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Die Wette auf ein langes Leben

Paar Rentner Bank See Natur [Quelle: Unsplash.com, Autor: Sven Mieke]

Quelle: Unsplash.com, Sven Mieke

Bei der Sofortrente zahlen Sparer einmalig eine Summe ein und bekommen dafür lebenslang eine Rente. Dass die meist sehr niedrig ist, verschleiern prominente Anbieter. Doch es gibt Alternativen.

Den Reiz einer lebenslangen Sofortrente haben Lotteriegesellschaften früh erkannt. Ob Aktion Mensch, GlücksSpirale oder Deutsche Fernsehlotterie – Sofortrenten gehören seit Jahren zu ihren Gewinnen. Nur hat die Sache einen Haken. Bei der Aktion Mensch zum Beispiel werden 5.000 Euro monatliche Sofortrente nur bis maximal eine Million Euro ausgezahlt. Viel Geld. Und doch reicht es nicht einmal für 17 Rentenjahre. Selbst 65-Jährige dürfen, rein statistisch, noch auf ein längeres Leben hoffen. Die 10.000 Euro Sofortrente der GlücksSpirale fließen nur 20 Jahre lang. Bei der Deutschen Fernsehlotterie kann die Sofortrente zwar tatsächlich lebenslang gezahlt werden. Sie beträgt dann aber nur "bis zu 5.000 Euro" und wird "auf Grundlage versicherungsmathematischer Formeln individuell berechnet". Ein 30-Jähriger bekommt geschätzt nicht mal 1.500 Euro. Und, ach ja, die Gewinnchance beträgt eins zu zehn Millionen.

Nun gibt es Sofortrenten nicht nur bei Lotterien, sondern auch als private Altersvorsorge, vom Versicherer. Gegen eine hohe Einmalsumme sichern sich Rentner so eine lebenslange monatliche Zahlung. Das Interesse ist groß. Im vergangenen Jahr stiegen die Einmalbeiträge bei Lebensversicherern, Pensionskassen und Pensionsfonds um 37 Prozent auf 38 Milliarden Euro. Dies war laut Versichererverband GDV "der höchste Wert, der bislang gemessen werden konnte".

Allerdings sind auch die Sofortrenten der Versicherer nicht über jeden Zweifel erhaben. Punkten können sie mit der Garantie einer lebenslangen Zahlung. Solche Sicherheit haben Sparer sonst nicht. Ohne Versicherung könnte bei einem besonders langen Leben das Geld ausgehen. Thomas Beutler von der Verbraucherzentrale des Saarlandes überzeugt das trotzdem nicht. Interessenten sollten sich fragen, wie groß das Risiko, dass ihnen das Geld im Alter ausgeht, tatsächlich sei, sagt Beutler. Und vor allem: "Wie teuer ist diese Absicherung für mich?" Meist zeigt sich: Die Sicherheit hat ihren Preis. Und es gibt lohnendere Alternativen – für alle, die es sich leisten können.

Wie Versicherer tricksen

Beutler rät zu einer Überschlagsrechnung: "Vor dem Abschluss einer Sofortrente sollte man sich anschauen, wie alt man werden muss, um den eingesetzten Betrag zurückzuerhalten." Das sei "ein erster Indikator, der sich gut bewerten lässt".

Die Anbieter selbst stellen ganz andere Werte in den Vordergrund, wie ein Beispiel der Allianz zeigt. Sie will einem 65-Jährigen für 200.000 Euro Einmalbeitrag garantierte 535,91 Euro monatliche Sofortrente zahlen. Samt unverbindlicher Überschüsse könnten es 740 Euro sein. Und sollte der Versicherte früh sterben, bekämen Hinterbliebene den Einmalbeitrag minus gezahlter Renten zurück.

Oberflächlich wirkt das Angebot für Menschen, die ihre Rente viele Jahre beziehen, lukrativ: Auf Basis der aktuellen Überschüsse, so schreibt die Allianz, "beträgt die jährliche Wertentwicklung Ihrer Altersvorsorge drei Prozent vor Kosten. Hierbei gehen wir beispielhaft von einer Rentenzahlungsdauer von 20 Jahren aus." Bis "zu diesem Zeitpunkt" gingen von der jährlichen Wertentwicklung 0,58 Prozent Gesamtkostenquote runter.

So wirkt es, als ob der 65-Jährige 20 Jahre, also bis zum Alter von 85 Jahren, 2,42 Prozent einfahren könnte – drei Prozent vor Kosten, minus Kostenquote. Kein schlechtes Geschäft in Zeiten der Null- und Negativzinsen. Nur stimmt es nicht. Selbst inklusive der unverbindlichen Überschüsse und mit der von der Allianz angesetzten jährlichen Rentensteigerung, hätten Versicherte mit 85 gerade erst ihr eingezahltes Geld zurück – eine Nullrendite also. Erst mit etwa 92 Jahren kämen sie tatsächlich auf 2,40 Prozent Rendite auf die eingezahlte Summe.

Wie passt das zusammen? Auf Nachfrage teilt die Allianz mit, dass die dreiprozentige Verzinsung in die Berechnung einer lebenslangen Rente eingehe. Die Gesamtkostenquote beziehe sich hingegen auf den Zeitraum bis zum 85. Lebensjahr. Daher sei es "nicht sinnvoll", die Werte voneinander abzuziehen. Genau das wird Interessenten im Angebot jedoch suggeriert. Wie die Gesamtkostenquote berechnet wird, will die Allianz trotz konkreter Nachfragen nicht beantworten. Man "bitte um Verständnis, dass wir nicht weiter ins Detail gehen". Erst der GDV als Verband erklärt die Berechnung nach mehrfacher Nachfrage: So werden schlicht die Ein- und Auszahlungen bis 85 verglichen, einmal mit und einmal ohne jegliche Kosten. Der Renditeunterschied zwischen beiden Varianten ist die Gesamtkostenquote. Von der "Wertentwicklung Ihrer Altersvorsorge" von drei Prozent vor Kosten profitiert der Rentner zu diesem Zeitpunkt aber längst noch nicht.

Die mangelhafte Transparenz habe System und werde durch den Gesetzgeber unterstützt, sagt Heinrich Bockholt von der Hochschule Koblenz: "Vorgaben, etwa zur Berechnung der Gesamtkostenquote bei Sofortrenten, gibt es nicht. Jeder Produktgeber kann machen, was er will." Die Angaben seien viel zu schwammig, um Kunden und Beratern echte Orientierung zu geben.

Inflation, Steuern, Krankenkasse

Womöglich gibt es für die Abwehrhaltung der Anbieter einen simplen Grund: Transparente Informationen wirken kaum verkaufsfördernd. Beim Allianz-Angebot würde es mit der garantierten Rente 31 Jahre dauern, bis die 200.000 Euro Einmalbeitrag wieder zurückgeflossen sind – ohne Inflationsausgleich. Die Steuer ist auch noch nicht berücksichtigt. Sie wird bei Sofortrenten, wie bei anderen Rentenversicherungen, auf einen fix vorgegebenen Ertragsanteil mit dem persönlichen Steuersatz berechnet. Die Höhe des Ertragsanteils hängt vom Alter zum Rentenbeginn ab. Mit 65 sind es 18 Prozent. Läge der Steuersatz darauf bei 30 Prozent, blieben von 535,91 Euro Rente rund 506,97 Euro netto übrig. Auf dieser Basis flösse der Einmalbeitrag gar erst in 33 Jahren zurück, im dann biblischen Alter von 98 Jahren. Wenigstens werden auf die privaten Renten meist keine Krankenkassenbeiträge fällig. Nur bei im Alter freiwillig gesetzlich Versicherten kann das doch vorkommen – das trifft beispielsweise oft Selbstständige oder Angestellte, die in der zweiten Hälfte ihres Berufslebens längere Zeit nicht gesetzlich versichert waren.

Wie die Sofortrente steigt

Um etwas mehr Sofortrente herauszuholen, gibt es ein paar Stellschrauben:

Verzichten Sofortrentner auf die Absicherung von Angehörigen im Todesfall, steigt ihre Rente. Zur Absicherung werden Rentengarantiezeiten sowie Beitrags- oder Kapitalrückgewähr vereinbart. Entweder fließt die Rente dann auf jeden Fall eine gewisse Zeit, selbst wenn der Versicherte vorher verstirbt, oder die Angehörigen bekommen in diesem Fall eine Einmalzahlung, die meist nach und nach sinkt. Vor allem die Beitragsrückgewähr kostet viel Rente – durchaus bis zu zehn Prozent. Eine bis zu zehnjährige Rentengarantiezeit hat bei 65-Jährigen hingegen kaum Folgen; dass sie so schnell sterben ist unwahrscheinlich.

Die Wahl des Anbieters ist wichtig. Die Höhe der garantierten Rente kann sich je nach Versicherer um bis zu zehn Prozent unterscheiden, teils noch mehr. Relativ hohe Renten zahlt beispielsweise der Direktversicherer Europa.

Auch der passende Tarif macht einen Unterschied – je nachdem, wie die nicht garantierten Überschüsse ausgezahlt werden. Leider gibt es keine einheitlichen Bezeichnungen. Bei konstanten Renten (auch flexibel oder Sofortüberschussrente genannt) werden die aktuellen Überschüsse über die ganze Laufzeit hochgerechnet. So ist die Rente samt Überschüssen anfangs höher, kann aber jederzeit fallen, wenn die Überschüsse sinken. Angesichts der seit Jahren rückläufigen Zinsen ist dieses Risiko groß. Dynamische Renten hingegen sind anfangs gering, steigen dann aber – meist wird hier sogar das garantierte Niveau nach und nach angehoben. Teildynamische Renten verbinden beide Varianten, können bei schlechter Entwicklung aber auch wieder sinken.

Den passenden Tarif finden

Die meisten Sofortrentner werden mit einer dynamischen Rente gut beraten sein, weil sie vor bösen Überraschungen weitgehend geschützt sind. Nur eine Schieflage ihres Versicherers könnte die Ansprüche noch gefährden. Im Fall der Fälle würde die Sicherungseinrichtung der Lebensversicherer einspringen, Protektor. Theoretisch wäre im Krisenfall dann auch die Absenkung eigentlich garantierter Renten denkbar.

"Bei der Auswahl sollten Interessenten sich an den garantierten Werten orientieren", sagt Verbraucherschützer Beutler. Überschüsse können wegfallen. Die in Aussicht gestellten Überschussrenten sollten Versicherte nur als "Best-case-Szenario" betrachten.

Mit 200.000 Euro Einmalzahlung bekäme ein 65-Jähriger bei der Europa Versicherung garantiert 665,78 Euro Sofortrente – ohne Absicherung von Hinterbliebenen. So hätte er sein Geld nach 25 Jahren zurück. Nach Abzug von Steuern könnte es 26 Jahre dauern, also bis 91. Rein statistisch ist die weitere Lebenserwartung mit 65 geringer. Selbst bei einem vergleichsweise guten Rentenangebot bleibt die Sofortrente mit Blick auf die Rendite also eine Wette auf ein langes Leben. In den vergangenen Jahren haben sich die Konditionen immer weiter verschlechtert. 2008 bekamen neu startende Sofortrentner noch locker ein Viertel mehr Rente garantiert als heute.

Wie andere Versicherungen eignet sich eine Sofortrente vor allem, wenn sie als Absicherung nötig ist. Das trifft zu, wenn Ruheständler ihr Basisauskommen – etwa für Wohnen, Essen und Gesundheit – nicht anderweitig gesichert haben. Wer hingegen über eine ordentliche gesetzliche Rente, betriebliche Vorsorge und ausreichende Rücklagen verfügt, der braucht den Schutz nicht. Aus den Rücklagen sollte sich eine verbleibende Rentenlücke selbst bei sehr langem Leben füllen lassen. Die genaue Summe hängt vom Einzelfall ab: Bei 1.000 Euro monatlicher Lücke könnten mit 65 Jahren zum Beispiel 540.000 Euro frei verfügbare Rücklagen reichen – aus ihnen ließe sich die Lücke ohne Verzinsung bis zum Alter von 110 Jahren stopfen. Zinserträge müssten nur die Inflation ausgleichen.

Sicherheitspuffer sind gut. So weist etwa der Versichererverband GDV darauf hin, dass jede Generation fünf Jahre länger lebe als die vorherige. Im Schnitt unterschätzten die Deutschen ihre eigene Lebenserwartung. Selbst bei den 60- bis 69-Jährigen ergab sich in einer Befragung eine Abweichung von über vier Jahren zwischen der eigenen Schätzung und dem statistischen Wert.

In Eigenregie flexibel bleiben

Legen Rentner ihr Geld selbst an, sind sie viel flexibler. So können sie auch die Renditechancen von Aktien nutzen und im längerfristigen Schnitt durchaus fünf Prozent Jahresrendite vor Steuern erzielen. Breit streuende Fonds – zum Beispiel kostengünstige Indexfonds (ETFs) auf einen weltweiten Index wie den MSCI World – eignen sich dafür. Für solche Zwecke stellt die Wirtschafts-Woche regelmäßig eine krisenerprobte und chancenreiche Strategie vor, ein Mischdepot aus je 30 Prozent Aktien und Anleihen, 25 Prozent Gold und 15 Prozent Cash.

Je knapper die Rücklagen sind, desto konservativer muss das Kapital im Ruhestand investiert werden. Denn ein möglicher Kurssturz darf die Versorgung nicht gefährden. Ein Ruheständler mit mehr als dem Doppelten der nötigen Rücklagen, kann daher noch kräftig in Aktien investieren. Selbst bei theoretisch 100 Prozent Aktienquote würde ein 50-Prozent-Kurssturz sein Altersauskommen nicht gefährden. Wer hingegen nur gerade so die nötigen Rücklagen zusammenkratzt, der muss Kursrisiken meiden.

Auszahlpläne von Banken sind dann eine Alternative zur Sofortrente: Das Geld wird hier verzinst angelegt und monatlich ausgezahlt, praktisch ein Sparplan im Rückwärtsgang. Allerdings bieten nur wenige Banken so etwas an. Bei der IKB gibt es Entnahmepläne für bis zu zehn Jahre, zu dann 0,30 Prozent Zins. Bei der BKM Bausparkasse Mainz ist sogar der Abschluss eines Auszahlplans über 30 Jahre möglich, der 1,25 Prozent Zins pro Jahr abwirft.

Eine Einzahlung von 200.000 Euro würde dann reichen, um eine gleich hohe Auszahlung wie die Garantierente der Europa Lebensversicherung 30 Jahre zu finanzieren – also 665,78 Euro beispielsweise vom 65. bis zum 95. Lebensjahr. Nach Abzug von Abgeltungsteuer könnte der Sparer monatlich 635 Euro kassieren. Das wäre sogar etwas mehr als bei der Sofortrente, je nach Steuersatz. Der große Vorteil des Auszahlplans ist ein anderer: Verstirbt der Kunde vor Ablauf der 30 Jahre, bekämen die Erben – anders als bei der Sofortrente – das Restguthaben. Mit 85 wären es knapp 73.000 Euro, mit 90 noch rund 37.000 Euro. Sollte der Kunde allerdings älter als 95 werden, bliebe die Zusatzrente aus. Der Entnahmeplan wäre zu diesem Zeitpunkt beendet, das Guthaben verbraucht. Sowohl IKB als auch BKM Bausparkasse unterliegen der gesetzlichen Einlagensicherung, die bis 100.000 Euro pro Sparer abdeckt, und einer weiteren Absicherung für höhere Einlagen.

Mit Aktien lassen sich höhere Renten finanzieren – aber diese sind nicht vorab verlässlich kalkulierbar. Eine Simulation des Finanzdienstleisters Fairr mit historischen Daten zeigt, dass ein 64-Jähriger, der 200.000 Euro in Aktien weltweit investiert, von 65 bis 95 Jahre im Mittel 1.140 Euro Monatsrente kassieren kann, vor Steuern. Dabei wurde die Börsenentwicklung für alle 30-Jahres-Zeiträume seit dem Jahr 1900 ausgewertet. Im besten Fall wären 2.780 Euro Monatsrente drin gewesen, im schlechtesten Fall rund 600 Euro. Eine zweiprozentige Rentensteigerung zum Inflationsausgleich sowie anfallende Kosten sind einkalkuliert. Das Problem: Die historischen Werte können nicht einfach in die Zukunft übertragen werden. Und kein Ruheständler weiß anfangs, welche Rente er sich gönnen darf.

Sofortrenten bieten mehr Sicherheit. Die allerdings ist teuer erkauft.

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