Partner von:

"Das Zeitalter der Kopie hat begonnen"

Innovationen [Quelle: freeimages.com, Autor: Buckey]

Quelle: freeimages.com, Buckey

Oded Shenkar, Forscher des Fisher College of Business der Ohio State University behauptet, dass Unternehmen zu viel Wert auf Forschung und Entwicklung legten. In Zukunft sei es immer wichtiger, gut zu kopieren, statt Neues zu erfinden.

Herr Shenkar, Sie behaupten, Innovationen seien überbewertet, den Wert der Imitation dagegen verkennen wir. Wie kommen Sie zu dieser Auffassung?

Zunächst einmal: Zahlreiche Unternehmen, die wir für Innovatoren, für Erfinder halten, sind in Wahrheit nichts anderes als gute Imitatoren. Die meisten Unternehmen, die große Erfindungen gemacht haben, gibt es heute nicht mehr. Übrig geblieben sind die, die gut kopiert haben. Diese Marken sind so bekannt, dass wir glauben, sie hätten das Produkt erfunden. Wir leiden unter einem Effekt, den man "Survivor Bias" nennt – wir kennen nur die Gewinner.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Weder McDonald’s noch Burger King haben den Fast-Food-Burger erfunden, sondern ein heute kaum bekanntes Unternehmen namens "White Castle". Diner’s Club hat die erste Kreditkarte auf den Markt gebracht, das Unternehmen kennt heute kaum mehr jemand. Auch Wrigley’s hat nicht den Kaugummi erfunden.

Für das Unternehmen mit der vielleicht größten Innovationskraft halten wir Apple...

...das weder das Smartphone noch den PC, noch den iPod erfunden hat! Steve Jobs ist es gelungen, diese Produkte zu designen, sie billig zu produzieren und sie zu vermarkten. Apple ist ein Beispiel für einen guten Imitator, nicht für einen Innovator.

Niemand will gerne ein guter Imitator sein. Warum eigentlich?

Weil die Kopie in unserer Gesellschaft ein schlechtes Image hat. Das bekommen wir von klein auf so beigebracht. Eine Erfindung wird gefeiert, die Kopie ist nur ein Abklatsch. Dabei stimmt das so nicht. Manche Kopien sind schlechter als das Original, viele sind sogar besser. Das Image der Kopie ist außerdem kulturabhängig. Es war nicht immer so und ist auch heute in asiatischen Kulturen nicht so.

Wann hat sich das gewandelt?

In der Antike gilt es als Fähigkeit, eine gute Kopie erstellen zu können. Der Kopie haftet kein Stigma an. Imitation ist die Hauptmethode der Pädagogik. Menschen lernen etwas, indem sie andere imitieren. Die höchste Form ist tatsächlich eine gute Kopie mit einer eigenen Innovation. Das ändert sich langsam in der Renaissance. Der "Ethos der Kreativität" entsteht und entwickelt seine stärkste Ausprägung Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir glauben im Westen dann an eine Art Genie, das quasi aus dem Nichts Neues schöpft. Blödsinn.

Warum kommt es zu diesem Prozess?

Die meisten Erfindungen der Neuzeit entstehen in Europa, gleichzeitig entdeckt der Westen die Welt und sieht die "Rückständigkeit" anderer Länder. Daraus entwickelt sich eine Art Stolz. Man bildet sich etwas darauf ein, innovativ zu sein. Seit ein paar Jahren nun schwingt das Pendel wieder zurück. Imitationen werden wieder höher geschätzt: In der Biologie, in der Philosophie, nur in der Wirtschaft nicht.

Eine Firma, die etwas erfindet, ist stolz darauf. Warum sollte sie es nicht sein?

Ich sage nicht, dass Innovationen schlecht sind. Ich rate nur: Achten Sie lieber darauf, wie Sie Geld verdienen, anstatt sich auf Ihre Erfindungen viel einzubilden.

Hat das Unternehmen, das innovative Produkte auf den Markt bringt, nicht gewaltige Wettbewerbsvorteile?

Nur solange es ein Monopol hat und es ihm gelingt, die Erfindungen schnell zu implementieren. Ansonsten hat der Imitator gewaltige Vorteile. Nehmen Sie nur die Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In einem Auto, das 10.000 Euro kostet, stecken rund 1500 Euro Forschungsausgaben. Wenn sich die ein Unternehmen sparen kann, hat es große Vorteile. Zudem kann es Fehler vermeiden, die der Innovator begeht. Aber auch die Dauer von zeitlich begrenzten Monopolen verkürzt sich immer mehr.

Woran liegt das?

Zum einen ist es die Globalisierung. Menschen reisen mehr, sehen mehr, kommunizieren mehr. Hinzu kommt die zunehmende Fluktuation von Mitarbeitern. Mittlerweile ist es üblich geworden, dass nicht nur einzelne Personen, sondern ganze Teams die Firma wechseln. Damit wandern auch Ideen mehr. Außerdem ist es mit der heutigen Technik viel leichter geworden, etwas zu kopieren. Schließlich trägt auch der Boom der Unternehmensberatungen dazu bei. All das führt dazu, dass Innovation an Stellenwert verliert. Wir treten in das Zeitalter der Imitation ein.

Mit welchen Folgen?

Wichtiger als Innovationskraft wird die Infrastruktur, Produkte schnell und zuverlässig herstellen zu können. Nehmen Sie ein chinesisches Möbelunternehmen, das eine Design-Messe in Mailand besucht. Heute kann ein Mensch die Produkte mit einem Smartphone abfotografieren und ausmessen lassen. Die Muster schickt er in die Fabrikstadt Dongguan im Perlflussdelta, und innerhalb kürzester Zeit gehen die Möbel in die Massenproduktion. Länder, die über eine solche ökonomische Infrastruktur verfügen, werden zu den Gewinnern gehören.

Die Autoindustrie in China beweist doch das Gegenteil: Seit 20 Jahren versuchen chinesische Unternehmen über Joint Ventures an westliche Technologie zu kommen. Es gelingt ihnen aber nicht.

Weil das Original noch ein besseres Image hat und China eine sehr statusfixierte Gesellschaft ist. Wenn Sie sich den Markt für Nutzfahrzeuge oder kleine Motorräder ansehen, erhalten Sie ein anderes Bild. In diesen Bereichen ist den Käufern die Marke vollkommen egal. Prompt entscheiden sich die Kunden für die billigere Kopie. Eine andere Strategie Chinas ist es, einfach ganze Unternehmen zu kaufen: Lenovo hat die PC-Sparte von IBM übernommen, Geely Volvo und Sany den deutschen Baumaschinenkonzern Putzmeister. Damit kommen sie automatisch in den Besitz der Marke und der Technik.

Vielen im Westen macht das Angst. Halten Sie das für unbegründet?

Große Erfindungen werden auf der Welt fast immer nur einmal gemacht: der Fernseher, das Auto, der Computer. Das bedeutet auch: Sie müssen imitieren, wenn Sie überleben wollen. Wir sollten diese Fähigkeiten höher schätzen, anstatt vor ihnen Angst zu haben.

China legt zunehmend Wert auf seine Innovationskraft. Man will nicht mehr nur das "Reich der Kopien" sein. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung steigen. Widerspricht das nicht dem, was Sie sagen?

Und sie haben mit rund 2,5 Prozent des BIPs fast schon westliches Niveau erreicht. Das ist sicherlich richtig. Wird China deswegen wirtschaftlich erfolgreicher werden? Ich glaube nicht. Große Erfindungen sind eine Sache des Nationalstolzes – darum geht es China. Die chinesische Führung ist auch geradezu besessen darauf, mehr Nobelpreisträger zu haben. Alles schön und gut – nur garantieren Innovationen nicht, dass erfolgreiche Unternehmen entstehen. Der Roboter wurde in den USA erfunden, wo Innovation heute quasireligiös verehrt wird. Dabei assoziieren wir Automatisierungstechniken heute mit Deutschland, vor allem aber mit Japan.

Was bedeutet das global? Welche Länder werden langfristig zu den Gewinnern gehören?

Es werden auf jeden Fall solche sein, die über eine gute, moderne Produktionsinfrastruktur verfügen. Das finden Sie heute in Südchina, in Taiwan, stellenweise auch in Süddeutschland. Auch kleine Länder wie Finnland oder Israel können eine Nische finden, indem sie sich spezialisieren. Problematisch könnte es für Staaten werden, die über keine Industrie mehr verfügen wie Großbritannien, aber auch die USA.

Deutschland bildet sich viel ein auf seine Innovationskraft. Italien ist das Land des Designs, der Mode. Was wird aus diesen Ländern im globalen Wettbewerb?

Als ich einen Vortrag in Italien hielt, widersprachen mir zwei Zuhörer heftig: Der eine war ein Regierungsmitglied, der andere der Chef der Jeansfirma Diesel. Sie meinten, Innovation sei nach wie vor der Schlüssel zum Erfolg. Meine Antwort war: Hat Diesel die Jeans erfunden? Innovationen sind eine wundervolle Sache. Ich sage nur: Wir sollten den Wert der Imitation nicht unterschätzen. Wer überlebt, sind oft die besten Kopierer, nicht die Erfinder. Das war lange Zeit die eigentliche Stärke der deutschen Wirtschaft: Hier wurden Erfindungen erfolgreich in die Massenproduktion überführt. Was im Westen mehr gefördert werden muss, sind Imitationsfähigkeiten.

Wie würde das aussehen?

Am wichtigsten ist ein Kulturwandel. Wenn die Kopie ein besseres Image hätte, verändert sich das Bewusstsein. Noch wollen auch große Imitatoren wie zum Beispiel Procter & Gamble nicht zugeben, dass sie kopieren. Die nennen das dann lieber "Open Innovation". Mehr Mitarbeiter könnten das Potenzial eines Imitats erkennen. Dafür bräuchten wir in der Wirtschaft mehr Leute aus anderen Disziplinen.

Weil interdisziplinärer Ideenklau nicht geächtet ist?

Er wird überhaupt nicht als solcher empfunden. Im Gegenteil – Menschen sind sehr kooperativ, wenn ihr eigener Geschäftsbereich nicht gefährdet ist. Erinnern Sie sich an das Gerät, das man früher benötigte, um eine Kreditkartenzahlung durchzuführen, eine Art Druckmaschine? Diners-Club-Chef und Kreditkartenerfinder Frank McNamara hat das von der Reisebranche geklaut. So wurden ja jahrelang Flugtickets ausgestellt.

Was raten Sie innovativen Firmen, die ihre Produkte schützen wollen?

Denken Sie aus Kundensicht: Was hat ein Käufer davon, das Original zu erwerben? Erlangt er dadurch einen höheren sozialen Status, haben Sie einen Vorteil gegenüber Konkurrenten, die imitieren. Eigentlich ist der Teil eines Geschäftsmodells, der sich schützen lässt, sehr gering.

Das hört sich so an, als würden Sie empfehlen, weniger zu forschen. Aber wenn alle nur noch kopieren, entwickelt kein Pharmakonzern mehr Medikamente.

Ich sage nicht, dass Forschung unnütz ist. Gerade in der Pharmaindustrie müssen wir abwägen zwischen zwei paradoxen Gütern: Einerseits wollen wir neue Medikamente erforschen, andererseits wollen wir diese günstig anbieten. Das ist eine gesellschaftliche Frage, die wir beantworten müssen. Aber: Dass das Geschäft mit Generika extrem profitabel sein kann, haben auch längst Konzerne wie Bayer, Pfizer und GlaxoSmithKline erkannt. Übrigens haben wir in den meisten Lebensbereichen erkannt, dass die Kopie durchaus ihren Wert hat. Nur in der Wirtschaft scheint es nicht angekommen zu sein.

Zumindest in der Kunst aber wird Originalität das Maß aller Dinge bleiben. Oder sehen Sie auch hier die Kopie auf dem Vormarsch?

Geht es wirklich um Originalität in der Kunst? Das, was die Preise für Kunstwerke in die Höhe treibt, ist Einzigartigkeit. Doch das ist etwas anderes. Im Übrigen drehte sich die Kunst jahrhundertelang nur um gute Kopien. Es ging darum, ein möglichst exaktes Bild der Natur wiederzugeben. Sehen Sie sich griechische Statuen an oder meinetwegen auch die Mona Lisa: Ihr geheimnisvolles Lächeln interpretieren wir heute in das Bild hinein. Leonardo da Vinci ging es wahrscheinlich einfach darum, ein exaktes Abbild dieser Frau anzufertigen. Das ändert sich erst mit der Neuzeit und der modernen Kunst – mit der ich übrigens persönlich nicht viel anfangen kann.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

Jobs, Praktika

und akademische

Stellen suchen

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentar (1)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    Leider besitze ich keine Lateinkenntnisse aber soweit ich weiß bedeutet "Innovation" doch erneuern und nicht erfinden, dementsprechend würde der ganze Artikel am Thema vorbeireden und es müsste eigentlich Innovation anstatt Invention heißen oder täusche ich mich da?

Das könnte dich auch interessieren