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Gelegenheit macht Freundschaft

Theo, der Deprimiertheitsfisch

Ich finde Briefe von Nora. Ein schwarzer Umschlag mit einer Kreidezeichnung eines Fischs darauf. Auf dem ebenfalls schwarzen Briefpapier steht: "Damit du nicht die einzige Deprimierte bist (na ja, ich bin auch noch da und Müllermobil ist sicher auch nicht der laufende Glücksmeter), hab ich mir gedacht, ich mal dir den Deprimiertheitsfisch Theo. Du könntest eigentlich, so zur Aufheiterung, deinen Franzosen mal wieder kontaktieren. Is zwar teuer, könnte aber dein Ego verbessern. Mittlerweile ist es Viertel vor eins, ich hab kein Mathe, Musik oder Physik gemacht, mir aber dafür die Bachelorette, Nicola und Popstars abwechselnd gegeben. Ach ja, und Theo traurig gemacht. Kein Wunder, dass Pisa so ein Desaster war."

Nach dem Durchwühlen meiner Kiste komme ich zum Schluss, dass das Geheimnis einer Schulfreundschaft vor allem im gemeinsamen Alltag liegt. In der vielen Zeit, die man miteinander verbringt. Möchte man eine Jugendfreundschaft auch ins spätere Leben retten, muss man sich Zeit nehmen – denn sie ist nicht mehr so selbstverständlich in rauen Mengen vorhanden. Um ein Uhr nachts einen Brief verfassen, der nur eine kurze Momentaufnahme eines Gemütszustandes ist? Da schlafe ich schon seit zwei Stunden. 20 Gründe überlegen, warum man Anna nun eigentlich genau vermisst? Zeit bleibt nur für ein vages Gefühl.

Das Geheimnis einer guten Freundschaft

"Was ist Ihnen in einer Freundschaft ganz besonders wichtig?", wollte das IfD Allensbach in der Studie wissen. Platz 1: "Dass man sich aufeinander verlassen kann, wenn man Hilfe braucht". Platz 2: "Dass man sich immer um Rat fragen kann." Platz 3: "Dass man sich offen die Meinung sagen kann." Diese drei Aspekte fanden durchschnittlich 81 Prozent der Befragten ganz besonders wichtig. Häufige Treffen und regelmäßigen Kontakt sahen die meisten dagegen gar nicht als so zentral an.

Gelegenheit macht Freundschaft

Doch muss man sich die von allen gewünschte Offenheit und Unterstützung in allen Lebenslagen nicht erst einmal erarbeiten? Wie soll das ohne Zeit füreinander funktionieren? Die Sozialpsychologin Beverley Fehr hat in den 90ern Freundschaftsprozesse untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass gegenseitige Selbstoffenbarung in Freundschaften ein zentraler Faktor ist. Und dafür braucht es Gelegenheit. Studien belegen, dass der Zufall oft eine entscheidende Rolle spielt: Wir befreunden uns mit Nachbarn, Kommilitonen und Kollegen. Einfach, weil sie in unserer Nähe sind. Die Kontakthäufigkeit wurde in zahlreichen Studien als wichtige Requisite der Freundschaftsgründung nachgewiesen. Denn auch in Freundschaften gibt es den sogenannten "Mere-Exposure-Effect": Wir empfinden Vertrautes als belohnend, weil es unser Gehirn leichter verarbeiten kann. Viele Freundschaften überleben, ohne dass die involvierten Personen sich besonderer Strategien der Freundschaftspflege bewusst wären, schreibt Beverley Fehr in "Friendship processes" – "(…) perhaps because friendship maintenance happens to be a by-product of simply spending time together."

Klingt eigentlich gar nicht so kompliziert, denke ich.

"Um die Debatte dann ganz offiziell zu beenden: Wollen wir uns einfach die Woche mal treffen?" schreibe ich Nora. Dienstag wäre bei mir ganz gut. Oder auch am Wochenende, zu viert, falls Jan da ist?"

"Das ist doch ein praktischer Ansatz ", findet Nora. "Gerne Dienstag." Und dann ist wieder alles wie früher.

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