Die wichtigsten Tipps von Expert:innen: Der ultimative Lern-Guide

Autor*innen
Bastian Bieker, Anne-Lena Leidenberger und Theresa Tröndle
Frau hält ein Buch in ihrer Hand. Um sie rum fliegen Buchstaben.

Planen, durchziehen, Pausen machen: Die wichtigsten Tipps von Lern-Influencer Luis Newton und anderen Expert:innen. 

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Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe: Lernen ohne Stress 

Wer wissen will, wie man besser lernt, findet schnell eines seiner YouTube-Videos: "So lerne ich 10+ Stunden am Tag (mit 100% Fokus)" oder "So bin ich 1er-Student geworden". Luis Newton, 27, studiert Wirtschaftsinformatik im vierten Mastersemester an der Hochschule Niederrhein und ist nebenbei Lern-Influencer. Seinem Kanal folgen 33.000 Abonnent:innen. Im Interview in einem Kölner Café spricht er über Lern-Blockaden, seine Lese-Routine und die Wichtigkeit von Pausen.

Luis, du hast dein Abitur mit 2,9 bestanden, jetzt, in deinem Masterstudium in Wirtschaftsinformatik, hältst du einen Einserschnitt. Wann hast du entschieden, nicht mehr mittelmäßig sein zu wollen?

Luis Newton: Das war ein Prozess. Für mich war das Studium erst mal einfach der logische nächste Schritt nach dem Abi. Im ersten Semester bin ich unregelmäßig zur Uni gegangen und hab wenig gelernt. Das hat sich in meinen Noten gezeigt: Ich hatte eher Dreien und bin durch die Prüfungen in Programmieren und Mathematik gefallen. Das hat mich natürlich frustriert, und ich wurde immer unzufriedener. Ende 2019 wollte ich so nicht mehr weitermachen.

Warum?

Newton: Ich habe gemerkt, dass ich nicht effektiv lerne. Weil ich es nicht besser wusste, habe ich die Vorlesungen und Seminare einfach immer nur zusammengefasst und dann auswendig gelernt. Dadurch habe ich mir das Wissen nur oberflächlich angeeignet, schon ein paar Tage nach der Klausur hatte ich alles wieder vergessen. Dabei ist es wichtig, den Stoff zu verstehen, damit man ihn auch anwenden kann.

Wie hast du das Lernen gelernt?

Newton: Ich habe auf YouTube nach Lernmethoden gesucht, habe mir zum Beispiel Videos von Ali Abdaal angesehen, einem Medizinstudenten aus England, der damals viel darüber gesprochen hat. Und von Niklas Steenfatt, einem der ersten Influencer im deutschsprachigen Raum, der Bildung zum Thema gemacht hat. Dann habe ich mir Bücher gekauft: "Make it Stick", "How to Take Smart Notes" oder "Deep Work". Die kann ich nur empfehlen. Diese ganzen Informationen habe ich auf meine bisherigen Lernmethoden übertragen. Ich habe mir angeschaut, wie ich lerne, und habe das in einem zweiten Schritt dokumentiert, indem ich zum Beispiel aufgeschrieben habe, wie lange ich lerne und wann ich mich gut konzentrieren kann.

Was machst du heute anders?

Newton: Als ich im fünften Semester für Programmieren gelernt habe, habe ich nicht mehr hingeschrieben: Ein Array ist eine Zusammenfassung mehrerer Objekte eines bestimmten Datentyps. Sondern: Was ist ein Array? Wenn man sich Fragen notiert, bleibt die Antwort eher hängen, weil das Gehirn aktiv nach der Antwort suchen muss. Gleichzeitig ist man dadurch auch in der Lage, anders als beim Auswendiglernen die Antwort in eigenen Worten zu formulieren.

Was hältst du von klassischen Lernmethoden wie der Pomodoro-Technik, bei der man 25 Minuten arbeitet und dann 5 Minuten Pause macht?

Newton: Sie ist sinnvoll, in der Ursprungsform aber nicht fürs Lernen ausgelegt, weil man erst ins Thema reinkommen muss, und dafür sind die Intervalle zu kurz. Deshalb lernt man am besten 50 Minuten lang und macht dann 10 Minuten Pause. Das Gute: Konzentration kann man trainieren wie einen Muskel. Ich kann inzwischen 90 Minuten lernen und mache dann 20 Minuten Pause.

Vielen Studierenden fällt es schwer, so lange bei einer Sache zu bleiben. Wie hast du das gelernt?

Newton: Wie gut ich mich konzentrieren kann, ist stark davon abhängig, was ich vor meiner Lernphase mache. Wenn ich zum Beispiel eine halbe Stunde auf TikTok bin, habe ich danach riesige Probleme, den Fokus wiederzufinden. Es fühlt sich dann an, als würde das Gehirn das Buch langweilig finden. Deshalb empfehle ich, in Lernpausen nicht auf Social Media zu gehen.

Wie verbringst du deine Pausen stattdessen?

Newton: Ich stehe auf, mache mir etwas zu essen oder trinke ein Glas Wasser. Manchmal mache ich eine kurze Sportübung, ein paar Hampelmänner oder Liegestütze. Bei einer längeren Pause gehe ich um den Block oder einkaufen. Alles nichts Besonderes. Ich gehe auch mal ans Handy und beantworte ein, zwei Nachrichten – mehr aber nicht. Um meine Bildschirmzeit zu begrenzen, nutze ich One Sec, das ist eine App, die einen zum Durchatmen zwingt, bevor sie Social Media freigibt.

Du liest außerdem jeden Tag. Warum?

Newton: Man kann dadurch seine Konzentrationsfähigkeit trainieren und bekommt ein Gefühl für Rechtschreibung, Grammatik und Satzbau. Wer liest, schreibt wahrscheinlich bessere Hausarbeiten, weil er ein besseres Gefühl für Texte hat. Es kann zum Beispiel ein Anfang sein, jeden Tag eine Seite zu lesen, das dauert maximal fünf Minuten. Wenn man das dann geschafft hat, kann man sich langsam steigern. Eine Alternative sind Hörbücher, so beschäftigt man sich auch mit dem Inhalt.

Auf deiner Website bietest du Templates an für Apps wie Notion, mit denen man Lernpläne erstellen kann, manche sind kostenlos, andere verkaufst du. Macht es am Ende nicht mehr Arbeit, mehrere Listen zu pflegen, als einfach loszulernen?

Newton: Kurzfristig ist es sicher einfacher, direkt anzufangen, langfristig aber nicht. Mir ist es in den ersten Semestern oft passiert, dass ich eine Abgabe für eine Hausarbeit vergessen habe oder dass ich mich zu sehr auf die erste Klausur konzentriert habe und für die anderen dann nur noch wenige Tage zum Lernen hatte. Wenn man sich am Anfang 10 bis 20 Minuten einen Überblick über alle To-dos für die Uni verschafft, muss man nicht so viel im Kopf jonglieren.

Bei dir klingt das alles ziemlich perfekt organisiert. Prokrastinierst du auch mal?

Newton: Auf jeden Fall. Früher vor allem bei Kursen, in denen ich Probleme hatte. In Programmieren habe ich Klausuren teilweise sogar ins kommende Semester geschoben, weil ich Angst hatte durchzufallen. Heute kommt es seltener vor, dass ich das Lernen aufschiebe, weil ich zielstrebiger geworden bin und nebenbei Content mache. Da bleibt nicht viel Zeit zum Prokrastinieren

Hast du Tipps dagegen? 

Newton: Es ist sicher sinnvoll, sich nicht zu viel auf einmal vorzunehmen. Wenn ein Klausurtermin noch weit weg erscheint und man keinen Druck spürt, kann man trotzdem versuchen, sich jeden Tag eine Stunde lang hinzusetzen. Das Schwierige ist: anzufangen. Wer die ersten Texte gelesen, die erste Seite der Hausarbeit geschrieben hat, der hat viel geschafft. Danach ist alles nur halb so schlimm.

Du bist Arbeiterkind, warst der Erste in deiner Familie, der studiert hat. War das eher ein Vorteil oder ein Nachteil?

Newton: Meine Mutter ist Verkäuferin in einem Sanitätshaus, mein Vater hat eine Security-Firma gegründet. Sie haben mich immer unterstützt, haben viel gearbeitet, damit meine beiden jüngeren Brüder und ich mehr Möglichkeiten haben als sie. Sie konnten mir aber nicht beim Schreiben der Hausarbeiten helfen oder wenn ich Schwierigkeiten mit Mathe hatte. Wenn du der Erste bist, ist da auch eine gewisse Erwartungshaltung, dass du durchziehst, einfach weil sie stolz sind. Gerade am Anfang, bei meinem Durchhänger, war das für mich belastend. Ich hätte Rat gebraucht, hörte aber von allen Seiten nur die Frage: Wie läuft es in der Uni?

In zwei Semestern wirst du deinen Abschluss machen und danach wahrscheinlich in der IT-Branche arbeiten. Dort sind Fachkräfte so gefragt, dass die Noten am Ende gar nicht so wichtig sind. War es den ganzen Stress wert?

Newton: Total, ich gehe heute ganz anders an Fragestellungen heran. Ich habe gelernt, mir eigenständig Neues beizubringen und bei Schwierigkeiten nicht aufzugeben. Bei meinen bisherigen Jobs als Werkstudent war das immer wertvoll, und auch im Joballtag werde ich das sicher nutzen können.

Wie schreibe ich eine gute Hausarbeit? 

Herr Manschwetus, Sie sind Professor für Marketing an der Hochschule Harz und haben mehrere Ratgeber zum Thema wissenschaftliches Arbeiten geschrieben, einer heißt "Thema, Titel und Betreuer finden". Wie fange ich meine Hausarbeit am besten an?

Uwe Manschwetus: Mit einer Fragestellung, die noch niemand beantwortet hat. Man sollte sie so spezifisch wie möglich formulieren. Statt zum Beispiel also einfach über Hochzeitsriten zu schreiben, untersucht man die Hochzeitsriten des 18. Jahrhunderts in Zentralafrika. Im zweiten Schritt geht es dann um das Wie: Will ich in der Arbeit beschreiben, erklären, vergleichen oder kritisieren? Experimente mit statistischer Auswertung sprengen oft den Rahmen einer Hausarbeit. Kreativ werden kann man trotzdem, indem man zum Beispiel Interviews mit Expert:innen auswertet.

Was kann dabei helfen, eine gute Fragestellung zu finden?

Manschwetus: Man sollte sich klarmachen: das dauert. Ich würde rund vier Wochen dafür einplanen. Man kann sich von vergangenen Abschlussarbeiten inspirieren lassen oder nachsehen, an welchen Themen der Fachbereich forscht.

Wie überzeuge ich meinen Prof vom Thema?

Manschwetus: Ich würde immer ein Exposé mit der Fragestellung und der Fachliteratur schreiben. Nur so kann der Prof konkretes Feedback geben. Auch die Gliederung der Arbeit würde ich absprechen. Denn oft kann man das Thema nach der Anmeldung nicht mehr ändern.

Wie bekomme ich eine 1,0?

Manschwetus: Die Einleitung sollte die Relevanz, den Aufbau und das Ziel der Hausarbeit deutlich machen. Der Hauptteil stellt den Bezug zur wissenschaftlichen Theorie her, erklärt das Vorgehen und diskutiert Erkenntnisse. Im Schlussteil fasst man alles zusammen, zieht ein kritisches Fazit und macht Vorschläge für zukünftige Forschungsfragen. Man sollte die Lehrperson fragen, was ihr wichtig ist. Grundsätzlich gilt: wichtige Begriffe definieren, Aktualität und Relevanz aufzeigen, auf Stil, Rechtschreibung und Grammatik achten. Außerdem sollte man die Fragestellung und die Methodik auf Sinnhaftigkeit prüfen und genügend wissenschaftliche Literatur verwenden.

Welchen Tipp haben Sie noch?

Manschwetus: Man kann künstliche Intelligenz und Literaturverwaltungsprogramme nutzen. ChatGPT kann bei der Quellensuche helfen. In Citavi muss man sich zwar einarbeiten, aber das zahlt sich aus.

Wie zitiere ich richtig?

Deine Infos sollten vor allem aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften kommen. Die findest du in Online-Datenbanken wie EconLit (für Wirtschaftswissenschaften), IEEE Xplore (für Ingenieurwissenschaften) und PubMed (für Naturwissenschaften und Medizin). Wer unsicher ist, ob ein Artikel seriös ist, kann sich am Impact-Factor orientieren. Der zeigt, wie häufig ein Ergebnis zitiert wurde. Du findest ihn über die Datenbank Journal Citation Reports oder auf der Website der jeweiligen Fachzeitschrift. Achte darauf, Websites mit vollständiger URL und Abrufdatum zu versehen. Wer passende Quellen gefunden hat, muss sich für eine Zitierweise entscheiden. Am besten orientierst du dich an den Vorgaben deiner Hochschule. Die Zitierregeln kannst du in Manualen nachlesen, die du in der Bib oder online bekommst. Achte darauf, dass alle Quellen, die du im Text nennst, am Ende auch im Literaturverzeichnis auftauchen. Die meisten Hochschulen bieten Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten an, in denen dir das Zitieren genau erklärt wird.

Wann muss ich was planen? 

Frau Felkel, Sie arbeiten als Psychologin bei der Zentralen Studienberatung der Uni Heidelberg und geben regelmäßig Workshops zu besserem Zeit- und Selbstmanagement. Wie teilt man sich seine Zeit gut ein?

Sabine Felkel: Ein ECTS-Punkt entspricht 30 Stunden Studium. Das hilft bei der Orientierung, sollte aber nicht der einzige Richtwert sein. Studierende können sich fragen: Wie viel will ich in welcher Zeit schaffen? Und wie viel konnte ich in der Vergangenheit in welcher Zeit schaffen? Damit kann man sich zu Beginn des Semesters einen Plan erstellen, in den man Klausurtermine und Deadlines für Hausarbeiten einträgt. So behält man den Überblick. Es lohnt sich auch, Essays und andere Aufgaben schon während des Semesters wegzuarbeiten.

Was sind typische Zeitfresser?

Felkel: Die Literaturrecherche. Deshalb sollte man vor der Hausarbeit genau festlegen, wie viele Quellen man verwenden und wie viel Zeit man für ihre Recherche aufwenden möchte. Oft verzetteln sich Studierende und lassen sich von einer Idee ablenken, dabei sollten sie versuchen, bei einer Sache zu bleiben, und neue Gedanken parallel auf einem Papier notieren. Dadurch wird nichts vergessen.

Warum verliert man so leicht die Kontrolle über das eigene Zeitmanagement?

Felkel: Perfektionismus spielt da oft eine große Rolle. Zum Beispiel, wenn sich Studierende vor allem dann als wertvoll begreifen, wenn sie viel leisten. Um das zu vermeiden, sollte man immer auch Zeit für Hobbys und Freundschaften im Semesterplan eintragen. Oft liegt es am Prokrastinieren.

Was kann man dagegen tun?

Felkel: Man sollte versuchen, die Ursache dafür herauszufinden, indem man sich zum Beispiel fragt: Was bringt mir das Aufschieben? Was vermeide ich dadurch? Ein Trick: Dinge erst mal nur fünf Minuten lang tun. Durch die künstliche Zeitverknappung fällt das Anfangen leichter, und wenn man einmal dabei ist, ist es meist gar nicht mehr so schlimm. Nach einer erfolgreichen Lerneinheit kann man sich mit einem Ausflug an den See belohnen oder mit einer Verabredung im Park oder Restaurant.

Wie finde ich die richtige Balance zwischen Lernen und Pausemachen?

Felkel: Spätestens nach 90 Minuten sollte man sich bewegen und einmal an die frische Luft gehen. Wichtig ist auch, den Lernrhythmus an seine Leistungsfähigkeit anzupassen: Wer morgens weniger leistungsfähig ist, kann da leichtere Aufgaben erledigen, etwa das Word-Dokument formatieren.

Was hilft beim Lernen? 

"Während des Semesters bereite ich meine Seminare vor und nach und fasse die wichtigsten Infos zusammen. Etwa sechs Wochen vor Beginn der Prüfungsphase fange ich dann mit dem Lernen an und erstelle einen Plan mit der App Notion. Der Plan ist eine Art Tabelle, in die ich den Lernstoff entsprechend meinem Vorwissen sortiere. Mit Excel würde das auch funktionieren. Themen, die genau und differenziert wiedergegeben werden müssen, etwa einzelne Störungsbilder der klinischen Psychologie, brauchen mehr Vorbereitung. Deshalb sortiere ich sie oben in die Tabelle ein. Themen aus der Entwicklungspsychologie, die intuitiv verständlich sind und die ich nur wiederholen muss, landen weiter unten.

Meine Lerntage haben drei Phasen: morgens, mittags und abends. Weil ich weiß, dass ich vor allem abends produktiv bin, nehme ich mir für die letzte Tageshälfte am meisten vor. In der Regel lerne ich in 90-Minuten-Intervallen und mache dazwischen 10 Minuten Pause. Mittags lege ich eine längere Pause ein und gehe zum Sport. Meistens lerne ich ein Fach pro Tagesphase, statt mich den ganzen Tag auf dasselbe Thema zu konzentrieren. Ich finde das so abwechslungsreicher. Ein weiterer Vorteil: Der Abstand zwischen den einzelnen Einheiten ist kleiner, so entstehen keine langen Pausen zwischen den Fächern, und ich kann mir mehr merken. Wenn ich früh genug mit der Klausurvorbereitung anfange, lerne ich mit Karteikarten. Dabei orientiere ich mich an der Prüfung. Wenn ich in der Klausur wahrscheinlich Grafiken beschriften muss, drucke oder male ich die Grafiken auf meine Karteikarten. Muss ich Definitionen auswendig lernen, schreibe ich mir Fragen auf. Für meine Karteikarten nutze ich oft die App Anki. Die legt einem die Karten so oft vor, wie man sie optimalerweise wiederholen sollte, neue oder schwierigere Inhalte werden also häufiger angezeigt.

Wenn weniger als eine Woche Zeit bleibt, lerne ich nur mit den Vorlesungsfolien und alten Klausuren. Was ich auch praktisch finde: Wenn man KI-Tools wie ChatGPT mit genügend Infos füttert, kann man sich davon abfragen lassen."

Laura Hooymann, 22, studiert Psychologie an der Uni Bielefeld. Sie teilt ihre Tipps zur Klausurvorbereitung auf ihrem Instagram-Account @laurinspire.

Wie bleibe ich souverän? 

Frau Susewind, Sie leiten die psychotherapeutische Beratungsstelle des Studentenwerks Würzburg. Wie kann ich lernen, einen guten Vortrag zu halten, obwohl ich schüchtern bin?

Elena Susewind: Das muss kein Widerspruch sein. Man sollte nur dann an seiner Schüchternheit arbeiten, wenn sie einen abhält, wichtige Dinge zu tun. Es kann helfen, ein Tagebuch zu führen und sich zu fragen: Welche Situationen fallen mir schwer und warum? Diesen kann man sich nach und nach stellen.

Wie überwinde ich die Angst davor?

Susewind: Neben Entspannungsübungen wie autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung können auch Selbstberuhigungsübungen einen runterbringen. Zum Beispiel eine, die EFT, PEP oder Tapping genannt wird. Dabei klopft man bestimmte Punkte am Körper ab und spricht sich einen hilfreichen Satz zu wie "Auch wenn ich Angst habe, akzeptiere ich mich so, wie ich bin." Außerdem können Fantasiereisen die Angst nehmen, in denen man sich etwa den Moment nach dem Vortrag mit all den positiven Gefühlen vorstellt.

Was mache ich während der Präsentation?

Susewind: Die Aufmerksamkeit bewusst von innen nach außen lenken, indem man sich auf den Stift in der Hand konzentriert oder auf eine Person im Raum. Wer mit dem Zeigefinger leise am Bein oder auf dem Schreibtisch tippt, verschiebt die Aufmerksamkeit und bleibt in einem guten Sprechtempo.

Wie überwinde ich Prüfungsangst? 

Herr Nolle, Sie sind systemischer Therapeut und haben das Buch "Blackout, Bauchweh und kein’ Bock" geschrieben. In Ihrer Praxis in Kassel bieten Sie Coachings an, in denen Studierende lernen, ihre Prüfungsangst zu überwinden. Woher kommt diese Angst überhaupt?

Timo Nolle: Das ist ganz individuell. Es kann zum Beispiel sein, dass man in der Vergangenheit mal schlecht vorbereitet war und eine Klausur deshalb nicht bestanden hat. Es kann auch sein, dass man immer gut vorbereitet ist, aber durch festgefahrene Einstellungen und Annahmen in der Prüfung nicht abliefern kann. Ein typisches Problem sind Glaubenssätze wie: "Ich darf keine Fehler machen."

Was hilft gegen diesen Perfektionismus?

Timo Nolle: Erst mal sollte man sich fragen: Woher kommt das? Liegt das an besonders ehrgeizigen Kommiliton:innen, kann man versuchen, in der Prüfungsphase nicht so viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Was auch hilft: sich gedanklich in die Prüfungssituationen zu versetzen, in denen man sich wohlgefühlt hat oder im Flow war. Manchmal verknüpft man ein Lied oder ein Foto mit einer solchen Erfolgssituation. Wer Zugang zu seiner inneren Stärke hat, ist auch eher immun gegen eigene übersteigerte Ansprüche und hat weniger Angst vor Fehlern.

Wie bereite ich mich richtig vor?

Timo Nolle: Indem man sich den Stoff immer wieder laut selbst erklärt. So kann man sich alles leichter einprägen und wird selbstbewusster. Man kann auch die Prüfungssituation durchspielen: Wie wird der Raum aussehen? Wo werde ich sitzen? Wer wird noch alles vor Ort sein? Wenn man dann noch prüfungsähnliche Aufgaben aus Tutorien in derselben Zeit löst, hat man die Prüfung gut simuliert.

Was sollte ich am Tag vor der Prüfung machen?

Timo Nolle: Nur noch das lernen, was man schon kann, das stärkt das Selbstbewusstsein. Generell sollte man das tun, was einen in eine leistungsfähige Stimmung bringt. Manche können nur entspannen, wenn sie noch mal alles durchgehen. Für andere ist es besser, an dem Tag Sport zu machen, spazieren zu gehen oder Freund:innen zu treffen. So oder so sollte man in der Nacht mindestens acht Stunden schlafen, um das Wissen am kommenden Tag optimal abrufen zu können.

Und was, wenn man doch einen Blackout hat?

Timo Nolle: Man kann versuchen, die Angst durch Atemübungen zu regulieren. Dafür tief in den Bauch einatmen und doppelt so lange ausatmen. Es kann helfen, dabei zu zählen: erst von eins bis drei und dann von eins bis sechs. So lange, bis die Anspannung abnimmt.

Wie präsentiere ich spannend?

Herr Jachtchenko, Sie sind Kommunikationstrainer und haben das Buch "Redest du noch, oder überzeugst du schon?" geschrieben. Wie bereitet man sich am besten auf eine Präsentation vor?

Wladislaw Jachtchenko: Ganz grob: Die Minuten der Präsentation entsprechen der Anzahl der Tage, die man für die Vorbereitung braucht. Für eine Präsentation von 20 Minuten sollte man also 20 Vorbereitungstage einplanen. Das müssen keine vollen Tage sein. Es reicht auch, wenn man nur zehn Minuten darüber nachdenkt, was man noch besser machen kann.

Toolbox

Pitch: Der PowerPoint-Killer! Alles ist möglich: ständig wechselnde Templates, gleichzeitig arbeiten in einer Präsentation und sich dabei unterhalten wie auf Zoom.

Simpleshow: Folien waren gestern! Auf dieser Website kannst du eigene Erklärvideos erstellen.

Wooclap: Mit dieser Plattform erstellst du Umfragen, Multiple-Choice-Tests und Quizfragen, die dein Publikum live beantworten kann.

Wie gelingt ein spannender Einstieg?

Jachtchenko: Zum Beispiel mit einer provokanten These. Einen Vortrag über Hochschulpolitik könnte man mit der Behauptung beginnen: "Studieren macht keinen Sinn!" Oder man steigt mit einer Frage ein. In Jura etwa: "Sollten Beleidigungen eine Straftat sein?" Was auch immer geht: ein aktueller Bezug. In Geschichte bei der römischen Eroberung oder dem Kolonialismus kann man zum Beispiel Bezug zum Angriffskrieg auf die Ukraine nehmen. Ein Klassiker ist der Rückgriff auf ein Zitat. Im BWL-Studium zum Beispiel von Warren Buffett: "Price is what you pay. Value is what you get."

Wie erhält man die Aufmerksamkeit aufrecht?

Jachtchenko: Indem man sich fragt: Was interessiert mein Publikum? Im Jurastudium ist es vielleicht besonders wichtig, aufzuzeigen, inwieweit das Gesagte klausurrelevant ist. Im Philosophiestudium kommt es vielleicht eher auf die Diskussion an. Wer vor allem die Lehrperson beeindrucken möchte, sollte in seinem Vortrag Elemente einbauen, die von guter Recherche zeugen, zum Beispiel Statistiken, Studien oder eine Literaturübersicht. Generell gilt: Beispiele und Bilder sind anschaulich und bleiben besser im Gedächtnis. Manchmal hilft es, das Publikum miteinzubeziehen und eine kleine Umfrage zu machen. Am besten überlegt man sich dafür drei Fragen, die einfach beantwortet werden können.

Wie bleibe ich bei meinem Konzept?

Jachtchenko: Karteikarten helfen, den roten Faden zu behalten. Die sollte man aber nur mit Stichpunkten beschriften, nie mit ganzen Sätzen. So verhindert man, dass man abliest. Für Vorträge bis zehn Minuten empfehle ich fünf Karteikarten: eine für den Einstieg, drei für den Hauptteil und eine für den Schluss.

Kann man lernen, mitreißend zu präsentieren?

Jachtchenko: Klar, durch Übung. Man kann sich zum Beispiel mit dem Handy aufnehmen und den Vortrag dann anschauen. Wer dabei seine "Ähms" zählt und versucht, ihre Anzahl im nächsten Versuch zu unterbieten, der trainiert neben dem Sprechen gleichzeitig, weniger Füllwörter zu nutzen.

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