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Mehr Recht als schlecht

Jura Frau überlegt Jura-Studium (© fotolia.com - DDRockstar)

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Sich über das Jurastudium zu beklagen, ist zu einer Art Volkssport geworden unter denen, die es betreiben. Dabei mischt sich berechtigte Kritik mit Larmoyanz und Selbstgefälligkeit. Genug davon.

In einem Punkt wird noch der maulfaulste Jurastudent zum redseligen Anwalt in eigener Sache: Dann nämlich, wenn es die Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten des Ausbildungsweges anzuklagen gilt, den er selbst gewählt hat. Das ist oft durchaus berechtigt - etwa, wenn es um das Kommentarverbot im Ersten Staatsexamen oder die Theorieversessenheit nahezu des gesamten Studiums geht. Es ist aber ebenso oft ein bequemer Vorwand, mit dem eigene Versäumnisse zu systemischen Missständen umetikettiert werden. Und es lässt beinahe immer die zahlreichen, einzigartigen Vorzüge gerade dieses Fachs außer Betracht. Dem altbekannten Klagelied haben wir deshalb einmal acht hellere Töne gegenüber gestellt - als Ausblick für alle künftigen und Anstoß für alle derzeitigen Jurastudenten.

Freiheit - ein Konzept für Erwachsene

Jura ist einer der wenigen Studiengänge, die sich dem Bologna-Prozess haben entziehen können. Es gewährt seinen Studenten dadurch ein Maß an individueller Freiheit, wie man es an deutschen Unis sonst kaum noch findet.

Ein Dozent langweilt Euch? Geht einfach nicht hin. Ihr wollt diesen Kurs früher und jenen später belegen? Überhaupt kein Problem. Die Studienordnungen der Unis verlangen zwar eine bestimmte Anzahl von Klausuren, Haus- und Seminararbeiten, die innerhalb einer bestimmten Semesterzahl zu erledigen sind, aber diese Vorgaben sind lasch im Vergleich zu jenen des vorherrschenden Bachelor-/Master-Systems.

Die Kehrseite der gestalterischen Freiräume ist naturgemäß ein höherer Anspruch an die Eigenverantwortung: Anstelle der unergiebigen Vorlesung kann man sich mit dem entsprechenden Lehrbuch in die Bibliothek setzen - oder aber mit Kommilitonen in die Cafeteria (wo dann sorgenvoll diskutiert wird, wie man jetzt bloß die Klausur bestehen soll…). Dasselbe gilt im größeren Maßstab auch für das Schreckgespenst Staatsexamen: Der Erkenntnis, dass dieses schwerer ist als das übrige Studium, kann man sich sechs Semester lang verschließen und dann empört aus allen Wolken fallen - oder einfach mal fünf Minuten Zeit aufwenden, um diesen wahrlich nicht geheimen Umstand früher in Erfahrung zu bringen und sich rechtzeitig darauf vorzubereiten.

Das Studium dauert lang…

… und das ist auch gut so. Mit ein paar Auslandssemestern, Moot Courts und ausgedehnter Examensvorbereitung lassen sich ohne Weiteres sechs Jahre rum bringen. Und warum eigentlich nicht?

Die Studienzeit ist im Regelfall weitaus unbeschwerter als alles, was in den 30 bis 40 Jahren danach kommt. Selbst, wer später tatsächlich nur 40 Stunden pro Woche arbeitet und nicht, wie in vielen juristischen Berufen üblich, 50 bis 60, wird sich an das Übermaß an Freizeit aus Universitätstagen sehnsüchtig erinnern.

Den Vergleich mit jüngeren Absolventen anderer Studiengänge braucht man schon aufgrund der Einzigartigkeit der eigenen Qualifikation meist nicht zu fürchten. Und wer dennoch meint, zur Verwirklichung seiner Karrierepläne bereits mit 24 antreten zu müssen, der kann - Stichwort: Selbstbestimmung - das Studium auch auf die vorgesehenen acht Semester oder, bei entsprechendem Einsatz, sogar auf noch weniger straffen.

Recht ist sexy

Ob zu Recht oder zu Unrecht genießen Angehörige juristischer Berufe hohes gesellschaftliches Ansehen. Richter schneiden in Befragungen zur Beliebtheit verschiedener Berufsträger regelmäßig sehr gut ab. Von anderen juristischen Karrierepfaden - etwa als Anwalt, (Ministerial-)Beamter oder Politiker - lässt sich das zwar nicht behaupten, aber die im Volksmund kursierenden Witzeleien und Schmähungen zeichnen hier ein weitaus hässlicheres Bild, als die Realität es einlöst.

Anonym befragt zerreißt sich zwar so mancher über "Rechtsverdreher" das Maul, aber vor der Bürotür des "Herrn Anwalt" zieht er doch den Hut. Und wer tatsächlich meint, Anwälte lägen im Ansehen gleichauf mit Lokführern (so ein Ergebnis einer Forsa-Befragung aus diesem Jahr), der mag sich auf den nächsten zehn Dates versuchsweise fünf Mal als Lokführer und fünf Mal als Anwalt ausgeben und über die Ergebnisse Buch führen - sie dürften im positiven Sinne überraschend sein.

Wissen ist Macht

Mehr als jedes andere Studium verleiht Jura die Eintrittskarte zu obersten Ämtern des Staatsapparats. Das gilt offenkundig für das Richteramt, für welches man mit Abschluss des 2. Staatsexamens definitionsgemäß (wenn auch nicht praktisch) die Qualifikation innehat. Es gilt ebenfalls für die Rolle als Notar und Staatsanwalt sowie für leitende Funktionen beispielsweise im Bereich der Ministerialpolitik, der Polizeiverwaltung, der Bundeswehr, des Diplomatischen Dienstes und der Europäischen Kommission, die bei einschlägiger Spezialisierung und entsprechenden Noten bzw. guten Ergebnissen in den Einstellungstests oft und gern an Juristen vergeben werden. Mit diesen Ämtern wird man zwar selten reich, aber niemals arm - in wirtschaftlich ungewissen Zeiten sichern sie ein überdurchschnittliches Gehalt und ein außergewöhnlich hohes Maß an Einfluss auf staatliche Geschicke.

Gutes Geld

Noch weitaus höher reichen die Verdienstmöglichkeiten in der freien Wirtschaft: Als Managing Partner einer Großkanzlei kann man im Jahrestakt siebenstellige Summen aufs Konto schleppen. Das ist natürlich die Ausnahme, aber Jura gehört neben BWL und den Naturwissenschaften zu den wenigen Fächern, in denen solche Spitzenverdienste überhaupt als greifbare Karriereoption im Raum stehen.

Auch für den Großteil der Absolventen, die weder Doppelprädikat noch Lust auf 70-Stunden-Wochen haben, stehen die Aussichten in der freien Wirtschaft nicht allzu schlecht. Anders als beispielsweise in den USA ist der deutsche Anwaltsmarkt nicht maßlos übersättigt. So gibt es zwar tatsächlich Volljuristen, die unterhalb des Lohnniveaus von Rechtsanwaltsfachangestellten verdienen - aber es gibt umgekehrt auch erfolgreiche Einzelkämpfer, die trotz mäßiger Examensnoten einträchtige Kanzleien führen.

Die Vielzahl verfügbarer Karrierewege bietet Kandidaten mit ganz unterschiedlichen Qualifikationen die Möglichkeit zum Erfolg: Wer nur zwei "ausreichend" vorweisen kann, dafür aber ein begnadeter Selbstvermarkter und Netzwerker ist, der kann beruflich unter Umständen besser fahren als der Kollege mit doppeltem Prädikat.

Mitten aus dem Leben

Nach einem gängigen Vorurteil ist Jura lebensfern und theoretisch - tatsächlich trifft das exakte Gegenteil zu. Im Kern der Rechtswissenschaft steht die Lösung echter Konflikte zwischen echten Menschen, Unternehmen und Regierungen.

Natürlich erfordert die Vielgestaltigkeit des Lebens ein gewisses Maß an Abstraktion und Systematisierung, aber dies ist stets nur Ausgangs-, niemals Endpunkt einer Fallbearbeitung. Die Kunst besteht, wie Studenten ab dem ersten Semester unablässig eingetrichtert wird, vielmehr darin, "alle Umstände des Einzelfalls" zu erwägen und aus den gesetzlichen Auslegungs- und Anwendungsmöglichkeiten jene zu finden, die gerade diesem Einzelfall gerecht wird.

Jeder Jurastudent erwirbt so Kenntnisse, mit denen sich zahllose Problemstellungen aus dem täglichen Erleben so gut wie jedes Menschen beantworten lassen - wie viele Zahnmediziner, Atomphysiker oder Altphilologen können das von sich behaupten?

Na logisch!

Das gesamte Jurastudium ist ein Intensivkurs in logischem Denken und schlüssigem Argumentieren - und schult damit Qualitäten, die auch abseits der Rechtsanwendung von großem Nutzen sind. Das Exerzitium juristischer Denkgesetze und Argumentationsmuster kann man zwar ermüdend finden, aber es ist doch um ein Vielfaches flexibler als die Gesetzmäßigkeiten, die es in den Naturwissenschaften zu beachten gilt - und um ein Vielfaches handfester als der Diskurs in den Geisteswissenschaften.

Das Klischee liegt im Auge des Betrachters

Das Klischeebild des Jurastudenten ist wenig sympathisch und hält manchen Interessenten davon ab, selbst einer zu werden. Doch das ist in doppelter Hinsicht Unsinn. Denn erstens finden sich unter den Studenten der meisten juristischen Fakultäten Anteile von 20 bis 70 Prozent, die landläufigen Vorstellungen über ihr angebliches Aussehen und Auftreten bereits dem ersten Augenschein nach widersprechen.

Zweitens ist bei weitem nicht jeder, der ein Shirt von Ralph Lauren mit Schuhen von Timberland kombiniert, auch automatisch ein hochnäsiger Sozialchauvinist - ebenso wenig, wie jeder Birkenstock-Träger sich vegan ernährt, jeder Hip Hop-Fan Cannabis raucht und jeder Maschinenbauer im Karohemd herumläuft.

Wie überall sonst auch prägen Zugehörigkeitsbedürfnis, Rollensuche und Zukunftsaspirationen eine gewisse Einheitlichkeit im äußeren Auftritt, ohne dass sich daraus auch nur ansatzweise verlässliche Aussagen über den Einzelnen ableiten ließen. Wer ein Studium deshalb ablehnt, verrät mehr über die eigene Beschränktheit als über die derjenigen, die er zu meiden sucht.

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