Außergewöhnliche Hochschulen: Besser, größer, älter

Autor*innen
Luisa Wick
Frau mit Aktentasche fliegt in Superman-Pose über eine Weltkugel.

Unter Nordlichtern oder stuckverzierten Decken, im Zauberschloss oder an der Massenuni: Vier Studierende erzählen von ihrem Alltag an außergewöhnlichen Hochschulen.

e‑fellows.net präsentiert: Das Beste aus ZEIT Campus

Lies bei uns ausgewählte Artikel aus ZEIT Campus, dem Magazin der ZEIT für alle Abiturient:innen, Studierenden, Absolvent:innen und Young Professionals.

Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe: 30 bis 30. Wie Nick Woltemade, Ikkimel, Yasmin Kahumuza und Frau Gretel unsere Gegenwart prägen

Oxford

Johannes Weidt, 26, studiert Global Health Sciences and Epidemiology in Oxford. Laut einigen Rankings ist das die beste Uni der Welt.

"Schon bei meiner Immatrikulation habe ich gemerkt, wie wichtig Traditionen in Oxford sind. Sie fand im Sheldonian Theatre statt, einem Bau aus dem 17. Jahrhundert mit prächtigem Deckenfresko. Wir mussten Anzug und Gown tragen, das ist ein akademisches Gewand, schwarz und knielang, ähnlich wie eine Robe.

Ich habe im Bachelor an der FAU Erlangen-Nürnberg Medizin studiert und mich dann für einen Master in Oxford entschieden: Global Health Sciences and Epidemiology. In diesem Bereich möchte ich in die Forschung. Britische Universitäten haben im Gegensatz zu deutschen oft einen größeren Fokus auf öffentliche und globale Gesundheit. Oxford zählt zu den besten Unis der Welt. Mich hat überrascht, wie nahbar die Dozierenden trotzdem sind. Nach den Vorlesungen stehen wir oft noch in kleiner Runde zusammen, um weiterzudiskutieren. Die Professor:innen kann ich jederzeit auf einen Kaffee treffen. Zusätzlich begleiten mich feste Advisors, das sind Postdocs oder Professor:innen, mit denen ich bespreche, wie ich mich akademisch in Richtung meines Ziels entwickeln kann. Ich will erforschen, wie man die Gesundheitsversorgung effizienter und gerechter machen kann.

Zur Uni gehören um die 40 Colleges. Das sind eigenständige Gemeinschaften, in deren Gebäuden wir essen, wohnen und einen Großteil unserer Freizeit verbringen. Im Grunde besteht die gesamte Innenstadt von Oxford daraus. Die Gärten sind voller Kletterpflanzen, in den verwinkelten Bibliotheken und den Speisesälen mit den langen Holztischen fühle ich mich manchmal wie bei Harry Potter. Kein Wunder: Im Christ Church College wurden tatsächlich einige Filmszenen gedreht.

Als internationaler Student zahle ich rund 38.000 Euro Studiengebühren pro Jahr. Dazu kommen knapp 1.000 Euro Miete im Monat. Das Studium ist leider sehr exklusiv. Ohne die Stipendien vom Evangelischen Studienwerk und von der Uni selbst könnte ich mir das nicht leisten. Was auch toll ist: Die Uni lädt immer wieder interessante Speaker ein. Jan Böhmermann war schon da und George R. R. Martin, Autor von Game of Thrones. Ich bin gespannt, wer als Nächstes kommt."

Bologna

Lena Wiediger studiert dort, wo schon Nikolaus Kopernikus lernte: in Bologna. Die Uni in der norditalienischen Region Emilia-Romagna ist die älteste Hochschule in Europa.

"Ich studiere an dem Ort, wo schon Nikolaus Kopernikus lernte. Die Universita di Bologna ist die älteste Hochschule in Europa. Sie wurde 1088 gegründet. Die Geschichte war einer der Gründe, warum ich mein Erasmus-Semester hier verbringen wollte. Normalerweise studiere ich an der Universität Würzburg Management. Viele Uni-Gebäude in Bologna stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, einige aber auch noch aus dem Mittelalter. Unsere Seminarräume sind modern, doch in den Bibliotheken fühlt es sich an, als wäre man in eine Zeitmaschine geraten: Antike Säulen tragen stuckverzierte Decken, die Wände sind mit Malereien geschmückt. Nicht nur die Gebäude erinnern an die Geschichte der Uni: Wenn man seine letzte Prüfung bestanden hat, bekommt man einen Kranz aus Lorbeerblättern aufgesetzt, mit dem man ein bisschen aussieht wie Julius Cäsar.

Ich mag das Leben in Italien, die entspannte Mentalität, das Wetter, die Preise. In Bologna kann ich ein Studentenleben führen, das ich mir in Würzburg nicht leisten könnte. Hier zahle ich für einen Aperol Spritz nur 2,50 Euro. Auch Reisen ist günstiger, und Bologna liegt perfekt dafür. Für knapp 15 Euro bin ich in ein, zwei Stunden mit dem Zug in Mailand, Verona oder Venedig. Nur das Wohnen ist für uns Erasmus-Studierende deutlich teurer als für Einheimische. Viele meiner Kommiliton:innen wurden abgezockt. Ich zahle für mein 15 Quadratmeter großes WG-Zimmer 400 Euro.

Abends treffe ich mich oft mit anderen Erasmus-Leuten auf der Piazza Aldrovandi im Zentrum. Wir trinken und reden. Das ist so typisch für Bologna, dass es dafür sogar eine eigene Wendung gibt: fare balotta, gesellig sein. Das Lebensgefühl spiegelt sich auch in den Spitznamen der Stadt: La Dotta, die Gelehrte, wegen der alten Uni. La Rossa, die Rote, wegen der Ziegeldächer und Fassaden. Und La Grassa, die Fette, wegen der guten, üppigen Küche. Am liebsten esse ich Crescentine, das sind gebackene Teigtaschen.

Die Stadt gefällt mir so gut, dass ich mein Erasmus um ein Semester verlängert habe. Bis August werde ich noch bleiben und meine Masterarbeit schreiben."

Tromsø

Judith Uttendorfer, 25, studiert seit Juli 2025 im Master Peace and Conflict Transformation an der nördlichsten Uni der Welt in Tromsø.

"Wenn ich nachts aus meinem Wohnheimfenster schaue, sehe ich manchmal die Nordlichter tanzen und denke: Die Welt kann so schön sein. Tromsø liegt 350 Kilometer nördlich des Polarkreises auf einer kleinen Insel. Viele meiner Kommiliton:innen kommen mit Skiern zur Uni. Auf dem Campus liegt bis in den Mai hinein Schnee.

Nach meinem Bachelor an der American University in Kairo wollte ich für meinen Master etwas ganz anderes. Ich bin von der Wüste in die Arktis gezogen. Mein Studium in Peace and Conflict Transformation bekommt hier oben, etwa 400 Kilometer Luftlinie entfernt von der russischen Grenze, eine besondere Perspektive: Wir sprechen viel über hybride Kriegsführung und die Rolle der Nato.

Als ich im Juli 2025 in Tromsø ankam, war die Mitternachtssonne gerade vorbei, also die rund drei Monate lange Zeit, in der es nie dunkel wird. Hell war es trotzdem noch viel. Einmal bin ich um drei Uhr nachts mit Freund:innen wandern gegangen. Im Winter zeigt sich das andere Extrem: Während der Polarnacht geht die Sonne nicht auf. Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst vor der dunklen Jahreshälfte. Ich habe mich gefragt, ob sie meine Stimmung färbt. Mittlerweile ist es meine liebste Zeit. An jedem Haus brennen Lichter, die Menschen treffen sich in Cafés, lesen, stricken oder zeichnen.

Das Leben in Nordnorwegen ist viel weniger stressig. Die Menschen machen kaum Überstunden, um 16 Uhr sind die meisten Büros leer. Wenn ich alles für die Uni erledigt habe, gehe ich oft mit Freund:innen zum Strand. Von meinem Stadtteil Åsgård sind es nur 30 Minuten zu Fuß. Am Hafen gibt es eine öffentliche Sauna, danach springen wir in das drei Grad kalte Nordpolarmeer.

Norwegen ist nicht so teuer, wie ich dachte. Für mein WG-Zimmer zahle ich 450 Euro. Eine Tasse Filterkaffee und ein Kanelbolle, so heißen die Zimtschnecken, kosten zehn Euro. Eigentlich gibt es nur einen Nachteil, so weit im Norden zu studieren: Viele Reiseziele sind schwer erreichbar. Es gibt einen täglichen Direktflug nach London, Richtung Süden muss man oft zweimal umsteigen. Es fühlt sich an wie am Rand der Welt. Für meinen Master ist es perfekt."

Kairo

Luisa Joa, 27, studiert Gender, Intersektionalität und Politik. Sie macht ihr Auslandssemester an der Cairo University, die größer als jede deutsche Uni ist.

"In Ägypten gibt es das Sprichwort You are affected by Egypt, but Egypt isn’t affected by you. Auf Kairo trifft das besonders zu. Hier leben rund zehn Millionen Menschen, die Stadt ist voller Energie, laut und chaotisch. Am Anfang musste ich erst mal klarkommen, schon eine Straße zu überqueren fiel mir schwer. Nach sieben Monaten quetsche ich mich einfach zwischen den Autos durch.

Eigentlich studiere ich Gender, Intersektionalität und Politik an der FU Berlin. Das letzte Semester habe ich an der Cairo University verbracht. Ich wollte mein Arabisch verbessern. Vor knapp zwei Jahren habe ich angefangen, die Sprache zu lernen, weil sie in Berlin sehr präsent ist. Eines meiner Seminare ist komplett auf Arabisch. Aber die Profs nehmen oft Rücksicht und wechseln zwischendurch ins Englische. Manchmal übersetzen auch Kommiliton:innen für mich.

An der Uni studieren mehr als 200.000 Menschen, das sind gut sechsmal so viele wie an der FU. Von der Größe merke ich im Alltag wenig. Klar, der Campus ist riesig, aber in meinen Seminaren sind wir trotzdem oft nur zehn bis fünfzehn Leute. Der Unterricht findet meist abends von 18 bis 21 Uhr statt, weil viele Studierende tagsüber arbeiten. Ich besuche da meinen Sprachkurs und lerne für die Uni. Mein Lebensrhythmus hat sich in Kairo verändert. Meine Tage beginnen oft erst um elf Uhr. Wenn ich freihabe, spaziere ich am Nil entlang, trinke frisch gepressten Zuckerrohrsaft für umgerechnet 1,20 Euro oder gehe mit Freund:innen ins Zawya Cinema, eines der ersten unabhängigen Kinos in Ägypten. Das ist besonders, denn in Ägypten werden die Filmproduktionen von wenigen Verleihern kontrolliert. Unabhängige Filme haben in der Regel keine Chance.

Gerade ist Ramadan. Nach Sonnenuntergang beginnt das Fastenbrechen, der Iftar. Wenn ich dann durch die Straßen laufe, werde ich ständig von fremden Menschen eingeladen. In ein paar Tagen werde ich nach Berlin zurückfliegen. Ich hoffe, dass es in meiner Nähe ein ägyptisches Restaurant geben wird. Wenn ich Kairo vermisse, werde ich mir da Koshari bestellen, ein Gericht aus Linsen, Nudeln und Reis."

Bewertung: 0/5 (0 Stimmen)