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Muss Jura moderner werden?

Jura Recht Justice (Foto: freeimages, darktaco)

Quelle: freeimages.com, darktaco

Am Studium der Rechtswissenschaft wird viel kritisiert. Ein Gespräch mit der Heidelberger Dekanin der juristischen Fakultät Ute Mager, die eine inhaltliche Reform fordert.

Würden Sie einem Abiturienten heute empfehlen, Jura zu studieren?

Bei der Erstsemesterbegrüßung an der Uni Heidelberg gratuliere ich unseren neuen Studentinnen und Studenten stets zu ihrer Wahl. Ich sage ihnen, dass Jura entgegen dem allgemeinen Vorurteil nicht schrecklich trocken, sondern ein ganz wunderbares Studienfach ist. Das Recht bezieht sich auf alle Lebensbereiche und ist dementsprechend vielfältig. Für das Studium geeignet sind all diejenigen, die folgerichtig denken können und ein Gespür für das Wesentliche und das Angemessene haben. Diejenigen Abiturienten, die in der Schule gute Leistungen in den Sprachen und in Mathematik sowie Freude an Geschichte und Gemeinschaftskunde hatten, werden auch Freude an der Rechtswissenschaft entwickeln können. Zudem halte ich die Berufsaussichten ordentlicher Juristen für hervorragend.

Am Studium selbst gibt es aber ziemlich viel Kritik. Der Wissenschaftsrat hat vor zwei Jahren Empfehlungen vorgelegt, wie es zu verbessern wäre. Auch Sie mahnen Reformen an. Warum?

Ich plädiere dafür, die Reform von 2002 teilweise zurückzunehmen. Insbesondere die neue Schwerpunktausbildung der Studenten hat sich nicht bewährt. Ich wäre dafür, die wieder abzuschaffen.

Im Schwerpunkt können sich Studenten nach ihrer Neigung spezialisieren – auf ein Rechtsgebiet wie Wirtschaftsrecht oder auch auf ein Exotenfach wie Medizinrecht, das im Regelstudium nicht unterrichtet wird. Was ist daran schlecht?

Der Aufwand, den Universitäten und Studenten dafür betreiben müssen, steht völlig außer Verhältnis zum Ertrag. Die Studenten müssen sehr viel Zeit in ihren Schwerpunkt investieren. Je nach Bundesland müssen sie zwei bis drei Prüfungen allein in diesem Fach ablegen. Der Stoff ist gegenüber dem früheren Wahlfach, das die Studenten auch selbst gewählt haben, erheblich ausgeweitet. Das ist schon daran abzulesen, dass die Regelstudienzeit von acht auf neun Semester erhöht wurde – während es ansonsten immer heißt, das Studium solle gestrafft und verkürzt werden. Und die Wertschätzung für die Spezialisierung ist außerhalb der Unis doch sehr gering.

Wie kommt das?

Das Juraexamen war früher ausschließlich eine zentrale staatliche Prüfung. Die Prüfungen im Schwerpunkt aber nehmen die Hochschulen intern ab. Dadurch sind die Noten nicht miteinander vergleichbar und haben weniger Aussagekraft, zumal die Prüfungsanforderungen in den einzelnen Bundesländern bereits dem Umfang nach unterschiedlich sind. Demgegenüber ist die Prüfungslast für die Universitäten sehr hoch.

Ist es grundsätzlich nicht sinnvoll, dass Jurastudenten sich frühzeitig spezialisieren?

Nein. Ich bin ganz entschieden für eine Ausbildung von Juristen zu Generalisten. Das macht marktunabhängig. Man kann sich auch später im Beruf spezialisieren. Und auch von Anwälten höre ich immer wieder: In problematischen Rechtsfällen hilft im Zweifel der Rückgriff auf die Fundamente der Rechtswissenschaft. Ein guter Jurist ist jemand, der sich schnell in neue Rechtsgebiete einarbeiten kann und die Zusammenhänge zwischen den Gesetzen erkennt. Darauf kommt es mehr an als auf spezialisiertes Detailwissen.

Wenn Sie die Schwerpunkte abschaffen, haben Sie wieder das gleiche Studium wie vor 2002. Daran gab es aber auch eine ganze Menge Kritik.

Natürlich muss vieles verbessert werden. Aber wir jammern auf hohem Niveau. Die Juristenausbildung in Deutschland ist alles in allem sehr gut. Deutsche Juristen haben in Europa einen hervorragenden Ruf. Sie lernen, am Fall zu arbeiten, und werden dadurch angeleitet, selbstständig und kritisch zu denken. In Frankreich hingegen, um nur ein Beispiel zu nennen, lernen die Studenten vorwiegend Skripte auswendig. Wir sollten also nicht so tun, als stünden wir vor einer unüberschaubaren Baustelle.

Und was würden Sie verbessern?

Jurastudenten brauchen fundierte methodische Kenntnisse. Die Universitäten müssen die Grundlagen und Systematik des Rechts vermitteln. Dafür sind auch die philosophischen und geschichtlichen Wurzeln unseres Rechtssystems wichtig.

Auch der Wissenschaftsrat fordert eine bessere Grundlagenbildung ein. Er schlägt im Gegenzug aber auch vor, das Jurastudium von vielen Detailkenntnissen zu entrümpeln.

Das fände ich auch sinnvoll. Wir wollen nicht, dass Studenten auswendig gelerntes Detailwissen präsentieren, sondern dass sie das Recht anwenden können und Zusammenhänge erkennen.

Und wie könnte man diese Grundlagenbildung verbessern?

Um wirklich etwas zu verbessern, muss man erst einmal das Betreuungsverhältnis an den Universitäten stärken. Es ist ein großer Unterschied, ob ein Professor vor hundert oder vor zehn Studenten steht. Eine bessere Betreuung aber würde Geld kosten. Statt das zu investieren, wird immer wieder irgendwo am Studium rumverbessert.

Im Moment sieht es eher nicht danach aus, als würde in großem Maße zusätzliches Geld in die Unis fließen.

Würde die Schwerpunktbildung wieder abgeschafft, wären dadurch zumindest mehr Kapazitäten für die Grundausbildung frei.

Ein zweiter wesentlicher Baustein der Reform war, das Jurastudium nicht mehr ausschließlich auf das Richteramt, sondern auch auf andere juristische Berufe auszurichten. Das praktizieren Sie am Institut für anwaltsorientierte Juristenausbildung der Uni Heidelberg seit den neunziger Jahren. Wie sieht diese Ausbildung aus?

Die Studenten lernen, einen Fall aus der Sicht ihrer Mandanten anzugehen. In sogenannten Moot Courts üben sie in einem fiktiven Prozess das Verhandeln. Das setzt aber bereits methodische Fähigkeiten voraus. Solche Module können deshalb immer nur ergänzend zum regulären Jurastudium sein. Man verbessert die Ausbildung insgesamt nicht dadurch, dass man ein paar Schlüsselqualifikationen wie Verhandlungsführung lehrt. Ohne Inhalte können Sie keine Kompetenzen vermitteln.

Einzelne Universitäten bieten juristische Ausbildungen im Bachelor- und Masterstudiengang an. Wäre das ein zukunftsweisender Weg für das Jurastudium?

Diese Studiengänge sind auf ein ganz anderes Berufsbild ausgerichtet, nicht auf den Volljuristen. Das Staatsexamen können solche Studiengänge nicht ersetzen. Der Charme des Staatsexamens ist ja gerade, dass es direkt ins Referendariat führt. Das bieten die anderen Rechtsstudiengänge nicht.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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