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"Europa erlebt den Durchbruch"

Smartphone, Bezahlung, Start-up [Quelle: unsplash.com, Autor: Jonas Leupe]

Quelle: unsplash.com, Jonas Leupe

Der Gründer und Investor Niklas Zennström über die Stärken hiesiger Start-ups und die nächste Welle der Digitalisierung.

Wie wenige andere Investoren hat sich Skype-Gründer Niklas Zennström für europäische Start-ups engagiert. Er hat Gründer gecoacht und mit seinen vier Fonds, von denen allein der aktuelle rund 670 Millionen Euro schwer ist, in mehr als hundert Unternehmen investiert. Und er ist davon überzeugt, dass die große Zeit europäischer Technologiefirmen gerade erst beginnt. Das Handelsblatt trifft Zennström im Bayerischen Hof in München kurz vor Beginn der Aufsichtsratssitzung des Luftfahrt-Start-ups Lilium, in das Zennström gemeinsam mit einigen internationalen Geldgebern investiert hat.

Herr Zennström, vor 15 Jahren haben Sie den Kommunikationsdienst Skype gegründet. Wenige Jahre später war es das wertvollste Start-up Europas. Wie hat sich die europäische Tech-Szene seitdem verändert?

Damals, kurz nach dem Dotcom-Crash, hat in Europa kaum jemand an digitale Firmen geglaubt. Gründer kamen nicht an Geld, weil wenige Investoren das Risiko eingehen wollten. Heute entstehen in Europa in einem beeindruckenden Tempo Technologiefirmen mit Weltrang. Seit dem Verkauf von Skype 2005 haben 52 junge europäische Unternehmen die Bewertung von einer Milliarde Dollar überschritten, zwölf davon sind mehr als fünf Milliarden Dollar wert. Die Dynamik ist in Europa heute größer als in den USA.

Woran machen Sie das fest?

Fast alle neuen europäischen Milliardenunternehmen haben diese Bewertung in den letzten fünf Jahren erreicht. Ich bin sicher, dass wir in zehn Jahren mehr als doppelt so viele Einhörner in Europa haben werden.

Die Bewertungen von US-Unternehmen sind aber ebenfalls gestiegen.

Das stimmt. Aber in Europa haben wir dieses Jahr größere Tech-Börsengänge gesehen als in den USA: den Musikstreamingdienst Spotify mit einer Bewertung von rund 22 Milliarden Euro und den Zahlungsdienstleister Adyen mit einer Bewertung von 13 Milliarden Euro. Hinzu kamen große Übernahmen – zuletzt kaufte Paypal die schwedische Bezahlplattform iZettle. Europas Start-up-Szene erlebt gerade ihren Durchbruch.

Viele deutsche Unternehmer klagen trotzdem, dass sie nicht an Geld kommen.

Das höre ich auch immer wieder. Wir müssen uns aber klarmachen, dass nicht jede Idee finanziert werden kann. Und das ist auch besser so.

Das heißt, wer jetzt kein Geld bekommt, hat kein Geschäftsmodell?

Ja. Ich bin davon überzeugt, dass aktuell alle erfolgversprechenden Start-ups in Deutschland und im Rest Europas Investoren finden. Vor ein paar Jahren war das wichtigste Ziel vieler Gründer, ihr Start-up an US-Wettbewerber zu verkaufen – wie Sie es mit Skype gemacht haben. Das hat sich geändert. Die europäischen Unternehmer, mit denen wir sprechen, entwickeln ihr Geschäft viel langfristiger als früher und haben viel größere Ambitionen.

Inwiefern?

Sie wollen aus Europa heraus ein globales Geschäft aufbauen. Das geht, weil es auch bei uns immer mehr erfolgreiche Unternehmer gibt, die ihr Wissen als Investoren weitergeben. So entsteht ein Ökosystem, das wiederum jüngere Menschen anzieht, die früher in die Industrie oder zu den Banken gegangen wären. Eine Technologiefirma zu gründen wird in Europa immer normaler. Die Start-ups sind längst so innovativ wie ihre US-Rivalen. In manchen Bereichen sind die Europäer sogar führend.

Zum Beispiel?

Großbritannien gehört zu den führenden Standorten für Künstliche Intelligenz, in London sitzt die weltweit bekannteste KI-Firma Deepmind ...

... die 2014 für geschätzt 500 Millionen Dollar von Google geschluckt wurde.

Um Deepmind herum hat sich ein KI-Ökosystem entwickelt, mit vielen Start-ups, von denen wir noch hören werden. In Deutschland sehen wir spannende Unternehmen auf dem Feld der industriellen Vernetzung. Auch das Start-up Lilium in München, in das wir investiert haben, ist technisch ganz weit vorn: Es entwickelt fliegende Autos. Ich finde die europäischen Start-ups gerade spannender als die im Silicon Valley.

Das hätte vor ein paar Jahren niemand so gesagt. Was ist passiert?

Das Silicon Valley war lange der beste Platz für Start-ups: Sie saßen dicht beieinander, konnten Ideen austauschen, voneinander lernen und Leute abwerben. Nun aber beginnt die nächste Welle der Digitalisierung, jetzt wird der Rest der Wirtschaft verändert: die Industrie, die Automobilwirtschaft, Banken und Versicherungen. Das ist Europas Chance. Viele dieser Industrien sind hier stark. Die Innovation findet dort statt, wo Alt und Neu aufeinandertreffen.

Wo beobachten Sie das konkret?

Ich finde spannend, was in Deutschland in Sachen Robotik passiert. Das Münchener Start-up Franka Emika sollte man im Auge behalten. Ebenso wichtig ist die Vernetzung von Fabriken, wie sie das von uns finanzierte Londoner Start-up Oden Technologies vorantreibt. Auch große Konzerne wie BMW, Daimler oder Audi arbeiten immer enger mit Start-ups zusammen. Investoren aus aller Welt sind beeindruckt davon, was in Europa gerade passiert. Als wir in Lilium investiert haben, war es für die anderen Geldgeber ein Argument, dass das Unternehmen bei München sitzt, weil alle wussten, dass die Tech-Kompetenz in der Region so groß ist.

In Deutschland müssen Flugtaxi-Freunde mit Spott rechnen.

Das war bei vielen neuen Technologien so. Und Europa ist in dem Feld sehr weit.

Wie wird eine Welt aussehen, in der Autos nicht mehr nur die Straßen verstopfen, sondern auch durch die Luft fliegen?

Ich glaube, dass Städte fliegende Autos brauchen. Sie helfen zum Beispiel, Staus zu reduzieren, sie sind energieeffizient und zudem leise. Natürlich werden sie am Ende nicht überall wild herumfliegen. Es wird in den meisten Metropolen feste Routen und Landeplätze geben.

Wann ist es so weit?

Es wird keine zehn Jahre mehr dauern. Aber vorher wird Europa in ganz anderen Feldern führend sein.

Zum Beispiel?

Bei Fintechs sehe ich Europa heute schon vor den USA. Der Zahlungsabwickler Adyen, die Kreditplattform Funding Circle, die Smartphone-Bank N26 und das von uns finanzierte Unternehmen Klarna gehören zu den weltweit erfolgreichsten Fintechs. Ein Grund dafür ist, dass die EU für junge Finanzunternehmen die Möglichkeit geschaffen hat, ohne größere rechtliche Hürden in allen Ländern zu starten. Für viele andere Unternehmen ist das komplizierter.

Die EU hat mit der Datenschutz-Grundverordnung weltweit für Aufsehen gesorgt. Dahinter steckt auch eine andere Mentalität im Umgang mit Daten, als sie im Silicon Valley und in China propagiert wird. Ist das eine Chance für Europa?

Gerade aus Deutschland wird das Thema Datenschutz stark getrieben. Das hat zwei Dimensionen. Die Nutzer wissen in der Regel nicht, was mit ihren Daten passiert und wie viel sie von sich preisgeben. Es ist gut, dass sie mehr Kontrolle über ihre Daten erhalten. Wir müssen auf der anderen Seite aber vorsichtig sein, dass wir nicht die großen US-Plattformen regulieren und gleichzeitig das Wachstum kleiner Unternehmen aus Europa behindern.

Aber die Skandale wie bei Facebook haben doch gezeigt, dass wir einen anderen Umgang mit Daten brauchen. Sind Dienste, die sparsam damit umgehen, Europas Marktlücke?

Da passiert tatsächlich einiges. Europäische Unternehmen, mit denen wir sprechen, befassen sich intensiv mit der Frage, wie sie Algorithmen programmieren können, die mit weniger Daten auskommen und die keine einprogrammierten Vorurteile haben. Europa könnte durch seine vorsichtige Haltung beim Umgang mit Daten zu dem Ort werden, an dem eine bessere Künstliche Intelligenz entsteht. Wer heute Algorithmen programmiert, hat auch eine gesellschaftliche Verantwortung.

Das mit der Verantwortung hat sich bei einigen amerikanischen Plattformen noch nicht herumgesprochen.

Ich glaube nicht, dass das ein US-spezifisches Problem ist. Es ist eher ein Problem großer Unternehmen. Ein Konzern ist wie ein Organismus, der sich immer schwieriger verändern wird, je größer er wird. Facebook ist ein Tanker, der sich extrem schwer auf einen neuen Kurs bringen lässt. Dieses Beispiel prägt eine ganze Gründergeneration.

Inwiefern?

Junge Unternehmer fragen sich früh, wie sie so etwas verhindern können, sollten sie eines Tages ähnlich erfolgreich sein. Wir führen diese Diskussion mit Gründern gerade sehr oft. Die Werte des Unternehmens sind so wichtig, weil sie sich später auch in den Algorithmen und Produkten widerspiegeln. Wenn den Gründern die Privatsphäre ihrer Nutzer wichtig ist, wird das überall im Unternehmen zu sehen sein. Wir würden nie in ein Start-up investieren, das nicht überzeugende Werte vertritt.

Kann eine Künstliche Intelligenz mit einer solch europäischen Prägung ein Wettbewerbsvorteil sein?

Davon bin ich überzeugt. Das ist unsere Chance. Allerdings müssen wir technologisch trotzdem mindestens genauso gut sein wie die Angreifer aus den USA und aus China.

Was muss Europa tun, um die immer noch große Lücke zu den viel größeren Tech-Unternehmen in den USA und China zu schließen?

Wenn europäische Pensionsfonds nur ein Prozent des von ihnen verwalteten Vermögens in Start-ups investieren würden, wäre die Lücke auf der Finanzierungsseite geschlossen. Das würde auch bedeuten, dass die nicht selten guten Gewinne in europäische Pensionen fließen. Dann würden die Großeltern von dem profitieren, was ihre Kinder aufbauen.

Herr Zennström, vielen Dank für dieses Interview.

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