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Culture Bump für Wissenschaftler

Vor einem Kulturschock ist niemand gefeit. Auch Wissenschaftler, die sich tagtäglich damit beschäftigen, nicht. Im Interview erklärt Dr. Francis Jarman, warum seine kulturelle Verwirrung komplett war, als er in einen japanischen Bus vorne ein- und hinten wieder ausstieg.

Was ist der Auslöser für einen Kulturschock?

Den Auslöser für einen Kulturschock nennt man "Culture Bump", das heißt, man stößt regelrecht mit den Besonderheiten der fremden Kultur zusammen. Das kann durchaus eine Kleinigkeit sein, über die man sich geärgert hat, oder eine Geste, die missverstanden wurde. Wenn man merkt, dass man die Zeichen der anderen Kultur nicht richtig lesen kann, verliert man schnell sein Selbstvertrauen und das emotionale Gleichgewicht. 

Was war Ihr eigener größter Culture Bump?

Den lustigsten Culture-Bump hatte ich auf meiner ersten Japanreise - gleich beim Busfahren vom Flughafen in die Stadt. Ich habe nicht kapiert, dass man hinten einsteigen und einen kleinen Fahrschein ziehen soll, aber vor dem Verlassen des Busses vorne beim Fahrer zahlt. Die Japaner haben mich beschimpft, als ich hinten ausgestiegen bin, weil sie dachten, dass ich absichtlich nicht bezahlen will. Im Reiseführer stand davon nichts, ich konnte kein Japanisch und war zu müde, um das Verhalten der Einheimischen genau zu beobachten. Ich war für eine Weile verwirrt und deprimiert und ich verstand diese komischen Leute und ihre Kultur nicht. 

Hat jeder, der für eine längere Zeit ins Ausland geht, einen Kulturschock?

Nicht unbedingt. Allerdings würde ich sagen, dass man die Kultur ohne Kulturschock nicht richtig erlebt hat. Viel hängt aber auch von der persönlichen Einstellung ab: Wenn ich beispielsweise nach China oder Afrika gehe, erwarte ich einen großen kulturellen Unterschied und bin daher von vorneherein auf Schwierigkeiten eingestellt. Gerade in Ländern mit verwandten Kulturen, wie beispielsweise Österreich, der Schweiz oder auch den USA, geht man von geringen Unterschieden aus. Trifft man dann auf unerwartete Schwierigkeiten, ist der Kulturschock umso größer. Wichtig ist es, sich vorher möglichst umfangreiche Kenntnisse über die Kultur anzueignen, sei es durch Bücher, Seminare oder Erzählungen von anderen, die das Land und die Kultur schon kennen. Je mehr man weiß, desto besser kann man die kulturellen Unterschiede verstehen. 

Es gibt Berufe, bei denen man permanent im Ausland lebt, beispielsweise als Diplomat. Können sich solche Leute an den Kulturschock gewöhnen?

Diplomaten sind eine ganz spezielle Berufsgruppe. Sie müssen immer darauf bedacht sein, ihr Land zu repräsentieren und dürfen sich in fremden Kulturen nicht anbiedern. Aus diesem Grund werden sie auch so häufig versetzt. Außerdem leben sie so abgeschottet von der Bevölkerung, dass eine echte Akkulturation - also eine Anpassung an die Kultur - gar nicht stattfinden kann. 

Wie bereite ich mich am besten auf den Auslandseinsatz vor?

Eine gute Vorbereitung sind zum Beispiel Trainings, die auf eine bestimmte Kultur vorbereiten. Dabei lassen sich mögliche Missverständnisse und typische Szenarien simulieren und man bekommt schon im Vorfeld die Möglichkeit, sein eigenes Verhalten in dieser Situation zu überdenken. Auch kulturunspezifische Trainings, die die Teilnehmer ihre eigenkulturelle Prägung erkennen lassen, sind sehr nützlich. Und ich sollte mir überlegen, in welchen Bereichen des Alltags ich besonders verwundbar bin, d.h. was könnte bei mir den Kulturschock auslösen? Erwarte ich immer Pünktlichkeit? Bestehe ich auf einer Trennung von Privatem und Dienstlichem? Brauche ich Unterkünfte und Mahlzeiten wie zu Hause? Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zum Überleben in einer fremden Kultur.

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