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Soll ich meinem Bauchgefühl trauen?

Mann Wiese Meditation [Quelle: Pexels.com, Autor: Spencer Selover]

Quelle: Pexels.com, Spencer Selover

Bei Entscheidungen dem eigenen Bauch zu folgen kann sich auszahlen. Das Unterbewusstsein filtert Informationen rasend schnell und ist der Ratio oft überlegen. Experten meinen: Auf das Gefühl zu hören, kann man lernen.

Bei diesem Stellenangebot stimmte fast alles: mehr Gehalt, spannendere Stadt, große Klinik. Der Kopf sagte ja zum Wechsel, der Bauch sagte nein. Statt es ernst zu nehmen, ignorierte Klaus dieses diffuse Grummeln und folgte dem Ruf des Geldes. "Vom ersten Tag an fühlte sich die neue Stelle falsch für mich an. Der Umgang untereinander – nach außen taten alle freundlich, nach innen konkurrierten sie hart – passte nicht zu mir." Nach einer freudlosen Zeit wechselte der Arzt in ein kleineres Krankenhaus und bedauert, dass er nicht früher auf sein "Bauchgefühl gehört" hat.

Wie ihm geht es den meisten Menschen laut einer Studie des Personaldienstleisters Robert Half: Von Arbeitnehmern, die einen Job trotz schlechten Bauchgefühls antraten, kündigten 43 Prozent wieder, 35 verharrten unglücklich, nur 20 Prozent haben sich gut arrangiert. Das ungute Gefühl zu ignorieren ist keine gute Idee, belegt die Wissenschaft.

Während der Verstand die Fakten durcharbeitet, auf der Haben-Seite die Vorteile der neuen Stelle auflistet, filtert die Intuition im Bruchteil von Sekunden heraus, dass da irgendetwas nicht stimmig ist, sich etwas unangenehm anfühlt. "Ich vermute mal, es hatte etwas mit den Bedürfnissen des Arztes zu tun", wagt Johanna Feilhauer eine kleine Ferndiagnose. Die promovierte Psychologin ist Coach und Beraterin in Unternehmen, gleichzeitig betreut sie Patienten in einer psychiatrischen Tagesklinik in Heinsberg. Sie rät, das Bauchgefühl ernst zu nehmen: "In unserem Unterbewusstsein gibt es ein Gemisch aus Gefühlen und Erfahrung, also gefühlte Erfahrungen. So ein Erfahrungswissen hat jeder Mensch, das kann sich im Lauf des Lebens entwickeln."

In Krisensituationen aus dem Bauch heraus das zu tun, was im Moment erforderlich ist, geht rasend schnell. Während das Unterbewusstsein einige Millionen Informationen pro Sekunde verarbeiten kann, schafft das Bewusstsein nur 0,1 Prozent davon, hat der Hirnforscher Gerhard Roth herausgefunden. "Die Ratio ist viel langsamer", bekräftigt Bernhard Broekman. Der Psychologe aus Wiesbaden unterstützt seit 30 Jahren Menschen in Lernprozessen. Akribische Interpretation von zusammengetragenen Fakten, Ratio und damit langsames Denken, all das habe natürlich seine Berechtigung, das Bauchgefühl, also schnelles Denken, aber auch. "Jüngere Forschungsergebnisse zeigen, dass sich das Bauchhirn in Form von 100 bis 200 Millionen Nervenzellen in Muskelwänden des Darms zeigt." Es ist ein relevanter Teil des Nervensystems.

Swaan Barrett, Coach aus Berlin, spricht von einer Darm-Hirn-Achse. "Der Bauch hat ein großes Nervengeflecht; so habe ich eine Wahrnehmung." Während Intuition mehr auf der geistig kreativen Ebene stattfinde, sei das Bauchgefühl mehr eine Instinktsache. "Das wird oft verwechselt und sollte man unterscheiden." Barrett arbeitet gerne mit dem Bild von den drei Intelligenzen Kopf, Herz und Bauch. "Auf der Bauchebene nehmen wir oft die Dinge wahr, die unsere eigene Befindlichkeit, unsere Ängste berühren. Man spürt, da liegt was im Magen. Etwas fühlt sich falsch an. Die Herausforderung ist nun, dieses Störgefühl zu synchronisieren, mit dem, was der Kopf sagt." Denn der liefere rationale Begründungen und Kontrolle. "Arbeitet man in einer Kultur, in der auf der Kopfebene interagiert wird, wird das Bauchgefühl weggedrückt. Seinen Impulsen zu folgen gilt als negativ besetzt." Solche Glaubenssätze strikt zu beherzigen ist nicht klug. "Tatsächlich ist es so, dass der Bauch uns nicht belügt, schlimmstenfalls wird man krank."

Mit solchen Folgen ist Johanna Feilhauer in ihrer klinischen Tätigkeit durchaus konfrontiert, nämlich mit Menschen, die im Burnout versinken und durch ihre Arbeit krank geworden sind. "Sie haben oft nicht auf ihr Bauchgefühl gehört. Manche konnten, zum Beispiel durch eine schwere Kindheit, so ein Gefühl gar nicht entwickeln und geraten in Situationen, die nicht gut für sie sind." Emotionen ernst zu nehmen, diese Haltung vertritt auch Bernhard Broekman. Natürlich stünden im Arbeitsleben Quartalsberichte, Shareholder-Value-Analysen und juristische Vorgänge, also Zahlen und Fakten, im Fokus. "Wir wissen aber, Zahlen müssen interpretiert werden, Sprache ist nicht eindeutig und Auslegungssache. Dazu brauchen wir Erfahrung", sagt der Coach.

Noch mal genauer hingucken, ein ungutes Gefühl nicht einfach wegzudrücken, das führe "oft zu besseren Entscheidungen", sagt Psychologin Feilhauer, Während Berufsanfänger eher auf rein rationale Entscheidungen setzten, weil sie noch nicht so viel Bauchgefühl entwickelt hätten und über weniger Erfahrungen und Kompetenzen verfügten, verließen sich ältere Erfahrene zunehmend auf eine Art "ahnendes Erfassen", wie Feilhauer formuliert. "Profis sind besser, wenn sie weniger nachdenken und ihre Intuition nutzen, eine breite Basis vorhanden ist und die zündende Idee kommt."

Lässt sich das lernen, auf das Bauchgefühl zu hören? "Eindeutiges Ja", sagt Broekman. "Wie alles, was wir lernen, ist es eine Frage der Bewusstheit und der Achtsamkeit sowie eine Frage des regelmäßigen Übens. Was denke ich? Was fühle ich? " Er nennt das "eine Kultur des Hinspürens". Steht eine Entscheidung an, nützen zunächst Pro- und Contralisten. "Danach kann ich mein Gefühl dazu befragen und abwägen. Das kann jeder tun, egal in welcher Position."

Um stimmige Entscheidungen zu treffen, helfe auch ein "sozialer Abgleich" im Netzwerk. "Also andere fragen: Kannst du dir das bei mir vorstellen? Trügt mich meine Intuition?" Unsicher zu sein, zu zweifeln, findet Broekman nicht nur in Ordnung, sondern nützlich: "Der Omnipotente hat das nicht, entscheidet einfach. Wohin das führen kann, sieht man nicht nur bei Wirecard." Auch Swaan Barrett betont: "Das Bauchgefühl hat seine Berechtigung und immer Relevanz. Es überhaupt wahrzunehmen ist wertvoll. Die Frage ist nur, habe ich es richtig verstanden? Was will mir mein Bauchgefühl eigentlich sagen?"

Das ist aus der Evolution oft mit einer Frage des Überlebens verbunden gewesen. Ist mein Gegenüber mir wohlgesonnen, oder führt er Arges im Schilde? Unser Bauchgefühl sendet schnell Signale. Das deuten zu können kann auch im Beruf zur Überlebensfrage werden. Wer tut mir gut, wem soll ich mich zuwenden, von wem besser abwenden? Dazu warten die Psychologie und die Führungsforschung mit der "dunklen Triade" auf: Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie in der Führung – Ersteres steht vor allem für die Unfähigkeit, sich in andere hineinzufühlen, die anderen vor allem dafür, andere impulsiv zu manipulieren und nur die eigenen Ziele voranzutreiben.

Bernhard Broekman ist überzeugt: "Das Bauchgefühl hilft, zu erkennen: Wer nutzt meinen Kontakt für die eigene Karriere, und wer ist wirklich an mir interessiert?" Er erklärt aber: "Wir haben schnell den ersten Eindruck eines Menschen, oft stimmt der. Manchmal ist er aber trügerisch, und ich habe mich durch eine Projektion getäuscht, weil er mich an einen anderen Menschen erinnert. Man sollte seinen ersten Eindruck nicht als einzigen Kompass nehmen."

Dem Bauchgefühl zu vertrauen scheint aber jedenfalls glücklicher zu machen, sagt Johanna Feilhauer und verweist auf das "Poster-Experiment" der Amerikaner Timothy Wilson und Jonathan Schooler, das von dem Amsterdamer Psychologen Ap Dijksterhuis erweitert wurde: Drei Studentengruppen mussten Kunstdrucke bewerten. Die erste Gruppe listete das Für und Wider der Motive auf, die zweite entschied sich spontan, die dritte sah die Poster nur kurz, wurde abgelenkt und musste dann sofort ihr Lieblingsbild auswählen. Die Gruppen durften ihr Lieblingsposter behalten und wurden Wochen später befragt: Die Faktenprüfer waren unzufrieden, die Spontanentscheider zufrieden. Am glücklichsten mit ihrer Wahl waren die Abgelenkten, denn das Unterbewusstsein hatte die Bewertung übernommen. "Das hat auch mit der eigenen Selbstwirksamkeit zu tun", sagt die Psychologin. Das lässt sich auch kitschig referieren: Kopf sagt nein, Bauch sagt ja, er weiß nicht, warum, aber der eine Herzensmensch wird erwählt. Manche so geschlossenen Verbindungen halten ein Leben lang. Und das ist nicht nur im "Pretty-Woman"-Filmmärchen der Fall.

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