Partner von:

Die fünf Phasen der beruflichen Neuorientierung

Sie haben ein Fünf-Phasenmodell für berufliche Neuorientierung entwickelt.

Ich habe die Phasen nach dem jeweiligen Fokus genannt; Trennungs-, Öffnungs-, Such-, Findungs- und Zielphase. In jeder Phase gibt es Aufgaben, die zu bewältigen sind. Wenn nicht, dann ist der Prozess blockiert. Blockaden helfen zu verstehen, was fehlt, womit man sich beschäftigen sollte. In der Trennungsphase, geht es unter anderem darum, Abschied zu nehmen, loszulassen, anzuerkennen, dass ich nicht mehr hilfreich sein kann. Wenn ich jedoch nicht loslassen kann, weil ich noch mit einer Kränkung beschäftigt bin, dann komme ich einfach nicht voran.

In der Öffnungsphase schaue ich unter anderem neu und neugierig um mich herum, lasse mich inspirieren. Mein Augenmerk ist hier darauf gerichtet, was gibt mir Energie? Was macht mir Spaß? Wenn ich mich jedoch ständig antreibe oder bewerte, dann trete ich in meinem Prozess vermutlich auf der Stelle. Analoges gilt für die anderen Phasen. Es braucht eben einen Entwicklungsprozess, in dem ich mich von Vertrautem verabschieden muss, um Neues zuzulassen.

Das erfordert offenbar, sich von alten Glaubenssätzen zu verabschieden.

Das prägt uns mehr, als vielen bewusst ist. Komme ich aus einer Familie, wo kreativ sein mit brotlos sein verbunden wird oder aus einem Umfeld, wo das Thema, Geld zu verdienen mit böser Kapitalist sein belegt ist, bedeutet das für mich jeweils ein Denkverbot. Zwei Beispiele aus zwei Welten. Wann immer "das darfst du nicht" greift, kann ich mich nicht richtig damit beschäftigen.

Es geht also auch um das Thema, diese Freiheit zu gewinnen.

Damit ich meinen eigenen beruflichen Weg gehen kann, muss ich wissen, wer ich bin, herausfinden was ich möchte, mich damit identifizieren, es für mich für möglich halten und gegenüber relevanten Dritten vertreten, auch wenn diese es nicht gut finden. In diesem Entwicklungsprozess geht es also auch darum, zu lernen zu sich und seinen Wünschen stehen zu können. Im Laufe des Prozesses erlangt man immer mehr innere Freiheit gerade auch von der Meinung Anderer.

Das ist sicherlich nicht einfach?

Ja, aber es lohnt sich. Wir bringen uns selbst mit, mit unseren Mustern, unseren Delegationen und unseren Blockaden. Ein Beispiel: Alle in unserer Familie sind Apotheker, ob gerne oder nicht ist zweitrangig. Darf ich diejenige sein, die das durchbricht? Wenn ich mein Selbstwertgefühl gestärkt und diese innere Freiheit gewonnen habe, mir treu zu sein, kann ich wählen. Es kann sogar sein, dass ich herausfinde, dass ich das, was ich tue, in dieser Form weitermachen möchte. Dann habe ich es aber nochmal gewählt und muss es nicht tun oder aushalten.

Was machen die von Natur aus Ängstlichen? Werden sie durch Corona noch stärker ausgebremst?

Das kann sein. Es gibt diejenigen, die aushalten. Zu denen sage ich: Gehe nur das Risiko ein, das zu dir passt. Aber Achtung, wenn die Situation dich krank macht, wenn du schon abends denkst, oh Gott, morgen muss ich wieder dahin. Dann geht es um Gesundheit und Leben! Und auch eher Ängstliche können sehr zielstrebig und initiativ werden, wenn sie das Ihre gefunden haben, mit dem sie sich identifizieren.

Was tun, wenn die Antriebslosigkeit dominiert?

Untersuchen: Schauen, was macht mich lustlos? Hat es was mit der Arbeit zu tun? Oder ist es eher privat? Wenn Arbeit: Ist es der Chef, die Kollegen, der Inhalt? Was brauche ich, um wieder zu Kräften zu kommen? Also prüfen und sich ernst und wichtig nehmen. Vielleicht gibt es jemanden, mit dem ich die Fragen durchsprechen kann? Und weiter klären anhand der Formel "Love it", kann ich mich arrangieren, für wie lange? "Change it", kann ich umsteuern? Möchte ich das? "Leave it"? Wenn beides nicht geht, dann sollte man möglichst bald einen Wechsel in Betracht ziehen. Bedenken Sie immer, alles hat seinen Preis.

Manchmal zwingt eine von außen gesetzte Krise, durch Corona, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Scheidung, zum Umschwenken. Was hilft, das zu meistern?

Einige Punkte aus Sicht der Resilienz aber auch aus meiner Erfahrung. Es kann ein Anker sein, wenn ich schon einmal eine Krise positiv bewältigt habe beziehungsweise auch positive Vorbilder helfen. Familie und Freunde, auf die ich zählen kann, aber auch finanzielle Ressourcen sind nicht zu verachten. Als Person ist es von Vorteil, wenn ich die Fähigkeit habe, das Positive zu sehen, einen Grundoptimismus.

Kann ich mich von bestimmten Selbstverständlichkeiten verabschieden? Ich hatte zum Beispiel immer einen Job, jetzt habe ich ihn verloren. Wie weit kann ich das, was passiert ist, annehmen? Das Gefühl von Selbstwirksamkeit trotz des Einschnitts unterstützt die eigene Handlungsfähigkeit. Gerade jetzt, wo so viele Menschen existentiell durch Corona gebeutelt sind, kann man die Unterschiede sehen. Und sich auf so eine neue Situation einzulassen, ist schwer. Krisen sind aber auch Herausforderungen. Sie sind es, in denen wir als Person wachsen, ja reifen können, weil für die Bewältigung Neues Platz nehmen muss.

Glauben Sie, dass man Resilienz lernen kann?

Man kann neue Bewältigungsstrategien lernen. Es bedarf eines inneren Lernprozesses bevor neues Verhalten wirklich internalisiert, also Teil von mir wird. Resilienz ist etwas, das vor allem in der Kindheit geprägt wird. Es gibt Leute, die haben Glaubenssätze, wie: Was auch immer passiert, ich werde nicht untergehen. Die Welt wird einen Platz für mich haben.

Andere haben das Gegenteil. Letztere können lernen, ein Zutrauen in sich und die Welt zu gewinnen. Es geht um Selbstwirksamkeit. Ich habe Handlungsmöglichkeiten, bin nicht allein Opfer, kann mir Hilfe organisieren. Meine Mutter sagte immer: "Wer weiß, wofür es gut ist". Zu unterscheiden, das zu akzeptieren, was ich nicht verändern kann – ohne dauernd zu hadern – und zu schauen, was kann ich verändern und das zu tun. Das scheint mir ein guter Weg.

Die Fragen stellte Ursula Kals

Alle Rechte vorbehalten. Copyright Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

nach oben

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Verwandte Artikel

Du hast eine zündende Idee für einen Artikel auf e-fellows.net? Schreib für uns als Gastautor. Wir freuen uns auf deine Beiträge!

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren