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Was will ich wirklich?

Mann, Laptop, Dokumente, Park [Quelle: pexels.com, Autor: Ketut Subiyanto]

Quelle: pexels.com, Ketut Subiyanto

Der perfekte Lebenslauf ist out: Warum sich Umwege lohnen, erklärt eine Expertin.

ZEIT Campus: Frau Blackmore, Sie wollen Studierenden dabei helfen, ihre Ziele zu erreichen. Aber wie finde ich überhaupt heraus, was ich will?

Sabine Blackmore: Dafür ist es wichtig, sich selbst zu beobachten: Was fällt mir leicht? Was macht mir Spaß? Anschließend kann man Freund:innen, Kommiliton:innen, die Schwester oder den Bruder fragen, wo diese Ihre Stärken sehen. Wenn es darum geht, welchen Studiengang ich wähle, sollte ich mich nicht scheuen, mit Menschen zu sprechen, die das Fach bereits studieren. So bekomme ich einen ersten Eindruck und weiß, was vielleicht nervt und ätzend sein kann. Wenn ich am Ende des Bachelors bemerke, dass ich eigentlich doch in eine andere Richtung gehen möchte, ist das völlig in Ordnung.

ZEIT Campus: Davor haben viele Angst, denn das könnte im Lebenslauf nicht gut aussehen.

Blackmore: Ein glatter Lebenslauf ist eine veraltete Idee und entspricht nicht mehr der heutigen Lebenswelt. Ein abgebrochener Studiengang muss also kein Nachteil sein, wenn man klarmachen kann, warum man sich für den Wechsel entschieden und was man daraus gelernt hat. Das Wissen und die Kompetenzen sind ja nicht weg, nur weil man das Fach gewechselt hat. Das Gleiche gilt auch für den Beruf. Ich selbst war Buchhändlerin, dann Literaturwissenschaftlerin, jetzt arbeite ich als Coachin und mache gerade eine Weiterbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. Lebensläufe wie meiner entstehen nicht, weil man gescheitert ist, sondern weil man sich weiterentwickelt.

ZEIT Campus: So wohlwollend blickt man oft erst in der Rückschau auf Lebensläufe. Wie kann ich mich im Moment der Entscheidung weniger stressen?

Blackmore: Wenn wir unsere Karriere planen, fragen wir uns oft: Was muss ich studieren, um hinterher einen gut bezahlten Job zu bekommen? Wir sollten uns aber auch fragen: Was sind meine Werte? Wie möchte ich mich weiterentwickeln? Wenn man dann bemerkt, dass einen das Studium nicht glücklich macht, ist es nur konsequent, sich noch einmal anders zu entscheiden.

ZEIT Campus: Dabei nicht aufs Geld zu schauen, kann sich allerdings nicht jede:r leisten.

Blackmore: Natürlich ist das ein Privileg, aber bei so einer Entscheidung sollte Geld nicht das einzige Kriterium sein. Wenn man sich fragt, was macht mich glücklich und zufrieden, kommt man vielleicht an einen Punkt, an dem man freier über sein Leben nachdenkt. Eine Entscheidung kann sich in dem Moment richtig anfühlen und vielleicht sogar noch nach zwei, drei Jahren. Und nach zehn Jahre vielleicht nicht mehr, und dann beginnt man etwas Neues.

ZEIT Campus: Man könnte auch sagen: Da kann sich eine:r nicht festlegen.

Blackmore: Erfolgreiche Menschen erzählen über ihren Job häufig Geschichten wie: "Ich wusste schon als Kind, dass ..." Aber das ist ein Narrativ, das vor allem nach außen entschlossen wirken soll. Dabei ist genau das ein Problem: Viele entwickeln keine Vorstellung davon, wer sie eigentlich noch sein könnten. Das führt dann zu inneren Konflikten, weil man aus diesem Selbstbild nur noch schwer ausbrechen kann. Deshalb ist es gerade in Phasen der Übergänge, also vom Abi ins Studium, vom Bachelor in den Master, vom Master zum Job, gut, mehrere Ideen für sich selbst zu haben.

ZEIT Campus: Und was ist, wenn das gar nicht meine Entscheidung ist, sondern mir von außen Grenzen gesetzt werden, zum Beispiel, weil ich nur Absagen auf meine Masterbewerbungen bekommen habe?

Blackmore: Dann kann man sich zunächst einmal fragen: Erfülle ich die Voraussetzungen? Vielleicht gibt es einen formalen Grund, und die Bewerbung kam zu spät an. Es hilft, die Absage nicht gleich als Ablehnung der eigenen Person zu begreifen. Eine Bewerbung kann ja an vielen Faktoren scheitern: Vielleicht hat man im Anschreiben die eigene Motivation nicht deutlich genug gemacht. Eventuell lag es auch am Bewerbungsgespräch. Man kann auch um Feedback bitten und dann zukünftig darauf achten, was man besser machen kann.

ZEIT Campus: Die vergangenen vier Semester haben viele Studierende als Qual erlebt. Wie schwer fällt es, die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren?

Blackmore: Viele Studierende fragen sich, wie sie überhaupt Kontakte knüpfen sollen und etwas über die Struktur ihres Studiums erfahren können, wenn sie nur schwarze Kacheln auf dem Bildschirm sehen. Die emotionale Bindung zum Studienfach geht verloren. Deshalb kommen auch viele Studierende zu mir, die über einen Abbruch nachdenken.

ZEIT Campus: Wann sollte man wirklich das Fach wechseln?

Blackmore: Vielleicht war es nicht der Studiengang, den man studieren wollte, sondern nur etwas, das einem die Eltern nahegelegt haben. Der wichtigste Rat ist, das Drama aus dieser Entscheidung zu nehmen. Sich zu sagen, es passiert nichts Schlimmes, wenn ich mein Studium abbreche. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, wenn man beispielsweise Bafög bezieht. Dann kann man sich auch fragen: Muss ich sofort handeln? Oft ist das gar nicht nötig. Im Studium kann ich mich erst einmal auf die Seminare konzentrieren, die mich vielleicht noch interessieren, und in dieser Zeit überlege ich, was ich wirklich machen möchte. Manchmal kommt so auch die Freude am Studium zurück.

ZEIT Campus: Gleichzeitig empfinden viele Druck: Das Studium soll ja auch noch die beste Zeit des Lebens sein. Wie kommt man da raus?

Blackmore: Mit einem Realitätscheck. Die Idealvorstellungen von Liebe, Sex und dem Studium sind sozial konstruiert, oft werden sie verstärkt durch die sozialen Medien. Es gibt aber niemanden, für die oder den dieses Ideal immer zutrifft. Das muss man sich bewusst machen. Hier hilft ein ehrlicher Austausch. Ich kann Freund:innen und Bekannte fragen: Wie geht’s dir in deiner WG? Wie aufregend ist dein Leben in Berlin eigentlich wirklich? Das kann entlasten.

 © ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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