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Homeoffice mit Kind – ein Protokoll

Homeoffice Mutter Kind Kinderbetreuung Familie [© denisval - Adobe Stock]

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Seit Ende ihrer Elternzeit arbeitet Anna Heinen wieder als Leiterin Unternehmensstrategie für e‑fellows.net, wegen ihres Umzugs nach Frankfurt überwiegend im Homeoffice. Ihr Sohn ging gerne in die Kita. Bis Corona kam. Und sie informiert wurde, dass die Einrichtung ab Montag schließen würde.

Montag: Der erste Tag Zuhause

Bereits am Wochenende haben mein Mann und ich uns Gedanken gemacht, wie sich meine Teilzeit-Arbeit und Vollzeit-Kinderbetreuung vereinbaren lassen. Beides zur gleichen Zeit wird niemandem gerecht. Deswegen hat meine Arbeitswoche bereits am Samstag begonnen. Und auch am Sonntag habe ich mehrere Stunden gearbeitet, während mein Mann mit Max (der eigentlich anders heißt) ausgeflogen war.

Der Montag beginnt für mich wie ein normaler Samstag: Das Kind ruft nach mir. Wir stehen auf, duschen, frühstücken. Mein Mann ist der Hauptverdiener, arbeitet bis zu 60 Stunden die Woche und ist bereits im Büro. Noch. Wer weiß, wie lange es bis zum Lockdown in Frankfurt noch dauert. Am Vormittag rufe ich unseren Geschäftsführer an und bespreche mit ihm, wie ich mir die Zeit einteilen würde: ein Drittel am Wochenende, ein Drittel vor und nach unseren normalen Bürozeiten, ein Drittel, während Max schläft. Er stimmt sofort zu. Als das Kind seinen Mittagschlaf beginnt, stelle ich den Wecker auf 20 Minuten und mache einen Power Nap. Dann arbeite ich knapp zwei Stunden und finalisiere mit unserem Vertriebsdirektor das Konzept für ein neues Online-Event.

Mit einem lauten "Mamaaaaa" wird die Arbeit beendet. Wir basteln und gehen einkaufen. Auf dem Rückweg begegnen wir zwei rüstigen Mittsiebzigerinnen, beide schleppen triumphierend Klopapier nach Hause, eine sogar drei Packungen. Zuhause unterstütze ich unser Projektmanagement kurzfristig bei einem Test mit unserer neuen Videokonferenz-Software. Diese wollen wir von nun an auch für Events einsetzen, die derzeit nur online stattfinden können. Das Kind liest in dieser Zeit ein Buch und malt.

Um 18:30 Uhr ist mein Mann wie vereinbart zuhause und übernimmt Max. Ich gehe zurück ins Arbeitszimmer und verhalte mich so still wie möglich, damit das Bettgehritual auch ohne mich klappt. Für unseren Geschäftsführer bereite ich eine aktuelle Umsatzprognose auf und gebe noch schnell ein Unternehmensporträt frei, das eine Kollegin vorbereitet hat. Nachdem ich den PC heruntergefahren habe, koche ich einen großen Topf Gulaschsuppe für die nächsten Tage und backe einen Kuchen mit den Äpfeln, die mein Mann aus dem verwaisten Büro mitgebracht hat. Denn dort wurde der Obstkorb nicht abbestellt.

Dienstag: Wir finden unseren Rhythmus

Der Morgen beginnt entspannt. Ich weiß jetzt, ich werde mit meinen Stunden hinkommen. Um 10 Uhr nehme ich mit Max, den ich als "meinen persönlichen Assistenten" vorstelle, an unserem täglichen Corona-Meeting per Videokonferenz teil. Mikrofon und Kamera sind ausgeschaltet, wenn ich nicht spreche; alle haben Verständnis. Die Kollegen teilen ihre Erfahrungen der letzten Veranstaltungen, die wir noch vor Ort durchführen konnten – bereits als Hybrid mit Videotelefonaten zwischen Teilnehmern und Ausstellern, die nicht kommen wollten oder durften. Wir diskutieren, welche Auswirkungen Corona auf unser Geschäft haben wird. Wie wir Events rein online-basiert umsetzen können, damit sie für Kunden und Teilnehmer auch "funktionieren". Vieles ist zurzeit im Umbruch. Mein Kopf ist im Meeting, meine Augen auf dem Kind. Max malt, genauer gesagt bemalt er seinen Spieltisch, wirft dann die Stifte durch die Gegend und angelt schließlich mit keckem Blick eine Packung Büroklammern aus dem Schrank, die er komplett zerlegt. Das Arbeitszimmer sieht danach aus wie ein Schlachtfeld. Auch egal.

Mein Kopf ist im Meeting, meine Augen auf dem Kind.

Gegen Mittag eine Nachricht von meinem Mann: "Ab morgen bin ich auch daheim. Over." Er wird an diesem Abend einen Bildschirm und eine Tastatur mit nach Hause bringen, zwei seiner Mitarbeiter hat er vorher mit der Familienkutsche auch noch mit Technik versorgt. Das Kind schläft volle drei Stunden, wertvolle Arbeitszeit für mich, in denen ich für eine aktuelle Recruiting-Initiative die Marketingplanung erstelle, zwei Kooperationen anstoße und mehrere Kundenanfragen beantworte. Personalverantwortliche brauchen in diesen Tagen besondere Betreuung: Sie hinterfragen ihre Recruiting-Prozesse, aktualisieren die Personalplanung und müssen dennoch darauf achten, im Wettlauf um die besten Talente nicht von einem Virus behindert oder gar abgehängt zu werden. Plötzlich heult vor dem Haus eine Polizeisirene auf: "Können Sie nicht lesen? Dieser Spielplatz ist gesperrt!" Jetzt ist auch Max wach.

Den Nachmittag verbringen wir auf der Terrasse; ich sitze mit Laptop in der Sonne, während Max mit mehreren Eimern und einer Gießkanne voller Wasser spielt. Konzentriert nehme ich an einem weiteren Videocall teil und halte den Zwerg mit Minikrapfen im Zaum. Er ist zufrieden, ich auch.

Als mein Mann abends mit drei Tüten voller Einkäufe die Wohnung betritt, ist fliegender Wechsel. Eine Kollegin braucht noch Unterstützung im Vertrieb, dann steht der Stresstest für unsere Server an: Alle 25 Kollegen wählen sich aus dem Homeoffice per VPN ein, parallel gibt es eine Videokonferenz. Alles funktioniert einwandfrei, die Stimmung ist ausgelassen. Als ich auflege, arbeitet auch mein Mann schon wieder. Der Kühlschrank platzt jetzt aus allen Nähten.

Mittwoch: Sind wir nicht alle ein bisschen Corona?

Heute habe ich vormittags zwei private Termine: Erst kommt die Hebamme zum ersten Kennenlernen – wir erwarten in vier Monaten nochmal Nachwuchs –, dann muss ich zum Zahnarzt. Er schließt morgen für zwei Wochen wegen des Virus.

Die Hebamme wäscht sich bei ihrer Ankunft nicht die Hände und erklärt mir für meinen Geschmack etwas zu gelassen, sie sei als Selbstständige sowieso nie krank. Ich sage nichts. Während des Gesprächs huste ich immer wieder nervös in die Armbeuge. In der Zahnarztpraxis übernimmt wenig später eine aufmerksame, junge Ärztin die Behandlung. Immer wieder zieht sie sich unmittelbar über mir die Schutzmaske vom Gesicht und flötet Komplimente in Richtung Kind, das im Buggy geparkt ist. Zum Abschied kneift sie ihm in die Wange, er sei ja so süß. Und ich frage mich zum wiederholten Mal an diesem Morgen, ob nun ich oder sie oder Max Corona haben könnten.

Zur Mittagszeit, als das Kind endlich schläft, werfe ich den Laptop an. Ich erkundige mich bei unserem Marketingleiter nach den Neuigkeiten, beantworte E-Mails und sende einen Arbeitsauftrag an das Vertriebsteam. Den Nachmittag verbringen Max und ich wieder auf dem Balkon. Für heute hatten wir genug Kontakt zu Dritten. Regelmäßig checke ich mein Postfach und führe vier Telefonate mit Kollegen, die Fragen zu verschiedenen Projekten haben. Den fünften Anruf nehme ich am Wickeltisch an, die Windel ist gerade offen. Unser Vertriebsdirektor – selbst zweifacher Vater – nimmt es mit Humor, dass mein Sohn jeden Handgriff lautstark kommentiert.

Abends sprechen mein Mann und ich über das Virus und die Zukunft. Wie fast jeden Abend in diesen Tagen. Dann verschwindet er im Arbeitszimmer, während ich im Esszimmer arbeite.

Donnerstag: Die Krise wird immer präsenter

Ich habe mir den Wecker auf 6:45 Uhr gestellt. Um 7 Uhr sitze ich geduscht mit einer Schale Müsli vor dem Laptop und antworte einem Kooperationspartner – inklusive meinem neuen Abschiedsgruß "Bleiben Sie gesund!" Eine Kollegin wartet noch auf Feedback zu einem Produkt, das sie verantwortet. Auch diesen Programmpunkt kann ich abhaken, bevor ich das Arbeitszimmer frei gebe und mich dem Kind widme.

Um 10 Uhr ist wieder Corona-Meeting, an dem ich vom Kinderzimmer aus teilnehme. Max bewundert indes meine neuen "Ohren", die kabellosen Kopfhörer, mit denen ich Kinderbetreuung und Arbeit noch besser vereinen kann. Als er nach einem Apfel brüllt, marschieren wir in die Küche. Beim Toben stürzt er, heult laut und ich muss trösten. Besondere Zeiten erfordern besondere Flexibilität.

Am Nachmittag putzen Max und ich die Wohnung, dann drehen wir eine kleine Runde. Passanten lächeln uns wissend an, bevor wir uns gegenseitig ausweichen. Eineinhalb Meter sollen es sein. Die Aushänge in geschlossenen Läden hinterlassen einen faden Beigeschmack. Wenigstens ist es sonnig.

Zum Abendessen tauschen mein Mann und ich wieder Räume und Aufgaben. Die erste E-Mail des Abends ist eine Erinnerung an die Produktmanager, sie müssen eine weitere Hochrechnung zu den Umsätzen abgeben; die letzte Nachricht geht an unser Vertriebsteam, wir wollen unsere Unternehmens- und Hochschulkunden per Newsletter zu Corona "abholen". Es kommen unruhige Zeiten, spüre ich in diesen Momenten ganz deutlich. Und zugleich bietet ein solcher Umbruch auch enorme Chancen, bestehende Produkte zu hinterfragen und Innovationen voranzutreiben.

Freitag: Lief doch alles voll okay, oder?

Heute Morgen arbeite ich zunächst von 7 bis 9 Uhr, dann übernehme ich das Kind. Max und ich gehen spazieren. Immer bewusster meide ich die große Ladenstraße, die das Herzstück unseres Viertels bildet. "Früher" gab es dort immer etwas Spannendes zu sehen, "heute" fühle ich mich unwohl. Kann sich Max eigentlich mit dem Virus infizieren, wenn er an einem fremden Briefkastenschlitz rumspielt?

Etwas später als geplant erreichen wir die Wohnung, das tägliche Corona-Meeting via Videokonferenz startet gerade. Wir sprechen über digitale Produktideen und Recruiting in Zeiten von Einstellungsstopps und Budgetkürzungen. Im anschließenden Teamleiter-Meeting ist die neue, schnelle Internetleitung ein Thema. Sie ermöglicht, dass alle Kollegen garantiert störungsfrei im Homeoffice arbeiten können. Nebenbei malt Max, wir puzzlen, spielen fangen und verstecken. Gerade habe ich das Gefühl, alles voll im Griff zu haben: Ich kann mich gut auf das Meeting konzentrieren, bringe wichtige Gedanken ein, und Zwischenrufe des Kleinen wie "Papi arbeiten" werden kichernd ignoriert.

Zum Mittagessen gehen wir auf die Terrasse. Auch mein Mann sehnt sich nach frischer Luft. Das Kind schimpft, er mag nur Mango essen. Mein mittäglicher Power Nap ist geprägt von Gedanken an die aktuellen Projekte, an Corona und die Zukunft. Max geht es wohl ähnlich, er kann nicht schlafen. Ich rede beruhigend auf ihn ein und lege mich neben ihn. Klick, klack. Hell, dunkel. Ich verfluche den Lichtschalter, der direkt über dem Bett angebracht ist. Es hilft nichts: Ich bin müde, er ist hellwach. Also stehen wir auf. Mit Laptop setze ich mich zu ihm ins Kinderzimmer und beginne, an diesem Artikel zu schreiben. Mit Schnuller ist auch Max zufrieden und spielt. Nach knapp zwei Stunden fragt mein Mann, ob wir kurz Kaffee trinken wollen. Der Artikel ist quasi fertig.

Ich überlege, was ich heute noch machen möchte: mit dem Kind nochmal rausgehen, E-Mails abarbeiten, das Wochenende planen und endlich mal früh schlafen gehen. Ich bin in diesem Moment dankbar, wie gut es uns geht, wie toll mich meine Familie unterstützt, wie viel mein Arbeitgeber uns ermöglicht und wie sehr wir alle durch ein Virus zusammenrücken, obwohl wir uns nicht nahekommen dürfen. Dann gibt es Kuchen.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Ich bin schockiert über den Artikel Home Office mit Kind - wie selbstverständlich übernimmt die Mutter neben ihrer Teilzeitstelle auch noch die Vollzeit-Kinderbetreuung? Deshalb fängt ihre Arbeitswoche schon am Samstag an (während der Vater sich tatsächlich am Wochenende um das Kind kümmert - großer Applaus für so viel Einsatz...) Das Argument, dass der Mann der Hauptverdiener ist klingt wie aus dem letzten Jahrhundert. Ich bin bestürzt, dass e-Fellows so ein mütterfeindliches Modell promoted...