Partner von:

Rückzug aus dem Kollegenkreis

Rückzug aus dem Kollegenkreis

Ganz so einfach ist die Sache nicht: In einer der umfangreichsten Langzeitstudien zum Mobbing, der 2010 abgeschlossenen Great Smoky Mountains Study aus North Carolina, befragten Forscher über 20 Jahre immer wieder eine Gruppe von 1420 Jugendlichen nach ihren Erfahrungen mit Ausgrenzung und untersuchten ihre psychische Verfassung im Erwachsenenleben. Einer der daran beteiligten Wissenschaftler war Dieter Wolke. Der Pädagoge, 63 Jahre alt, Hornbrille und Kinnbart, zählt zu den renommiertesten Mobbing-Experten weltweit. Der Deutsche spricht mit britischem Akzent, so lange lebt Wolke mittlerweile im Ausland. Inzwischen lehrt und forscht er an der Universität im englischen Warwick. "Es ist ganz klar nachgewiesen, dass Mobbing-Erfahrungen zu einem höheren Risiko von Angststörungen und Depressionen führen", sagt der Wissenschaftler. Jeder dritte junge Erwachsene mit Depressionen, so zeigte eine britische Untersuchung, wurde in der Schule gemobbt. Auch im Berufsleben hallen die Erfahrungen nach.

"Menschen mit Mobbing-Erfahrung finden es meist schwierig, im Team zu arbeiten", sagt Wolke. "Sie haben weniger Vertrauen in andere und fühlen sich schnell angegriffen." Aus gehänselten Kindern werden Kollegen, die Rückzug suchen. "Schon vor Corona wären die meisten am liebsten im Homeoffice geblieben. Viele arbeiten oft in Berufen, die nicht viel sozialen Kontakt erfordern", sagt der Wissenschaftler. Auffällig häufig sei das in der Technologiebranche der Fall. Computern ist der soziale Status schließlich gleichgültig – und zum Programmieren braucht es eher Logik und Ausdauer als rhetorische Brillanz und Charisma.

Einer, dessen Erfolg ebenfalls eher auf Ersterem statt Letzterem beruht, ist Elon Musk. Inzwischen einer der zehn reichsten Menschen der Welt. Heute gilt der 49-Jährige vielen als Vorbild. Zu Schulzeiten aber war er ein Außenseiter. Er wuchs in Südafrika bei seinem Vater auf. Sie zogen oft um, der junge Musk war ein stilles Kind. Eine Eigenschaft, mit der seine Mitschüler nicht zurechtkamen. Sie verspotteten und verprügelten ihn. Einmal schubsten sie Musk derart gewaltsam eine Treppe hinunter, dass er ins Krankenhaus musste.

Sein Plan: so schnell wie möglich weg! Kaum hatte er die Schule beendet, zog er zu seiner Mutter nach Kanada. Dort konnte er seine Leidenschaft für Codes und Computer ausleben. Musk hatte bereits als Kind angefangen zu programmieren. Mit ein paar anderen gründete er Ende der Neunzigerjahre den Onlinebezahldienst PayPal. Es sollte der Auftakt zu einer der bemerkenswertesten Unternehmerlaufbahnen in der Technologiebranche sein. "Viele Mobbing-Opfer überwinden ihre traumatische Erfahrung dadurch, dass sie eine besondere Stärke ausbauen. Sie beginnen, sich über ihre Talente zu behaupten", sagt Wissenschaftler Wolke.

In gewisser Weise waren die Computer für Musk das, was für Stahl die Muckibude war. Und manch einer macht aus dieser so wichtigen Erkenntnis, die Dinge selbst in der Hand zu haben, später sein Lebensmotto – so wie FDP-Chef Christian Lindner. Der Politiker gilt als begnadeter Rhetoriker, der jedem Gegenüber schlagfertig begegnen kann. Diese Eigenschaft hat sich Lindner erarbeitet. So erzählte er in einem Interview, dass er als Kind stark übergewichtig war und dadurch zur Zielscheibe für seine Mitschüler wurde. "Ich habe fast 100 Kilo gewogen, war jedoch mindestens zehn Zentimeter kleiner als heute", so Lindner. Das Äußere zählt zu den häufigsten Angriffsflächen, an denen Mitschüler ihre fiese Seite zeigen. Eine kleine Abweichung von der Norm genügt, um ins Visier zu geraten.

Lindner begegnete diesen Hänseleien schon mit 14 Jahren als überzeugter Neoliberaler – oder deutet seine damalige Haltung zumindest 27 Jahre später so: "Mein Äußeres hat mir Nachteile bei den Mädchen gebracht. Und über Dinge, die man ändern kann, darf man nicht jammern, sondern muss die angehen." So joggte Lindner also jeden Tag durch den Wald, oft aß er nur Knäckebrot. Binnen vier Monaten habe er 30 Kilo abgenommen. "Die Phase hat mich geprägt. Ich habe gelernt, du kannst Dinge ändern, aber du musst zäh sein", sagt Lindner rückblickend.

Auch Mathias Döpfner, Chef und Anteilseigner des Axel-Springer-Verlags und damit eine der wichtigsten Figuren im europäischen Mediengeschäft, deutet die Ausgrenzungen zu Schulzeiten im Nachhinein als Erweckungsmoment: Schon damals war er außergewöhnlich groß. "Ich empfand das als Anomalie und fragte mich: Warum bin ich nicht wie alle anderen", erzählte Döpfner vor einigen Jahren. Im Sport wurde er immer als Letztes gewählt, das habe ihn getroffen. Heute erachtet er diese Erfahrungen als maßgeblich für seinen Erfolg. "Ich habe gelesen, dass beruflicher Erfolg die Konsequenz von Zurückweisung in der Kindheit ist. So gesehen mag es einen Zusammenhang gegeben haben", sagt er.

Öffnung aus der Position der Stärke

Doch damit ist Döpfner eher die Ausnahme als die Regel. "Erfolgreiche Menschen sagen das immer aus einer Position der Stärke", betont der Pädagoge Wolke. "Sie stehen oft erst dann zu ihren Mobbing-Erfahrungen, wenn sie es beruflich geschafft haben." Wolke schätzt, dass jeder fünfte Deutsche schon einmal Demütigung durch andere erfahren hat. Die Zahl derer, die dies auch später noch als belastend empfinden und eben nicht darüber sprechen, ist weitaus größer, als es die Erzählungen von Döpfner, Lindner oder Musk nahelegen. Von den vielen Mobbing-Opfern, die ihr Leben lang leiden, erfährt die breite Öffentlichkeit nie. Christine Harzheim ist Psychologin und arbeitet seit 30 Jahren mit Jugendlichen und Erwachsenen zusammen. Sie weiß um die Unterschiede. "Manche Jugendliche sind verletzlicher, andere wiederum widerstandsfähiger als andere. Sie entwickeln einen starken Antrieb, sich nicht unterkriegen zu lassen. Aber belastend ist es für beide", sagt die Psychologin.

Eine Eigenschaft aber teilen viele Mobbing-Opfer: "Nicht alle, die gemobbt werden, bekommen psychische Problem. Viele finden Strategien, um damit umzugehen", sagt Wolke. Sie suchen sich Freunde, denen sie vertrauen können. Mitunter sogar ganz ohne bedrohliche Tätowierungen und Muskelberge.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren