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Können 500.000 Studenten irren?

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Quelle: tempus corporate, Getty Images

"Und was willst du später damit machen? Taxifahren?" Eine Klischeefrage, die hartnäckig an einem geisteswissenschaftlichen Studium klebt. Klar: Ein Master in Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften oder Philosophie ist keine Rutschbahn in einen bestimmten Job. Oder überhaupt in irgendeinen. Geisteswissenschaftler haben nachweislich schlechtere Berufsaussichten als Absolventen anderer Fächer. Warum haben sich trotzdem über eine halbe Million Studenten dafür entschieden?

Dass die Karrierechancen für Geisteswissenschaftler schlechter sind als in vielen anderen Studienfächern, ist bekannt: Längere Jobsuche und mäßige Bezahlung, Projektarbeit und zeitliche Befristungen gehören zum Alltag vieler 'Geistis'. Die wenigen Jobs, die sich explizit an Geistes- und Kulturwissenschaftler wenden, sind begehrt, die Konkurrenz groß; schließlich stellen Geistes-, Sprach- und Kulturwissenschaften in Deutschland mit über 500.000 Studenten die zweitgrößte Fächergruppe dar.

Während die Geisteswissenschaften in den USA traditionell unbeliebt sind und in Großbritannien ebenfalls an Anziehungskraft verlieren, nimmt die Anzahl an Geisteswissenschaftlern in Deutschland seit dreißig Jahren fast kontinuierlich zu. Warum?

1. Das machen, was Spaß macht

Immer wieder lautet die Antwort: "Weil es Spaß macht." Viele junge Menschen empfinden die Schulzeit als anstrengend und langweilig, so wie Carina. Sie ist 18 und hat gerade ihr Abitur gemacht: "Die Lerninhalte wurden uns in der Schule regelrecht eingetrichtert. Bei den Klausuren haben wir das Gelernte dann wieder ausgespuckt und anschließend vergessen. Lernen fürs Leben war das nicht." Wen wundert es da, dass viele junge Menschen nach dem Abi etwas tun wollen, was ihnen Spaß macht?

Den meisten Studenten der Geistes- und Kulturwissenschaften ist klar, dass sie voraussichtlich nicht reich werden. Und stellen sich darauf ein. Studien belegen: Geld ist ihnen nicht so wichtig. Nur die wenigsten wissen allerdings, wie hoch bzw. niedrig der durchschnittliche Bruttolohn von Geisteswissenschaftlern tatsächlich ist. Etwas mehr als 30.000 Euro pro Jahr verdient ein Jobeinsteiger, der zuvor ein kultur-, geistes- oder sprachwissenschaftliches Studium absolviert hat. Im Vergleich zu anderen Akademikern ist das ziemlich wenig, aber immer noch mehr, als Nicht-Akademiker verdienen.

"Geld ist nicht alles. Viel wichtiger ist, dass man im Studium und später im Job glücklich ist." So beschreibt es Lena, die Vergleichende Kulturwissenschaften studiert. Sind Philosophen, Historiker und Co. also wenigstens glücklicher? Quasi als Ausgleich für ihren geringeren Verdienst? Erstaunlicherweise lautet die Antwort: Nein.

Eine großangelegte Studie aus dem Jahr 2013 zeigt, dass Geisteswissenschaftler auch zehn Jahre nach ihrem Abschluss unzufriedener mit ihrem Job sind als der Durchschnitt aller Studenten. Glücklicherweise handelt es sich bei den Unzufriedenen nur um eine Minderheit: Rund 80 Prozent aller 'Geistis' sind in ihrem Job glücklich; im fächerübergreifenden Durchschnitt sind es 85 Prozent.

Aber: Wären diejenigen, die sich leidenschaftlich für Kants kategorischen Imperativ, die Gemälde Kandinskys oder die Zweite Lautverschiebung interessieren, mit einem anderen Studienfach glücklicher? Wären sie in ihrem Anschlussjob rundum zufrieden? Das darf man bezweifeln.

2. Sammelplatz für Unentschlossene

Viele Abiturienten wissen nach dem Schulabschluss nicht, was sie beruflich machen wollen. Gerade für Unentschlossene ist ein geisteswissenschaftliches Studium verlockend: Für eine Ausbildung fühlen sich viele nicht bereit; außerdem bietet ein Studium mehr Zeit, um sich auszuleben. Es gewährt einen Aufschub, bis das echte Leben beginnt. Naturwissenschaftliche Studienfächer gelten als schwierig und mit hohen Abbruchquoten belastet. Geisteswissenschaften haben dagegen oft keinen oder nur einen niedrigen Numerus clausus. Und Deutsch, Geschichte oder Englisch fanden die Betreffenden schon in der Schule gut. Also entscheiden sie sich für ein Geschichts-, Germanistik- oder Anglistikstudium und hoffen, dass ihnen der passende Berufswunsch schon noch einfällt – oft mit mäßigem Erfolg.

3. "Irgendwas mit Medien"

Trotz niedriger Gehälter und fraglicher Zukunftsaussichten hoffen viele Berufseinsteiger auf die Medienbranche. Umfragen zufolge ist sie die mit Abstand beliebteste Branche deutscher Absolventen. Wer offen für Neues ist und sich mit seinem Beruf besonders identifizieren möchte, will am liebsten in der Medienbranche arbeiten und studiert bevorzugt Geisteswissenschaften – das haben Studien ergeben.

Die Diskrepanz zwischen dem guten Image der Medienbranche und den Arbeitsbedingungen, die dort tatsächlich herrschen, hat viel mit Idealvorstellungen und Klischees zu tun: Auf der einen Seite steht das Wunschbild des hippen Mediendesigners, der an abwechslungsreichen Projekten arbeitet. Auf der anderen Seite steht der kühle Wirtschaftswissenschaftler, der für Geld seine Seele verkauft, oder der verschrobene Informatiker, der Tageslicht nur im Ausnahmefall zu sehen bekommt. Natürlich wissen die meisten, dass das Klischees sind, trotzdem möchten sie lieber einem Beruf nachgehen, der verspricht, ihren Wünschen nahezukommen. Ob die Realität dem standhält, steht auf einem anderen Blatt.

4. Hohe Zahl an Lehrämtlern

Sie werden gerne unterschlagen: die vielen Lehramtsstudierenden, die sich in den Geisteswissenschaften tummeln. Dabei machen sie fast ein Drittel aller 'Geistis' aus. Warum sie sich für ihren Studiengang entschieden haben, ist klar: Wer später einmal Englisch, Geschichte, Spanisch, Französisch oder Deutsch unterrichten möchte, muss dieses Fach auch studiert haben.

5. Nicht das Fach zählt, sondern die Qualifikation

Geisteswissenschaftler sind vielseitig einsetzbar. Ihre Schlüsselqualifikationen – Kommunikationsstärke, Organisationstalent und kritisches Denken – werden in vielen Branchen gesucht. Im Marketing, in Personalabteilungen und im Verkauf sind Geisteswissenschaftler gerne gesehen und oft vertreten. Natürlich müssen die Absolventen neben den Soft Skills auch praktische Erfahrungen vorweisen; dann aber stehen ihnen in vielen Branchen die Türen offen.

Lieber etwas "Vernünftiges" studieren?

Es gibt gute und schlechte Gründe, Geisteswissenschaften zu studieren. In jedem Fall sollte man sich vor dem Studium über die eigene Motivation Gedanken machen: Wer keine Ahnung hat, wie es weitergehen soll, ist mit einem geisteswissenschaftlichen Studium nicht gut beraten. Wen dagegen die Inhalte interessieren, und wer sich auf einen erschwerten Einstieg gefasst macht, sollte an seinem Ziel festhalten.

Nur BWL oder Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren, weil es vermeintlich "vernünftiger" ist, hilft niemandem. Zwischen Taxifahren und Medienberuf finden sich eine ganze Reihe spannender Jobmöglichkeiten für Geisteswissenschaftler, auch wenn sie nicht unbedingt einen fachlichen Bezug zum Studium haben.

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