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Wie wäre es mit einem weckerfreien Montag?

Frau, Langeweile, Wecker [Quelle: pexels.com, Autor: KoolShooters]

Quelle: pexels.com, KoolShooters

Vielen Menschen schadet unsere Arbeitskultur, sagt der Chronobiologe Thomas Kantermann. Wieso das so ist und was frühmorgendliche Konferenzen damit zu tun haben, erklärt er im Interview.

Herr Kantermann, in vielen Unternehmen beginnen um acht Uhr morgens die Konferenzen, Schüler müssen Matheklausuren schreiben und Studierende komplexe naturwissenschaftliche Probleme lösen. Finden Sie das okay?

Das Problem ist immer eine Wechselwirkung zwischen dem Anspruch der Gesellschaft und der individuellen Biologie. Natürlich kann ich morgens um acht irgendwo sein, aber es ist dann unterschiedlich erfolgreich, was ich tue. 

Wie meinen Sie das? 

Wir haben eine innere Uhr, die unseren Tag biologisch strukturiert, weil nicht alles im Körper gleichzeitig ablaufen kann. Während wir also noch in den letzten Träumen liegen, bereitet sich der Körper darauf vor, dass wir gleich aufstehen müssen: Die Körpertemperatur und der Cortisolspiegel steigen, die Melatonin-Produktion geht zurück. Wenn ich dieses Programm vorzeitig unterbreche, indem ich mittendrin den Wecker stelle, dann ist das Gehirn noch im Schlafmodus: Gelerntes vom Vortag kann sich nicht verankern, und uns fällt es schwer, Neues aufzunehmen.

Klingt nach einer schlechten Voraussetzung für die Vorstandspräsentation oder die Englischklausur.

Auf jeden Fall. Wir plädieren schon seit Jahren dafür, den Schulunterricht später beginnen zu lassen, weil es vor allem für Teenager viel zu früh ist. Um acht Uhr können die meisten noch keine großen Leistungen erbringen. Der Kompromiss mit den Schulen lautet dann oft: Morgens kein Matheunterricht und keine Klausuren, sondern etwas Kreatives oder Sport und am besten: draußen. Wir wissen inzwischen, dass neben dem Licht auch die körperliche Aktivität die innere Uhr positiv beeinflusst und dabei hilft, am nächsten Tag besser aus dem Bett zu kommen. 

Kann man messen, wie viel schlechter die Leistung ist, wenn sie zur falschen Zeit erbracht werden muss?

Ja, wir haben uns das bei niederländischen Schülern im Alter von 14 bis 18 Jahren angeschaut. Der Notenunterschied bei Klausuren in den ersten zwei Schulstunden kann zwischen späten und frühen Chronotypen fast eine Note betragen, im Durchschnitt lag der Unterschied bei 0,4. Man muss sich das mal vorstellen, das betrifft ja Millionen Menschen. Wir diskriminieren systematisch mindestens die Hälfte der Schülerschaft, weil wir ihnen nicht die Möglichkeit geben, ihre Leistungen richtig zu erbringen.

 

Nun haben wir aber nicht alle die innere Uhr eines Teenagers.

Nein, Teenager sind die spätesten Chronotypen, die wir finden in der Gesellschaft. Da hilft die Biologie mit beim Abnabeln vom Elternhaus. Es gibt aber viele verschiedene innere Uhren. Ein Schulanfang morgens um acht ist für einen 15- oder 16-jährigen Schüler vergleichbar mit einem Schulanfang um vier oder fünf Uhr morgens für einen 45 Jahre alten Lehrer, weil sich unser Rhythmus mit dem Alter langsam wieder nach vorne schiebt. Man kann Pi mal Daumen sagen, dass wir den gleichen Chronotyp bei der Einschulung haben wie wenn wir in Rente gehen. Am Schichtbetrieb kann man das gut beobachten: Wenn die Personen altern, fallen viele nach und nach raus, weil sie die Nachtschichten nicht mehr schaffen.

 

Einige Vorgesetzte würden nun sagen: Dann müssen sie sich halt zusammenreißen.

Man darf die Folgen nicht unterschätzen. Jeder kennt doch die Situation: Ich habe nicht gut geschlafen, weil ich gegrübelt habe oder die Nachbarn laut waren. Dann sorgt der Schlafmangel, unabhängig vom Chronotyp, dafür, dass wir nicht leistungsfähig sind am nächsten Tag. Diejenigen, deren Arbeitszeit nicht zu ihrer inneren Uhr passt, erleben diesen Schlafmangel fünf Tage die Woche. Das ist für uns alle ein Problem. Schließlich gibt es viele Berufe - Busfahrer, Chirurgen, Piloten -, wo Schlafmangel nicht nur Geld, sondern auch Menschenleben kosten kann. Die Annahme, der Mensch könnte sich irgendwie anpassen, wenn er oder sie das nur lange genug macht, ist grundfalsch.

 

Wie könnten wir also einen besseren Arbeitstag gestalten? Brauchen wir mehr Flexibilität?

Letztlich ja, aber dieser Begriff ist für viele Chefetagen zu einem Reizwort geworden. In den Köpfen der Entscheidungsträger - die vermutlich eher frühe Chronotypen sind - setzt sich dann die Angst vor Chaos fest: Alle kommen erst mittags und kriegen nichts mehr hin. Das passiert aber natürlich nicht. Stattdessen gibt man seinen Mitarbeitern die Möglichkeit, effizienter zu arbeiten. Wenn man sich für einen Job bewirbt, fragen die Personalverantwortlichen immer nach besonderen Fähigkeiten und verlangen irgendwelche Zeugnisse, aber niemals erkundigen sie sich: Zu welcher Zeit können Sie am besten arbeiten? Dabei ist diese Frage von unschätzbarem Wert.

 

Warum vermuten Sie, dass in den Chefetagen eher frühe Chronotypen sitzen?

Weil es, ich spekuliere hier, wohl hilft in unserer Berufswelt, wenn ich früh leistungsfähig bin und kurz schlafe. Man muss dazu sagen: Die Schlafdauer ist völlig unabhängig vom Chronotyp. Nur die Kombination früher Chronotyp und Kurzschläfer scheint sich beruflich auszuzeichnen. Dabei hat das nichts mit der Intelligenz zu tun oder damit, dass diese Menschen wirklich produktiver wären. Das ist ein Vorurteil. Schlaf hat ein nach wie vor schlechtes Image in der Gesellschaft. Wir brauchen eine Schlafdemokratie.

Sehen Sie schon erste Anzeichen für einen Wandel?

Es gibt zumindest immer mehr Bereiche, wo es sich auflockert und wo die Führungskräfte die langfristige Zufriedenheit ihrer Mitarbeiter im Blick haben. Eine Klinik in Bayern chronotypisiert zum Beispiel ihre Angestellten und ermittelt so die für sie besten Arbeitszeiten. Es gibt aber auch einfachere Möglichkeiten, um die Woche angenehmer zu gestalten. Arbeitgeber könnten den weckerfreien Montag einführen, analog zum Casual Friday. Ein Kollege von mir von der Charité hat auch mal geraten: Wenn Sie beobachten, dass der Kopf Ihres Büronachbarn der Tastatur immer näher kommt, tun Sie dieser Kollegin, diesem Kollegen einen Gefallen - holen Sie keinen Kaffee, legen Sie ein Kissen hin.

 

Das ist ein Vorteil vom Homeoffice: Hier lässt sich unbemerkt ein Nickerchen machen.

Ja, durch die Pandemie wurde dieses Leben nach der Stechuhr aufgelockert. Den späten Chronotypen hat das sehr geholfen. Aber die Pandemie war nicht nur gut für unsere inneren Uhren.

 

Warum?

Wir sind nun viel mehr drinnen, und das schadet unserem Rhythmus. Dadurch werden wir später.

 

Weil wir uns immer mehr abkoppeln vom natürlichen Licht?

Genau. Unsere inneren Uhren synchronisieren sich mit dem natürlichen Wechsel von Tag und Nacht, sie können dabei aber nicht unterscheiden zwischen Tageslicht und künstlichem Licht. Wir erzeugen so praktisch das ganze Jahr hindurch lange Sommertage. Man hat es so aber immerhin ein Stück weit selbst in der Hand, ob man es zulässt, noch später zu werden. Mit Filtern können wir die Intensität des Bildschirmlichts dimmen, außerdem ist es ratsam, zweieinhalb Stunden vor dem Zubettgehen alle Lichtquellen, die nicht notwendig sind, um sich zu orientieren, auszuschalten.

 

Bedeutet das, dass es immer weniger Menschen gibt, die den gleichen Rhythmus haben?

Das kann man vermuten. Wir wissen, dass Völker, die keinen Strom haben, dichter beieinander und früher sind. Sobald Elektrizität genutzt wird, werden die Leute später und die Verteilung der Chronotypen breiter. Ein Kollege von mir hat vor ein paar Jahren eine simple Studie gemacht: Er und seine Institutsmitarbeiter sind campen gegangen, ohne Computer, ohne Kunstlicht am Abend, nur ein Lagerfeuer und wenn sie müde wurden - ab ins Bett. Nach einer Woche sind alle näher zusammengerutscht, vor allem die Späten sind früher geworden.

 

Als ich Sie nach einem Interviewtermin gefragt habe, baten Sie um ein Telefonat nach zehn Uhr. Gehören Sie zu den späten Chronotypen?

Nein, ich bin ein früher Typ. Ich schreibe frühmorgens nur gern, da kann ich konzentriert nachdenken. Meine ideale Bettzeit liegt bei 23 Uhr, um sechs komme ich dann relativ leicht aus dem Bett.

 

Das heißt, Sie brauchen keinen Wecker?

Ich habe seit Jahren keinen Wecker mehr benutzt. Eine Zeit lang habe ich noch einen gestellt, ihn aber immer ausgemacht, weil ich vorher wach war. Ich komme mit sechseinhalb, sieben Stunden Schlaf gut aus und wache dann völlig natürlich auf.

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