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Amor auf Achse

Fernbeziehung, Bahnsteig, Reise [Quelle: unsplash.com, Autor: Charles Forerunner]

Quelle: unsplash.com, Charles Forerunner

Was machen 344 Kilometer Entfernung mit einer jungen Liebe? Lisa, 23, und Friedrich, 24, über Selbstverwirklichung, Vertrauen und das Pro und Contra einer Fernbeziehung.

Lisa: August 2015, Homburg

Am Ende meiner Grübelei, ob ich wegen Friedrich in Homburg bleiben sollte, steht ein schallendes Lachen. Es ist das Lachen meiner Großmutter, der ich gerade diese Frage gestellt habe. Sie sagt nichts weiter, rührt nur in ihrem Tee, aber ich weiß, was sie meint: "Kind, ihr werdet den Rest eures Lebens an einem Ort zusammenkleben. Nutz die Zeit, die dir für dich alleine bleibt."

Während wir schweigend an ihrem alten Küchentisch sitzen, sehe ich die letzten fünfzig Jahre im Leben meiner Großmutter vor mir. Jeden Tag in diesen fünfzig Jahren hat sie mit ihrem Mann verbracht. Plötzlich weiß ich: Friedrich und ich haben alle Zeit der Welt. Wir haben nichts zu verlieren, wenn wir noch ein paar Jahre unser eigenes Ding machen. Wir haben viel zu verlieren, wenn wir es nicht tun.

Friedrich: September 2015, Augsburg

Es ist schon die fünfte Wohnung, die wir uns anschauen. Sie haben alle eines gemeinsam: Es gibt keinen Platz für mich. "Sie ziehen alleine ein, Frau M.?", fragt der Vermieter, wie jeder Vermieter zuvor. Und wie jedes Mal strahlt Lisa: "Jup, mein eigenes Reich!"

Ich weiß, dass ich mich für sie freuen sollte – und irgendwie tue ich das auch. Ich bin froh für sie, dass sie endlich näher an ihren geliebten Bergen wohnt. Ich bin froh, dass sie in ein paar Wochen ihren Wunsch-Master antritt. Ich bin froh über das Leuchten in ihren Augen, als sie den riesigen alten Kastanienbaum entdeckt, der direkt vor dem Balkon wächst. Diese Wohnung, diese Stadt, dieses Studium ist genau ihr Ding.

Ihres, nicht unseres.

Lisa: Oktober 2015, Augsburg

Es gibt kein schöneres Geräusch auf der Welt als die eigene Wohnungstür, die beim Heimkommen hinter einem ins Schloss fällt. Mit meiner Tasche hänge ich auch meinen Unitag für heute an den Nagel: das nahende Referat, den überfüllten Bus, meine quasselnden Kommilitonen.

Es ist 17 Uhr und noch hell und warm draußen. Ich werde mich mit einem Glas Melonenlimo auf meinen Balkon setzen, in den Kastanienbaum schauen und ein Buch lesen. Dann werde ich mir etwas kochen, oder auch nicht. Auf jeden Fall werde ich baden und eine Kerze anzünden, wenn es dunkel wird. Ich werde mich von Kopf bis Fuß eincremen, meine lila Fleecehose anziehen – und keinen BH. Ich habe alles, was ich brauche. Ich werde genau das tun, was ich will. Niemand wird irgendetwas daran ändern. Es könnte nicht besser sein.

Friedrich: April 2016, Homburg

Erst, als ich den Hörer auflegte, merke ich, dass es in meiner Wohnung dunkel ist, dunkel und leer. Sofort schäme ich mich, diesen Satz auch nur gedacht zu haben. Ich knipse das Deckenlicht an und setze mich wieder an den Schreibtisch zu meinen Baustoffkunde-Mitschriften. In anderthalb Jahren werde ich Architekt sein und anderer Leute Zuhause entwerfen: Der Gedanke hatte mich früher angetrieben, jetzt macht er mich traurig.

Natürlich habe ich Lisa oft gefragt, wie es nach unseren Abschlüssen weitergehen soll. Und natürlich hat sie mir jedes Mal versichert, dass wir dann schon einen Weg finden. Aber ich will keinen Weg finden. Ich will ein Zuhause. Und ich will, dass sie das auch will. Dass wir gemeinsam Pläne schmieden und die Tage herunterzählen, bis es endlich soweit ist. Dass wir uns sagen, bevor wir den Hörer auflegen: "Halt durch. Es wird bald alles gut sein."

Lisa: Dezember 2016, Augsburg

Erst an Weihnachten merkt man so richtig, wie falsch Distanz in einer Beziehung ist – zumindest, wenn man dem Fernsehprogramm glauben darf. Überall Paare, die gemeinsam Schlitten fahren, gemeinsam Geschenke verpacken, gemeinsam Glühwein trinken. Aber nirgendwo sieht man, wie sie im Anschluss über das dreckige Bad streiten oder übers Abendessen oder er mit den Augen rollt, weil sie lieber ihren Norwegerpulli trägt als ein Négligé.

Ich liebe Friedrich und ich liebe es, wenn wir gemeinsam Schlitten fahren, Geschenke verpacken, Glühwein trinken. Aber ich bin auch heilfroh, dass wir uns nie so lange sehen, dass das Bad dreckig wird und einer es putzen muss; dass uns noch nicht die Ideen fürs Abendessen ausgehen oder die Lust auf Sex. Ich bin heilfroh, dass es Abende gibt, an denen wir uns nur hören, nicht sehen. An denen ich tragen kann, was ich will, an denen es egal ist, wie die Wohnung aussieht. Dass die Worte "Waschmaschinenentkalker", "Urinstein" und "Essensplan" in unserer Beziehung nicht vorkommen. Dass niemand für den anderen zurückstecken muss, weder bei kleinen noch bei großen Dingen. Dass wir uns nie im Weg stehen.

Ich bin heilfroh, dass ich unsere Liebe noch ein paar Jahre vor dem Alltag beschützen kann.

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