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Interview mit China-Rückkehrer Dirk Henze

War die Entscheidung, eine so lange Zeit in China zu verbringen, im Rückblick richtig?

Mein Leben hat sich durch China stark verändert. Meine damalige Partnerin sagte schon bei unserer ersten gemeinsamen Reise nach Zhuhai, dass Sie sich ein Leben dort nicht vorstellen kann. Ich habe mich letzten Endes dann gegen meine damalige Beziehung und für das Land entschieden. In China habe ich meine jetzige Frau kennengelernt, sie ist Chinesin. Wir haben zwei Kinder. Ich habe den Schritt nie bereut.

Das ist das Private, doch was ist mit dem Beruflichen?

Als Trainee nach China zu gehen war super. Doch rückblickend würde ich nicht noch mal direkt im Anschluss ans Trainee-Programm ins Ausland gehen. Nach dem Trainee-Programm ist man noch sehr jung – wer nach China kommt, sollte aber besser schon Erfahrung mitbringen. Denn die Chinesen betrachten einen nicht als Kollegen, sondern als Vorgesetzten, weil man von der deutschen Zentrale kommt. Es wird erwartet, dass man Antworten auf alle Fragen hat.
Mein zweiter Fehler war die lange Zeit: Sechs Jahre sind an der Grenze, um sich wieder gut im Heimatland integrieren zu können. Drei bis vier Jahre sind ein sinnvoller Zeitraum.

Hat sich die Entscheidung denn finanziell gelohnt?

Finanziell lohnt es sich auf jeden Fall. Aber man zahlt auch einen Preis. Die Arbeitszeiten sind schon sehr lange. Man fängt morgens an, mittags stoßen – telefonisch – die Deutschen dazu, darum sitzt man oft nach offiziellem Büroschluss noch am Rechner. Wenn dann noch eine Telefonkonferenz mit Amerika ansteht, wählt man sich von daheim ein und dann ist eben erst spät am Abend Feierabend.

Wie war die Rückkehr nach Deutschland?

Der Freundeskreis in Deutschland ist schon um einiges geschrumpft. Die Freunde haben sich weniger stark verändert als man selber, man hat nicht mehr so viele Gemeinsamkeiten. Ich identifiziere mich weniger mit meiner eigenen Nationalität als vor dem Auslandsaufenthalt.

Was sind denn die positiven Veränderungen?

Man sieht Dinge ganz anders und viel gelassener. Und man lernt, mit Leuten zu kommunizieren, Dinge nicht automatisch vorauszusetzen. Die Hand geben, jemandem auf die Schulter klopfen, das heißt in China etwas anderes als hier. Chinesen sind schüchtern, zurückhaltend und nicht so direkt, sie gehen anders an Dinge heran. Würde ich einen Entwickler in Deutschland zu intensiv betreuen, fühlte er sich beschulmeistert. In China würde er sich vernachlässigt fühlen, wenn ich nicht jeden Tag gucke, was er macht.

Was hat Sie am meisten gestört in China?

In China wird oft für einen Gefallen ein Gegengefallen erwartet. Sich dann herauszureden, ist sehr schwer. Das Unrechtbewusstsein ist nach meinem Empfinden nur gering ausgeprägt und wenn sich niemand beschwert, wird es wohl in Ordnung gewesen sein. Meinungsfreiheit, wie wir sie kennen gibt es nicht, man muss unheimlich aufpassen, was man sagt. Viele guten Studenten sind in der Partei – das größte Beziehungsnetzwerk, das es gibt, und wer drin ist, wird oft vorrangig behandelt.

Bosch sucht Deutsche, die nach China gehen – wem würden Sie diesen Schritt empfehlen?

Ich kann einen Auslandsaufenthalt jedem empfehlen. Wenn man zeitlich begrenzt entsandt wird, sollte man vorher zwei bis drei Jahre beim Unternehmen gewesen sein und dann rübergehen. Dann hat man noch den Kontakt zum Heimatland und kann zurück, wenn es für einen persönlich gar nicht passt.

Und wie geht es dann nach der Rückkehr weiter?

Ich habe hier Deutschland wieder eine super Stelle bekommen, aber in anderen Unternehmen heißt es: Nach sechs Jahren Asien ist der doch in Deutschland nicht mehr integrierbar. Für das Unternehmen ist die Gefahr groß, dass der Mitarbeiter hier unzufrieden ist, erst recht, wenn er seine ausländische Frau mitbringt. Denn dann geht es los mit Integrationskursen, Führerschein und so weiter. Ich bin jetzt in der Abteilung Entwicklungskoordination, Technikstrategie und Koordinationsmanagement. Da koordiniere ich entwicklungsübergreifende Themen. Wir sind nach ein paar Jahren in Deutschland nochmals bereit, den Schritt ins Ausland zu gehen. Es muss aber nicht China sein, denn es gibt noch viele andere interessante Länder.

Wie kümmert sich Bosch um Rückkehrer?

Bosch bietet da so ein Rundum-Sorglos-Paket, die organisieren den Umzug, da gibt es sogar eine Pauschale, weil die Stecker aller Geräte, die man sich gekauft hat, nicht mehr passen und so weiter. Bosch will Leute nach China bekommen und kümmert sich auch um eine gute Anschlussstelle.

Wie hat sich das Land in den letzten Jahren verändert?

Fast überall in China gibt es Starbucks und McDonald's. In Peking und Shanghai merkt man kaum noch den Unterschied zu Europa. Wenn man in die Provinzen geht, sieht man Orte, die waren vor 30 Jahren noch ein Fischerdorf. Jetzt leben da viele Millionen. Die Straßen sind sechsspurig, die Häuser sind alle neu. Kultur, alte Gebäude – da muss man schon suchen. Scheinbar Altes ist oft nur auf alt gemacht und bei genauerer Betrachtung aus Beton. Weiter im Landesinneren ist die Anzahl der Ausländer geringer, da ist man mittendrin, das lohnt sich.

Was ist Ihr Eindruck vom chinesischen Wirtschafts-Boom?

In China, wie in allen Ländern, die so schnell gewachsen sind, gibt es einige Menschen, die schnell sehr reich geworden sind. Diese Wenigen haben ihr Glück auf den Schultern ganz vieler gemacht, die jetzt vielleicht so langsam in die Mittelklasse aufsteigen. Und wenn man einmal reich ist, wird man immer reicher. Als ich nach China gegangen bin, fand ich die Wohnungen schon überteuert, aber in diesen sechs Jahren hat sich der Wert mindestens verdoppelt, vielerorts sogar verdreifacht.

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