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Leben wir bald alle im Kühlschrank?

Offener Kühlschrank Frau Küche [Quelle: Pexels.com, Autor: cottonbro]

Quelle: Pexels.com, cottonbro

Stress, Homeoffice, wenig Bewegung: Wissenschaftler haben untersucht, wie Corona unser Essverhalten verändert hat. Die Ergebnisse sind hier lecker angerichtet.

"Wenn du mich brauchst, ich bin im Kühlschrank", sagte einst der kleine haarige Außerirdische Alf in der gleichnamigen Fernsehserie, und seien wir ehrlich: Irgendwie hatte er ja recht. Eine globale Pandemie, eine angespannte Weltlage: Da kann man schon das ein oder andere Mal häufiger im Kühlschrank nach Trost suchen. Selbstdisziplin ist ja auch nicht jedermanns Sache, und wer noch nie eine ganze Tüte Chips in einem Rutsch aufgefuttert hat, der werfe das erste Gummibärchen.

Die vielen Tage zu Hause, wenig Bewegung, das verlockende Summen des Kühlschranks, und das alles nun schon seit über einem halben Jahr: Kann das gesund sein? Leben wir bald alle im Kühlschrank, wenn sich die schlechten Gewohnheiten erst einmal verfestigt haben?

Grund genug für das Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin, in ihrer Forsa-Studie Lebensstil und Ernährung in Corona-Zeiten zu untersuchen, inwieweit sich das Essverhalten deutscher Familien während der Pandemie verändert hat. 

32 Prozent arbeiten fast permanent im Homeoffice (Grafik: e-fellows.net)

Auf eine merkwürdige Weise ist diese Pandemie eine sehr persönliche Sache. Sie betrifft uns alle, aber jeder erlebt sie anders. Das gilt freilich auch auf beruflicher Ebene. Für einige hat sich nicht viel verändert, während andere irgendwann im April das letzte Mal eine richtige Hose zur Arbeit anhatten. 1.000 Familien mit mindestens einem Kind unter 14 Jahren befragte das Forsa-Institut. Knapp zwei Drittel der Befragten arbeiten seit der Krise fast komplett (32 Prozent) oder teilweise (32 Prozent) im Homeoffice. Das hat wiederum direkten Einfluss auf das Essverhalten.

14 Prozent ernähren sich gesünder [Grafik: e-fellows.net]

Zuerst also eine Überraschung: 14 Prozent der Befragten gaben an, sich während der Pandemie gesünder zu ernähren, wohingegen nur sieben Prozent angaben, sich schlechter zu ernähren. Eine gute Sache mit einem kleinen Haken, denn die gesündere Ernährung korreliert mit der Möglichkeit zum Homeoffice und die ist wiederum abhängig von Bildung und Einkommen. 

Das heißt: Gesunde Pandemie-Kost ist auch eine Frage des Es-sich-leisten-Könnens. So berichteten 20 Prozent der im Homeoffice Tätigen, sich besser zu ernähren, aber nur acht Prozent der Menschen, die nicht im Homeoffice arbeiten. Insgesamt gaben 79 Prozent an, sich genauso gesund zu ernähren wie vor der Pandemie. Überraschend auch: Essen wurde nur unwesentlich häufiger bestellt (acht Prozent) oder zum Mitnehmen abgeholt (zehn Prozent) als zuvor, elf Prozent gaben sogar an, seltener zu bestellen, 17 Prozent, seltener To-go-Mahlzeiten zu holen.

30 Prozent kochen häufiger [Grafik: e-fellows.net]

30 Prozent der Befragten gaben an, häufiger selbst zubereitete Speisen zu kochen als vor der Krise. Auch hier führen die Homeofficeler das Feld an, was aber auch nicht weiter verwundert, schließlich kann man mittags schlecht kochen, wenn man gerade im Büro im Meeting sitzt. Außer eben, je nach Kollegen, vor Wut. 43 Prozent aller Befragten, die fast komplett, und 29 Prozent derjenigen, die teilweise von zu Hause aus arbeiten, gaben an, mehr selbst zu kochen. Trotzdem gaben auch 18 Prozent der Menschen, die nicht im Homeoffice arbeiten, an, mehr selbst zu kochen als vorher. Insgesamt nur drei Prozent kochen seltener. In diesem Sinne: Bon Appétit.

Und dennoch:

27 Prozent haben zugenommen [Grafik: e-fellows.net]

Ob unter das abgefragte "selbst kochen" auch das "kochen" von Tiefkühlpizza, Donuts und täglichen Schokoshakes mit Marshmallow-Einlage und extra Sahne fiel, wurde leider nicht deutlich. Wahrscheinlich nicht. Die Zahlen zeigen aber dennoch, dass sich die Deutschen trotz vermehrter Nutzung des eigenen Herds einen gewissen Pandemie-Speck angefuttert haben. Ganze 27 Prozent der Eltern gaben an, während der Pandemie zugenommen zu haben, wohingegen nur sieben Prozent abgenommen haben.

Kinder bewegen sich zu wenig

Bei der Gewichtszunahme – der Unterschied zwischen Männern und Frauen liegt übrigens nur bei einem Prozentpunkt – dürfte allerdings auch die eingeschränkte Bewegung eine Rolle spielen. Geschlossene Fitnessstudios und Sportvereine zu Beginn der Pandemie, fehlende Radwege zur Arbeit: Was an Bewegung fehlt, schlägt auf der Waage zu Buche. Da hilft auch der tägliche Staffellauf zum Kühlschrank nichts.

9 Prozent der Kinder haben zugenommen [Grafik: e-fellows.net]

Und die Kinder? Denkt denn niemand an die Kinder? Oh doch, in der Studie des EKFZ ging es explizit auch um die Frage, wie sich die Corona-Pandemie auf die Kinder auswirkt. Ähnlich wie bei den Eltern ist hier eine Gewichtszunahme zu beobachten, neun Prozent der Eltern gaben an, ihr Kind habe zugenommen (nur ein Prozent berichtete von einer Gewichtsabnahme). Und auch hier sind Kinder aus bildungsferneren Schichten eher betroffen als ihre gymnasialen Altersgenossen. 23 Prozent der Kinder, deren Eltern einen Hauptschul-Abschluss haben, haben laut Umfrage zugelegt, aber nur sieben Prozent der Kinder, deren Eltern Abitur oder einen Hochschulabschluss haben. Interessant auch die Altersverteilung: Vor allem ab dem zehnten Lebensjahr berichteten die Eltern von einer Gewichtszunahme der Kinder: Sie war bei 27 Prozent der Jungen und 14 Prozent der Mädchen zwischen 10 und 12 Jahren zu beobachten.

38 Prozent der Kinder bewegen sich weniger [Grafik: e-fellows.net]

Angesichts der Zahlen zur Bewegung der Kinder scheint die Gewichtszunahme bei neun Prozent fast schon schmeichelhaft. Laut Befragung bewegen sich nämlich 38 Prozent der Kinder weniger als vor der Pandemie, vor allem die Zehn- bis Vierzehnjährigen haben sich mit 57 Prozent weniger Bewegung zu richtigen Couchpotatoes entwickelt. 

Problematisch dabei: Auch der Verzehr bestimmter Lebensmittel ist gestiegen. Zwar fällt darunter auch Obst (20 Prozent Mehr-Verzehr) und Gemüse (14 Prozent), aber eben auch Knabberkram (18 Prozent) oder Kuchen und Süßigkeiten (20 Prozent). Nun muss, wer viel auf dem Sofa liegt, natürlich viel Knabberkram essen, so will es das ungeschriebene Faulpelz-Gesetz. Insbesondere bei den Jungs sollte man aber ein Auge drauf haben. Sowohl bei Knabberkram als auch bei Süßigkeiten, Softdrinks und Kartoffeln, Teigwaren, Reis und Pizza liegen die Jungen in Sachen Mehr-Verzehr deutlich vor den Mädchen. Immerhin bei einer Kost ging der Verzehr bei Kindern dagegen zurück, nämlich bei Fleisch- und Wurstwaren. Das mag mit dem vermehrten Zu-Hause-Kochen zu tun haben. Gut möglich aber, dass es auch noch andere Gründe dafür gibt. Liebe Grüße an Clemens Tönnies.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Der Teil mit der Gewichtszunahme von Kindern müsste viel differenzierter betrachtet werden. Heranwachsende müssen selbstverständlich immer zunehmen. Das ist ganz normales Wachstum. Aussagekräftig wäre eine Untersuchung, ob sie ihre bisherige Gewichtsperzentile nach oben hin verlassen. Aber selbst da sind Schwankungen in gewissem Grad normal, weil Kinder nicht gleichmäßig wachsen und zunehmen, sondern sich Phasen mit langsamer Zunahme und Phasen schneller Zunahme abwechseln.

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