methylphenidat, Mittel gegen Demenz und Antidepressiva. Ähnlich wie Methylphenidat wirken Amphetamine oder ihre Abkömmlinge, das sind aber illegale Drogen: Speed, Ecstasy oder Crystal Meth. Nur bei Modafinil, Methylphenidat und den illegalen Drogen ist nachgewiesen, dass sie Konzentration, Aufmerksamkeit und Wachheit steigern. Liest man die Liste der Nebenwirkungen dieser Medikamente, fragt man sich, warum jemand sie freiwillig zum Hirndoping nimmt: Kopfschmerzen oder eine allgemeine Unruhe sind dabei noch harmlose Folgen. Schlimmer sind Schlafstörungen, Atemnot, Herzprobleme sowie die Gefahr, dass diese Medikamente psychische Krankheiten auslösen oder abhängig machen können.

Die Pillen bekämen die Betroffenen am ehesten von Freunden, Bekannten oder Familienmitgliedern, die eine psychische Krankheit haben, vermutet Sebastian Sattler, Soziologe an der Universität zu Köln. Modafinil verschreiben Ärzte zum Beispiel gegen krankhafte Schlafsucht, Methylphenidat gegen ADHS, notwendig für Letzteres ist ein spezielles Betäubungsmittelrezept. "Nur wenige täuschen dem Arzt Beschwerden vor und lassen sich die Mittel selbst verschreiben. Manche haben sie im Internet bestellt, sie jemandem abgekauft, vom Arzt unter der Hand erhalten oder geklaut", fasst Sattler seine Umfragen zusammen. So verschrieben im vergangenen Jahr deutsche Ärzte allein an Methylphenidat 53,3 Millionen Tagesdosen. Dies kostete die Kassen 72,3 Millionen Euro. "Wir versuchen selbstverständlich zu vermeiden, dass Patienten die Medikamente ansammeln und weitergeben können", sagt Michael Kölch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. "Ich verschreibe zum Beispiel von Methylphenidat in der Regel nur eine Packung für einen Monat." Trotzdem gibt es aus seiner Sicht genügend Schlupflöcher: "Manche Jugendliche setzen die Medikation am Wochenende aus und könnten dann Tabletten beiseitelegen."

Dabei offenbart sich eine Schwachstelle im Gesundheitssystem: Ein Patient kann zu mehreren Ärzten und Apotheken gehen, ohne dass diese jeweils wissen, ob ein Kollege bereits das Medikament verschrieben hat oder ob es schon in einer anderen Apotheke eingelöst wurde.

Studierende oder Berufstätige hirndopen vor allem dann, wenn sie sich gestresst fühlen. Kann dagegen jemand besser mit Stress umgehen, ist er also resilienter, greift er seltener zu Mitteln des Hirndopings, fanden unlängst Klaus Lieb, Chef-Psychiater an der Uniklinik in Mainz, und sein Team heraus. "Wir haben uns immer nur auf die Behandlung psychischer Erkrankungen konzentriert und lange nicht beachtet, wie wichtig es ist, vorbeugend die Resilienz zu fördern", sagt der Wissenschaftler. "Das Problem ist nur: Wir wissen noch viel zu wenig darüber".

Deshalb gründete der Psychiater mit anderen Mainzer Forschern das Deutsche Resilienz-Zentrum, das seit Jahresbeginn als Leibniz-Institut für Resilienzforschung firmiert. "Resilienz ist zu einem kleinen Teil angeboren – daran können wir natürlich nichts ändern", sagt Lieb. "Aber man kann lernen, resilienter zu werden und mit dem Druck im Studium und am Arbeitsplatz auch ohne Pillen besser klarzukommen." Wie das geht, erklären er und seine Kollegen in Vorträgen und Workshops für Führungskräfte, Betriebe oder Schulen. Demnächst soll es auch für Einzelpersonen eine Resilienz-Ambulanz geben.

Herausforderung Stress

Wichtigste Strategie ist laut Lieb das Active Coping, also den Stress nicht negativ zu sehen, sondern ihn als Herausforderung zu betrachten. Trägt einem der Chef auf, mal eben bis morgen eine Präsentation vorzubereiten, sagt man sich: "Das ist zwar viel, zeugt aber davon, dass der Chef viel von mir hält. Ich schaffe das." Hinzu kommt dann die sogenannte kognitive Flexibilität. "Mehr denken, das Glas sei halb voll statt halb leer", sagt der Psychiater. Kritisiert mein Chef die Präsentation, sehe ich eine Chance darin: Ich kann mehr lernen und dann vielleicht einen Karriereschritt machen.

Schließlich ist realistischer Optimismus wichtig: "Manche Leute versuchen partout, Dinge zu ändern, die sich nicht ändern lassen – das lähmt einen." Komme man mit einem Kollegen nicht klar, könne es besser sein, sich aus dem Weg zu gehen. Und wenn man einfühlsame Freunde hat, erfährt man, dass auch andere ähnliche Probleme an ihrem Arbeitsplatz oder mit ihrem Chef haben. "Soziale Unterstützung macht resilienter", sagt Lieb.

Hans Jürgen Heinecke, Vorsitzender des Fachverbandes Personalmanagement im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) und Strategieberater und Dozent an der Uni Oldenburg, kennt einige Leute, die mit stressigen Situationen nicht gut klarkommen. "Das größte Problem ist oft die Angst", sagt er. So nehmen Studierende, die unter Prüfungsangst leiden, öfter Medikamente ein, die die Hirnleistung steigern.

Richtig lernen, statt tricksen

Wie man Angst mit Imagination abbauen kann, versucht Heinecke Führungskräften, Angestellten und Studierenden beizubringen. "Wir gehen Schritt für Schritt durch, was schlimmstenfalls passieren kann", erklärt er. Zum Beispiel wenn man Angst hat, der Chef stelle bei der Präsentation unangenehme Fragen. Der Betroffene macht sich dann klar, dass er die Antworten ja aus dem Effeff könne und der Chef nur nachfrage, weil er interessiert sei oder weil er sich hervortun wolle. Prüfungsangst bei Studierenden, so ist Heineckes Eindruck, komme oft dadurch, dass die jungen Leute nicht gelernt hätten, sich komplett abzukapseln.

"Durch die sozialen Medien ist das heute auch enorm schwierig", sagt er. Sein Tipp: Für zwei Stunden Mailprogramm und Push-Meldungen ausschalten, Facebook, Twitter und Co. auf offline und das Handy auf stumm stellen. Dann eine Pause, dann wieder zwei Stunden lernen bis zu maximal sechs Stunden am Tag. Früh solle man sich überlegen, wann man was lernt, und sich einen Plan machen. "Dazu gehört auch mal Mut zur Lücke", sagt er.

Eine der wichtigsten Fragen, die er Studierenden und Managern regelmäßig stellt, lautet: Will der Betroffene überhaupt das Studium oder den Job machen? "Tut man das zum Beispiel nur den Eltern zuliebe, lebt man ständig mit einem inneren Druck, der enorm Stress verursachen kann". Jeder – ob Studierender, Angestellter, Selbständiger oder Manager – müsse zudem für sich sehen, wie er seine Batterien am besten auflade, zum Beispiel mit Sport, Musik, Spaziergängen oder Meditation. "Dann braucht man kein Hirndoping", sagt Heinecke. Es sei denn, es gibt im Büro einen wirklich guten Espresso.

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