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Die Wunderwelt der Lesetechniken

Wie lesen wir eigentlich?

Im Gegensatz zur üblichen Vorstellung, nehmen wir Wörter normalerweise nicht Buchstabe für Buchstabe auf. Dann würden unsere Augen wie ein Scanner gleichmäßig über die Zeilen gleiten. Stattdessen zeigt sich, wenn man Pupillenbewegungen beim Lesen verfolgt, dass der Blick ständig in kurzen Sprüngen vorwärts geht. Der Blick springt zu einem Wort, nimmt es wie ein Foto auf, und springt weiter. Lange Wörter können mehrere Blicke benötigen. Andererseits nehmen wir mit einem Blick auch zwei oder drei kurze Wörter auf einmal auf. Das gelesene Wort wird wie ein Bild mit bekannten Wörtern verglichen. Wenn es erkannt wird, dann sprichst du es dir innerlich vor: Du "subvokalisierst". Daraus konstruierst du Schritt für Schritt den Satz. Nur wenn dir das Wortbild unbekannt ist, liest du die Buchstaben.

Da die Augen nur eine bestimmte Fläche auf einmal scharf sehen können und jeder Blick eine fünftel bis halbe Sekunde dauert, ist die Lesegeschwindigkeit bei den meisten Menschen ziemlich gleich. Sie beträgt etwa 200 bis 300 Wörter pro Minute. Bei nicht-fachlichem Lesestoff ist sie höher, da hier viele Formulierungen erraten werden können, bevor sie zu Ende gelesen werden.

Ein alter Traum

Der Regisseur John Badham bannte in den Achzigern einen Traum auf Zelluloid. Sein Roboter "Nummer 5" brauchte nur ein Buch in die Hand zu nehmen und es durchzublättern. Schon hatte er den Inhalt gespeichert und konnte sich umsehen nach "mehr Input". Wie haben ihn die Kinobesucher damals beneidet, wenn sie an ihre Bücherstapel und Zeitschriften daheim dachten. Einfach durchblättern, abspeichern, fertig.

Lesen wie ein Roboter

Der Traum von damals nehmen Lese-Experten heute wieder auf. Mit speziellen Techniken soll es möglich sein, ganze Bücher in wenigen Minuten zu verschlingen. Unter Namen wie "Highspeed-" oder "Photoreading", "Turbo-" oder "Flächenlesen" stehen eine Vielzahl von Systemen bereit, die die Aufnahmegeschwindigkeit beim Lesen steigern sollen. Die jeweiligen Wege sind dabei sehr unterschiedlich.

Gut nachzuvollziehen ist die Technik, die Ernst Ott in seinem Buch "Optimales lesen" vertritt. Wenn du mehr Worte mit einem Blick aufnehmen kannst, liest du schneller. Die Lösung ist also, die "Blickspanne" zu erweitern und dich zu trainieren, quasi größere Fotos mit deinen Blicken zu schießen. Dann kann die Lesegeschwindigkeit so groß werden, dass du mit dem inneren Mitsprechen schon nicht mehr hinterherkommst. Der nächste Schritt also: Das Subvokalisieren abschalten. Mit dieser Technik sollst du die Lesegeschwindigkeit zumindest verdoppeln können. Die Erweiterung der Blickspanne halten Rotraut und Walter Uwe Michelmann von der "Deutschen Gesellschaft für berufliches Lesen e.V." allerdings für völlig unmöglich. Sie sei durch die Zellverteilung auf der Netzhaut festgelegt. Das Abschalten der Subvokalisierung sei sogar gefährlich und könne Lesestörungen hervorrufen.
 
Aber mit solchen Kleinigkeiten wie verdoppelter Lesegeschwindigkeit halten sich die meisten Experten für Lesetechniken sowieso nicht auf. Sie versprechen gleich zehnfache bis hundertfache Geschwindigkeiten. Wobei lesen hier vielleicht nicht der richtige Begriff ist. Bei diesen Methoden, die zum Beispiel Paul R. Scheele in seinem Buch "PhotoReading" und Frank W. Demann in "Highspeed Reading" vertritt, werden ganze Seiten auf einmal mit der peripheren Wahrnehmung aufgenommen. Dafür ist ein bestimmter Geisteszustand nötig, der "Alpha-Zustand" beziehungsweise "Zaubertechnik" genannt wird. Dann wird das Buch mit einer Geschwindigkeit von einer Seite pro Sekunde gescannt. Die nun unbewusst aufgenommenen Informationen sollen schließlich "aktiviert", also bewusst gemacht werden. Dazu werden die Seiten nochmals überflogen und einzelne Stellen, die intuitiv interessant scheinen, liest du nochmal normal durch.

Das kommt jetzt manchem schon etwas esoterisch vor. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier nur ein Bruchteil der Informationen des Buches aufgenommen werden. Die Beispiele, die im Buch PhotoReading genannt werden, handeln auch fast ausschließlich von Fällen, bei denen in einer großen Menge Material ein einzelner Absatz gesucht wurde. Zum Beispiel ein einzelner Paragraph in einem Gesetzbuch. Trotzdem behaupten die Anbieter dieser Methoden, die Technik sei genauso gut wie normales Lesen.

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