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"Man kann erfolgreich sein – und unglücklich"

Frau, Erfolg, unglücklich, Laptop [Quelle: pexels.com, Autor: Andrea Piacquadio]

Quelle: Pexels.com, Andrea Piacquadio

Die Berliner Psychologin Brigitte Scheidt über lähmende Glaubenssätze, ungelebte Träume und darüber, wie eine berufliche Neu- und Umorientierung gelingt.

Ein Theologe von Mitte 40, der sich von seinen Vorgesetzten hart gemaßregelt fühlt, sagt, er fühle sich, als "sei mit dem Rasenmäher über sein Leben gefahren worden". Das gab letztlich den Ausschlag, nicht nur den Arbeitgeber, sondern den Beruf zu wechseln. Ist so ein Auslöser typisch?

Brigitte Scheidt: Das kann man so sagen. Der Mann ist mit den Strukturen der Organisation aneinandergeraten. Hier geht um Kränkung. Manche Menschen orientieren sich neu, weil sie an Grenzen stoßen, durch ungutes Führungsverhalten, mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten, Über- oder Unterforderung und so weiter. Ihr Ausgangspunkt für eine berufliche Neuorientierung ist: So will und kann ich nicht mehr.

Welche Rolle spielt das Thema Kränkung?

Wenn man gehen muss oder das Gefühl hat, man wird nicht gesehen oder sogar rausgedrängt, ist das kränkend. Dies bohrt, greift das Selbstwertgefühl an. Und das –psychologisch gesehen – darf man nicht überspringen. Die Kränkung braucht Raum, die muss man sich angucken, damit sie die Dominanz verliert. Kränkung macht ansonsten krank und kostet Lebensfreude.

Wie genau meinen Sie das?

Im Extremfall bleiben manche Menschen verbittert über Jahrzehnte, da sie nicht loslassen können oder wollen – um den Preis ihrer eigenen Lebensqualität. So weiß ich von einer Unterabteilungsleiterin eines Ministeriums, der nahegelegt wurde, zu gehen. Sie blieb und hat dann jahrelang in einem Zimmer gesessen, ohne Mails, ohne Anrufe. Den Gefallen zu gehen, wollte sie "denen" dennoch nicht tun. Andere wiederum nehmen Gerichtsverfahren durch mehrere Instanzen auf sich. Viele schleppen kränkende Erfahrungen mit sich herum.

Das bedeutet also, Kränkung bindet viel ungute Energie?

So ist es. Immer wieder kehren die gleichen Gedanken zurück: Wie einem das angetan werden konnte, wie man es anders machen könnte. Solche Gedanken werden ventiliert und kosten Kraft. Viele Menschen denken über einen Neuanfang nach, weil ihnen immer bewusster wird, wie endlich ihr Leben ist. 

Das ist ein wichtiges Motiv, typisch auch für die Mid-Career-Crisis, die grob so definiert ist: Menschen wird nach einigen Jahren Berufstätigkeit klar, dass das Berufsleben endlich ist. Sie schauen zurück, mit welchen Träumen und Zielen sie angefangen haben. Wenn das Gap und die Unzufriedenheit groß sind, kann es nochmal zu grundsätzlichen Veränderungen kommen. Oft ist ein Treiber die Sinnsuche. Man kann auch erfolgreich sein und unglücklich. Hinzu kommt für viele die Frage: Für was stehe ich? Was ist meine Leidenschaft – im Sinne von "Catch your Dreams". Was möchte ich in diese Welt reinbringen, was möchte ich hinterlassen, was macht mich glücklich, was zufrieden? Es geht darum zu entdecken, was mir wirklich wichtig ist, womit ich mich ausdrücken möchte.

Wie finde ich das heraus?

Indem ich nach innen schaue, bei mir bin. Was hat mir schon immer Freude gemacht? Was gibt mir Energie, wobei bekomme ich ein Lächeln in die Augen? Welches sinnliche Erleben ist es, das mich so anspringt? Manchmal gehen Leute zu früh ins Außen. Sie schauen in erster Linie, was bietet die Welt an, was erwartet sie? Schnell folgt dann ein, "ja, aber". Dies unterbindet, dem inneren Impuls überhaupt erst einmal Raum zu geben.

Das scheint nicht so einfach zu sein, eine tragfähige, neue berufliche Identität zu finden?

Wie Sie sagen, es geht um unsere Identität, direkt um uns als Person. Mein Grundhypothese lautet daher: Eine wirkliche berufliche Neuorientierung erfordert neben dem Erlernen von fachlichem Know-how immer auch einen persönlichen Entwicklungsprozess, um eine Aufgabe, Tätigkeit zu (er)finden die einem wirklich entspricht, damit am Ende eine neue berufliche Identität steht. Das ist kein rein linearer Prozess, es ist kein rein intellektueller, allein denken, das funktioniert nicht. Ich sollte herausfinden, wer ich bin, was mich ausmacht und was ich brauche. Um das Eigene zu entdecken und zu leben, braucht es unter anderem Sehnsuchtspflege.

Ein schönes Wort, aber was bedeutet das genau?

Das heißt, zu untersuchen, wann bekomme ich Energie? Wenn ich mich in der Natur aufhalte? Wenn ich ein guter Gastgeber bin? Oder geht es mir wie Dagobert, ich bin dann glücklich, wenn ich in das "Talerbad" springe. Dies sind nur erste Anhaltspunkte. Es geht um das Zusammensetzen von Puzzleteilen. Und darum, immer wieder auszuwerten: Was habe ich getan, was festgestellt, was gespürt?

Der amerikanische Autor Richard Nelson Bolles empfiehlt das Gedankenspiel, zu überlegen, wofür man mitten in der Nacht begeistert aufstehen würde. Was halten Sie davon?

So eine Überlegung kann unterstützend sein. Es ist immer eine Frage des Timings. Es sind die Grundsatzfragen: Bei welchen Themen fühle ich mich richtig lebendig. Wo kickt es mich? Wo hat es etwas, was für mich so sexy ist, dass ich das als einen Teil von meinem Leben sehen möchte?

Bringt es etwas, andere zu fragen, was sie in mir sehen?

Was andere Ihnen zuschreiben ist, so nenne ich das, ist eine kostenlose Marktanalyse. Sie bekommen Projektionen, wie andere Sie sehen. Was assoziieren sie mit Ihnen? Vorausgesetzt, sie gehen nicht einfach davon aus, was Sie gelernt oder studiert haben. Dazu brauchen Sie Leute, die Out of the Box denken können.

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