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"Ihr Cappuccino hat den gleichen CO₂-Fußabdruck wie zwei Stunden Zoom"

CO₂-Fußabdruck [Quelle: unsplash.com, Autor: Nolan Issac]

Quelle: unsplash.com, Nolan Issac

Wer das Netz nutzt, verursacht CO₂. Individueller Verzicht allein wird das Klima aber nicht retten, sagt Green-IT-Experte Chris Adams. Er will an anderer Stelle ansetzen.

Nicht nur Auto fahren oder den Wäschetrockner anwerfen – auch Netflix schauen, googeln oder videokonferieren vergrößert unseren CO₂-Fußabdruck. Jetzt, da der jüngste IPCC-Bericht erneut klargemacht hat, wie dringend wir unseren Kohlendioxidausstoß reduzieren müssen, stellt sich auch hier die Frage: Wie kann man im Digitalen Energie und Emissionen einsparen – und wo fängt man an? Der Programmierer Chris Adams ist einer der Köpfe der Green Web Foundation, einer Stiftung, die sich der ressourcenschonenden Weiterentwicklung des Internets verschrieben hat.

ZEIT ONLINE: Herr Adams, das Internet und unsere vielen IT-Geräte verursachen jede Menge Emissionen. Wo können wir anfangen, unseren CO₂-Fußabdruck in diesem Bereich zu reduzieren?

Chris Adams: Es ist wichtig, sich klarzumachen: Natürlich treffen Individuen viele Entscheidungen, aber Ihre Internetnutzung, der einzelne Zoom-Call, sollte Ihnen keine schlaflosen Nächte bereiten. Als Konsument können Sie zu einem grüneren Provider wechseln, Ihre Daten dort lagern, wo man auf Ökostrom setzt, und so weiter. Das hilft, um sich persönlich besser zu fühlen. Und das geht völlig klar, wenn Sie den Eindruck haben wollen, Ihren Beitrag zu leisten.

Denn das ist ein Weg, um mit dem Gefühl der Überwältigung klarzukommen, das die Klimakatastrophe bei vielen Menschen ausgelöst hat. Nur: Wenn Sie heute Morgen einen Cappuccino oder Espresso trinken waren, dann hatte der wahrscheinlich den gleichen CO₂-Fußabdruck wie zwei, drei Stunden Zoom-Call oder Netflix gucken. Sich das zu verkneifen, ist ganz schlicht gesagt einfach nicht besonders wirkungsvoll. Viel wichtiger wäre es, sich auf bürgerschaftlicher Ebene zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Also Politikerinnen und Politiker ansprechen, mehr Regulierung fordern, die Internet und Technologie grüner machen?

Adams: Ganz genau. Ein Umfeld schaffen, in dem wir Regeln für eine humanere und technologisch fortschrittlichere Gesellschaft aufstellen können, statt auf eine Technologie wie die Nutzung fossiler Brennstoffe zu setzen, die jedes Jahr Millionen vermeidbarer Todesfälle produziert. Das Internet ist das verbindende Gewebe unserer Gesellschaft. Es durchdringt alles und ist unvermeidbar. Wenn Sie als Individuum etwas tun möchten, sollten Sie das Problem als Bürger angehen, nicht als Konsument. Besser ist es, sich in den politischen Prozess einzubringen. Interesse zu zeigen, Bewusstsein für dieses Thema.

ZEIT ONLINE: Das klingt alles ehrlich gesagt etwas langwierig. Läuft uns die Zeit für Veränderungen nicht davon – etwa wenn es darum geht, das Zwei-Grad-Ziel zu halten?

Adams: Gerade weil wir so spät dran sind, müssen wir jetzt auf politischer Ebene aktiv werden. Wenn das nicht besonders befriedigend klingt, dann liegt das gerade daran, dass uns die Zeit davonläuft. Sie müssen das so sehen: An der Physik des Klimawandels können Sie nichts ändern. Aber an den Gesetzen und der Wirtschaft rund um den Klimawandel. Wir müssen verstehen, dass wir jetzt alle Hebel in Bewegung setzen müssen, um etwas zu ändern.

Überlegen Sie mal, was wir bei der Corona-Krise gesehen haben: Da haben uns nicht nur die gemeinsamen Anstrengungen aller Konsumentinnen und Konsumenten durchgebracht. Die Beschleunigung bei der Impfstoffproduktion kam zustande, weil staatliche Akteure massive Notfallmaßnahmen ergriffen haben. In einem Umfang, dass zumindest ein messbarer Anteil der Weltbevölkerung vor dem Tod geschützt worden ist.

ZEIT ONLINE: Das ist nicht die Antwort, die ich von Ihnen als Green-IT-Aktivisten erwartet hätte. Erzeugen nicht alle, die das Netz nutzen, auch einen massiven CO₂-Abdruck?

Adams: Es gibt rund um das Internet einige Erfolgsgeschichten. Beim Energieverbrauch zum Beispiel: In den vergangenen zehn Jahren ist die Internetnutzung explodiert – aber der Energieverbrauch der weltweiten Datencenter ist in dieser Zeit in etwa stabil geblieben. Die Kosten für erneuerbare Energien sind gesunken. Computer und Netzwerke generell verdoppeln ihre Effizienz alle ein bis zweieinhalb Jahre. Solche Erfolge beim Auto oder beim Flugzeug wären unfassbar.

Trotzdem kommen Journalisten zu mir und fragen mich, ob Streaming jetzt das neue Fliegen ist. Die Antwort ist: Nein. Fliegen ist noch immer Fliegen, es zählt zu den klimaschädlichsten Dingen, die man tun kann. Aber wenn Sie mich so fragen: Natürlich gibt es Verhalten, das beim CO₂-Fußabdruck eine Rolle spielt. Sie könnten zum Beispiel darauf achten, einmal angeschaffte Elektrogeräte länger zu nutzen.

"Weg von fossilen Brennstoffen"

ZEIT ONLINE: Einige Unternehmen wollen ihre Geräte CO₂-neutral herstellen, Apple verspricht das zum Beispiel bis 2030. Würde das etwas bringen?

Adams: Drei Viertel des CO₂-Abdrucks eines Geräts gehen auf dessen Herstellung zurück, nicht auf die eigentliche Nutzung. Apple tut viel im Bereich der Produktion seiner Geräte – und das ist auf eine Art natürlich auch gut. Aber es gibt eben auch die andere Seite. Große Technologiefirmen unternehmen einiges, um sicherzustellen, dass sie große Teile der Lieferketten kontrollieren, sodass der größte Anteil der Gewinne bei ihnen hängen bleibt und sie bestimmen, zu welchen Bedingungen Menschen andere Geräte kaufen. Mitunter lässt Apple Geräte lieber schreddern, als es Dritten zu gestatten, sie zu reparieren und weiterzuverkaufen.

Oder es designt Geräte gleich so, dass sie schwer zu reparieren sind. Derartige Probleme kann man nicht wirklich auf Konsumentenebene lösen. Man könnte aber erzwingen, dass solche Informationen den Konsumenten auf verständliche Weise präsentiert werden und es einfacher für Organisationen machen, ihre Investitionsentscheidungen auf Kriterien wie Wiederverwendbarkeit zu stützen. So wie zum Beispiel in Frankreich und auch in der bevorstehenden EU-Gesetzgebung.

ZEIT ONLINE: Was genau passiert in Frankreich?

Adams: Dort hat man einen Reparaturindex für Geräte eingeführt – vom Rasenmäher bis zum Laptop. Unternehmen geben dort an, wie reparierbar ihre Produkte sind, etwa so wie bei den Energieverbrauchrankings, die wir zum Beispiel von Kühlschränken und Waschmaschinen kennen. Allerdings basiert das auf Eigenangaben der Firmen selbst: Apple rankt, wie reparierbar seine Produkte sind. Da kann man natürlich umgehend infrage stellen, wie unparteiisch solche Einschätzungen sind. Besonders wenn sich die Unternehmen dabei auf Wissen berufen, das nur intern oder als geistiges Eigentum oder Geschäftsgeheimnis nicht öffentlich verfügbar ist. In der EU wird ein ganz ähnliches Gesetz geplant.

ZEIT ONLINE: Natürlich verursacht aber auch die Nutzung des Internets CO₂. Lassen Sie uns auseinanderdröseln, was da passiert. Erstens verbrauche ich zu Hause Energie, wo ich die Geräte nutze und Daten herunterlade. Zweitens wird sie verbraucht bei den Diensteanbietern, die Datenzentren betreiben, um mir Filme, Musik oder andere Daten zur Verfügung zu stellen. Und drittens bei den Telekommunikationsanbietern, die sicherstellen, dass diese Daten bei mir ankommen. Wer ist dabei die größte CO₂-Dreckschleuder?

Adams: Es ist wirklich schwierig, darauf eine Antwort zu bekommen. Denn es ist ein Problem, Zugang zu qualitativ hochwertigen Datensätzen zu erhalten. Selbst in der Wissenschaft differieren die höchsten und die niedrigsten Schätzungen von Verbräuchen um eine Größenordnung von fünf. Das sind massive Unterschiede.

ZEIT ONLINE: Warum ist das so? Das ist doch nun wirklich kein Spartenthema, das erst seit gestern existiert.

Adams: Es gab bislang keinen Anreiz, das zu messen. Und wenn man fragt, wer die größte CO₂-Dreckschleuder ist, würde ich auch argumentieren: Es ist nicht nur ziemlich schwierig, das zu bestimmen. Sondern: Darum geht es nicht primär. Wenn man die Emissionen reduzieren will, die das Internet verursacht, muss man den Umwelteinfluss der darunterliegenden Energiesysteme verändern. Wir müssen also von fossilen Brennstoffen wegkommen. Das bringt mehr, als die Internetnutzung der Menschen zu kontrollieren.

Hinzu kommt: Greift man in den Bereich Energie und Internet ein, kann man auch unbeabsichtigterweise Schaden anrichten. Erhöht man zum Beispiel die Stromkosten, trifft man damit vor allem Menschen, die für Strom ohnehin schon einen überproportional höheren Anteil ihrer Einkommen aufwenden. Sinnvoller wäre es, darüber zu reden, wo die genutzte Energie herkommt.

ZEIT ONLINE: Unternehmen wie Google oder Microsoft haben in den vergangenen Jahren viel darangesetzt, ihre Rechenzentren mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Aus ökologischen Gesichtspunkten präsentieren sich genau die Firmen als besonders korrekt, von deren Nutzung abzuraten ist, wenn man sich für Dezentralisierung, für den Kampf gegen Oligopole im Techbereich interessiert. Was ist aus Ihrer Sicht wichtiger: ein möglichst klimaneutrales Netz oder ein möglichst dezentrales? 

Adams: Das ist genau das Problem. Momentan muss man in der Regel Prioritäten setzen: Entweder man bekommt einen nutzerfreundlichen und dezentralen Service – bei dem hapert es aber oft am ökologischen Fußabdruck. Oder Sie setzen auf einen dezentralen und ökologischen Fußabdruck, dann bleibt oft die Benutzerfreundlichkeit auf der Strecke. Oder aber ich setze auf gute CO₂-Bilanz und Benutzerfreundlichkeit – zum Beispiel Googles Gmail –, dann aber unterstütze ich ein Oligopol. Grüner Neoliberalismus mit null CO₂-Ausstoß hat immer noch alle anderen Probleme, die am Neoliberalismus hängen.

Hätten wir eine künstliche Intelligenz, die ohne fossile Brennstoffe funktioniert, aber noch immer diskriminiert, dann sind wir weit davon entfernt, alle gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Wir bei der Green Web Foundation versuchen derzeit einiges, um die Leute für den Gesamtzusammenhang zu sensibilisieren, die diese Technologien bauen. Sie müssen nicht zwangsläufig existierende Machtverhältnisse reproduzieren.

"Es ist unglaublich frustrierend"

ZEIT ONLINE: Beim Energieverbrauch macht es große Unterschiede, ob Daten über einen Breitbandanschluss abgerufen werden oder über eine Mobilfunkverbindung. Steht da ein massiver Anstieg im Energieverbrauch bevor, wenn zunehmend mehr mobile Daten genutzt werden?

Adams: Natürlich kann man warten, bis man zu Hause ist, um einen Netflix-Film nicht über mobile Daten zu schauen. Dann sollte man sich aber auch überlegen, dass zu Hause der größte Energiefresser nicht der Datentransfer ist. Sondern dieser 30-Inch-Bildschirm an meiner Wand. Heißt: Wenn Sie sich um die Umweltauswirkungen beim Netflix-Gucken auf dem Smartphone sorgen, braucht die Datenübertragung weniger Strom als dieser Fernseher.

Wenn man also seinen Fußabdruck beim Streamen reduzieren will, kann man ein kleineres Gerät wie ein Tablet nutzen statt eines großen Fernsehers. Man kann sagen: Ohne ein Verständnis dafür, wo diese Energiefresser sind, konzentriert man sich sehr leicht auf die falschen Dinge. Und fühlt sich schrecklich – wegen Dingen, die in dem gesamten Prozess das kleinste Problem darstellen.

ZEIT ONLINE: Sind Sie frustriert, dass das Bewusstsein vieler Menschen für diese Zusammenhänge so schwach ausgeprägt ist?

Adams: Es ist unglaublich frustrierend. Denn diese Dinge sind extrem wichtig. Man könnte natürlich sagen: Es gibt sehr gute Argumente, im Dienst einer CO₂-neutraleren Gesellschaft über all diese Fragen Bescheid zu wissen. Aber andererseits ist das auch ziemlich viel verlangt – besonders wegen der vielen Detailfragen. Sehen Sie: In Großbritannien gab es diesen Energieversorger, der vor zwei Jahren den CO₂-Fußabdruck von unnötigen Arbeits-E-Mails berechnet hat – und mit einer Browsererweiterung für Chrome Nutzerinnen immer dann warnte, wenn sie eine verzichtbare Mail abschicken wollten.

Journalisten griffen das Thema auf. Und am Schluss hatte man dieses wissenschaftlich völlig unhaltbare Faktum, das den öffentlichen Diskurs darüber verwirrte, was wir eigentlich tun sollten. Besieht man sich den CO₂-Ausstoß von Großbritannien, sollte man sich wirklich keine Sorgen um die Frage machen, wie viele E-Mails weitergeleitet werden.

ZEIT ONLINE: Weil das ungefähr so wirksam ist, wie eine Bambuszahnbürste einzukaufen, statt die Energiewende voranzutreiben?

Adams: Genau. Demnächst wird in Deutschland gewählt. Eine perfekte Gelegenheit, Kandidaten zu fragen, was sie tun wollen, um die Klimakatastrophe aufzuhalten. Zu zeigen, dass diese Themen für die Wahlentscheidung wichtig sind. Es sollte nicht unser Job sein, Expertin und Experte für Nachhaltigkeit zu sein. Die Idee einer repräsentativen Demokratie ist ja gerade, derartige Aufgaben zu delegieren. 

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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