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"Die Sinnfrage ist wichtiger geworden"

Consulting Berater Beratung Diskussion [Quelle: Unsplash.com, Nik MacMillan]

Quelle: Unsplash.com, Nik MacMillan

Unternehmensberater stehen in dem Ruf, unzählige Überstunden zu machen. Machen das junge Bewerber heute überhaupt noch mit? McKinsey-Personalchefin Nadja Peters klärt auf.

Wie viele Stunden arbeitet ein junger McKinsey-Berater im Schnitt am Tag?

Peters: Das ist sehr individuell, mal fällt mehr Arbeit an, mal weniger. Das kommt auch sehr darauf an, in welcher Phase sich das Beratungsprojekt befindet, in dem man gerade mitarbeitet.

Aber ein Acht-Stunden-Tag ist sicher nicht der Normalfall.

Unternehmensberater haben keinen Nine-to-five-Job, das stimmt. Aber an den Wochenenden wird in der Regel nicht gearbeitet. Außerdem achten wir darauf, dass unsere Mitarbeiter im Gegenzug auch genügend Ausgleich bekommen.

Wie sieht eine übliche Arbeitswoche eines Beraters aus?

Die Mehrheit der Berater ist von Montag bis Donnerstag beim Klienten vor Ort. Der Freitag ist dann Bürotag. Entweder arbeitet man tatsächlich im McKinsey-Büro oder zu Hause im Home Office. Das steht jedem frei, und die Präferenzen sind unterschiedlich. Manche gehen gern ins Büro, um zu netzwerken und andere Kollegen kennenzulernen. Andere arbeiten lieber von zu Hause.

Wie viel Prozent der Berater machen freitags Home Office?

Das weiß ich gar nicht. Wir überprüfen das ja nicht. Die Mehrheit kommt ins Büro.

Unter der Woche verlangen die Kunden aber strikt Präsenz vor Ort?

Ja, meist ist das so. Darauf basiert auch unsere Philosophie: in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Klienten relevante Veränderungen zu bewirken.

Trauen sich Bewerber im Vorstellungsgespräch überhaupt, das Thema Arbeitszeit anzusprechen?

Ja, wir bekommen immer wieder Fragen zur Arbeitszeit. Das ist eigentlich eine sehr typische Frage in Bewerbungsgesprächen.

Machen sich die Bewerber bei alten Hasen damit nicht lächerlich?

Nein, das gehört dazu. Die Kandidaten, die zu uns kommen, wollen vorher einfach ein authentisches Bild, was sie im Arbeitsalltag wirklich erwartet. Das ist eine faire Frage.

Ticken die jungen Bewerber heute anders als noch vor zehn oder zwanzig Jahren?

Vieles ist gleich geblieben. Unsere Bewerber – früher und heute – wollen an den wichtigen Fragen der Zeit mitarbeiten: Heute sind das etwa die Zukunft der Automobilindustrie, die Energiewende oder die Chancengerechtigkeit für Frauen. Manches hat sich aber tatsächlich verändert: Die Sinnfrage ist wichtiger geworden. Was kann ich bewegen? Früher war der Dienstwagen wichtiger als heute. Auch das Tempo des Aufstiegs ist eher in den Hintergrund gerückt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist dagegen wichtiger geworden. Da machen wir mehr Angebote als früher.

Zum Beispiel?

Wir bieten unseren Beratern die Möglichkeit zu Sabbaticals an, also längeren Auszeiten. Unsere Berater können in jedem Jahr eine längere Pause machen – zusätzlich zum normalen Jahresurlaub. Solche mehrwöchigen Auszeiten funktionieren in unserer Branche sehr gut. Weil wir immer in Projekten arbeiten, gibt es die Möglichkeit, zwischen zwei Projekten eine Auszeit zu nehmen. In klassischen Unternehmen geht das meist nicht so einfach, da haben wir Berater einen großen Vorteil.

Wie läuft das praktisch ab?

Wir haben die bürokratischen Hürden dafür stark gesenkt. Zweimal im Jahr – im Januar und Juli – können Mitarbeiter ihre Wünsche anmelden, ob und wann sie eine Auszeit nehmen wollen. Man muss die Auszeit auch nicht begründen. Mit Jahresurlaub zusammen kann man insgesamt drei Monate Auszeit nehmen.

Bekommt man während der Auszeit Geld?

Die Auszeit, die über den Jahresurlaub hinausgeht, wird nicht bezahlt. Das wird anteilsmäßig aber auf das Gesamtgehalt angerechnet – so dass sich die prozentuale Kürzung gleichmäßig auf das ganze Jahr verteilt. Das Gehalt wird dann während der Auszeit weiter gezahlt. Man bleibt also auch versichert während dieser Zeit.

Haben Sie das selbst schon genutzt?

Ja, ich habe zwei Monate Auszeit genommen, um mit dem Fahrrad von Kairo nach Khartum zu radeln.

Wie viele Mitarbeiter nutzen die Sabbatical-Möglichkeit?

Etwa jeder vierte Berater hat das im vergangenen Jahr in Anspruch genommen. Meist sind es nicht die Neueinsteiger, die wollen erst mal ankommen. Aber in den mittleren Karrierestufen wird das sehr stark genutzt. Viele nehmen sich jedes Jahr eine Auszeit.

Gibt es bei Ihnen auch Teilzeit? Oder ist man bei einem Projekt entweder hundert Prozent dabei oder gar nicht?

Bei uns arbeiten immer mehr Leute in Teilzeit. Nicht gerade zu Beginn der Karriere. Aber gerade unsere Mütter und Väter nutzen Teilzeit-Programme immer häufiger. Das wird ab der Karrierestufe der Juniorpartner, also nach etwa fünf bis sechs Jahren, einfacher in der Umsetzung, weil man dann typischerweise mehr als einen Klienten betreut. Da lässt sich das einfacher organisieren.

Früher waren Berater sehr beliebt als Arbeitgeber. Heute stehen die Tech-Konzerne wie Amazon, Google oder Facebook ganz oben auf den Listen der beliebtesten Arbeitgeber. Der Glanz der Berater ist etwas verblasst.

Nein. Die Zahlen zeigen etwas anderes. Bei den Spitzenabsolventen sind die Berater immer noch ganz vorne.

Schreckt die hohe Arbeitslast nicht viele Bewerber ab?

Wir bekommen so viele Bewerbungen wie noch nie. Wir suchen freilich auch so viele Bewerber wie noch nie. In diesem Jahr wollen wir mehr als 500 Berater einstellen.

Die Fragen stellte Tillmann Neuscheler.

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