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Konflikt im Kopf

Warum? Weil er im tiefsten Innern gar nicht nach München will. Lauter Indizien dafür, so Roth, dass der rational begründete Wunsch nach Veränderung auf unbewusste Gegenwünsche stößt. "Nichtstun heißt dann: Diese Gegenwünsche sind stärker." Mit Kosten-Nutzen-Rationalität hat dergleichen, wie Roth betont, gar nichts zu tun, umso mehr mit dem Wunsch nach psychischer Stabilität, dem alles geopfert wird, auch der Vorteil eines Wechsels: Dann wird der Rückzug angetreten. Wer etwas wünscht, was er dann doch nicht tut, steht in einem seelischen Konflikt. Er stößt auf innere Widerstände, ist hin- und hergerissen, weiß nicht, was er will, ist gefangen im "Jein".

Konflikt im Kopf

Hirnphysiologisch, so Roth, lässt sich dieser Konflikt beschreiben als Auseinandersetzung zwischen dem Angstzentrum, der sogenannten Amygdala, die vor Veränderung warnt, und dem Belohnungszentrum, dem Nucleus accumbens, der "nach oben" meldet: "Du solltest dich verändern, auch wenn du Angst hast, das kriegen wir schon hin." Oder der ein Veto einlegt: "Eigentlich lohnt sich das nicht." Dann wird das Angebot nicht mehr weiterverfolgt, im Interesse des psychischen Gleichgewichts.

Welche Instanz jeweils den Sieg davonträgt, hängt vom Gefühlstyp ab: Der Neurotizist, der früh gelernt hat, dass das Leben ei-ne unsichere Angelegenheit ist, klammert sich an das, was er hat. Er strebt nach Dauer, meidet Überraschungen, sucht vertraute Bahnen. Alles, was sich verändert, schreckt ihn tendenziell ab. Der offene, extrovertierte Charakter hingegen sucht nach Herausforderungen, hat Freude am Sich-Ausprobieren, schätzt den Reiz des Neuen, stößt gern vor auf unbekanntes Gelände.

Allein, bei allem Selbstvertrauen, bei aller Zuversicht, kommt auch der Pionier in Situationen, in denen er zögert, abwartet und zwischen Möglichkeiten schwankt. Wo die Ungewissheit ihm zur Vorsicht rät, um zu größerer Gewissheit zu gelangen.

Echte Entscheidungssituationen, so der Heidelberger Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs, sind "Ambivalenz-Situationen". Man ist noch unschlüssig, könnte der einen oder der anderen Option zuneigen, stellt sich vor, spürt voraus, wie es wäre, etwas zu tun oder nicht zu tun. Ein "ganz normaler Zustand", der, wenn der Entscheidungsprozess erfolgreich war, zu einem Entschluss führt, mit dem die Ambivalenz überwunden wird: "Das ist das Richtige", heißt es dann, "so soll es sein."

Im Idealfall stimmen bei einer Entscheidung, wie Fuchs sagt, "Kopf, Herz und Bauch überein": Es entsteht ein "Kongruenzempfinden", ein "warmes, stimmiges Gefühl", das dem Ich Halt und Richtung gibt. Die Wirklichkeit indes sieht oft anders aus. Einwände melden sich in Form von Zweifeln und schwächen die Entschlusskraft. Verzagtheit kommt auf, die einem noch nicht bewusst war, als man vom neuen Job nur fantasierte. Der Mut schwindet, sobald die realen Konsequenzen zutage treten, die man in der Fantasie noch wegdenken konnte.

Fuchs spricht von "Trennungsangst": Jede Entscheidung für eine Veränderung, erst recht für eine berufliche, sei schließlich auch mit einem Verzicht oder Opfer verbunden: "Ich muss mich von einer anderen, bisher vertrauten Lebensform verabschieden, muss ernst machen, wo ich vorher noch denken konnte: Wie schön wäre es, wenn ..." Dann erst stellt sich womöglich heraus: "Nun ja, man hängt eben doch mehr an dem Job, als man dachte" – und weicht vor dem Wechsel nach Hamburg oder München zurück.

Doch wer von Angst getrieben ist, verpasst Gelegenheiten. Im schlimmsten Fall verfehlt er das Leben – und trauert den nicht gelebten Möglichkeiten nach: "Hier ruht der Mann, der sich nicht getraut hat." Das könnte auf vielen Grabsteinen stehen. "Hätte ich doch ..." oder "Wäre ich doch ...", so lauten, wie Thomas Fuchs sagt, die "Sätze des Unglücks".

Reue und Selbstvorwürfe gelten in aller Regel nicht dem, was man getan, sondern dem, was man nicht getan, was man, aus Feigheit oder Bequemlichkeit, unterlassen hat. Die unerledigten Dinge machen uns zu schaffen: "Nicht getroffene Entscheidungen, versäumte Möglichkeiten werden im Lebensrückblick weit mehr bedauert als vollzogene Handlungen."

Nichttätigkeit provoziert den "kontrafaktischen" Vergleich mit dem, "was hätte sein können", wie das Forscherduo Verbruggen-De Vos sagt: "Was wäre, wenn ..." Wenn ich doch das Studium durchgezogen oder mit dem Chef über meine Ambitionen gesprochen hätte.

Im schlimmsten Fall entwertet die verpasste Gelegenheit jede verbleibende Möglichkeit, lässt sie als zweite, dritte Wahl erscheinen. "Dann wirkt sie schal", sagt der Philosoph und Managerberater Jürgen Werner. Aber, das sei häufig ein Trugschluss: Was uns im Nachhinein so klar erscheint, die "Chance unseres Lebens", hat sich in der realen Situation der Entscheidung keineswegs immer so eindeutig präsentiert, wie wir glauben.

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