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Die Wohlstandsformel

Am Aktienmarkt verhandeln [Quelle: pexels.com, Autor: Anna Nekrashevich]

Quelle: pexels.com, Anna Nekrashevich

An den Märkten liegt eine turbulente Woche hinter Investoren und Anlegern. Demgegenüber steht der Wunsch vieler Deutscher, sich schnell und sicher ein Vermögen fürs Alter aufzubauen. Wie lässt sich beides zusammenbringen? 

Die Angst ist wieder da: die Sorge, dass die wirtschaftliche Erholung doch nicht so stark läuft wie erhofft. Erstens steigen die Covid-Infektionszahlen. Und zweitens denken die Profis an den Märkten schon an die Nach-Corona-Zeit: Dann laufen Finanzhilfen der Regierungen aus, die Notenbanken können höhere Preise nicht mehr als "vorübergehend" ignorieren, und zeitweise ausgesetzte Insolvenzen sind wieder möglich.

Und diese Angst äußerte sich an den Märkten in dieser Woche so deutlich wie seit Monaten nicht mehr. Nach dem schier unglaublichen Aufschwung seit dem ersten Schock über Corona im Frühjahr 2020, der wichtige Indizes wie den deutschen Dax, den Euro-Zonen-Leitindex Euro Stoxx 50 oder das US-Börsenbarometer S&P 500 zwischen 70 und 94 Prozent steigen ließ, scheint die Euphorie über Aktien verflogen.

Ende vergangener Woche bröckelten die Kurse, am Montag verunsicherte dann ein deutlicher Rücksetzer an allen wichtigen Aktienmärkten. Die Sorge, dass sich die Anzeichen für eine Trendwende mehren, ist nun – zwischenzeitliche Erholung hin, zwischenzeitliche Erholung her – Bestandteil jedes Handelstags.

"Die Aktienmärkte könnten schon noch weiter runtergehen", sagt Thomas Kruse, Chef-Anlagestratege Deutschland der französischen Fondsgesellschaft Amundi. "Die naheliegendste Gefahr dürfte darin liegen, dass die Delta-Variante den wirtschaftlichen Neustart deutlich verlangsamt, im schlimmsten Fall sogar abwürgt", urteilt Martin Lück, der Chef-Anlagestratege Deutschland des weltgrößten Geldverwalters Blackrock. Auch internationale Portfoliomanager schrauben ihre bislang sehr optimistischen Erwartungen an das Wirtschaftswachstum zurück.

Das geht aus der weltweit wichtigsten regelmäßigen Umfrage der Bank of America unter Fondsmanagern hervor. Im Juli beteiligten sich an dieser 239 Investoren, die zusammen mehr als 740 Milliarden Dollar verwalten. Weniger als die Hälfte von ihnen glaubt noch daran, dass die Wirtschaft sich absehbar groß erholt.

Im März waren es noch 91 Prozent. Dieser Unruhe an den Märkten gegenüber steht die Erwartungshaltung vieler Menschen. Die Deutschen sehnen sich nach Jahren des Zinszerfalls und Monaten der ökonomischen Sorgen nach finanzieller Sicherheit. Selbst auf dem Höhepunkt der Coronakrise, ergab die regelmäßige Umfrage "Die Ängste der Deutschen" der R+V-Versicherung, sorgten sich mehr Deutsche um die Zukunft ihres Wohlstandes als um ihre Gesundheit.

Und bei der Frage nach Zukunftswünschen steht ein finanziell abgesicherter und möglichst früh beginnender Ruhestand weit oben. Oder, um es anders zu sagen: Die Deutschen sind auf der Suche nach der Formel für sicheren Wohlstand. In der Welt der Finanzen zeigt sich das in ihrer Vorliebe für Spargeld, auch wenn sie immer häufiger Strafzinsen bezahlen müssen.

Gleichzeitig entdecken immer mehr Menschen trotz aller Börsenturbulenzen den Aktienmarkt, wie Zahlen des Deutschen Aktieninstituts zeigen: Im Corona-Jahr 2020 ist die Zahl der Aktionäre im Land um 2,7 Millionen und damit um gut ein Viertel auf 12,4 Millionen gestiegen. Vor allem viele junge Menschen wagten sich erstmals an die Börse: Mit 600.000 jungen Erwachsenen unter 30 Jahren waren es knapp 70 Prozent mehr als im Jahr 2019.

Bei der genauen Gestaltung dieser Wohlstandsformel aber verunsichert das Auf und Ab der Märkte. Dabei ist etwas anderes viel entscheidender für die persönliche Finanzstrategie: die eigene Lebenssituation. Das Handelsblatt hat des wegen mit Beratern und Vermögensverwaltern gesprochen, wie sich die eigene Situation und die Lage an den Märkten zu einer sinnvollen Wohlstandsformel zusammenbringen lässt.

Dazu wer den in den kommenden Wochen in einer Serie verschiedene Anlageklassen wie Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Kryptowährungen genauer analysiert und Möglichkeiten für private Depots aufgezeigt. Am Ende steht keine Anlagestrategie für jeden Einzelnen, wohl aber eine Formel, die den privaten Wohlstand im Alter greifbarer macht.

Die Stimmung an den Märkten

Auch wenn die eigene Lebenssituation die Basis der Anlagestrategie ist: Ohne Wissen um die Trends und Stimmungen an den Kapitalmärkten hilft das wenig. Und dort ist der lange Zeit spür bare Optimismus gewichen. "Es hat sich eine gewisse Nüchternheit ausgebreitet", sagt Christian Keller, Chefvolkswirt der britischen Barclays Bank. Das leitet er nicht nur aus seinen Gesprächen mit Großinvestoren ab, sondern auch aus den Daten. Die Rendite der zehnjährigen US Staatsanleihe liegt nur noch bei knapp 1,3 Prozent.

Die reale Rendite, bei der die Inflationserwartungen abgezogen werden, zeigt sich zurzeit mit knapp minus einem Prozent deutlich unter null. Keller leitet aus den Daten zweierlei ab. Erstens: Die Investoren erwarten auf Dauer offenbar kein starkes Wachstum mehr.

Und zweitens: Die Angst vor einer steigenden Inflation scheint gewichen oder zumindest in den Hintergrund getreten zu sein. Andrew Bosomworth, Leiter des Pimco-Portfoliomanagements in Deutschland, sieht keine dauerhafte Inflationsgefahr. Und auch Keller stellt fest: "Hier gibt es eine deutliche Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Investoren und denen vieler Ökonomen."

Denn einige Ökonomen wie Mohamed El Erian, der unter anderem die Allianz berät, und der frühere IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard befürchten immer noch, die Inflation in den USA, die zurzeit bei mehr als fünf Prozent liegt, könne außer Kontrolle geraten. Die Märkte teilen diese Befürchtung offenbar nicht.

Die Strategen der großen Vermögensverwalter wie Amundi, Pimco und Blackrock sind da gegen vor allem mit Blick auf das Wachstum vor sichtig geworden. Wenn die Impfzahlen nicht schnell genug steigen und anziehende Inzidenzen wieder zu mehr Menschen in Krankenhäusern führen, könnte es im Herbst erneut Lockdowns geben, fürchtet Lück. Und dann verdienen die Unternehmen weniger, als die Analysten bisher in ihren Bewertungsmodellen eingerechnet haben.

Kruse von Amundi ist ebenfalls vorsichtig: Er hält eine Korrektur der Aktienmärkte um fünf bis zehn Prozent abwärts von den gesehenen Höchst ständen jederzeit für möglich. Die letzten Korrekturen seien verpufft, weil Anleger sofort wieder eingestiegen seien, sagt er. Und erklärt: "Das könnte jetzt durchbrochen werden mit einer Art Zickzack-Bewegung, die gesund wäre." Denn rechnete Amundi bisher in den USA mit 7,2 bis 8,5 Prozent Wachstum in diesem Jahr und mit 3,5 bis 4,5 Prozent in 2022, ist die Stimmung nun aus den genannten Gründen gedämpfter.

Corona hemmt eben nicht nur die Stimmung an den Märkten, es zerreißt auch manche Lieferkette. "Vor allem die Krise bei Halbleitern wird uns bis Ende 2022 begleiten", sagt Kruse. Des wegen seien die Frühindikatoren der Konjunktur schon seit Mai gebremst: Firmen stellten fest, dass ihre Orderbücher voll sind, sie aber nicht einfach liefern könnten.

"Wer heute ein Auto bestellt, weiß, dass er entweder auf Teile wie ein LED Tagfahrlicht verzichtet, das halbleitergetrieben ist, oder zwei Monate länger darauf warten muss", beschreibt der Stratege. Auch die deutlich gestiegenen Container-Frachtraten zeigen aus seiner Sicht: "So rund läuft die Wirtschaft doch nicht nach Corona."

Er glaubt: Spätestens ab kommendem Frühjahr dürften Investoren darüber nachdenken, welches Wachstum bleibt, wenn die Corona-Stützungsmaßnahmen von Politik und Notenbanken auslaufen. Kruse rechnet jeweils mit Wachstum in ähnlicher Größenordnung wie vor Corona. China sei mit einer Abschwächung von 5,7 bis 6,0 Prozent Wachstum schon auf dem Weg dorthin. Die USA dürften folgen. Europa sieht er wegen der längeren Lockdowns als Nachzügler mit einem Wachstum für 2021 und 2022 von jeweils 3,5 Prozent.

Die Schlussfolgerungen der Profis

Unterm Strich heißt das: Da kein "extrem langer Konjunkturzyklus" zu erwarten sei, sei auch das Potenzial der Aktienmärkte "limitiert". Die Aktien dürften in Europa wegen des Nachholeffekts 2022 besser laufen als in den USA. Neben Europa bevorzugt Amundi auch Japan. Wegen der hohen Bewertung von Tech-Aktien sieht Kruse dort kaum noch Kurschancen.

Die konjunktursensiblen "Value-Titel" mit attraktiveren Bewertungen sollten sich besser entwickeln. Allerdings seien Rohstoff- und Öltitel sowie Autoaktien bereits gut gelaufen. Jetzt sei daher die Zeit der defensiveren Sektoren wie Pharma oder Nahrungsmittel. Ähnlich bewertet Blackrock-Mann Lück die Lage: "Wir bleiben übergewichtet in Aktien", sagt er, "aber wahrscheinlich haben die Märkte den Aufholprozess, also die Rückkehr zum Wachstumspfad aus der Covid-Krise heraus, weitestgehend eingepreist."

Solange sich Europa im Öffnungsmodus befinde und die Wirtschaftsaktivität sich normalisiere, sieht Lück europäische Zykliker und Value-Sektoren kurzfristig im Vorteil – also Branchen wie Bau, Chemie, Auto oder Finanzen. Tech-Werte dürften dagegen strukturell attraktiv bleiben, ihre Sonderkonjunktur flache aber wahrscheinlich ab. Das gelte vor allem für Unternehmen, die die Menschen während der Pandemie zu Hause mit Online-Einkauf und Kommunikation versorgt haben. Lück betont aber: "In anderen Bereichen haben wir gerade erst den Anfang gesehen, etwa bei Künstlicher Intelligenz, autonomem Fahren und grünen Technologien."

Obwohl Amundi von der Bewertung her Aktien nur noch als "neutral" einstuft, sieht Kruse doch, dass deren Anteil in den Depots zwangsläufig hoch bleiben muss. Der Grund ist schlicht: Es fehlen die Alternativen. "Anleihen werden in Summe weiter an Gewicht verlieren", sagt er. Ein reines Anleiheportfolio macht aus seiner Sicht keinen Sinn mehr. Viele Anleger seien zuletzt in riskantere, weil weniger liquidere Bonds gegangen, um noch Rendite zu bekommen, erklärt er.

Diese seien in der Coronakrise eher anfälliger geworden. Stattdessen rät er zu defensiven Aktien mit guter Dividendenrendite. Blackrock sieht Potenzial im Bond-Bereich noch in Schwellenländer-Anleihen. Das gelte vor allem für chinesische Papiere, die über das letzte halbe Jahr Rekordzuflüsse verbucht haben, sagt Lück. Außerdem hält er inflationsgeschützte Anleihen für attraktiv. Kruse zieht aus seinen Analysen folgende Schlussfolgerungen: Die Bedeutung von Aktien, auch für eher risikoscheue Menschen, steigt tendenziell.

Die Strategien für Privatanleger

Konservative Anleger etwa mit langem Anlagehorizont, die früher 30 Prozent Aktien und den Rest Anleihen im Depot hatten, sollten sich eher an 50 bis 60 Prozent Dividendentitel gewöhnen. Bei Anleihen hält er neben Firmenbonds US-Staatsanleihen für interessant: Neben hoher Kreditsicherheit bringen sie immer noch eine kleine laufende Rendite. Aktuell rät Kruse, etwas mehr Liquidität zu halten, um bei sinkenden Aktienkursen nachkaufen zu können.

Gold als Krisenwährung hält er nicht für nötig, Kryptowährungen für keine "nachvollziehbare" Anlageklasse. Das leitet über zu der grundsätzlichen Frage, welche Anlagen für private Investoren infrage kommen – und welche Rolle sie jeweils im Depot spielen können. Aktien sind ganz klar die Favoriten für den langfristigen Aufbau des Vermögens. Die Coronakrise hat ihren langjährigen Aufstieg nur kurzfristig unterbrochen.

Eine Entwicklung wie bei den zwei großen Börsencrashs der vergangenen zwei Jahrzehnte ist nicht zu erwarten. Die Lage ist einfach grundlegend anders. Beim Crash der Tech-Werte vor gut 20 Jahren hat sich eine Schieflage am Markt entladen. Anders als heute waren damals nicht nur die Aktienbewertungen, sondern auch die Anleiherenditen hoch. Beides zusammen geht auf Dauer nicht.

Während damals von einer irrationalen Kursblase die Rede war, spricht der Ökonom El-Erian heute von einer "rationalen Blase": Die Notenbanken halten die Renditen auf Anleihen niedrig, und das rechtfertigt – noch – hohe Aktienwerte. In der großen Finanzkrise wiederum, die 2008 die Märkte einbrechen ließ, hat sich eine Systemkrise entladen.

Um die Banken hatte sich ein Geflecht von Verschuldungen aufgebaut. Kreditrisiken wurden an die Kapitalmärkte weitergegeben, ohne auf die Zahlungsfähigkeit der Akteure zu achten. Dadurch kam mit den ersten Verlusten eine Vertrauenskrise in Gang, die nur durch den Eingriff der Regierungen und Notenbanken gestoppt werden konnte.

Das alles ist heute anders. Dennoch sind Akteure und ihre Herausforderungen von ähnlicher Bedeutung. Auch jetzt wird vieles auch in Sachen privater Vermögensentwicklung davon abhängen, wie die großen Zentralbanken handeln. Ab kommendem Herbst werden die Notenbanken beginnen, ihre Unterstützung der Märkte zurückzufahren – zunächst verbal und dann auch real. Dann wird sich – wie wenn eine Ebbe das Leben unter der Wasseroberfläche zum Vorschein bringt – zeigen, ob irgendwo im Finanzsystem Verschuldungen stecken, die zu gefährlichen Reaktionen führen.

Dass das zu einem systemischen Bruch führt, scheint aber unwahrscheinlich. Insgesamt sind Aktien also mit Risiken behaftet, aber eine wirklich lang anhaltende Krise ist nicht absehbar. Deswegen dürfte es trotz aller Einschränkungen für sie in ihrer Rolle als Kern eines langfristigen Depots kaum eine Alternative geben. Anleihen wiederum liefern kaum Renditen ab. Für kleinere Vermögen dürfte sich eher lohnen, innerhalb des staatlichen Einlagenschutzes noch Fest- und Termingelder mit Minirenditen – oder wenigstens ohne Minuszins – zu suchen.

In größeren Depots können Unternehmensanleihen die Schwankungen von Aktien nicht wirklich auffangen, weil sie sich ähnlich bewegen. Aber sie können diese Schwankungen dämpfen. Staatsanleihen sollten noch in Schwellenländern positive Renditen bringen, dann aber wegen des Risikoausgleichs über Fonds. Staatsanleihen in entwickelten Ländern bringen real, nach Inflation gerechnet, meist nur noch Minusrenditen.

Für Stabilität können auch – trotz derzeit hoher Preise an vielen Orten – Immobilien sorgen, mit kleinen Summen über offene Immobilien-Fonds. Rohstoffe gelten als Schutz gegen Inflation, das gilt vor allem für Öl. Gold wird auch von Anlegern gekauft, die das Restrisiko eines Systemzusammenbruchs damit abdecken wollen. Aber die entscheidenden Stellschrauben für die Justierung der ganz persönlichen Wohlstandsformel bleiben recht überschaubar: Aktien und Barmittel, entsprechend der Lebenssituation und der Risikoneigung bemessen.

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