von Melanie Grell

McKinsey & Company

"Raus aus dem Labor" - Naturwissenschaftler bei McKinsey

McKinsey, Naturwissenschaftler, Physik, Beratung

Katrin Suder (37) hat Physik an der RWTH Aachen studiert und zusätzlich einen Bachelor in Theaterwissenschaften und Linguistik an der Ruhr-Universität Bochum gemacht. Danach promovierte sie dort in theoretischer Physik. Seit Oktober 2000 ist sie Beraterin bei McKinsey im Kölner Büro, seit Dezember 2005 Partnerin. Im April 2007 übernahm sie das Office-Management des Berliner Büros.

Wieso entscheidet man sich für den Beraterberuf, wenn man Physik studiert, darin promoviert und auch sehr erfolgreich auf diesem Gebiet publiziert hat?

Tatsächlich hatte ich ursprünglich eine Universitätskarriere im Sinn. Es kamen allerdings gegen Ende meiner Promotion einige Faktoren zusammen, die mich immer mehr an einer Wissenschaftskarriere zweifeln ließen. Zum einen arbeitet man als theoretische Physikerin nicht im Team, sondern ist auf sich allein gestellt. Zum anderen ist die Wirkung der eigenen Arbeit schwierig zu definieren. Ich hatte nicht das Gefühl, wirklich etwas zu bewegen. Weitere Faktoren, die mich von der Universitätslaufbahn abbrachten, waren ein ungewisser Karriereweg, die Notwendigkeit, Deutschland zu verlassen sowie schwierige universitäre Rahmenbedingungen. Als ich dann bei einem Recruiting-Seminar Heiner Frankemölle, einen McKinsey Director, kennenlernte und er mich zur Bewerbung aufforderte, war ich nicht abgeneigt – auch wenn ich nicht wirklich wusste, wer oder was McKinsey ist. Dennoch bewarb ich mich um ein Praktikum und habe ich mich dann überzeugen lassen, mich direkt um eine feste Stelle zu bewerben.

War es ein Nachteil, nicht BWL studiert zu haben?

Jein. Bei typischen wirtschaftswissenschaftlichen Themen ist es natürlich ein wenig merkwürdig, nicht BWL studiert zu haben – so hatte ich beispielsweise wenig Ahnung vom üblichen Business Talk. Aktienkurse und CEOs hatten mich bis dahin nur am Rande interessiert. Insofern hatten mir die Wirtschaftswissenschaftler in diesem Punkt etwas voraus. Allerdings war ich durch mein naturwissenschaftliches Studium an hochkomplexe, mehrdimensionale Themen gewöhnt und in der Lage, sehr komplizierte Probleme zu lösen. Selbst die Methoden und Vorgehensweisen sind ähnlich. Die Arbeit bei McKinsey war daher irgendwie eine Fortführung dieses Arbeitens. Mit dem Unterschied, dass man die Probleme bei McKinsey relativ kurzfristig lösen muss, während sie im Physikstudium wesentlich langfristiger, teilweise über Jahre hinweg, untersucht wurden.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Da ich Partnerin bin, sieht mein Alltag etwas anders aus als der eines Beraters. Ich betreue zwei große Klienten. Montags steige ich ins Flugzeug und verbringe die nächsten vier Tage beim Klienten bzw. bei meinen Teams. Da die Klienten an unterschiedlichen Orten sind, fliege ich ein- bis zweimal hin und her. Donnerstags geht es dann zurück nach Berlin. Dazwischen versuche ich noch, regelmäßig Sport zu treiben. Den Freitag verbringe ich wie alle anderen Berater im Home Office. Dann stehen auch viele Aufgaben in meiner Rolle als Office-Managerin an.

Für welche Branchen arbeiten Sie?

Für die Telekommunikations- und Hightech-Branche. Dabei beschäftige ich mich mit Fragen zu Strategie, Technologie, IT und Operations. Seit einiger Zeit arbeite ich auch für Studien im öffentlichen Sektor. Das ist ausgesprochen interessant – und ich könnte mir vorstellen, mich dort noch tiefer einzuarbeiten.

Haben Sie als Partnerin andere Aufgaben als "normale" Berater?

Ja, als Partnerin habe ich noch andere Aufgaben. Zum einen übernehme ich mehr Führungsverantwortung als früher und auf andere Weise. In den Teams zum Beispiel bin ich diejenige, die vergleicht, übergreifend einordnet und weitertreibt – meine Rolle im Problemlösungsprozess hat sich verändert. Zum anderen bin ich verantwortlich für den Umfang der Studie, das "Scoping". Außerdem bin ich Mentorin für jüngere Kollegen und engagiere mich in Personalkomitees und im Recruiting. Das ist mir besonders wichtig. Ich kümmere mich beispielsweise um die Evaluierung und die Fortentwicklung von Recruiting-Maßnahmen. Schließlich habe ich im April 2007 noch die Leitung des zweitgrößten deutschen McKinsey-Büros in Berlin übernommen. Damit sind viele neue Aufgaben hinzugekommen.

Zusammen mit zwei Kolleginnen haben Sie analysiert, welchen Einfluss Arbeitsmodelle auf die Karrieren von Frauen in Führungspositionen haben. Wie karrierefördernd ist McKinsey?

McKinsey steht im Vergleich sehr gut da. Wir wenden alle Maßnahmen an, die wir bei der Studie "A Wake-Up Call for Female Leadership in Europe" untersucht haben. Bei uns ist Frauenentwicklung Chefsache. Daneben haben wir Mentoring-Programme und flexible Arbeitszeitmodelle. Übrigens auch für Männer. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass nur Frauen von flexiblen Arbeitszeitmodellen profitieren.

Wie sieht es mit der Vereinbarkeit von Karriere und Familie aus?

Auch hier sieht es schon gut aus, aber gewiss können und müssen wir uns noch verbessern. Der nächste Schritt wäre, dass ein Berater auf allen Karrierestufen noch mehr Möglichkeiten hat, Karriere und Familie zu vereinbaren. Leider ist das Problem sehr komplex. Frauen werden Familie und Beruf erst dann optimal verbinden können, wenn erstens der Anteil der Väter, die flexible Arbeitszeitmodelle in Anspruch nehmen, größer wird, zweitens genug Strukturen zur Kinderbetreuung vorhanden sind und drittens ein Umdenken in der Gesellschaft stattgefunden hat. Denn solange es berufstätige Mütter gibt, die von unserer Gesellschaft kritisiert werden, wird es Frauen erschwert, Karriere und Familie zu vereinbaren. Dieser Faktor ist am schwierigsten zu ändern. Aber wir sind auf dem Weg.