Partner von:

Nur Technikwissen ist zu wenig

Meterstab Zollstock Technik Ingenieure [Quelle: freeimages.com, humusak2]

Quelle: freeimages.com, humusak2

Wer als Ingenieur ins Management will, kann das Rüstzeug mühsam im Job erlernern - oder an einer Business-School.

Ein Studium allein war für Lutz Göbel nicht genug. Als er den Diplom-Ingenieur von der RWTH Aachen in der Tasche hatte, ging er zunächst ein paar Jahre in die Praxis. Dann rüstete er auf: Göbel unterbrach für ein Jahr, schrieb sich an der französischen Wirtschaftshochschule Insead ein und absolvierte dort das praxisnahe Managementstudium mit dem Abschluss Master of Business Administration (MBA). Das bereitete ihn für die nächsten Karriereschritte vor: Er stieg als Firmenchef bei Achenbach Buschhütten ein, der Anlagenbauer ist im Besitz seiner Familie. Danach folgten einige Wechsel - aber die Führungsrollen blieben. Heute ist der Ingenieur Inhaber und Firmenchef von Henkelhausen, einem Industriemotorenhändler mit 200 Mitarbeitern.

Auch für manch anderen Ingenieur ist das der Weg: Erst das Fachstudium, dann die Führungsausbildung. Für Timmo Axel Sturm zum Beispiel. Schon während seines Ingenieurstudiums an der TU München arbeitete er bei MBB Aerospace, lernte dort die praktische Seite des Ingenieurberufs kennen. Diese Einblicke ließen den Gedanken reifen, sich nach dem Erststudium noch weiter zu qualifizieren. "Das ganze Berufsleben lang nur zu konstruieren reichte mir nicht. Ich wollte meinen Horizont erweitern", begründet er seine Entscheidung, die ihn von München in die USA geführt hat. In Philadelphia hängte er direkt ein zweites Studium an - ein MBA an der Wharton School der University of Pennsylvania.

Heute, 20 Jahre nach seinem Managementstudium, ist Sturm eine erfahrene Führungskraft. Er arbeitet als Geschäftsführer von A-Connect, ist in dieser Rolle Deutschlandchef des weltweit tätigen Beratungsunternehmens. Seit fast anderthalb Jahrzehnten trägt er Verantwortung als Vorgesetzter, seine Karrierestationen: Geschäftsführer eines Startups ("Das waren die wilden Nullerjahre"), dann SAP, seit zwei Jahren in seinem derzeitigen Job.

Die Kombination, die Sturm und Göbel auf dem Weg zum Firmenchef wählten, liefert einige Pluspunkte. Das Ingenieurstudium macht fit in der Kernkompetenz, mit der deutsche Unternehmen auf den Weltmärkten glänzen: Das "Made in Germany" steht für allseits bewunderte industrielle Leistungen im Automobilsektor, Maschinenbau und Anlagenbau. "Technische Expertise ist deshalb in vielen Unternehmen Voraussetzung für eine Aufstiegsposition", sagt Winfried Weber, Professor an der Hochschule Mannheim und Berater von Führungsleuten aus der Industrie. Auf die Aufgaben in der Rolle als Chef bereitet das MBA-Studium vor. "Hier gibt es von Rechnungswesen über Marketing bis zu Teambuilding das nötige Wissen", sagt Weber. Seine Erfahrung: Besonders für Aufstiegswillige in Konzernen sei es hilfreich, wenn sie eine formale Qualifikation wie den MBA nachweisen können. Denn das technische Studium allein liefere zu wenig Wissen jenseits dieses Fachgebiets. Wenn etwa ein Diplom-Ingenieur zum Fertigungsleiter aufsteigt und von einem Tag auf den anderen Personal- und Zielverantwortung bekommt, ist er gut beraten, sich das nötige Rüstzeug dazu zu besorgen.

Claudia Peus kennt solche Situationen. Sie ist Professorin an der TU München und verantwortlich für den Executive MBA; immer wieder hört sie von Teilnehmern Äußerungen wie diese: "Plötzlich musste ich ein Team führen, Mitarbeiter motivieren, Projekte länderübergreifend managen. Gelernt habe ich das eigentlich nicht." Solche Einschätzungen seien typisch für Ingenieure und Naturwissenschaftler, die in einer Führungsposition landen. Ihnen fehlt das Handwerkszeug für den Alltag im Management — und zwar nicht nur für den richtigen Umgang mit auf der wirtschaftlichen Seite. "Kosten kalkulieren, Marketingmittel planen, Businesspläne durchrechnen und managen, all das lernt man nicht im Ingenieurstudium", sagt Klaus Christians, Personalberater bei Corporate Management Recruiting (CMR) in München und Experte für Führungslaufbahnen, "da stoßen die Techniker schnell an ihre Grenzen."

Der übliche Weg, diese zu überwinden, führt freilich nicht direkt in einen Kurs an der Business-School. Typisch ist eher ein pragmatischer Ansatz: "Da wird ein hemdsärmeliger Weg gewählt. Die Leute lernen das nach und nach in der Praxis", berichtet Professor Weber, wie mancher seiner Klienten im Coaching mit der neuen Herausforderung umging. "Man orientiert sich an dem, was die anderen Führungskräfte tun, schaut sich bei den Erfahrenen ein paar Techniken ab - und abends wird vielleicht auch einmal das Fachbuch 'Planung und Budgetierung für Praktiker' zur Hand genommen." Auch damit kann man weiterkommen.

"Der Mittelstand ist das Zuhause der Karrieren, die durch autodidaktisches Lernen ermöglicht wurden", berichtet der Mannheimer Hochschullehrer. Beispiel: Frank Ohle etwa war viele Jahre als Vorstandschef des Verpackungsspezialisten STI Group tätig. Eine Führungsausbildung an einer Hochschule durchlief der Diplom-Physiker dafür nicht. Erfolgreich war er in seiner Aufgabe trotzdem. Dennoch hat der Masterkurs an der Kaderschmiede einige Vorteile. "Viele Teilnehmer gehen sehr gezielt in das MBA-Studium", berichtet Professorin Peus, "sie sind an einem Punkt ihres Berufsweges angelangt, wo sie sich sagen: ,Ich will noch einmal nachladen.'"

Ein Beispiel dafür nennt Personalberater Christians. "Viele Ingenieure sind stark in den technischen Kernthemen. Aber häufig fehlt es an belastbaren Englischkenntnissen und einem einigermaßen sicheren Umgang auf dem internationalen Parkett." Das im Job durch Versuch und Irrtum zu lernen, sei keine gute Idee, weil es lange dauern und in Sackgassen führen kann. In einem MBA-Studium hingegen würden diese Themengebiete alsTeil des Gesamtpaketes mitgeliefert. Ein MBA-Studium an einer englischsprachigen Wirtschaftshochschule, möglichst im Ausland, sei empfehlenswert. Durch die Gruppenarbeit, die Diskussionen über Fallstudien und die internationale Zusammensetzung der Klassen würde man dort sehr schnell lernen, wie man eine Gruppe überzeugt, in der nur Kommilitonen sitzen, die den eigenen Kulturkreis nicht kennen. "An einer guten Business-School kann man Erfahrungen sammeln, an die man im Unternehmensalltag gar nicht herankommt", sagt der Münchener Karriere-Experte.

Steffen Leistner hat all das genutzt. In seinem Vorleben studierte er Bergbau in Moskau, war bestens aufgestellt in seinem Fach, wurde Schichtsteiger in einer Schwerspatgrube in Klingenthal. Später entwickelte er im Rahmen eines Projektes für die Dissertation ein Oberleitungssystem für den Untertagebau - alles typische Ingenieuraufgaben. "Es war eine rein technische Ausbildung", sagt Leistner im Rückblick. Erst im MBA-Studium lernte er systematisch, wie man Führungsaufgaben angeht: Er bewarb sich an der Harvard Business School (HBS) - und wurde genommen. "Das brachte mir extrem anwendungsreifes Wissen. Ich konnte viele Lücken schließen, lernte endlich die wirtschaftliche Seite der Führung."

Er spezialisierte sich auf Marketing und Finanzierung. Anschließend machte er seine zweite Karriere in der Telekombranche und wechselte schließlich ins Beratungsfach, wurde Partner im Moskauer Büro von Strategy&, die viele noch unter ihrem alten Namen Booz & Company kennen. Das MBA-Studium an der HBS habe nicht mit BWL-Theorie gelangweilt, sondern sei immer zum praktischen Kern vorgedrungen. Überdies habe er gelernt, dass es im Führungsalltag nicht immer auf den typischen Weg des Ingenieurs ankomme. Als Techniker sei man dafür trainiert, Probleme logisch und strukturiert zu knacken - und erst aufzuhören, wenn die 100-Prozent-Lösung steht. Der MBA dagegen habe ihm gezeigt, dass der pragmatische Weg der richtige sei: Oft reiche die 80-Prozent-Lösung, weiß Leistner seitdem. "Man lernt, Prioritäten zu setzen, offener über andere Lösungswege nachzudenken - und genau jene Fragen zu stellen, die eine Sache wirklich weiterbringen." 

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

Stipendiaten und Alumni von e-fellows.net können kostenlos oder ermäßigt zahlreiche Online-Kurse belegen oder an Seminaren teilnehmen.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren