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Freundschaften pflegen

Freundschaften, Freundinnen, Mädchen, Frauen [Quelle: unsplash.com, Autor: Greg Raines]

Quelle: unsplash.com, Greg Raines

"Friendship is like money, easier made than kept", wusste der britische Gelehrte Samuel Butler schon im 19. Jahrhundert. Warum eigentlich?

"Liebe Nora, hab mir gerade nochmal angeschaut, wer so alles kommen will zum Klassentreffen. Irgendwie ist außer dir niemand dabei, den ich unbedingt sehen möchte. Und dich kann ich auch so treffen. Die nächsten Wochenenden sind bei mir eh schon so vollgestopft und das Klassentreffen wäre die einzige Sache, die ich streichen könnte. Wie gerne möchtest du denn hingehen? Wärst du sehr traurig, wenn ich absage?"

"Mh ... Also ich wäre eigentlich schon gerne hingegangen. Eher aus Neugierde, weniger aus Wiedersehensfreude. Aber halt nicht alleine. Entscheide du, ich kann mich auch anderweitig beschäftigen. Und höre da ein bisschen raus, dass du dich eigentlich schon entschieden hast."

Was in meinen Augen harmlos begann, wuchs sich in den nächsten Nachrichten zu einer grundlegenden Debatte über das Ein­mal­eins der Freundschaftspflege aus. Waren die Initiativen für Treffen gleich verteilt? Hat wirklich sie überproportional oft danach gefragt und ich zu häufig abgesagt? Ist es überhaupt ok, gemeinsam geplante Aktivitäten eine Woche vorher wieder abzusagen? Womöglich mit dem Argument, dass man den Partner in letzter Zeit dank Vollzeitjob etwas vernachlässigt hat? Oder sollte man das mit Ende 20 bleiben lassen – wohlwissend, dass es in Zukunft noch schwieriger werden könnte, die Freundschaft aufrechtzuerhalten, wenn sich die Wege nach der Familiengründung oder einem jobbedingten Umzug weiter auseinanderentwickeln?

Freunde schlagen Familie

In einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung aus dem Jahr 2016 gaben 84 Prozent der Deutschen an, Freunde seien für sie sehr wichtig. Über die Hälfte der Befragten stimmte der Aussage zu, dass Freunde immer wichtiger würden, weil sich der Familienzusammenhalt lockert. Und für 42 Prozent waren Freunde sogar ein Familienersatz. Ein ähnliches Bild zeigt sich in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach 2014 ("Jacobs Studie"): 85 Prozent der Befragten fanden, dass Freunde im Leben "ganz besonders wichtig" sind – noch vor der Familie (78 Prozent Zustimmung) und einer glücklichen Partnerschaft (75 Prozent Zustimmung). Kein Wunder, hält eine durchschnittliche Ehe in Deutschland doch nur durchschnittlich 15 Jahre. Ihren besten Freund kennen die Teilnehmer der Jacobs Studie hingegen im Schnitt 24 Jahre.

Was die Zahl ihrer Freunde angeht, zeigten sich in der Jacobs Studie 84 Prozent der Deutschen zufrieden. Nur 14 Prozent wollten mehr gute Freunde. Bei der Qualität ihrer Freundschaften sahen viele allerdings Verbesserungsbedarf: 40 Prozent der Umfrageteilnehmer wünschten sich ihre Freundschaften "enger und tiefergehend".

Meine Freundin wohl auch. Ihre Enttäuschung beschäftigt mich. War ich wirklich zu nachlässig in letzter Zeit? Oder sie zu empfindlich? Erfahrungsgemäß bringen einen Schuldfragen in sozialen Beziehungen selten weiter. Wie war das eigentlich früher, in der Schule, als Freundschaften noch einfach so da waren?

Ich krame in meiner Erinnerungskiste, die etwas verstaubt im Bücherregal steht. Darin habe ich gesammelt, was mir in den letzten Jahren wichtig war. Von Menschen, die mir wichtig waren und sind. Die Jahre fliegen durcheinander. Ich suche nach Dingen von meinen drei besten Freundinnen zu Schulzeiten. Von der 5. bis zur 13. Klasse waren wir ein unzertrennliches Vierergespann. Sie waren es, die mich zur passionierten Passivraucherin gemacht haben. Egal, wie schlecht das Wetter war, ich habe sie als Nichtraucherin mit auf den Pausenhof begleitet. Mit ihnen ließen sich die Zumutungen des Erwachsenwerdens gut ertragen.

20 Dinge, die ich an dir mag

Ich finde schwarz-weiße Fotos aus dem Automaten mit 15. Anna hat eine Strähne im Gesicht, gelangweilter Blick in die Kamera. Ich freue mich, dass damals noch niemand etwas von "duck faces" gehört hat. Ich habe meine Lieblingsmütze auf dem Kopf, gehäkelt von Marlene. Ich würde sie heute noch tragen, wäre sie nicht irgendwann so ausgeleiert. Zu Marlene habe ich keinen Kontakt mehr. Ich finde eine Zettelsammlung von Anna. Sie heißt: "20 gute Dinge an dir". Auf ihnen steht: "Du bist kein 'Normal-Teenager'", "Du verstehst mich fast immer" oder "Du bist die einzige, der ich die Hälfte meiner Süßigkeiten schenken kann, ohne dass es mich stört". Wenn ich Annas Adresse in Berlin hätte, würde ich ihr jetzt eine Packung Schokobons schicken. Habe ich aber nicht. Obwohl wir im selben Bundesland studiert haben und uns von der 5. Klasse an bis zum Abi fast jeden Tag gesehen haben.

Wie das passieren konnte, weiß ich selbst nicht so recht. Zu Beginn haben wir uns noch geschrieben und uns bei Partys besucht. Doch vor allem die Abstände zwischen Annas Nachrichten wurden immer größer. Irgendwann verschwand sie ganz. Und in schwachen Momenten vermisse ich sie in meinem Leben. Zu Geburtstagen schreibe ihr manchmal auf Facebook. Zuletzt vor ein paar Wochen: "Liebe Anna, anscheinend war ich schon 2014 nicht erfolgreich. Aber gestern musste ich wieder an dich denken. Nachträglich alles Gute zum Geburtstag. Ich hoffe, es geht dir gut. Wäre schön, mal wieder was von dir zu hören". Reaktion? Keine. Facebook sagt mir heute, dass die Nachricht noch gar nicht gelesen wurde. Ich denke, gut, Anna ist wohl einfach nicht mehr auf Facebook unterwegs. Ich schaue auf den Balken über dem Nachrichtenverlauf. "Anna S. Vor 14 Stunden aktiv". Es muss wohl doch an mir liegen.

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