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Bedroht Klimaschutz den Arbeitsmarkt?

Windkraft Windenergie Energiewende [Quelle: Pixabay.com, Autor: ulleo]

Quelle: Pixabay.com, ulleo

Rigorose Umweltreformen seien eine Gefahr für die Beschäftigung in Deutschland, heißt es immer wieder. Eine neue Studie widerspricht.

Wer der öffentlichen Debatte in Deutschland lauscht, könnte den Eindruck bekommen, der Wirtschaft stehe vor allem eines im Weg: der Klimaschutz. Besonders gefährdet zu sein scheinen dabei die Beschäftigten. Viele, so klingt es immer wieder an, könnten ihre Jobs verlieren, sollten die Umweltreformen zu rigoros ausfallen.

So warnte Andrea Nahles schon – als sie noch SPD-Vorsitzende war – vor einer "Blutgrätsche" für die Arbeiter im Fall eines Kohleausstiegs. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) forderte später: "Kein Klimaschutz zulasten von Jobs!" Und erst vergangene Woche war in der taz zu lesen, Greta Thunberg blende für den Klimaschutz "alle anderen Aspekte wie Arbeitsplätze" aus.

Mit den Beschäftigten, die um ihre Jobs bangen müssen, sind meist Braunkohle-Kumpel etwa in der Lausitz gemeint, neuerdings aber auch Mitarbeiter der Automobilindustrie. So berichtete die Welt am Sonntag vor wenigen Tagen von Berechnungen des Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen. Demnach könnten durch die Elektromobilität mehr als 120.000 Stellen in der Automobilbranche wegfallen.

Ist der Klimaschutz also eine Bedrohung für den deutschen Arbeitsmarkt? Welche Folgen hätten Umweltreformen für die Beschäftigung? Dieser Frage widmet sich auch eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Prognos AG, die am Mittwoch erscheint und die der ZEIT vorab vorlag.

Wie die meisten Berechnungen zur Entwicklung der Ökonomie ist auch diese Studie nur eine Modellrechnung. Ob sich die Zukunft der Beschäftigung tatsächlich mit konkreten Zahlen voraussagen lässt, ist fraglich, besonders wenn es um einen längeren Zeitraum geht. Allerdings können Modelle wie dieses Hinweise auf Tendenzen geben, die auch politisch interessant sind.

Das Ergebnis hebt die Debatte auf eine andere Ebene. Zwar prognostizieren die Forscher ebenfalls, dass manche Jobs wegfallen werden. Insgesamt aber stellten sie fest: Der Klimaschutz schadet der Beschäftigung nicht. Im Gegenteil, die Forscher kommen sogar zum Ergebnis, dass Reformen sich langfristig leicht positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken werden. "Deutschland kann beim Klimaschutz vorangehen, ohne dass der Wirtschaftsstandort zugrunde geht", so Max Ostermayer, der die Studie bei der Friedrich-Ebert-Stiftung betreut hat.

Ziel der Forscher war es, zu überprüfen, wie der Arbeitsmarkt sich entwickeln würde, wenn die Klimaziele von Paris erreicht würden. Also wenn Industrie und Verbraucher hierzulande bis 2050 etwa 95 Prozent weniger Treibhausgase in die Atmosphäre bliesen – im Vergleich zu 1990. Die Maßnahmen, die dafür eingeplant werden, sind unter anderem der Ausbau der Elektromobilität und der erneuerbaren Energien sowie die energetische Gebäudesanierung.

Wie in den Berechnungen des CAR kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass speziell in der Automobilbranche Jobs wegfallen werden. Ebenso wie im Bergbau und in der konventionellen Energieerzeugung. Trotzdem erwarten die Forscher, dass der Arbeitsmarkt insgesamt nicht leiden wird. Zum einen, da manche Arbeitnehmer sowieso in den nächsten Jahren in Rente gehen. In der Braunkohleindustrie betrifft das laut offiziellen Zahlen bis 2030 etwa zwei Drittel der Beschäftigten. So werden dort zwar Stellen verschwinden, arbeitslos werden aber viel weniger. Auch in den Branchen Erdöl und Erdgas würden zwar etwa 26 Prozent der Jobs verschwinden. Das betreffe aber nur ein- bis zweitausend Beschäftigte, also vergleichsweise wenige.

Zum anderen könne ein Teil der Stellen ersetzt werden. So sind in der Automobilbranche und in der Energiewirtschaft auch viele Jobs in der Verwaltung bedroht. Dort beschäftigte Mitarbeiter hätten gute Chancen, anderswo unterzukommen.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Studie ist, dass durch den Klimaschutz auch viele neue Jobs in Deutschland entstehen – etwa in der regenerativen Energiewirtschaft und bei der umweltfreundlichen Mobilität. Bis 2050 sollen in diesen Bereichen knapp fünf Prozent der Beschäftigten arbeiten. Zum Vergleich: In der Automobilbranche sind es derzeit etwa vier Prozent. Am stärksten profitiert laut der Studie aber die Baubranche: Bis 2050 sollen hier mehr als 20.000 neue Jobs entstehen, im Vergleich zu einer Welt ohne ambitionierte Energiewende.

Der Klimaschutz kann demnach also tatsächlich Menschen ihren Arbeitsplatz kosten. Die Sorgen um den deutschen Arbeitsmarkt insgesamt scheinen allerdings nicht angebracht. Max Ostermayer sagt: "Die Diskussion wird teilweise sehr hysterisch geführt und geht an dem echten Problem vorbei." Zwar sei es wichtig, die Beschäftigten in den Regionen und Branchen, die besonders betroffen sind, aufzufangen. Gesamtgesellschaftlich aber müsse sich das Land keine Sorgen machen. "Die Energiewende ist ein ambitioniertes Projekt, aber es ist beschäftigungsneutral machbar."

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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