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Erben verpflichtet

Erbe Testatment Letzter Wille [Quelle: Pixabay.com, Autor: geralt]

Quelle: Pixabay.com, geralt

Nie zuvor wurde in Deutschland so viel vererbt wie in diesem Jahrzehnt. Doch der neue Geldadel muss sich diesen Wohlstand erst noch verdienen. 

Schon in der Bibel heißt es: "Wer hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe." Niemals wurde dieses jahrtausendalte Gleichnis in Deutschland so oft durch die Wirklichkeit bestätigt wie in dieser Dekade.

Nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA) werden zwischen 2011 und 2020 jedes Jahr fast 260 Milliarden Euro vererbt. Erstmals seit dem Kriegsende vor 70 Jahren kann die Wiederaufbaugeneration ihren angesammelten Reichtum weitgehend ungestört von Krisen und Kriegen an die nächste Generation weitergeben.

Doch auf diesen Vermögenstransfer sind weder die deutsche Gesellschaft noch viele Erben selbst vorbereitet. Noch nie lebten hierzulande so viele Menschen, die dank des ererbten Wohlstandes ihr Lebensglück nicht mehr selbst schmieden müssen.

Das hat Folgen. Nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern für die Gesellschaft insgesamt.

"Wir werden ihre Häuser erben, aber keine neuen bauen", besingt der Liedermacher Rainald Grebe die Versuchung des Zeitgeists. Und dieses Phänomen betrifft nicht nur Häuser, sondern gleichermaßen Unternehmen und Karrieren.

Droht aus dem Deutschland der Tüchtigen nun ein Vergnügungspark des neuen Geldadels zu werden?

Noch sind wir von einer solche Erbsünde weit entfernt: Beispiele wie Daniel Hopp, der Sohn von SAP-Gründer Dietmar Hopp zeigen, dass viele der nachwachsenden Generation ihr Erbe als Verpflichtung begreifen und etwas daraus machen wollen, das auch der Gesellschaft nutzt. Oder Andreas Jacobs, der gerade das von seinem Übervater Klaus J. Jacobs geschaffene Firmenimperium umbaut. Für diese Erben gilt das Motto der französischen Aristokraten: Noblesse oblige.

Der Streit über das Erben ist ein grundlegender. Denn wichtige Grundwerte unserer Gesellschaft geraten in einen scheinbar unlösbaren Konflikt: Leistungsgerechtigkeit und Chancengleichheit stehen dem Schutz von Eigentum und Familie gegenüber. Die Autorin Julia Friedrichs ist diesen Widersprüchen in ihrem neuen Buch "Wir Erben" nachgegangen. Sie hat dafür mit Erben wie Ilse Bosch und Vererbern wie Trigema-Chef Wolfgang Grupp gesprochen. Ihr Fazit: "Es ist ein Tabuthema. Geerbtes Geld ist besonders emotional." Aber: "Man muss darüber streiten."

Was gilt? Jeder hat die gleiche Chance? Oder: Meine Kinder sollen es einmal besser haben?

Einen geraden Ausweg aus diesem Dilemma gibt es nicht. Erben ist eben nicht nur eine Privatsache, wenn dabei der Reichtum einer ganzen Gesellschaft die Hände wechselt. Der Staat muss eingreifen, wenn Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit in Gefahr geraten. Die Erbengeneration selbst hat es in der Hand, den Staat zurückzudrängen. Leicht wird das nicht, denn der Handlungsdruck steigt.

Weltweit wächst die Ungleichheit und spaltet viele Gesellschaften. Wird Reichtum vererbt, wird auch die ungleiche Vermögensverteilung über Generationen hinweg zementiert. Gerade für Deutschland könnte das zum sozialen Sprengstoff werden. Zwar sind die Einkommen hierzulande dank der staatlichen Umverteilung nicht so ungleich verteilt wie in anderen Industrieländern. Doch der Trend gilt auch hier: Die Reichen werden immer reicher, die Armen bleiben arm.

Das Vermögen ist immer noch unantastbar. Lediglich 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts knöpft der deutsche Fiskus seinen Bürgern an vermögensbezogenen Steuern ab, hat die Organisation für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) 2013 ausgerechnet. Damit liegt Deutschland auf Platz 25 unter allen 34 OECD-Mitgliedsländern.

Nach einer neuen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) verfügen die Deutschen über ein Gesamtvermögen von etwa 9,3 Billionen Euro. Ein Drittel davon entfällt auf das reichste Prozent der deutschen Haushalte. Die obersten zehn Prozent bringen es sogar auf bis zu drei Viertel des Gesamtvermögens. Dieser Reichtum wird in den nächsten Jahren an die Erbengeneration weitergereicht, der Abstand zwischen denen da oben und dem Rest bleibt – oder vergrößert sich noch.

Und es kommt noch ein weiterer Spalt hinzu: der zwischen Ost und West. Eine Erbengeneration gibt es nämlich nur im Westen. Die Ostdeutschen hatten in den 40 Jahren des DDR-Sozialismus keine Chance, ein großes Vermögen anzuhäufen.

Den Erb-Riss quer durch die westlichen Gesellschaften haben im vergangenen Jahr zwei aufsehenerregende Bücher belegt: Der französische Ökonom Thomas Piketty zeigt in seinem Bestseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert", das heute unser Lebensglück ähnlich wie im 19. Jahrhundert wieder verstärkt davon abhängt, ob man erbt oder nicht. "Vor allem die nach 1970 Geborenen leben schon wieder in dem Bewusstsein, dass ihre Erbschaft in ihrem Leben und dem ihrer Freunde oder Verwandten eine entscheidende Rolle spielt", schreibt der Franzose. Zum gleichen Ergebnis kommt auch Gregory Clark in seinem Werk "The son also rises". Der Amerikaner hat über Jahrhunderte hinweg die Nachnamen reicher Familien in so unterschiedlichen Ländern wie den USA, England, Schweden und China nachverfolgt. Das verblüffende Ergebnis: Überall haben sich die Nachfahren der alten Eliten in der Oberklasse der Gesellschaft gehalten.

Seit mehr als 2.000 Jahren streiten die Menschen um ihr Erbe. Bereits im Jahr 6 nach Chr. führte der römische Kaiser Augustus eine Erbschaftsteuer von fünf Prozent ein, um die Feldzüge der Römer zu finanzieren. Nach der französischen Revolution wurde mit der Abschaffung der Feudalherrschaft auch das Erbrecht infrage gestellt. Im 19. Jahrhundert warnte erst der liberale Vordenker John Stuart Mill, dass Erbschaften den Leistungswillen einer ganzen Gesellschaft untergraben könnten. Im damals noch jungen Amerika verlangte Thomas Jefferson mehr Startgerechtigkeit. Karl Marx und Friedrich Engels forderten im Kommunistischen Manifest gar die "Abschaffung des Erbrechts".

In dieser Tradition plädiert etwa auch die Linke Sahra Wagenknecht noch heute dafür, Erbschaften von mehr als einer Million Euro mit 100 Prozent zu besteuern. Aber auch Ordoliberale wie Alexander Rüstow sprachen sich für eine stark progressive Erbschaftsteuer aus, um die Chancengleichheit in jeder Generation zu sichern.

Dass das Erbe für die Betroffenen nicht nur Lust, sondern auch Last sein kann, hat niemand besser beschrieben als Thomas Mann. In seiner Familiensaga "Die Buddenbrooks" lässt er den kleinen Hanno unter der Erblast seiner Familie zusammenbrechen. "Weh dir, wenn du Enkel bist", schreibt Thomas Mann.

Von dieser Erblast hat etwa der USGroßinvestor Warren Buffett, mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 70 Milliarden Dollar einer der reichsten Männer der Welt, seine Kinder frühzeitig befreit, indem er sie enterbt und einen Großteil seines Reichtums in die Stiftung von Bill und Melinda Gates eingebracht hat. Seine Kinder sollten selbst lernen, Geld zu verdienen, begründete Buffett den radikalen Schritt.

In Deutschland wurde und wird gern vererbt. Von dem Erbe, das Wirtschaftsikonen wie Robert Bosch, Carl Miele, Fritz Henkel, Franz Haniel oder Ferdinand Porsche einst schufen, leben heute Hunderte von Nachfahren. Viele von ihnen sind bei Geburt bereits Millionäre.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Dieses Scheinargument mit den Familienbetrieben, die zerstört werden, kann ich nicht mehr hören. Als ob man das nicht gesetzlich regeln könnte...

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