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Teamgeister, die ich ich rief

Team-Typen (Quelle: fotolia, Autor: michaeljayberlin)

© michaeljayberlin - Fotolia.com

Wer als nicht kooperativ gilt, kann die Karriere oft vergessen. Teamarbeit ist angesagt. Doch sie hat auch Schattenseiten. Da wird gekuschelt und gekungelt, werden Konflikte weichgespült und Überfliegern grausam die Flügel gestutzt. Doch manchmal erreicht der Einzelne mehr als die Mannschaft.

Das Chicago Symphony Orchestra mit Stardirigent Riccardo Muti spielt, Dame Mitsuko Uchida gibt ein Klavierkonzert, und der Auftritt der Einstürzenden Neubauten ist hoffentlich kein schlechtes Ohmen, wenn ab 11. Januar die Elbphilharmonie Hamburg mit einem dreiwöchigen Festival eröffnet.

Musikfans aller Art kommen auf ihre Kosten, nur einer nicht, der Steuerzahler. Die Fertigstellung des Klangpalastes dauerte sechs Jahre länger als geplant, die Kosten vervielfachten sich auf rund eine Milliarde Euro. Fast alles ging schief, wie der 640-seitige Bericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zeigt: Streit zwischen Stadt und Investoren, Probleme mit dem Baugrund. Doch eine Dissonanz gibt besonders zu denken: Planer, Investoren, Ingenieure redeten aneinander vorbei. Die von der städtischen Planungsgesellschaft ReGe als Bauherrin angesetzten Teambesprechungen verliefen zunehmend chaotisch, "Kräftemessen" ersetzte konstruktives Arbeiten, persönliche Aversionen traten zutage.

In seiner Not regte ReGe-Geschäftsführer Hartmut Wegener sogar ein "Teambuilding-Seminar in der Heide" an. Damit wollte der Projektkoordinator die Beteiligten besänftigen, nach dem Motto: "Wir bauen gemeinsam ein Weltprojekt." Wegeners Standardspruch war: "Ich krieg das alles hin, wenn erst der Beton fließt." Statt auf den Tisch zu hauen, glaubte er an den guten Willen aller Beteiligten – getreu der Devise: Wir sind doch ein Team!

Im Rudelwahn

Der Mythos Teamarbeit hält sich hartnäckig. Bewerbern wird eingebläut, dass Einzelkämpfer in Unternehmen keine Chance haben. Bei Beförderungen zum Manager geht es darum, ob die künftigen Führungskräfte Teamgeist erzeugen können. Im fortgeschrittenen Chefalter haben die meisten den Rudelwahn so verinnerlicht, dass sie jeden teuren Teambuilding-Workshop abnicken. Ein Teil der deutschen Trainerzunft lebt davon, Menschen, die privat niemals zum Werkzeug greifen, mit ihren Kollegen Flöße oder Seifenkisten bauen zu lassen.

Nicht nur solche Maßnahmen gehen ins Geld, auch Teamarbeit selbst kann finanziellen Schaden anrichten. Nach einer Studie der Universität Oxford, für die 1 471 IT-Projekte im Gesamtwert von 241 Milliarden Dollar untersucht wurden, scheitern mindestens 20 Prozent der Projekte unter anderem weil Teams nicht effektiv arbeiten. Es lohnt sich also, die Tücken der Teamarbeit zu kennen und vorzubeugen.

Die Heidelberger Managementberaterin Anja Förster beobachtet gerade in großen Unternehmen, dass Teams um ihrer selbst willen gebildet werden. "Man ist ein Team, weil es sich einfach so schön anfühlt, ein Team zu sein. Und weil man niemanden ausgrenzen möchte", sagt sie. "Kaum etwas ist so charakteristisch für den deutschen Arbeitsalltag wie der Hang zu Herdentrieb und Zusammenrottung." Nicht Experten säßen in Ausschüssen und Arbeitskreisen zusammen, sondern Leute, die sich einfach gerne reden hörten. "Manche Unternehmen besitzen sogar noch den seltsamen Humor, das als ihre 'demokratische' Unternehmenskultur zu verstehen. Motto: Mitbestimmung ist, wenn alle durcheinanderreden und nichts entschieden wird." Hinzu komme, dass Teams zu Konformität neigten. "Abweichler werden wie Antikörper abgestoßen", sagt Förster. "Entweder man blökt mit der Herde, oder man muss sein Büroleben als nicht teamfähiger Außenseiter fristen. Das will keiner, denn das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist zu mächtig."

Hart abrechnen

Ein hoher Kuschelfaktor im Team führt dazu, dass individuelle Klasse argwöhnisch beäugt wird. Die Schwächsten und Faulsten bestimmen das Tempo, die Leistung sinkt. Unternehmen wie Sipgate, ein Anbieter von Internettelefonie aus Düsseldorf, versuchen daher, die Komfortzone aufzubrechen. "Grundsätzlich soll ein Team bei uns immer besser werden. Dazu haben wir verschiedene Instrumente implementiert, beispielsweise die zweiwöchentliche Retrospektive", erläutert Sipgate-Gründer Tim Mois. In dieser Teamsitzung werden die vergangenen zehn Arbeitstage strukturiert ausgewertet und Verbesserungen beschlossen. Ein anderes Instrument heißt "Peer Feedback": Die Mitarbeiter suchen sich Kollegen, die ihnen mal richtig die Meinung sagen. Das soll die Kritikfähigkeit steigern. Software wird nicht wie üblich in größeren Projektgruppen, sondern nur in Tandems entwickelt.

Wo größere Teams nötig sind, etwa im Marketing, achtet Sipgate darauf, dass keine Seilschaften entstehen. "Daher sind Teams bei uns eher wochenlang als jahrelang zusammen", sagt Mois. "Die dadurch regelmäßig notwendige Neuorientierung wirkt erfrischend." Niemand kann sich in der Gruppe verstecken, jeder ist Leistungsträger. "Selbstorganisation und Eigenverantwortung erfordern genau das: den Blick fürs Ganze", betont Mois. Klare Ziele, offenes Feedback und die Bereitschaft, Konflikte auszutragen, vorausgesetzt. In einer solchen Atmosphäre sei kein Platz für verstecktes Mobbing – eine weitere negative Begleiterscheinung vieler Teams.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    In diesem Beitrag wird "das Team" als Verstärker, gar als Ursache, typischer menschlicher Schwächen dargestellt. Teamarbeit leidet oft an mangelnder Kooperationsbereitschaft, Eitelkeiten, unzureichender Führung und unklarer Zielsetzung. Laut der Oxford-Studie können wohl "bis zu 20%" der Teamprojekte an vom Autor beschriebenen Phänomenen scheitern. 80% nicht bzw. wegen anderer Ursachen. Fakt ist doch, dass viele Führungskräfte icht die Phantasie und Willenskraft und viele Organisationen nicht die Strukturen und Anreizsysteme besitzen, erfolgreiche Teamarbeit zu ermöglichen. Für bessere Teams braucht man salopp gesagt bessere Menschen.

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