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Narzissten besonders gefährdet

Zur neuen Ehrlichkeit gehört die Bereitschaft, bewusst auf Macht zu verzichten, auch auf die Bewunderung, die Menschen in hohen Positionen häufig ernten. "Wenn Sie von Beginn an die Erfahrung machen, nur wert zu sein, wenn Sie leisten, dann werden Sie sich unbewusst auch die Bereiche suchen, wo Bestleistung gefragt wird, und hinter dieser herjagen", beschreibt die Psychologin Mirriam Prieß, die Führungskräfte coacht, das Phänomen. "Gerade im Wirtschaftsbereich, wo es gewöhnlich um das harte Geschäft und nicht um Emotionen geht, ist es so wichtig, dass eine offene Auseinandersetzung damit stattfindet." Doch je weiter man es nach oben geschafft hat, desto schwieriger wird diese offene Auseinandersetzung. Viele Führungskräfte sind Narzissten – "sonst hätten sie diesen Erfolg nicht", so Christian Dogs. Doch während Narzissmus ein wichtiger Antrieb für den Weg nach oben sein kann, wird er schnell zum Problem für jene, die bereits Karriere gemacht haben. "Wenn Sie da oben sind, werden Sie immer einsamer", beschreibt Dogs die größte Gefahr. "Und Sie werden nicht mehr infrage gestellt. Sie haben nur noch Claqueure, die Ihnen nach dem Mund reden."

Immer mehr Manager suchen sich darum Coaches wie Prieß oder Dogs, die sie reflektieren. Dogs nennt es "Ritt durchs Leben", wenn er sich ein bis zwei Mal im Jahr mit einer Führungskraft trifft, um vier Stunden lang alles infrage zu stellen. Einer habe ihn gefragt: "Warum bezahle ich Ihnen eigentlich so viel Geld, um von Ihnen beleidigt zu werden?" Die Antwort: Damit wenigstens einer ehrlich zu ihm ist, wenn schon er und sein Umfeld es nicht sind. Damit er lernt, auch selbst wieder ehrlich zu sich selbst zu sein. Und dass es in Ordnung, ja sogar gut ist, wenn andere ehrlich sind.

Konzentration heißt jetzt Deep Work

Nicht jeder viel beschäftigte Manager muss gleich ärztlich behandelt werden. Und viel Arbeit bedeutet auch nicht automatisch Stress. Problematisch wird es erst, wo weitere Faktoren zur Arbeitsbelastung hinzukommen. Etwa das Gefühl, eine Situation nicht unter Kontrolle zu haben, die Angst vor Versagen oder der Druck, ständig beobachtet und bewertet zu werden.

Letzterer ist besonders verbreitet in börsennotierten Unternehmen, wo jeder Fehler über alle Kanäle in die Welt geblasen wird. Früher wurden Patzer auch deshalb häufiger verziehen, weil gar nicht so viele Menschen sie mitbekommen haben. Heute wird das Video mit dem Fauxpas rasend schnell über soziale Medien verbreitet. Bevor man als Manager selbst die Tragweite des Ereignisses erfasst hat, hat die virtuelle Öffentlichkeit oft schon ihr Urteil gefällt.

Die Digitalisierung lässt heute eine nie da gewesene Masse an Daten und Informationen auf die Menschen einströmen. Wer es nicht schafft, sich davon abzugrenzen, wird reizüberflutet – und erschöpft. In dieser Gefahr stehen Führungskräfte im Besonderen, weil von ihnen ständige Erreichbarkeit, ständige Entscheidungsbereitschaft erwartet werden.

Da gilt es, schnell zwischen Muss und Kann zu unterscheiden. René Obermann beschreibt seine Strategie so: "Ich versuche, mir selbst gegenüber diszipliniert zu sein und Prioritäten zu setzen, um nicht über jedes dahingehaltene Stöckchen der kommunikativen Ablenkung zu springen, nicht alle Mails zwanghaft zu beantworten und nicht jeder Terminanfrage schnell nachkommen zu wollen." Ein Phänomen, das nicht nur Topmanager kennen. Ein durchschnittlicher Büroarbeiter kann sich heute elf Minuten lang mit einer Aufgabe beschäftigen, dann unterbrechen ein Anruf oder eine Mail ihn für durchschnittlich 25 Minuten. Danach hat er wieder elf Minuten, von denen er acht Minuten braucht, um sich wieder einzuarbeiten. Allein 30 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt der durchschnittliche Büroangestellte mit dem Lesen und Beantworten von E-Mails. Das Problem: Wer lange nur oberflächlich arbeitet, verlernt die Fähigkeit zum Tiefgang. Wichtiger denn je ist es daher, sich Zeiten der wirklichen Konzentration zu gönnen. Stichwort: Deep Work. Sich auf etwas fokussieren, sich nicht ablenken lassen – das sind die Schlüsselqualifikationen, die heute braucht, wer nachhaltig Erfolg haben möchte. Experte Dogs rät darum zu bewusster Langeweile: "Wir müssen wieder die Fähigkeit erlangen, einfach aus dem Fenster zu schauen", sagt er. Wer gute Einfälle will, braucht zunächst einen klaren Kopf. Und Zeit. "Wenn Sie als Vorstandschef Entscheidungen treffen wollen", sagt Harald Krüger, "brauchen Sie auch mal geistige Freiräume." Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger betont zum Beispiel, wie wichtig ihm regelmäßige Urlaube sind; Inspiration gewinne man erst mit Abstand zum Schreibtisch. Schon der Römer Cicero sagte einst: "Nichtstun erquickt." Und Mozart schrieb 1770 in sein Tagebuch: "Gar nichts erlebt. Auch schön." Die Idee, ständig zu arbeiten, kam den Menschen erst mit Aufkommen des Bürgertums. Fortan reifte die Erkenntnis: Arbeit schafft Wohlstand. Der Manager mit 16-Stunden-Tag verkörpert die höchste Entwicklungsstufe und zugleich die größte Perversion dieses bürgerlichen Leistungsethos. Das erste massenhafte Auftreten von Erschöpfungserkrankungen brachte dann auch die Industrialisierung mit sich. Je weniger die Menschen körperlich arbeiten mussten, desto mehr rückte die Psyche in den Vordergrund. Heute, wo die wenigsten noch Kohlesäcke schleppen müssen, ist es oft nicht der Körper, der überfordert ist, sondern der Geist. Die Mechanisierung der Arbeitswelt bereitete den Menschen damals ähnlichen Stress wie heute die Digitalisierung. Mit der Digitalisierung sind die Beziehungen, auf denen alles Wohlbefinden fußt, unpersönlicher geworden. Zwar kommuniziert jeder ständig auf allen möglichen Kanälen, doch die Qualität der so gepflegten Beziehungen hat deutlich abgenommen. "Die entscheidende Frage ist: Wie kann man Beziehungen gelingend leben?", sagt daher Coachin Prieß. Und zwar in jedem Bereich – beruflich, privat, mit sich selbst. Weil sie eine so exponierte Stellung haben, ist es gerade für Manager schwierig, gute Beziehungen zu leben. Da sägt der Konkurrent am Chefsessel, da lästern die Mitarbeiter, da scheitert die Ehe, da vermissen die Kinder den Vater. Oder eben gerade nicht. Das alles zu lösen ist kaum möglich, wenn man um 5:30 Uhr aus dem Haus geht und um 21:30 Uhr wiederkommt – den Kopf noch voll mit den Problemen des Tages. Denn Laptop und Handy, auf dem ständig neue E-Mails aufploppen, gehen ja meist mit nach Hause.

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