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Sie haben Besseres verdient

Wohlstand, Ausruhen, Luxus, Chillen [Quelle: unsplash.com, Autor: Danny Kekspro ]

Quelle: unsplash.com, Danny Kekspro

Traumberuf Luftfahrtingenieur, Herzenswunsch Eventmanager? Die Pandemie zwingt viele Arbeitnehmer, sich beruflich neu zu orientieren. Der Gehaltsreport zeigt, wie viel Geld für wen in welchen Branchen und Berufen drin ist – und mit welchen Stärken Sie punkten können.

Claudia Picker sagt, sie arbeite rund ums Jahr sehr gern, ganz besonders aber an einem Tag im März: immer dann, wenn sie und ihr Team 10.000 E-Mails an alle außertariflichen Mitarbeiter und leitenden Angestellten versenden. Betreff: "Total Rewards Statement".

Es ist ein sechsseitiges Dokument, in dem Picker auflistet, wie viel genau der jeweilige Mitarbeiter bei Bayer verdient – eine freundliche Erinnerung des Leverkusener Pharmakonzerns, wie sehr er seine Arbeitnehmer wertschätzt: Grundgehalt, Boni, Altersvorsorge, Dienstwagen – da kommt für manche ganz schön was zusammen. Und die Zahlen beeindrucken. In den Tagen nach dem Versenden der Mail bekommt Picker, die bei Bayer den Bereich Vergütung und Zusatzleistungen leitet, jedes Jahr digitale Fanpost von ihren Kollegen: "Die Mitarbeiter freuen sich zu sehen, wie viel das Unternehmen für sie ausgibt", sagt Picker.

Ihre Transparenzinitiative und die Reaktionen zeigen: Die Deutschen wissen nicht viel über Löhne und Gehälter. Sie überfliegen ihre monatliche Abrechnung, der Blick wandert schnell zur Summe, die überwiesen wird – aber wirklich entschlüsseln (ver)mag das komplexe Zahlenwerk aus Steuern, Sozialabgaben, Abzügen, Beiträgen und Aufrollungsdifferenzen kaum jemand.

Dabei könnte dieses Wissen buchstäblich Gold wert sein, zumal für viele jüngere Arbeitnehmer. Sie erleben derzeit, was in ihrem bisherigen Berufsleben nicht vorkam: eine Wirtschaftskrise mit höchstpersönlichen Folgen. Im August waren 636.000 Menschen mehr arbeitslos als noch vor einem Jahr; die Zahl der Kurzarbeiter lag bei 5,36 Millionen. Und eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages unter mehr als 8.000 Unternehmen ergab, dass jeder zehnten Firma die Insolvenz droht.

Zwar gibt es Grund zur Hoffnung, dass die Krise nur kurz ausfällt und die Politik die schlimmsten Härten abfedert. Doch das Gefühl der Sicherheit ist erst mal weg, die Verlustangst da – und vor allem haben sich die Vorzeichen verändert. Plötzlich sind auch gut ausgebildete Arbeitnehmer nicht mehr heiß Umworbene, die in Zeiten des Fachkräftemangels ihren Personalern Bedingungen stellen. Sondern nur noch der bilanzielle Ballast der Controller. Und es ist, als kehrte sich damit die Beweislast um: Nicht mehr die Chefs müssen unterstreichen, was ihnen der Angestellte wert ist. Sondern die Angestellten müssen ihren Chefs gegenüber ihre Gehälter und geldwerten Vorteile rechtfertigen. Müssen kämpfen, um ihren Job zu behalten – und um den kleinen Bonus betteln, den sie bereits vor Jahresfrist vereinbart hatten. Müssen ihren Aufstieg im Unternehmen vertagen und um den schon sicher geglaubten Job bei der Konkurrenz bangen.

Statistischer Schatz

Wie langfristig die Folgen einer Rezession auf das Gehaltsgefüge sind, konnte zuletzt etwa der deutsche Ökonom Hannes Schwandt von der Northwestern-Universität bei Chicago belegen. Er verglich die Einkommen und Karriereschritte verschiedener Jahrgänge. Sein Ergebnis: Die Einstiegsgehälter sind in der Krise im Schnitt geringer, unabhängig von der Branche oder der Fachrichtung. Und die Nachteile wirken fort, sind selbst 15 Jahre später noch nachweisbar.

Natürlich unterscheidet sich die Dimension der Einbußen von Branche zu Branche, von Berufsgruppe zu Berufsgruppe. Diesmal trifft es besonders die Luftfahrt, den Tourismus und das Veranstaltungsgewerbe, während Arzneimittelentwickler und Onlineversender sogar profitieren. Was also tun? Abwarten? Wechseln? Die Füße stillhalten? Oder seinen Aufstiegswillen gerade jetzt bekunden?

Welche Branchen trotz der Krise gut zahlen, was Sie in Ihrem Job verdienen sollten und wie Sie auch in der Rezession Ihr Gehalt am besten verhandeln – das verrät der WirtschaftsWoche-Gehaltsreport. Die Unternehmensberatung Korn Ferry hat für die exklusive Analyse 220.000 Datensätze aus 503 Unternehmen ausgewertet – ein statistischer Schatz, weil Korn Ferry von einem großen Teil der deutschen Wirtschaft damit beauftragt wurde, Gehälter zu klassifizieren und zu vergleichen: Die Daten beruhen nicht auf Befragungen von Angestellten, sondern auf einer Auswertung der Gehaltszettel von Dax-, MDax- und SDax-Firmen sowie bedeutenden Mittelständlern. Erfasst werden in den Branchen Automobil, Chemie, Industrie, Konsumgüter und Pharma je neun Unternehmensbereiche, von der Produktion bis zum Marketing.

Das vielleicht wichtigste Ergebnis: "In vielen Unternehmen steht eine Nullrunde bevor", sagt Christine Seibel, Vergütungsexpertin bei Korn Ferry. Die Firmen würden aktuell oft nur Beförderungen oder herausragende Leistungen mit einem Gehaltsplus honorieren: "Insgesamt werden die Gehälter nicht so schnell steigen", wie noch vor ein paar Monaten angenommen. Das ergibt sich aus der Fortschreibung der eingesammelten Lohndaten, aber auch aus einer Befragung von 49 deutschen Unternehmen im Mai: Rund die Hälfte will in diesem Jahr keine Gehaltserhöhungen gewähren, knapp ein Fünftel erwägt gar, die Löhne zu kürzen. Auch für 2021 würden die meisten Unternehmen "sehr zurückhaltend" planen, sagt Seibel.

Preisdruck in der Autobranche

Aber an den Zahlen ist auch abzulesen, wie unterschiedlich Branchen und Arbeitnehmer betroffen sind. In der Chemieindustrie etwa sieht es ganz gut aus: Das Mediangehalt (Gehalt in der Mitte der Gruppe – die Hälfte der Beschäftigten verdient mehr, die andere Hälfte weniger als das Mediangehalt) ist im Vergleich zum Vorjahr um 2,9 Prozent gestiegen. Nur die Pharmaindustrie legte mit 3,2 Prozent sogar noch etwas mehr zu (siehe Grafik).

Selbst in absoluten Zahlen liegt die Chemiebranche in fast allen Berufsgruppen vorn: Die hohen Tarifabschlüsse wirken sich auch auf die außertariflichen Gehälter aus. So verdienen Mitarbeiter im Mittelmanagement oder erfahrene Experten in der Personalabteilung 115.581 Euro zuzüglich Boni; in der Produktion sind es sogar knapp 2.000 Euro mehr. Auch für Hochschulabsolventen lohnt der Einstieg in die Chemiebranche besonders: Für Informatiker sind 84.807 Euro Grundgehalt drin. Im Qualitätsmanagement 82.016 Euro.

In der Automobilindustrie sieht es düsterer aus. Die großen Hersteller zahlen weiterhin ordentlich, aber vor allem kleine Zulieferer stehen unter Druck, nicht erst seit Beginn der Coronakrise. Die Preisdrückerei der Konzerne belastet die Gehaltsentwicklung; das Mediangehalt legte im Vergleich zum Vorjahr nur um 0,9 Prozent zu. Die weiteren Aussichten? Trübe. In einer Umfrage des Verbands der Automobilindustrie gaben sechs von zehn Zulieferern an, Personal abbauen zu wollen. Und auch an den Gehältern derer, die ihren Job behalten, dürfte gespart werden.

Vertriebsmitarbeiter verdienen über alle Branchen hinweg mehr als Mitarbeiter in anderen Berufsgruppen: Mittelmanager und erfahrene Experten erhalten hier aktuell ein Grundgehalt von 112.148 Euro. Ganz klar: "Der Vertrieb ist der Ort für alle, denen es ums Geldverdienen geht", sagt Expertin Seibel. Im Gegenzug müssten die Mitarbeiter mit "enormem Druck" klarkommen; große Teile des Gehalts sind oft an den Erfolg gebunden. Gerade bei akademischen Berufseinsteigern und Facharbeitern in Leitungsfunktionen hängt viel von den Erträgen ab. Erreichen Mitarbeiter ihre Ziele, summiert sich der Bonus auf durchschnittlich 15,7 Prozent des Gehalts. Bei Mittelmanagern im Vertrieb sind es sogar 16,3 Prozent – mehr als in allen anderen untersuchten Berufsgruppen.

Das bedeutet auch: In der Krise dürften die Gehälter der Verkäufer am deutlichsten sinken. Zumal die Boni in deutschen Konzernen immer seltener allein an persönliche Leistungen geknüpft sind, immer öfter auch an allgemeine Unternehmenskennzahlen. In den vergangenen Jahren haben etwa die Deutsche Bahn, Bosch und Bayer ihre Vergütungssysteme geändert und individuelle Erfolgsvergütungen ganz gestrichen. Der Grund: Die Unternehmen wollen mehr "Teamgeist statt Einzelkämpfertum fördern", sagt Sebastian Pacher, Vergütungsexperte bei der Beratung Kienbaum. Hinzu kommt, dass die Messbarkeit von individueller Leistung schwierig ist, hängt sie doch immer auch vom Arbeits- und Lebensumfeld, also sozialen Bedingungen und Faktoren, ab. Besondere Verdienste Einzelner versuchen Arbeitgeber daher nicht im Gehalt, sondern "eher mit sonstigen Leistungen – Firmenwagen, BahnCard, Kinderbetreuung – abzubilden", sagt Korn-Ferry-Expertin Seibel.

Die Extras sollen Spezialisten anlocken, um die auch in der Krise heftig geworben wird: Informatiker etwa, die insbesondere in der Chemie- und Konsumgüterindustrie gut verdienen. Sie zeichnen seit Jahren für den Gehaltsanstieg bei akademischen Berufseinsteigern und Fachkräften in Leitungsfunktionen verantwortlich. Gerade für Softwareentwickler oder spezielle Analysten seien Betriebe seit 2015 bereit gewesen, viel zu zahlen, sagt Seibel (siehe Grafik).

Und Corona könnte den Trend verstärken. Einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung zufolge, schätzen 92 Prozent von 200 befragten Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft, dass das Virus die digitale Transformation in Unternehmen beschleunige. Dazu braucht es die richtigen Mitarbeiter. Vor allem Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss und Facharbeiter in Leitungsfunktionen im IT-Bereich können ordentlich verdienen. Ihre Gehälter mit einem Medianwert von knapp 80.000 Euro liegen deutlich höher als die Verdienste von Mitarbeitern in anderen Berufsgruppen. Logistiker (72.782 Euro) etwa oder Personaler (76.494 Euro) müssen sich mit deutlich weniger begnügen.

Hohe Ansprüche trotz Krise

Anders gesagt: Es geht ein Riss durch die deutsche Wirtschaft, sowohl was Branchen, als auch was Berufsgruppen anbelangt. Viele bangen um ihre Jobs; anderen geht es wie Frank Bothe: Sie schmeißen mitten in der Pandemie ihren Job hin – und finden prompt etwas Neues.

Gehalt Autobranche [Quelle: WirtschaftsWoche]

Bothe, 41, Speditionskaufmann mit Masterabschluss in Logistik, optimiert seit Jahren als freischaffender IT-Berater die Software seiner Kundenunternehmen. Er war weltweit unterwegs, ständig in Kontakt mit den Menschen vor Ort: "Es war absehbar, dass das in der Pandemie unmöglich werden würde", sagt Bothe. Also warf er im Mai die Brocken hin, sah sich nach einer festen Anstellung um – und wurde vom einst mit Kameras groß gewordenen IT-Konzern Konica Minolta prompt zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Bothe stellte – Krise hin, Krise her – hohe Ansprüche: prima Gehalt, Dienstwagen, flexible Arbeitszeiten. Und siehe da: Konica Minolta nickte alles ab.

Bothes Beispiel zeigt: So wie es in jeder konjunkturellen Hochphase ein paar Branchen gibt, denen es nicht so gut geht, so gibt es auch in jeder Krise ein paar Berufsgruppen und Branchen, die profitieren. Und das kann sich lohnen für Findige und Wendige: "Die Stabilität des alten Jobs aufzugeben, das lassen sich viele Experten derzeit teuer bezahlen", sagt Gehaltsexpertin Seibel.

Gehalt Logistikbranche [Quelle: WirtschaftsWoche]

Doch auch weniger spezialisierte Arbeitskräfte können in der Krise mit Gehaltsverhandlungen erfolgreich sein, meint Anja Henningsmeyer. Sie unterrichtet seit sechs Jahren Angestellte, Vorgesetzte, Unternehmer und Freiberufler, wie sie im Berufsleben erfolgreich kommunizieren. Ihr Schwerpunkt: Gehaltsverhandlungen.

Henningsmeyer weiß, wie schwierig es ist, dem Arbeitgeber mehr Geld abzutrotzen. Zumal jetzt, in der Krise, wenn die Spielräume der Betriebe einschränkt sind. "Steht ihr Arbeitgeber tatsächlich so schlecht da, dass er keine zusätzlichen Zahlungen verkraftet", rät die Expertin, "verlangen Sie etwas, was ihn nichts oder nur sehr wenig kostet." Das können zusätzliche Urlaubstage sein. Oder interne Aufmerksamkeit: "Verlangen Sie etwa, dass Sie die nächste Präsentation vor einem wichtigen Gremium halten." Solche ideellen Goodies wirken sich zunächst nicht finanziell aus, können aber langfristig nützlich – und monetarisierbar – sein.

Die Strategie könnte sich aktuell etwa in Industriebetrieben auszahlen, deren Produktion nur schleppend wieder in Gang kommt. Die Gehaltssteigerungen im Maschinenbau deuten aktuell auf geringe Spielräume der Arbeitgeber hin. So legte das Mittelmanagement im Finanzbereich im Vergleich zum Vorjahr kaum zu: 117.864 Euro inklusive Boni. In den Personalabteilungen waren es im Mittel 120.294 Euro.

Wer allerdings in einer Branche beschäftigt sei, die eher zu den Krisengewinnern zähle – Software oder Online-Handel zum Beispiel –, könne sich auch in der unsicheren Wirtschaftslage mehr Geld einhandeln, sagt Verhandlungstrainerin Henningsmeyer. Wichtig seien dabei vor allem zwei Dinge: erstens eine gute Vorbereitung, zweitens eine gute Leitidee.

Jeder Mitarbeiter, der in Gehaltsverhandlungen einsteigt, sagt Henningsmeyer, sollte wissen, welche Gehälter marktüblich sind und sich Lohndaten wie die des WiWoGehaltsreports ansehen. Und eine Vorstellung davon entwickelt haben, wie er seinem Arbeitgeber und Vorgesetzten helfen kann. Eben dafür könne er mehr Geld fordern. "Es bringt nichts, zu referieren, was für tolle Projekte Sie in den vergangenen Jahren abgeschlossen haben", warnt Henningsmeyer: "Argumentieren Sie, was Sie jetzt und in Zukunft leisten können."

Gehälter sind Geheimwissen

Das Problem: Vielen Arbeitnehmern fehlen noch immer Anhaltspunkte, um einschätzen zu können, was sie dem Arbeitgeber wert sein sollten. Sie kennen die Gehälter der Kollegen und Kolleginnen nicht, ahnen höchstens, was die Konkurrenz zahlt. Und die Personaler auf der anderen Seite des Verhandlungstisches haben oft mit dem schieren Chaos zu kämpfen. Laut Gehaltsberater Pacher gibt es immer noch viele Firmen, die über keine kohärente Gehaltsstruktur verfügen. Bei Mittelständlern wüssten häufig nur wenige Menschen über die Entlohnung Bescheid: "Die Geheimhaltung geht mitunter so weit, dass die Gehälter bestimmter Mitarbeitergruppen auf Computern ohne Internetzugang abgelegt sind, auf die nur ganz wenige Zugriff haben." Der Grund: Es ist nicht erwünscht, dass Führungskräfte voneinander wissen, was sie verdienen. Die Chefs wollen nicht, dass große Gehaltsgefälle publik werden und sich so ihre Verhandlungsspielräume einengen.

Gehalt Konsumgüterindustrie [Quelle: WirtschaftsWoche]

Zugleich fordern immer mehr Bewerber einen Gehaltsvergleich. Das zeigt etwa eine Umfrage der E-Recruiting-Plattform Softgarden unter gut 4.000 Bewerbern: Rund 51 Prozent der Befragten würden eine transparente Gehaltsstruktur begrüßen. Auch gaben mehr als ein Drittel der Bewerber an, sie würden gerne schon in der Stellenanzeige erfahren, mit welchem Gehalt sie rechnen könnten. Nur jeder zehnte Bewerber stößt bislang auf eine geldklare Ausschreibung.

Gefragt zum Berufseinstieg [Quelle: WirtschaftsWoche]

Anders als hierzulande, ist das Gehalt in Ländern wie Schweden oder Norwegen kein Tabuthema. Jeder Bürger kann dort die steuerpflichtigen Einkommen seiner Nachbarinnen und Arbeitskollegen, seiner Chefin oder Lieblingspromis herausfinden. In Schweden genügt ein Anruf beim Finanzamt. In Norwegen sind die Daten seit Herbst 2001 sogar im Internet einsehbar. Zwei norwegische Ökonominnen haben die Folgen der Transparenzoffensive untersucht. Das Ergebnis: Die Löhne der Niedrigverdiener stiegen um 4,8 Prozent. Doch die Durchsichtigkeit hat auch Schattenseiten. Die Ökonomen Zoe Cullen und Ricardo Perez-Truglia kommen in einer Studie zu dem Schluss, dass Beschäftigte durch transparente Gehälter demotiviert werden, wenn sie weniger als ihre Kollegen verdienen. Ein Ergebnis, das ein Team um den Ökonomen David Card bestätigt hat. In Kalifornien konnten die Bürger seit 2008 die Gehälter der Staatsangestellten, darunter auch die der Mitarbeiter der University of California, einsehen. Die Universitätsangestellten, die unter dem Mediangehalt lagen, waren nach der Publikation mit ihrer Bezahlung und Arbeit unzufrieden – und geneigt, den Job zu wechseln.

Große Konzerne, hohe Löhne

Wer in Deutschland wissen will, ob er angemessen bezahlt wird, ist auf Vergleichswerte wie den Gehaltsreport angewiesen. Und sollte wissen, dass sich die Gehälter zwischen Männern und Frauen immer noch unterscheiden. Zuletzt lag der Verdienstrückstand der Frauen bei 20 Prozent. Die Lücke ist deshalb so groß, weil Frauen häufiger in Teilzeit oder in schlecht bezahlten Branchen arbeiten und weniger karriereorientiert sind, erläutert Seibel von Korn Ferry: "Wenn man Positionen in der gleichen Branche, mit gleicher Verantwortung und ähnlichen Aufgaben vergleicht, liegt der Unterschied nur noch bei zwei bis drei Prozent."

Nicht nur das Geschlecht wirkt sich auf das Gehalt aus. "Tendenziell können große Unternehmen höhere Gehälter zahlen als kleine und mittelgroße Betriebe", sagt Seibel. Laut dem Gehaltsreport der Onlinestellenbörse Stepstone zahlen große Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern 18 Prozent mehr als das errechnete Durchschnittsgehalt. Wer bei einem Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeiter arbeitet, muss dagegen mit durchschnittlich zehn Prozent weniger als der Schnitt auskommen. Entscheidend ist auch die Region, in der jemand arbeitet. Während sich das Durchschnittsgehalt in Hessen auf 64.335 Euro beläuft, liegen die Bruttogehälter in strukturschwachen Gegenden deutlich niedriger, in Mecklenburg-Vorpommern etwa bei 45.135 Euro.

Die Berufserfahrung schlägt vor allem bei Akademikern zu Buche. Sie starten in den ersten beiden Jahren mit 46.093 Euro, erzielen mit mehr als 25 Jahren Berufserfahrung ein mittleres Gehalt von 94.493 Euro. Nichtakademiker schaffen nach einem Vierteljahrhundert im Job 59.544 Euro.

Wo Leistung sich lohnt [Quelle: WirtschaftsWoche]

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Sechs-Klassen-Gesellschaft

Bei Bayer können die Mitarbeiter zumindest nachvollziehen, wie sich Unterschiede zwischen ihren Gehältern ergeben. Und das geht so: Jede einzelne Position im Unternehmen, die nicht durch einen Tarifvertrag abgedeckt ist, wird nach drei Kriterien eingestuft. Wie viel Fach- und Führungskompetenz sind für eine Stelle nötig? Wie komplex sind die Aufgaben, die vom jeweiligen Mitarbeiter gelöst werden müssen? Und wie viel Verantwortung trägt er? Je nach Bewertung landen die Mitarbeiter auf einer von sechs Stufen. Jeder Stufe sind ein Minimal- und Maximalgehalt zugeordnet, das im Intranet veröffentlicht wird. "Wer seine Rolle zu 100 Prozent ausfüllt", erklärt Picker, "liegt im mittleren Bereich des jeweiligen Gehaltsbandes." Wer sie übererfüllt oder etwa zusätzliche Aufgaben übernehme, erreiche den oberen Bereich. Einsteiger lägen erst mal am unteren Ende.

Gehalt Pharmabranche [Quelle: WirtschaftsWoche]

Wie hoch die Gehälter in den verschiedenen Gruppen sind, richtet Bayer unter anderem an Daten aus, die die Personaler einmal im Jahr von Vergütungsberatungen erhalten: "Wir vergleichen uns mit anderen Pharmafirmen, aber auch mit Dax-Konzernen aus anderen Branchen", sagt Picker. Dass die Gehaltskorridore wegen Corona in diesem Jahr nicht oder nur wenig nach oben angepasst werden könnten, ist aus ihrer Sicht noch nicht ausgemacht. "Es ist ja erst Spätsommer, das Jahr ist noch lang."

Gehalt Chemieindustrie [Quelle: WirtschaftsWoche]

Und tatsächlich, wer derzeit in der Pharmabranche unter Vertrag steht, dürfte sich finanziell wenig sorgen. In keiner anderen untersuchten Branche sind die Gehälter im vergangenen Jahr so stark gestiegen (siehe Grafik). Mittelmanager und erfahrene Experten in der Pharmabranche können im Bereich Qualitätsmanagement (137.527 Euro) und Vertrieb (141.681 Euro) besonders viel verdienen. Akademische Berufseinsteiger und Fachkräfte in Leitungsfunktionen schaffen im Vertrieb 88.560 Euro und im Finanzbereich 81.269 Euro – auch das sind im Vergleich besonders hohe Mediangehälter.

Das Kollektiv entscheidet

Doch es muss nicht immer die Abteilung, die Region oder die Branche sein, die das eigene Gehalt bestimmt. Bei manchen Unternehmen sitzt die Quelle der Ungleichheit auch nur ein paar Schreibtische weiter. Marco Olavarria ist geschäftsführender Gesellschafter der Digitalberatung Berlin Consulting und hat im Jahr 2018 ein erstaunliches System der Entlohnung eingeführt: Nicht der Chef bestimmt das Gehalt seiner Mitarbeiter, sondern das Kollektiv. Jeder Mitarbeiter erhält ein Grundgehalt, das er mit seinen Kollegen verhandeln kann. Was am Ende des Jahres als Gewinn übrig bleibt, wird zum Großteil an die Belegschaft ausgeschüttet.

Gewähren die Kollegen also ein Gehaltsplus, schmälern sie gleichzeitig ihren eigenen Bonus. "So stellen wir sicher, dass jeder zum Wohl der Firma handelt", sagt Olavarria. Die Mitarbeiter müssten abwägen zwischen der Motivation der Kollegen und dem eigenen Verdienst, müssten bewerten, wie wichtig der Beitrag des Einzelnen zum Ganzen sei. "Mit diesem System kommen wir dem Ziel näher, dass sich alle mit ihrem Gehalt wohlfühlen", sagt Olavarria. Auch Großkonzerne liebäugeln inzwischen mit solchen Modellen, deren Grundidee der ökonomischen Spieltheorie entlehnt ist. Doch eine verbreitete Praxis ist Olavarrias Ansatz noch lange nicht. Für die große Masse der Beschäftigten wird das Gehalt vorerst weiterhin von den Kriterien abhängen, die der Gehaltsreport auflistet: Branche, Fachwissen, Unternehmenserfolg.

In Leverkusen überlegen Claudia Picker und ihre Kollegen derzeit, die jährlichen Gehaltsanpassungen auf der Grundlage der simplen Kategorien zu automatisieren. "Wir wägen ab, ob der direkte Vorgesetzte tatsächlich über jede Steigerung entscheiden muss." Vielleicht kann ja auch ein Rechenprogramm die Höhe der Gehaltsanpassung auf Grundlage von Faktoren wie der Leistungsbeurteilung und der Erfahrung eines Mitarbeiters ermitteln? Entschieden ist das noch nicht. Das Ziel sei klar, sagt Picker, wohl nicht zuletzt, um Kosten zu sparen: "Das Thema Vergütung darf die Führungskräfte nicht mehr als nötig beschäftigen."

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Verdienst Branchen [Quelle: WirtschaftsWoche]

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