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"Die Welt schaut auf Deutschland"

Beratung Arbeit Büro Meeting [Quelle: Unsplash.com, Paul Bence]

Quelle: Unsplash.com, Paul Bence

McKinsey will trotz Corona-Krise mehr Berater einstellen und bewertet die schnelle Reaktion in den Unternehmen positiv. Ein Gespräch mit Deutschland-Chef Cornelius Baur.

Den Corona-Wirtschaftseinbruch bekommen auch Unternehmensberater zu spüren. Während sie sonst viel im Flugzeug unterwegs sind und mit ihren Rollkoffern in Hotels in der Nähe ihrer Kunden übernachten, arbeiten die meisten derzeit auch von ihrem Homeoffice aus. Arbeit gibt es genug: "Bei uns wurden kaum Projekte verschoben", sagt McKinsey-Deutschlandchef Cornelius Baur im Gespräch mit der F.A.Z. Dass das florierende Geschäft der vergangenen zehn Jahre durch die Corona-Krise ein abruptes Ende gefunden hätte, wie der Bundesverband der Unternehmensberater (BDU) unlängst feststellte, kann er nicht bestätigen. Die meisten Projekte, die vor Ausbruch der Pandemie akquiriert wurden, liefen weiter - nur etwas anders organisiert über Videokonferenzen. "Bei uns hat sich nur der Themenmix verändert", sagt Baur.

Weniger Hilfe suchen Unternehmen derzeit für klassische Organisationsfragen. Auch bei den Pandemie-Sofortmaßnahmen haben die Unternehmen laut Baur wenig Hilfe gebraucht. "Das haben sie zum größten Teil selbst gestemmt", sagt Baur mit Blick auf Pandemiepläne zu Abstand und Hygiene in Büros oder Werkshallen sowie in Bezug auf Sofortmaßnahmen wie Cash-Management. Dafür suchen Unternehmen jetzt verstärkt auf anderen Gebieten die Hilfe von Beratern: Wie kann sich ein Unternehmen - dessen Aktienkurs stark gefallen ist - gegen eine Übernahme durch Konkurrenten schützen? Dieser Bereich habe angesichts der niedrigen Unternehmensbewertungen stark zugelegt, sagt Baur. Tatsächlich rechnet er mit einer Reihe von Transaktionen, sobald die akute Krise vorüber ist.

McKinsey rückt daher nicht von eigenen Wachstumsplänen ab: "Wir stellen in diesem Jahr mehr neue Mitarbeiter ein als im vergangenen Jahr, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht dramatisch ändern", sagt Baur. McKinsey plant 2020 mit 850 Neueinstellungen, davon etwa 600 Beratern. "Wir haben lediglich im April und Mai den Start-Termin für unsere Neueinsteiger verschoben", sagt Baur. Sie sollen ein paar Monate später anfangen, weil zu Beginn der Karriere der persönliche Kontakt zu anderen Beratern sehr wichtig sei. "Die Eingewöhnung ist im Remote-Betrieb sehr schwierig", sagt der Deutschland-Chef.

Für die deutsche Wirtschaft werde es viel länger dauern, aus der Corona-Krise so wieder herauszukommen wie aus der Finanzkrise vor zehn Jahren. Damals sei mit den Banken nur eine Branche betroffen gewesen. Gegenwärtig trifft es fast alle Sektoren gleichzeitig, rund um die Welt. McKinsey schätzt, dass die Leistung der deutschen Wirtschaft derzeit um 25 Prozent niedriger ist als sonst. In einer normalen Woche würde in Deutschland ein Bruttoinlandsprodukt von 58 Milliarden Euro erwirtschaftet - statt jetzt 43 Milliarden, also 15 Milliarden Euro weniger. Auf das Gesamtjahr 2020 bezogen, sei mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um bis zu 10 Prozent zu rechnen. Deutschland werde frühestens 2028 den Wachstumspfad aus der Zeit vor der Krise wieder erreichen - und nur dann, wenn Unternehmen und Politik die richtigen Konsequenzen aus der Krise zögen.

Pessimismus sei aber unangebracht. "Die Welt schaut auf Deutschland", sagt Baur. Unternehmenslenker aus anderen Ländern seien sehr neugierig und wollten oft von ihm wissen, wie deutsche Unternehmen mit der Pandemie umgehen: Wie haben die Deutschen ihre Kantinen organisiert? Wo überall gilt Maskenpflicht? Wie sind die Abläufe an unseren Flughäfen organisiert? Oder auch: Wie sehen die Stufenpläne zum Wiedereinstieg aus?, lauten die typischen Fragen.

Auch die deutsche Hilfspolitik mache international eine gute Figur. Das Modell der Kurzarbeit habe sich, wie damals in der Finanzkrise, als echter Standortvorteil bewährt. "Andere Länder übernehmen unser Kurzarbeitsmodell", sagt Baur, "weil es den Unternehmen ermöglicht, die Kosten schneller zu senken und gleichzeitig die Belegschaft an Bord zu halten, die man hinterher wieder braucht." Hinzu kommt: Die Disziplin der Deutschen in der Corona-Krise imponiere vielen im Ausland. Auch die Kollegen aus anderen McKinsey-Büros im Ausland würden auf die deutschen Büros blicken: "Wir sind der Goldstandard", sagt Baur. Das mache stolz. Aber jetzt dürfe auch nichts schiefgehen.

Zwar fürchten viele Unternehmen eine zweite Welle der Pandemie, in einem solchen Fall wäre das Runterfahren aber einfacher, weil man es jetzt schon einmal geübt habe: "Die Prozesse sind jetzt definiert", sagt Baur. Die Corona-Krise sei für viele Deutsche auch "ein Crash-Kurs in Digitalisierung" gewesen. Die Pandemie habe die Bereitschaft, sich auf digitale Neuerungen einzulassen, stark erhöht. Das gehe bis in die Schulen hinein: "Schüler und Lehrer können jetzt plötzlich Programme wie ,Teams' und ,Zoom' bedienen." Vieles sei möglich geworden, was man bisher für unmöglich hielt. Insofern sei Corona auch ein Katalysator für positive Entwicklungen.

Dass die Krise die deutsche Wirtschaft tiefgreifend verändern wird, ist für Baur ausgemacht. Es würden neue Arbeitsmethoden eingeübt, die nicht mehr verschwinden werden. Viele Unternehmen hätten inzwischen auch die Vorteile des Homeoffice erkannt: Entscheidungen seien schneller geworden, auch weil kleinere Gruppen daran beteiligt waren. "Es hat trotzdem funktioniert", sagt Baur: "Viele Unternehmen werden das beibehalten und ihre Abläufe radikal verschlanken und beschleunigen."

Auch globale Lieferketten werden sich verändern. Um Kosten zu sparen, hätten manche Unternehmen ihre Logistikprozesse bisher zu stark verzweigt und dabei stellenweise den Überblick verloren. Einige Lieferketten seien zu komplex geworden. Jetzt sind viele Manager bereit, die Komplexität zu reduzieren, auch wenn es Geld kostet. Es werde stärker auf eine Balance zwischen Einsparung und Sicherheit geachtet. Die Globalisierung werde dabei ein Stück zurückgedreht.

Macht Baur die schnelle Erholung der Aktienkurse stutzig? Der Dax fiel von fast 14 000 Punkten vor Ausbruch der Pandemie zunächst auf 8500 und pendelt gegenwärtig bei 11 000 Punkten. Der Grund für die schnelle Erholung der deutschen Aktien sei ein Vertrauensbeweis internationaler Investoren in das deutsche System. "Das deutsche Gesundheitssystem, unsere Disziplin in der Krise sowie die detaillierte Planung für das Wiederhochfahren, während strenge Regeln für Abstand und Hygiene gelten - das alles beeindruckt auch internationale Anleger", ist Baur überzeugt: "Wenn Fondsmanager sich fragen, welche Volkswirtschaft am besten durch die Krise komme, sagen viele: die deutsche." Dieser Vertrauensvorschuss spiegele sich auch in der aktuellen Aktienkursentwicklung.

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