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"Ich muss mich für etwas rechtfertigen, wofür ich nichts kann"

Blinder Mann auf Wiese, erfolgreiche Karriere [Quelle: pexels.com, Autor: Min An]

Quelle: pexels.com, Min An 

Carsten Dethlefs ist vier Jahre alt, als er vollständig erblindet. Heute ist der promovierte Wirtschaftswissenschaftler und Buchautor als Kommunalpolitiker und Dozent tätig. Ein Interview über Herausforderungen, Vorurteile und Inklusion im Berufsalltag. 

Hatten Sie aufgrund Ihrer Blindheit in Ihrer akademischen und beruflichen Laufbahn mit Vorurteilen oder Diskriminierung zu kämpfen?

Diskriminierung geschieht natürlich häufig versteckt. Hinter vorgehaltener Hand wurde sicher viel geredet, aber davon habe ich zumindest nicht viel mitbekommen. Mit Vorurteilen muss ich hingegen häufiger kämpfen. Viele Menschen gehen davon aus, dass ich gewisse Aufgaben wegen meiner Blindheit sowieso nicht erledigen kann. Da merkt man, dass viel Unwissenheit herrscht.

Ich sage dann, 'Oh doch, das kann ich schon, ich zeige Ihnen mal eben wie', und nenne die entsprechende Strategie, mit der ich die Aufgabe erledigen kann. Leider bin ich dadurch immer in einer Rechtfertigungsposition. Ich muss mich für etwas rechtfertigen, wofür ich eigentlich gar nichts kann. 

War Ihre Blindheit in der Vergangenheit schon mal ausschlaggebend dafür, dass Ihre Bewerbung abgelehnt wurde, oder dass Sie einen Job bekommen haben?

Ob eine Bewerbung deswegen abgelehnt wurde, kann ich nicht sicher sagen. Niemand wird dir ins Gesicht sagen: 'Wir haben Sie nicht eingestellt, weil Sie blind sind'. Aber tatsächlich habe ich viele Jobs bekommen, weil ich blind bin. Das waren meistens Jobs im sozialen Bereich, in denen ich nur auf mein Handicap reduziert wurde. Das passiert Menschen mit Behinderung häufig. Deshalb wird man vor allem in den Bereichen eingesetzt, die mit Behinderung zu tun haben. 

Wer sich meine Ausbildung ansieht, erkennt, dass ich einige Dinge mehr kann, als nur blind zu sein. Das wird jedoch leider oftmals verkannt. Da muss man dann einfach nur ans Geld denken. Aber schön ist so etwas nicht.

Im Film "Mein Blind Date mit dem Leben" hält ein Auszubildender seine Blindheit geheim, um als Koch arbeiten zu können. Haben auch Sie in der Vergangenheit schon mal darüber nachgedacht, Ihre Blindheit zu verschweigen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen?

Darüber nachgedacht habe ich bestimmt, aber verschweigen bringt ja nicht viel. Man erkennt ziemlich schnell, dass ich blind bin. Allerdings schreibe ich es nicht immer in Bewerbungen rein. Es kommt eh spätestens zur Sprache, wenn ich mit einem Arbeitgeber ein Vorstellungsgespräch vereinbare. 

Sollte ich es doch schon früher kommunizieren, dann sofort mit dem Zusatz, dass es mich nicht davon abhält, die Aufgabe genauso gut zu erledigen wie jeder andere. Außerdem erkläre ich, dass es entsprechende Hilfsmittel und Hilfsgelder gibt, die mich manchmal vorteilhaft erscheinen lassen. Ohne Rechtfertigung würde ich meine Blindheit in Bewerbungen allerdings nicht erwähnen. 

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen bei der Jobsuche für blinde Menschen?

Die größte Herausforderung ist die Überwindung der Unwissenheit der Unternehmen. Man muss immer wieder erklären, wozu blinde Menschen im Stande sind, welche Hilfsmittel zur Verfügung stehen und wer die Kostenträger dieser Hilfsmittel sind. Hier gilt es zu zeigen, dass Menschen mit Behinderung – oder auch Menschen mit 'special needs', wie ich gerne sage – oft zu Dingen in der Lage sind, die man sich so gar nicht vorstellen kann.

Ich arbeite beispielsweise vornehmlich mit einer Sprachsoftware, die auf meinem Computer installiert ist und einer sogenannten Braillezeile. Luis Braille war der Erfinder der Blindenschrift und nach ihm ist eine Maschine benannt, die vor der Tastatur steht und mir die Cursorzeile anhand von Schriftkombinationen in Blindenschrift anzeigt. Das ist sozusagen meine Maus. 

Solche Hilfsmittel gibt es mittlerweile schon seit 30 Jahren, doch kaum jemand weiß das. Es wird zu wenig aufgeklärt in unserer Gesellschaft. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass vor allem viele ältere Menschen blind sind. Diese haben häufig kein Interesse daran, Aufklärungsarbeit zu leisten. Außerdem könnte eine Aufklärung damit einhergehen, dass bestimmte Sozialleitungen, wie beispielsweise das Blindengeld, gekürzt werden. Schließlich könnte klar werden, dass viele Blinde eigentlich weniger hilfsbedürftig sind als angenommen. Das möchte natürlich kaum jemand. Deshalb halten viele diese Infos lieber zurück, kassieren Sozialleistungen und legen weniger Augenmerkt darauf, eigenes Geld zu verdienen.

Was bedeutet für Sie Inklusion am Arbeitsplatz?

Inklusion ist für mich immer dann erreicht, wenn ein Handicap zur Nebensache wird. Das heißt, ich möchte mich am Arbeitsplatz mit Dingen beschäftigen, die eben nichts mit meiner Blindheit zu tun haben. Aktuell bin ich Dozent für Brand Management. Das bringt mir großen Spaß, weil es gar nichts mit meinem Handicap zu tun hat.

Wegen der Corona-Pandemie halte ich derzeit Vorlesungen vor allem von meinem Büro aus. Ich habe eine Arbeitsassistentin, die vom Integrationsamt bezahlt wird. Sie hilft mir dabei, Präsentationen anzufertigen und im richtigen Moment weiterzuklicken. Das ist eine sehr große Hilfe. Und auch die Studierenden nehmen die Tatsache, von einem blinden Dozenten zu lernen, scheinbar als etwas sehr Normales wahr.

Trotz Ihres eben beschriebenen Positivbeispiels gibt es nach wie vor Unsicherheiten vieler Unternehmen im Umgang mit Behinderungen am Arbeitsplatz. Worin liegen diese Ihrer Meinung nach begründet? 

Vor allem auch in der mangelnden Aufklärung. Es entstehen beinahe Parallelgesellschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Das darf nicht sein. Man muss sehr viel mehr miteinander in Kontakt kommen und darüber reden, was alles möglich ist und welche Hilfsmittel es gibt. Das iPhone beispielsweise ist bei blinden Menschen sehr beliebt, weil das sehr gut bedienbar ist. Da hat man von Apple Inklusion betrieben, indem man das iPhone für blinde Menschen von Anfang an nutzbar gemacht hat.

Ich lehre außerdem das Fach "Menschen mit Behinderung als Zielgruppe und Barrierefreiheit als Wettbewerbsvorteil". Da geht es vor allem darum, Menschen mit Behinderung als Zielgruppe für sich zu gewinnen und vor diesem Hintergrund zu nutzen. Die Nachfrage des Marktes sollte demnach meiner Meinung nach eigentlich schon ausreichen, um Barrierefreiheit herzustellen.

Wie ließe sich die Entstehung solcher Parallelgesellschaften verhindern? 

Das ist sehr schwierig. Ich denke, positive Vorbilder sind ganz wichtig. Außerdem sollte die Barrierefreiheit in der Gesellschaft soweit hergestellt werden, dass blinde Menschen keine Angst mehr haben müssen, sich außerhalb der eigenen vier Wänden zu bewegen.  

Wie finden Sie es, wenn Ihnen im Alltag ständig Hilfe angeboten wird?

Dazu muss ich sagen: Jeder Mensch ist einzigartig und jeder Mensch braucht auf anderen Gebieten Hilfe. Von daher ist es schon schön, wenn man Hilfe angeboten bekommt. Häufig benötigt man sie tatsächlich in der ein oder anderen Situation. Auf der anderen Seite zeigt das natürlich auch die Unwissenheit, die es in diesem Bereich gibt. Wenn mehr Menschen wüssten, wozu Blinde imstande sind, würde sich das auch ändern. Wichtig ist, dass nicht mit der Einstellung 'Er kann es ja sowieso nicht' Hilfe angeboten wird. 

Wie gehe ich als Kollege am besten mit einer Person mit Behinderung um? Welche Tipps können Sie geben?

Auch das ist sehr individuell, weil jeder Mensch in einer anderen Situation und in einem anderen Alter blind geworden oder eine Behinderung bekommen hat. Wichtig ist, auf die individuelle Situation des Kollegen zu achten. Es hilft, aufmerksam zu sein, auch mal seine Hilfe anzubieten oder einfach höflich anzumerken: 'Wenn du Hilfe brauchst, dann sag bitte Bescheid'. Da gibt es jedoch kein Patentrezept. Wichtig ist, dass man so normal wie möglich miteinander umgeht.

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    Vielen herzlichen Dank für das Feedback! Als ich zwischen Bachelor und Master beim Arbeitsamt war, wurde mir mitgeteilt, dass es etwas gibt. Es wurde dann darauf nicht weiter eingegangen, da ich zu dem Zeitpunkt dann meine Zusage hatte und ich mich wieder melden sollte. Aber danke - dann kann ich ja nachfragen und schon mal was angeben - ich befinde mich derzeit bei meiner Thesiserstellung und habe begonnen, mich parallel zu bewerben.

  2. Anonym

    Vielen Dank für dein Feedback und deine Rückfrage zum Artikel. Ich habe deine Frage an Herrn Dethlefs weitergeleitet. Er erklärte mir, dass in der Regel die Arbeitsagentur Auskunft über die Bezuschussung von Hilfsmitteln gibt. Über die Vielfalt an Hilfsmitteln kannst du Infos bei Verbänden oder Hilfsmittelherstellen bekommen. Außerdem nannte mir Herr Dethlefs eine Formulierung, die er in Bewerbungen verwenden würde: "Vielleicht erwarten Sie im Zusammenhang einer Beschäftigung meiner Person höhere Kosten. Tatsächlich gibt es aber zahlreiche Zuschüsse, dank welcher ich eine ganze Zeit lang sehr viel weniger Kosten verursachen werde." Zusätzlich gibt er den Tipp, bei der Arbeitsagentur nach einer Übersicht zu fragen, die du in deiner Bewerbung verlinken kannst. Liebe Grüße Elena

  3. Anonym

    Gerne mehr darüber, auch vom Hintergrund der Hilfsmittel her. Das sind so viele Sachen, von denen Betroffen meist nichts oder erst viel später erfahren. Ich würde sowas auch gerne in Vorstellungsgesprächen etc. erklären können, dazu müsste ich jedoch mehr über Hilfsmittel und Hilfsgelder wissen. Wie kann man das zusätzlich als vorteilhaft "verkaufen"? Ja, das mit der Rechtfertigung kenne ich auch - der eine sagt unbedingt angeben, der andere nicht. Ich habe es mal so, mal so gemacht. So richtig glücklich bin ich damit nicht.

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