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So geht's nach Harvard

Abschluss, Absolventen, Meer, Feiern, Glücklich [Quelle: pixabay.com, Autor: Martín Alfonso Sierra Ospino]

Quelle: pixabay.com, Martín Alfonso Sierra Ospino

Vielen erscheint ein Studium an Amerikas prestigeträchtigster Universität wegen der hohen Studiengebühren unrealistisch. Dabei kann ein Stipendium den Großteil der Kosten decken. Was gilt es bei der Bewerbung zu beachten?

Rund um Boston an Amerikas Ostküste ist eine Fülle an Hochschulen angesiedelt, sodass man mit Fug und Recht von einer Akademiker-Blase sprechen kann. Besonders konzentriert ist das Studentenleben in Bostons Vorort Cambridge: Hier liegen das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Harvard nur fußläufig auseinander. Tufts und Boston University, Boston College sowie Brandeis University sind bequem mit der Bahn erreichbar. Doch die meisten Harvard-Studierenden verlassen Cambridge selten, denn wohl nirgendwo in den riesigen USA lassen sich so einfach derart inspirierende Gespräche "auf einen Kaffee" führen wie im "Tatte" am quirligen Harvard Square oder in der Lamont Library im Harvard Yard, wo 1636 alles begann.

Damals von evangelischen Theologen gegründet, zieht die heute älteste und prestigeträchtigste amerikanische Universität Studenten aus aller Welt an, auch Deutsche. Die meisten Studierenden in Harvard wirken ungemein diszipliniert. Kaffee-Verabredungen gehen selten über eine Stunde hinaus, Vorlesungen schwänzen gibt es kaum, Klassenstärken überragen selten 50 Personen, oft herrschen "Mitmach-Atmosphäre" und hohes Lehrniveau. Doch viele Deutsche schrecken Harvards Studiengebühren von jährlich rund 65.000 Euro und die hohen Lebenskosten in den USA. Die meisten dürften daher ein Studium hier für Träumerei halten. Doch was viele nicht wissen: Die Studienstiftung des deutschen Volkes vergibt hoch dotierte Stipendien.

Mit einem McCloy-Fellowship lassen sich viele Kosten eines zweijährigen Masterstudiums an der Harvard Kennedy School decken. Für das im August 2023 beginnende Studienjahr allerdings eilt es: Bewerbungsende bei der Studienstiftung ist 1. November 2022. Das Verfahren ist aufwendig, auch weil zusätzlich eine Bewerbung bei der Kennedy School bis 1. Dezember vorliegen muss.

Die Amerikaner setzen den Ton

Eine der Hürden sind Essays. Die F.A.Z. spricht im April 2022 mit vier der zwölf Studierenden, die gerade an der Kennedy School mit McCloy-Stipendium studierten. Maike Sieben gibt Bewerbern als ersten Tipp: "Nehmt euch Zeit, eure Motivation zu reflektieren. Welche Fragen beschäftigen mich – und wie kann mir ein Studium an der Harvard Kennedy School helfen, Antworten zu finden?" Sieben, die erst an der RWTH Aachen Soziologie, VWL und BWL und in Oxford Internationale Beziehungen studierte und dann als Unternehmensberaterin für Organisationen des öffentlichen und kirchlichen Sektors tätig war, treiben die Veränderungsprozesse dort und Fragestellungen an der Schnittstelle von Religion und Außenpolitik um.

Isabel Kleitsch, die als Mitarbeiterin der KfW-Entwicklungsbank auf das Stipendium aufmerksam gemacht wurde und mit Abschluss des Master of Public Administration nun in Mediation und Friedensstiftung arbeiten will, nennt als ihren Antrieb: "Viele Trends aus den USA kommen oft mit Verspätung auch nach Deutschland. Und Amerikaner setzen oft den Ton in internationalen Organisationen. Darauf will ich nicht nur reagieren, sondern mich aktiv vor Ort mit Tendenzen wie 'wokeness' auseinandersetzen und gleichzeitig für europäische Errungenschaften wie Sozialversicherungen werben." Schließlich werden von McCloys nicht nur gute Noten erwartet. "Wir sind recht frei, wie wir uns für die transatlantischen Beziehungen engagieren, aber es wird auch während des Studiums Engagement dafür erwartet", erzählt Christian Ruckteschler.

Die McCloys organisieren jährlich einen Wiener Ball im edlen Harvard Club, der – Vorbereitungsstunden in Wiener Walzer inklusive – auch von amerikanischen Kommilitonen rege angenommen wird. Zudem gehört Sieben wie zuvor Kleitsch zur Organisationsleitung der German-American Conference. Bald, am letzten Oktoberwochenende, sprechen dort Politiker wie Sigmar Gabriel, Marco Buschmann und die früheren McCloys Jörg Kukies und Ralf Stegner, aber auch Managerinnen wie Christiana Riley (Deutsche Bank) und Janina Kugel (ehemals Siemens). An der Konferenz kann man auch online teilnehmen. "Make the world a better place"

Nun zum Studium: "Die Kurse sind auf bereichernde Weise vollgepackt", erzählt Ruckteschler. Die hohe Praxisorientierung intensiviere eigene Erfahrungen noch einmal. Nach dem Master arbeitet Ruckteschler jetzt als Chief Operating Officer für Amalitech, ein gemeinnütziges Unternehmen, das für Menschen in Afrika digitale Arbeitsplätze schafft. "In meiner neuen Rolle profitiere ich sehr viel von den Konzepten, die ich in den Leadership-Kursen an der Kennedy School gelernt habe", berichtet Ruckteschler aus Ghana.

Sieben, Kleitsch und Ruckteschler stehen mit ihren Interessen für die Breite möglicher Tätigkeiten im öffentlichen Sektor, auch wenn es ein typisches Studierendenprofil gar nicht gebe, wie Mathias Risse betont. Der Professor, gebürtig aus Paderborn, hat an der Kennedy School den nach dem deutschen Industriellen Berthold Beitz benannten Lehrstuhl für Menschenrechte inne und leitet das McCloy-Fellowship-Programm. "Wir suchen Studierende aus allen Fachrichtungen, die sich der Verbesserung des Gemeinwohls verschreiben, etwa indem sie bereit sind, in der Verwaltung oder in Ministerien Führungsverantwortung zu übernehmen – aber auch in ganz anderen Bereichen des öffentlichen Lebens", sagt Risse im Gespräch. Ob es an Bewerbertypen mangele? "Die meisten Bewerbungen kommen aus den Sozial- und Gesellschaftswissenschaften", antwortet Risse. "Insofern wäre es nicht schlecht, wenn wir stärker aus anderen Fachrichtungen, etwa aus den Rechts- und Naturwissenschaften, Bewerbungen für unsere im weitesten Sinne Politik-Studien erhielten."

Die Kennedy School ist eine von zwölf Grad Schools, an denen man in Harvard mit Master abschließt. Ihre Mission ist, "Führungskräfte aus aller Welt für die schwersten Aufgaben im staatlichen, privaten und Non-profit-Sektor auszubilden". Ob in Kursen zur Stadtentwicklung, grüner Finanzierung oder Diplomatie – nicht weniger als "make the world a better place" ist ihr Motto. Das wurde nur kurz übertüncht von dem an Namensgeber John F. Kennedy angelehnten Spruch "(m)ask what you can do". Damit wurde im Sommer 2022 der Lehrbetrieb mit Maskenpflicht wieder in Präsenz aufgenommen. Unter den 150 Professoren sind etliche Koryphäen, etwa der frühere US-Finanzminister Larry Summers, die frühere Chefökonomin der Weltbank Carmen Reinhart und der Globalisierungsforscher Dani Rodrik. Weniger als 5 Prozent der Bewerbungen sind erfolgreich. "Es geht vor allem um die Leadership-Motivation der Bewerbenden"

Gemessen daran, erscheint eine Bewerbung fürs McCloy-Fellowship aussichtsreich. 2021 und 2022 bewarben sich zusammen 88 Anwärter für die in beiden Jahren je sechs Plätze. Klar ist aber auch: Wer eine Karriere in einer politischen Partei oder eine wissenschaftliche Laufbahn anstrebt, für den ist das Stipendium eher nicht gedacht. Wer mit Leuten spricht, die sich erfolglos dafür beworben haben, hört häufig, dass sie im Mathematik-Test GRE schlecht abschnitten. "Deshalb sollte man den GRE-Test ernst nehmen und dafür trainieren", sagt Programmleiter Risse. Der Test verlange zwar kein höheres mathematisches Niveau als in der gymnasialen Oberstufe, aber eine schnelle Auffassungs- und Anwendungsgabe. "Der GRE-Test wird von vielen als stressig empfunden, auch weil er in Deutschland wenig verbreitet ist", weiß Risse. Aber der Kennedy School erlaube er, Bewerber über Ländergrenzen hinweg zu vergleichen. "Der GRE zeigt ein Stück weit das amerikanische Ideal von Smartness, auch wenn hier natürlich auch alle nur mit Wasser kochen", sagt Risse lachend.

Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur der Zeitschrift "Stern", selbst McCloy in den Jahren 2003 bis 2005 und nun Vorsitzender des Ehemaligen-Vereins, wünscht sich, dass das Fellowship als zugänglicher und weniger elitär wahrgenommen wird. "Natürlich ist das Masterstudium in Harvard anspruchsvoll, und es werden gute Noten im vorigen Studium und in Eingangstests verlangt. Aber es geht uns vor allem auch um die Leadership-Motivation der Bewerbenden", sagt Schmitz der F.A.Z. Da das 1983 initiierte Stiftungsvermögen in Niedrigzins-Zeiten nicht genug Erträge abwarf, um die Jahr um Jahr steigenden Studiengebühren für sechs Stipendiaten voll übernehmen zu können, wird nun von McCloys 10.000 Euro Eigenbeteiligung an den Studiengebühren von 65.000 Dollar verlangt. Für Härtefälle steht aber der Ehemaligen-Verein mit Spenden bereit.

Zudem erhalten McCloys 1.000 Dollar Reisekosten, 500 Dollar Startgeld und vor allem monatlich 1.900 Dollar. Damit allein lässt sich das Leben in Cambridge nicht finanzieren, vielmehr geht oft das Stipendium schon für ein Zimmer im Wohnheim drauf. Aber viele verdienen als Teaching Assistants für Professoren hinzu. Lucy Kruske, vierte McCloy am Tisch, die als Erste in ihrer Familie das Abitur geschafft hat und nun schon auf ihren zweiten Master in Harvard zusteuert, sagt sogar: "Das McCloy-Fellowship ist es wert, für die 10.000 Euro Selbstbeteiligung einen Kredit aufzunehmen." Tatsächlich blicken Studierende etwa aus Frankreich neidisch auf ihre deutschen Kommilitonen. Denn ein so lukratives Stipendium für Europäer gibt es hier ansonsten weit und breit nirgends.

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