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Eine Revolution der deutschen Medizinerausbildung?

Medizinische Versorgung [Quelle: freeimages.com, Autor: beesnail]

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Patientenkontakt von Anfang an, fallorientiertes Lernen, Verknüpfung von Theorie und Praxis – mit diesen Argumenten werben Unis für ihren Modell- beziehungsweise Reformstudiengang. Wir haben Studenten befragt, ob diese Studiengänge halten, was sie versprechen.

"Die HMG-CoA-Synthase macht Acetoacetyl-CoA zu β-Hydroxy-β-methylglutaryl-CoA." – ein typischer Satz, den ein Medizinstudent im Regelstudiengang auswendig lernt. Es folgen viele weitere, Tag für Tag. "Das braucht man später im Arztberuf doch gar nicht wissen!", beschweren sich viele Medizinstudenten. Für sie ist nicht ersichtlich, wofür das Gelernte einmal gut sein soll. Denn in den ersten vier Semestern, der sogenannten Vorklinik, sind sie selten im Krankenhaus, Patienten sehen sie so gut wie gar nicht. Im Vordergrund steht klar die Theorie.

Einige Universitäten in Deutschland sehen die klare Trennung von Theorie und Praxis ebenfalls kritisch, und ersetzen den Regelstudiengang durch den Reform- beziehungsweise Modellstudiengang. Hier gibt es keine Trennung mehr zwischen Vorklinik und Klinik, also zwischen Theorie und Praxis. Studenten haben früh Patientenkontakt, stehen von Anfang an im Krankenhaus. Das perfekte Medizinstudium – oder?

Wir haben Studenten befragt, die an verschiedenen Universitäten mit Modell- bzw. Reformstudiengang Medizin studieren, ob die Ausbildung ihre Erwartungen erfüllt.

Pinkus, 21 Jahre, 4. Semester: Charité - Universitätsmedizin Berlin

Wie ist der Modellstudiengang an deiner Universität aufgebaut?

Der Modellstudiengang ist aufgebaut aus 40 Modulen von je 4 Wochen. In den ersten beiden Semestern lernt man vor allem Grundlagen, ähnlich wie im Regelstudiengang. Gleichzeitig hat man aber auch den klinischen Bezug, z. B. mit Patientenvorstellung und patientennahem Unterricht auf Station. Im dritten und vierten Semester folgen dann die verschiedenen Organsysteme, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln, z.B. anatomisch, biochemisch und physiologisch, betrachtet werden. Zusätzlich wird man mit für das jeweilige Organsystem typischen Krankheiten vertraut gemacht. Gleichzeitig findet auch der Präpkurs statt. Ab dem fünften Semester befassen sich die Module in erster Linie mit Krankheiten und allem, was vom Normalzustand abweicht.

Was sind die Zulassungsvoraussetzungen?

20 Prozent der Plätze gehen an die Abiturbesten, 20 Prozent an diejenigen mit der längsten Wartezeit, also wie an jeder deutschen Medizin-Uni. Die restlichen 60 Prozent werden über das AdH (Auswahlverfahren der Hochschule) vergeben, und dafür hat die Charité 2013 den HAM-Nat (Hamburger Auswahlverfahren für Medizinische Studiengänge – Naturwissenschaftsteil) eingeführt, einen naturwissenschaftlichen Test. Das Ergebnis wird dann auf den Abischnitt aufgerechnet.

Welche Vorteile bietet der Modellstudiengang?

Der große Vorteil ist, dass man von Anfang an die Theorie mit der Praxis verknüpft, z.B. mit Patientenvorstellungen. Ab dem ersten Semester hat man das sogenannte KIT (Kommunikation-Interaktion-Teamarbeit), wo man lernt, eine Anamnese zu erheben oder mit schwierigen Patienten umzugehen. Dazu haben wir sehr oft Simulationspatienten. Das ist wie zweisprachig aufwachsen, die Krankheitsentstehung und -behandlung gleichzeitig zu lernen.

Was ist das Besondere am Modellstudiengang an deiner Universität?

In Berlin liegt der Fokus auf dem wissenschaftlichen Arbeiten. Im zweiten Semester haben wir schon unser erstes Wissenschaftsmodul, wo wir auch selbstständig in einer kleinen Gruppe Experimente durchführen. Die Ergebnisse präsentieren wir vor Peers und Dozenten. Und ... es ist natürlich Berlin!

Welche Nachteile bringt der Modellstudiengang mit sich?

Durch die immer wechselnden Dozenten, kann man schlecht eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Außerdem funktioniert die Absprache zwischen den Dozenten gelegentlich nicht so gut, manchmal werden dann Inhalte vorausgesetzt, die man noch nicht in der Vorlesung hatte, oder manches wird doppelt besprochen. Dadurch, dass es bei uns kein Physikum gibt, wird weniger Wert auf naturwissenschaftliche Grundlagen gelegt. Wenn man dann später in die Forschung gehen und nicht am Patienten arbeiten möchte, ist der Studiengang nicht so geeignet.

Adam, 22 Jahre, 10. Semester: RWTH Aachen

Wie ist der Modellstudiengang an deiner Universität aufgebaut?

Der Studiengang ist in verschiedene Abschnitte gegliedert. Der erste Abschnitt besteht aus den ersten zwei Semestern und ist wie eine Art Vorklinik. Da lernt man biochemische, chemische und physikalische Grundlagen. Klinische Fächer gibt es hier nicht. Ab dem 3. Semester, also im zweiten Studienabschnitt, werden Fächer wie Physiologie, Anatomie oder Pathologie anhand der Organsysteme gelehrt. Z.B. gibt‘s den Systemblock Bewegungsapparat, in dem man die Anatomie der Muskeln und Knochen lernt. Gleichzeitig werden Fächer wie Orthopädie und Unfallchirurgie gelehrt. Nach dem sechsten Semester ist man mit den Organsystemen durch und schreibt das erste Aachener Staatsexamen, die ärztliche Basisprüfung. Ab dem siebten Semester beginnt der dritte Abschnitt. Hier kommen einzelne klinische Fächer, wie Pädiatrie oder Rechtsmedizin dran. Ab dem PJ läuft es wie im Regelstudiengang.

Was sind die Zulassungsvoraussetzungen?

Bewerben kann man sich zentral über hochschulstart.de, wie bei den Regelstudiengängen auch. Ausgewählt wird in Aachen nur über Durchschnittsnote und Wartezeit.

Welche Vorteile bietet der Modellstudiengang?

Man wird sehr früh mit klinischen Fächern konfrontiert und muss keine großen Blöcke wie Anatomie oder Pharmakologie auf einmal bewältigen. Im Rahmen der Systemblöcke bekommt man eine Gesamtübersicht vermittelt, sodass man einen guten Überblick behält.

Was ist das Besondere am Modellstudiengang konkret an deiner Universität?

Mit der ärztlichen Prüfung wird schon sehr früh ein Löwenanteil des medizinischen Wissens wiederholt. Allgemein wird der Stoff hier sehr oft wiederholt, was als Lernspirale bezeichnet wird.
Das neunte Semester ist ein Freisemester, das man sich beliebig einteilen kann. Da kann man z.B. die Doktorarbeit schreiben, oder einfach Urlaub machen.
Fast alle Veranstaltungen finden am Uniklinikum statt, was für kurze Wege sorgt.
Aachen schneidet im zweiten Staatsexamen, das ja an allen Medizin-Unis in Deutschland geschrieben wird, immer sehr gut ab, befindet sich auf den Topplätzen der Rangliste. Das hat zum einen mit der ärztlichen Basisprüfung zu tun, andererseits mit der engen Verzahnung von Vorklinik und Klinik, wo konkreteres Wissen vermittelt wird.

Welche Nachteile bringt der Modellstudiengang mit sich?

Wenn man den Studienort wechseln will, geht das nur sehr schwierig bzw. nur unter Semesterverlust. Die Modellstudiengänge sind untereinander nicht deckungsgleich. Dadurch, dass die Regelstudiengänge untereinander deckungsgleich sind, ist ein Unitausch leichter.

Levka, 26 Jahre, 13. Semester: Private Universität Witten/Herdecke

Wie ist der Modellstudiengang an deiner Universität aufgebaut?

Das Studium ist in die Vorklinik und die Klinik gegliedert. Der Unterschied zum Regelstudiengang ist, dass man sich in der Vorklinik pro Woche mit einem Themenfall beschäftigt. Da hat man keine klassischen Vorlesungen übers Semester, sondern pro Woche einen Fall. Z.B. hat man in der ersten Woche einen Patienten, der vorgestellt wird, weil er umgeknickt ist und Schmerzen im Fuß hat. An diesem Fall erarbeitet man dann verschiedene Fächer wie Physik, Chemie, Biochemie und Anatomie. Folglich hat man so das ganze Semester über mit Patienten zu tun, die in dem Fall fiktiv sind.
Physikum gibt’s bei uns nicht, stattdessen haben wir fünf physikumsersetzende Prüfungen. Davon sind drei schriftlich und zwei praktisch, wobei die auch schon sehr klinisch ausgerichtet sind.
In der Klinik haben wir ganz viele Blöcke und sind wirklich im Krankenhaus. Hier lernen wir die verschieden Fachrichtungen kennen, arbeiten mit und haben teilweise auch die Prüfungen im Krankenhaus.

Was sind die Zulassungsvoraussetzungen?

Die Besonderheit ist, dass man nicht (nur) nach dem NC ausgewählt wird. Die Verantwortlichen fragen die Bewerber: Was muss ein guter Arzt mitbringen? Und das ist nicht notwendigerweise ein NC von 1,0. Stattdessen schaut man: Ist der Bewerber empathisch? Kann ich mir den als Arzt vorstellen? Was hat er für soziale Kompetenzen? Hat er schon eine Ausbildung im medizinischen Bereich? Das alles wird sehr genau beleuchtet, die Bewerbung ist sehr ausführlich, es gibt ein Auswahlwochenende, an dem Gespräche mit Gutachtern und anderen Studierenden stattfinden. Danach wird dann ausgewählt.

Welche Vorteile bietet der Modellstudiengang?

Mir hilft es sehr, dass ich nichts Theoretisches lernen muss, was ich nicht brauche. Ich habe wirklich das Gefühl, alles das, was ich lerne, kann ich später anwenden. Damals, als ich mich entscheiden musste, an welcher Uni ich studieren will, habe ich mir viele Medizin-Unis angeschaut. Was mich in Witten angesprochen hat, war, dass ich nicht das Gefühl habe, ich setze mich in die nächste Schule, sondern dass ich von Anfang an das mache, weshalb ich Medizin studieren will.

Was ist das Besondere am Modellstudiengang konkret an deiner Universität?

Neben dem Medizinstudium studiert jeder Medizinstudent auch das Studium fundamentale. Das findet immer donnerstags statt und man kann alle Kurse der Universität besuchen, wie z.B. Politik, Philosophie, Kulturreflexion und Geschichte. Dadurch können die Studenten über den Tellerrand gucken und schauen, was es außerhalb der Medizinwelt noch gibt.

Witten war außerdem die erste Uni in Deutschland mit Modellstudiengang. Da Witten eine Privatuni ist, kostet sie natürlich Geld. Wer den Betrag nicht aufbringen kann, hat die Möglichkeit, das Geld über die Studierendengesellschaft zu bekommen und es dann nach dem Studium einkommensabhängig zurückzuzahlen.

Welche Nachteile bringt der Modellstudiengang mit sich?

In Witten kann man sehr viel frei entscheiden und gestalten. Das birgt die Gefahr, dass man sich ein bisschen verliert und manches nicht organisiert bekommt.

Charlotte, 21 Jahre, 5. Semester: Universität zu Köln

Wie ist der Modellstudiengang an deiner Universität aufgebaut?

Bei uns ist vor allem die Vorklinik anders strukturiert als im Regelstudiengang. Das Physikum bei uns ist in vier einzelne Klausuren aufgeteilt. In der Vorklinik haben wir Kompetenzfelder. Davon gibt es in den ersten vier Semestern 30 Stück. Das sind Querschnittsblöcke mit Themen wie z.B. HIV oder Bauchschmerzen. Zu jedem Block lehren Professoren aus verschiedenen Fachrichtungen.

Was sind die Zulassungsvoraussetzungen?

Bei uns gibt es wie an anderen Unis auch Wartezeit- und Abiturbestenquote. Im AdH zählt nur der Notendurchschnitt. Man kann also seinen Schnitt nicht, z.B. durch eine Ausbildung aufwerten lassen.

Welche Vorteile bietet der Modellstudiengang?

Er ist anschaulicher. Gerade die Kompetenzfelder sind cool, da weiß man schon im ersten Semester, wie man was später in der Klinik behandelt. So wird früh ein praktischer Bezug hergestellt. In der Vorklinik hat man sehr viel Theorie, die aber durch den Praxisbezug einfach mehr Spaß macht. Auch die Clinical Skills werden früh gelehrt, sodass man schon früh Blut abnehmen lernt und damit auch praktisch Medizin machen kann.

Was ist das Besondere am Modellstudiengang konkret an deiner Universität?

Wir haben das StudiPat. Bei diesem Projekt setzt man sich im ersten Semester in Kontakt mit einer Hausarztpraxis. Von dort bekommt man einen chronisch erkrankten Patienten zugewiesen, den man über acht Semester betreut. In jedem Semester gibt es Treffen und Telefongespräche mit dem Patienten, man erhebt eine Anamnese und verfolgt, wie sich der Gesundheitszustand des Patienten verändert und was in ihrem Leben passiert.

Welche Nachteile bringt der Modellstudiengang mit sich?

Beim StudiPat haben viele eine geteilte Meinung. Ich habe Glück gehabt und eine interessante Patientin bekommen. Wenn man allerdings Pech hat und nicht so gut betreut wird, hat man einen sehr großen Aufwand.

Bei manchen Kompetenzfeldern kommt es vor, dass die Professoren untereinander nicht so gut abgesprochen sind. Da merkt man, obwohl es die Modellstudiengänge schon länger gibt, dass er doch noch in den Kinderschuhen steckt.

Johanna, 21 Jahre, 4. Semester: Ruhr-Universität Bochum

Wie ist der Modellstudiengang an deiner Universität aufgebaut?

Offiziell ist es kein Modellstudiengang, der zur Modellstudiengangklausel gehört. Das heißt, wir haben nach dem vierten Semester ganz normal das Physikum. Im ersten Semester haben wir die Grundlagen, also die Naturwissenschaften, aber auch schon Anatomie. In den folgenden vorklinischen Semestern werden die Fächer fächerübergreifend unterrichtet. Das Semester ist dann in Blöcken organisiert. Wenn wir z.B. den Herz-Kreislauf-Block haben, dann unterrichten sowohl die Physiologie als auch die Anatomie und Histologie dasselbe Thema. Zu dem Thema wird dann auch gepräppt. Klausuren finden am Ende des Semesters statt. Neu im Studiengang ist, dass wir schon ab dem zweiten Semester Untersuchungskurse haben, wo wir an uns gegenseitig grundlegende Untersuchungstechniken ausprobieren.

Was sind die Zulassungsvoraussetzungen?

Die Bewerbung läuft über hochschulstart.de. Abiturbestenquote, Wartezeitquote und Hochschulquote und der Medizinertest werden berücksichtigt.

Welche Vorteile bietet der Modellstudiengang?

Wir werden jetzt schon langsam an die Untersuchungstechniken herangeführt. Das Beste ist das themenübergreifende Lernen. Auch gut finde ich, dass es noch das Physikum gibt. Denn dafür wiederholt man den Stoff der ersten Semester und startet dann gut vorbereitet in die Klinik.

Was ist das Besondere am Modellstudiengang konkret an deiner Universität?

Es ist in Bochum so ein Zwischending aus Modell- und Regelstudiengang. Offiziell gibt es Prüfungen und das Physikum, gleichzeitig wird aber versucht, so viel Klinik wie möglich in der Vorklinik zu lehren.

Welche Nachteile bringt der Modellstudiengang mit sich?

Das vierte Semester ist relativ voll, jetzt so kurz vor dem Physikum ist das natürlich ein bisschen stressig. Seitdem es den Reformstudiengang gibt, sind Veranstaltungen dazugekommen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie zeitlich etwas ineffektiv sind. Ab dem ersten Semester gibt es sog. POL-Sitzungen (problemorientiertes Lernen), die wir alle vier Semester haben. Das ist etwas zu ausgedehnt.

©  Georg Thieme Verlag KG. Alle Rechte vorbehalten. (Zur Originalversion des Artikels)

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