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Im Land der Kontraste und Weiten

Ice-Hockey auf dem Fluss

Ice-Hockey auf dem Fluss

Früher gehörte Woronesch einmal zur Ukraine, heute liegt die Stadt mitten im russischen "Schwarzerdeland": Ein Gebiet, das sich gut zum Ackerbau eignet. Doch vom Ackerbau oder seinen Erträgen merkt man nur noch was auf den bunten Märkten. Woronesch, zirka 500 Kilometer südlich von Moskau gelegen, hat eine Million Einwohner. Für Russland ist das keine Größe. Trotzdem hat die Stadt eine Universität, deren Fächerangebot sich mit deutschen Unis messen kann, mehrere Institute und Fachhochschulen. Eine Oper, ein Ballett, ein Puppen- und Dramentheater sowie eine wirklich empfehlenswerte moderne Kleinkunstbühne namens "kamernyj teatr", Kammertheater, machen die etablierte Kulturszene aus. Außerdem gibt es in Woronesch zwei große und ein kleines, alternatives Kino, das auch im Winter nie geheizt wird. Für Abwechslung ist also gesorgt, auch wenn sich nicht jeder Russe dieses kulturelle Angebot leisten kann.
 

Fresspakete von zu Hause
 Vor allem russische Studenten leben bescheiden. In den Geschäften gibt es alles zu kaufen, doch Studis müssen sich meist aufs Nötigste beschränken: einen Laib Brot, ein wenig Reis, selten Obst, Gemüse oder Hartwurst. Ab und an ein Bier oder – wir wollen es nicht verschweigen – ein Fläschchen Wodka für eine Runde unter Freunden. Das war es auch schon. Dafür gibt es Fresspakete von den Eltern oder Großeltern, die auf den Dörfern leben.
 

Unergründliche Transportwege
 Das Transportsystem, das sich dabei inoffiziell entwickelt hat, ist wirklich interessant. Das spannendste an ihm: es funktioniert! Verwandte, die weit weg wohnen, verschicken das Paket nicht etwa mit der Post, sondern mit dem Zug. Genauer gesagt mit einem Zugbegleiter, der es unter der Hand mitnimmt. Dann rufen die Eltern einen Kommilitonen ihres Kindes an, der ein Telefon besitzt. Diese umständliche Art der Kommunikation funktioniert, und pünktlich zur Zugankunft steht ein glücklicher Student auf dem Bahnsteig. Gegen ein paar Rubel nimmt er vom Zugbegleiter sein Paket in Empfang. Danach gibt es endlich wieder Kartoffeln, riesige Gläser (zwei bis fünf Liter) mit eingelegten Gurken, Tomaten oder selbstgekochter Marmelade. Wenn das mal kein Grund zum Feiern ist!
 

Sperrstunde im Wohnheim
 Wer Pech hat, dessen Fresspaket kommt erst mitten in der Nacht am Bahnhof an. Manche Wächter im Wohnheim lassen es sich dann mit einer Flasche Bier vergüten, dass sie überhaupt noch öffnen (Frage, durch die verschlossene Eisentür hindurch: Parole? Antwort: Bier!). Andere lassen die Studenten einfach so durch. Kontakte oder auch nur ein guter persönlicher Umgang spielen eben eine wichtige Rolle in Russland.
 

Poznakom'tes' – Darf ich vorstellen?
 Ich selber habe sehr gute Kontakte zu meinen russischen Kommilitonen und Mitbewohnern geknüpft. Einige Freundschaften pflege ich bis heute. Generell waren "unsere Russen" sehr aufgeschlossen uns Ausländern gegenüber. Ganz anders als in den großen Städten, Moskau oder St. Petersburg, wo mir die Leute vielfach "übersättigt" vorkamen, was den Kontakt mit Ausländern angeht. Dass wir alle im gleichen Wohnheim lebten, und nicht, wie in den Großstädten, auf Ausländer- und Inländerwohnheime aufgeteilt wurden, hat sicherlich zum "heißen Draht" beigetragen.
 

Tanzen bei minus 20 Grad
 Vielleicht wurden wir aber einfach auch nur als partytauglich eingestuft und deshalb so freundlich aufgenommen? Nie werde ich das Konzert einer befreundeten Band vergessen. Es war Ende Oktober, am frühen Abend, im Stadtzentrum. Das Thermostat an der Post zeigte minus 20 Grad Celsius, das Keyboard unserer Zimmernachbarin Ljuba wollte nicht auftauen, und die Jungs ihrer Band standen in dünnen Jeansjacken auf der Bühne, das Plektrum in der Hand, und spielten wie die Teufel. Wir anderen tranken Glühwein und tanzten, bis uns warm wurde. Von da ab waren wir überall mit dabei.
 

Kakerlaken im Kochtopf
 Auch das gemeinsame Wohnheimleben schweißte zusammen. Wer einen Sauberkeitsfimmel hatte, war hier fehl am Platz. Alle Geschichten über die Verhältnisse in russischen Wohnheimen sind wahr: Fließendes Wasser manchmal nur bis Nachmittags, eine Küche für Zwanzig Zwei- bis Vierbettzimmer, Heizung erst im November, Ungeziefer selbst an der Wand über dem Herd. Wer den ersten Monat übersteht, der ist nicht mehr zu schocken. Danach genießt man die Vorzüge des Wohnheimlebens: ewige Teerunden mit den Nachbarn. Die sind wichtig fürs gesellschaftliche Leben, weil die meisten Studis es sich selten leisten können, auszugehen. Stundenlanges Quatschen und Gitarren-Session auf den Gängen. Ideal für Einblicke in die russische Kultur- und Liederszene, von Rock bis Schlager.
 

Sprachkurs
 Aber auch wir Austauschstudenten aus dem "Rest Europas" verbrachten viel Zeit miteinander, nicht zuletzt wegen eines gemeinsamen Sprachkurses. Drei von uns kamen mit einem absolut genialen DAAD-Semesterstipendium für Slawisten nach Woronesch. 20 Wochenstunden Sprachpraxis, auf unser Niveau abgestimmt, dazu freie Auswahl an Kursen anderer Fakultäten. Selbst heute schwärme ich noch von dem Programm, und vor allem von meinen Lektoren, die alle das Prädikat "pädagogisch wertvoll" verdienen. Seit die "go east" Initiative des DAAD startete, soll das gleiche Semesterstipendium für Studenten aller Fachrichtungen offen sein.
 

Taiga und Kaukasus
 Unsere Touren in die Taiga und den Kaukasus mussten wir "Europäer" ohne unseren russischen Begleiter antreten: Das ewige Finanzproblem ließ grüßen. Wir fuhren mit einem örtlichen Reiseleiter, dem Tour Centre Strannik, absolut nicht geeignet für Zimmerpflanzen und sorgfältige Routenplaner, los. Unser Dezemberwochenende auf einer Datscha in der Taiga, irgendwo hinter Tver, war ein echtes Wintermärchen. Es begann mit einer abenteuerlichen Anfahrt im Zug und in verschiedenen Bussen, die über vereiste Landstraßen torkelten. Wir standen stundenlang und ließen uns ordentlich durchschütteln. Die Ankunft zu Fuß an "unserer Datscha" bei Sonnenaufgang entschädigte uns dann für alles. Was sonst noch zu einem Wintermärchen gehört? Schneespaziergänge, Lagerfeuer, selbstgebaute Ice-Hockey Felder auf dem zugefrorenen Fluss, eine Nacht auf dem Kachelofen und – genau – ein toller Banja-Besuch.
 

Landschaftliche Gegensätze
 Wer glaubt, im Kaukasus wird überall geschossen, liegt falsch. Unsere Tour im Mai des nächsten Jahres führte uns durch den sogenannten "großen Kaukasus". Das ist der Teil des Kaukasus, der sich im Süden Russlands und im Norden Georgiens befindet. Unser Weg zog sich durch die russische Republik Adygeja, eine friedliche Gegend mit wenigen, aber freundlichen Menschen. Die landschaftlichen Gegensätze waren überwältigend. An einem Tag wateten wir auf über 2000 Meter Höhe hüfthoch durch Schnee. Wir übernachteten in Zelten oder auch am Lagerfeuer, während um uns herum alles weiß glitzerte. Und am nächsten Tag sonnten wir uns im Tal nahe des "weißen Flusses". Eines habe ich auf dieser Tour in den Bergen erkannt: Die Menschen in Russland sind geprägt von diesem Land der Kontraste und unendlichen Weiten. Das Klima mag manchmal kalt und grausam sein, aber es gibt immer etwas, woran man sich das Herz und die Hände wärmen kann.

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