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Früh übt sich

CEO of the Future McKinsey (© Sergiy Nykonenko - Fotolia)

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Vormittags Französisch pauken, nachmittags im Flieger zum Kundengespräch: Schon Schüler ziehen erfolgreich Unternehmen hoch. Worauf Teenager Gründer achten müssen. Und warum sie oft das Zeug zum erfolgreichen Serienunternehmer haben.

Am frühen Nachmittag war er nach München geflogen, im Kalender standen Gespräche mit möglichen Kooperationspartnern: Finn Plotz hat eine Multimediabox entwickelt, die mit TV, Stereoanlage oder DVD-Spieler verbunden werden und Filme sowie Musik aus dem Internet gebündelt ins heimische Wohnzimmer bringen kann. Nach stundenlangen Diskussionen besucht er abends noch eine Veranstaltung, am nächsten Morgen folgt ein weiteres Gespräch. Mittags geht’s zurück nach Hamburg, vom Flughafen fährt er mit dem Auto weiter in seine Heimatstadt Glückstadt. Der vierte Termin des 19-jährigen Jungunternehmers innerhalb von knapp 48 Stunden steht am nächsten Morgen um 7.30 Uhr an: 90 Minuten Hallenfußball, im Sportunterricht an seiner Schule, dem Detlefsengymnasium.

Denn wenn Plotz sich mal nicht um sein Start-up Simplex kümmert, büffelt er fürs Abitur – soweit es sein Geschäftskalender zulässt: 70 Fehlstunden haben sich allein im zurückliegenden Halbjahr aufgetürmt. "Da kommen die Hausaufgaben schon mal zu kurz", sagt Plotz. Der darf sich selbst beurlauben, wenn die Firma ruft, weil Lehrer und Rektor sein unternehmerisches Engagement schätzen. Wie auch Vater Plotz, Betreiber von vier Restaurants und einer Matjes-Manufaktur, der seinem Sohn 15.000 Euro zur GmbH-Gründung zuschoss. "Manchmal ist es ganz schön stressig, Firma und Schule unter einen Hut zu bringen", sagt Plotz, "aber es ist genau das, was mir Spaß macht."

Vormittags Französisch pauken, bis in die Nacht hinein Businesspläne weiterentwickeln, mit Geschäftspartnern verhandeln, über Marketingstrategien brüten: Ein Unternehmen hochziehen, noch bevor der Schulabschluss in der Tasche steckt, den Spagat zwischen Schule und Start-up, zwischen Pubertät und Bilanzen zu meistern, das trauen sich auch in Deutschland inzwischen zahlreiche Teenager wie Plotz zu.

Verlässliche Zahlen zu Deutschlands jüngsten Gründerjahrgängen gibt es zwar kaum. Doch der Gründungsmonitor 2014 der Staatsbank KfW zeigt zumindest, dass gerade junge Menschen überdurchschnittlich häufig Unternehmen aufbauen: 2012 machten die 18- bis 24-Jährigen laut Statistischem Bundesamt zwar weniger als acht Prozent der Bevölkerung aus, aber der KfW zufolge 17,6 Prozent aller Gründer.

Tisch, Laptop, Zeit

Darunter auch Teenager-Gründer wie Plotz, die aus ihren Ideen Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die Kunden begeistern und absehbar Gewinn abwerfen sollen. Die Know-how und Finanzkraft von Freunden, Familie und Investoren nutzen, um aus ihrer Kinderzimmeridee ein langfristig tragfähiges Business zu machen.

Natürlich: Die juristischen und finanziellen Hürden zum Frühstart der eigenen Firma sollte kein Schüler mit unternehmerischen Ambitionen auf die leichte Schulter nehmen. Einerseits. Anderseits ist es heute leichter denn je, diese zu überwinden: "Schüler können Unternehmen mit wenig eigenem Geld gründen", sagt Jörn Block, Professor für Unternehmensführung an der Universität Trier. Denn für die Entwicklung einer App etwa braucht es nur Tisch, Laptop und Zeit.

Doch sind Firmen von so jungen Gründern überhaupt überlebensfähig? "Aus Schülergründungen wird in der Regel nicht gleich das nächste Google oder Facebook entstehen", sagt Block. "Aber es fördert früh den Unternehmergeist."

600.000 Euro Startkapital konnte etwa Tüftler Plotz schon von privaten und staatlichen Investoren einsammeln, für seinen Beirat konnte er unter anderem einen Ex-Bang-and-Olufsen-Manager gewinnen.

Dass der Jugendbonus nicht vor Neidern schützt, musste Hendrik Loll erleben. Er hatte schon mit 14 Jahren großen Unternehmen ausrangiertes Computerzubehör abgekauft und verhökerte die Teile weiter – ohne Genehmigung. Ein Konkurrent verpfiff ihn vor Gericht, Loll und seine Mutter mussten wegen Verschleierung einer gewerblichen Tätigkeit 2.500 Euro Strafe zahlen. "Fehler macht man als junger Gründer nun mal", sagt Loll. "Aber man kann Hilfe holen und sich viel selbst beibringen."

Buchführung an der VHS

Also meldete er seine Firma übers Familiengericht an – vor dem 18. Lebensjahr darf man nur mit dessen Zustimmung gründen. Erwarb die European Business Competence Licence – eine Art Wirtschaftsführerschein von dafür zertifizierten Bildungsinstituten, die Menschen ohne Ausbildung oder Studium betriebswirtschaftliche Kompetenzen beibringt. An der Volkshochschule besuchte er einen Kurs in Buchführung; Gesellschaftsrecht, Lohnbuchhaltung und Bilanzierung brachte sich Loll selbst bei. Lohn der Mühe: Mit 17 wurde Loll 2008 von den Wirtschaftsjunioren Köln zum Existenzgründer des Jahres gekürt.

"Die ersten Aufträge wickelte ich von meinem Kinderzimmer aus ab", erinnert sich der heute 23 Jahre alte Unternehmer. Und während seine Mitschüler sich in den Pausen plauschend auf dem Schulhof entspannten, beantwortete Loll Mails oder telefonierte mit Kunden – von der Toilette. "Handys", sagt Loll, "waren in der Schule ja verboten."

Seine Noten blieben passabel, aber Freizeit wurde Loll bald zum Fremdwort. Verabredungen zum Eisessen vergab Loll mit zwei Wochen Vorlauf – um am Tag vorher oft trotzdem abzusagen. "Als Unternehmer muss man diszipliniert sein und auch mal verzichten können", sagt Loll, der damals alles in Eigenregie erledigte.

Gründer Plotz dagegen setzt auf das Know-how anderer: Hardware, Software und Produktdesign entwickelt er gemeinsam mit Partnerunternehmen. Einen Professor für Wirtschaftsinformatik in Berlin – der Kontakt kam über seine Eltern – behelligte er so lange, bis er einem Treffen zustimmte. Und Plotz nicht nur Feedback zur Multimediabox gab, sondern ihm auch half, seinen Businessplan aufzustellen.

Maxim und Raphael Nitsche mussten das ganz alleine bewältigen – auf Wunsch ihres Vaters: Als seine beiden Söhne ihm von ihrer Idee erzählten, eine App zu entwickeln, verlangte er von seinen damals 14 und 15 Jahre alten Kindern einen detaillierten Businessplan. Also fraßen sich die beiden Teeniebrüder durch Businessratgeber und legten ihrem Vater ein halbes Jahr später ein 90-seitiges Konzept für eine App vor, mit der komplexe mathematische Aufgaben lös- und nachvollziehbar sind. Auslöser: ihre Erfahrungen als Nachhilfelehrer. "Unsere Schüler stellten einfach immer wieder die gleichen Fragen", sagt Maxim Nitsche, der mittlerweile in Berlin Wirtschaft, Mathematik und Philosophie studiert. "Die App war eine logische Folge."

Dreieinhalb Jahre später war sie programmiert – beide Brüder hatten in der Zeit außerdem eine Klasse übersprungen, Raphael kurz vor dem Abitur sogar schon mit dem Studium begonnen.

Die Ausdauer der Brüder zahlte sich aus: Math 42 war 2013 kurzzeitig die meistverkaufte App im deutschen Apple Store, wurde dort als eine der innovativsten Lern-Apps beworben. Mittlerweile sind Maxim und Raphael Nitsche 19 und 18 Jahre alt, beschäftigen acht Mitarbeiter. Math 42 gibt es inzwischen in mehreren Sprachen.

Auf einen solchen Bilderbuchstart kann Dominik Habichtsberg aus Lüdinghausen nicht verweisen: "Ich habe bei meiner ersten Firmengründung viele typische Fehler von Erstgründern gemacht: das Marketing vernachlässigt und kaum Rücklagen gebildet", sagt er. "Auf Marktveränderungen konnte ich nicht angemessen reagieren."

Dabei ging er an seinem 18. Geburtstag morgens erst einmal aufs Gewerbeamt und meldete ein Softwareunternehmen an. Damals schrieb er für seinen Segelflugverein unter anderem ein Programm für das Buchungssystem von Flugstunden.

Erfolg ohne Abitur

"Von den Lehrern bekam ich kaum Unterstützung", sagt Habichtsberg. "Ich hatte das Gefühl, dass sie meinen Schritt in die Selbstständigkeit ablehnten." Die Schule beendete er schließlich kurz vor Ende der elften Klasse. Bereut habe er den Schritt nie, weil er endlich machen konnte, was er wirklich wollte: selbstständig sein. Das ist der 26-Jährige auch heute noch. Abitur und Berufsausbildung hat er immer noch nicht, dafür ein neues Softwareunternehmen gegründet. "Für eine junge Person muss Scheitern kein Nachteil sein", sagt auch der Trierer Professor Block. "Wer schon als Schüler gegründet hat, macht sich auch später eher selbstständig."

So wie Hendrik Loll, der heute in Köln nicht nur Gesundheitsökonomie studiert, sondern weitere Firmen gegründet hat, darunter StudiMed: Die Agentur vermittelt Medizinstudienplätze in Osteuropa, hilft vor Ort bei Wohnungssuche oder Kontoeröffnung. Die Provision: eine Jahresstudiengebühr – bis zu 10.000 Euro.

Junggründer Plotz will sich nach dem Abitur nur um seine Firma kümmern. Im März soll der Prototyp seiner Mediabox fertig sein, ab Herbst der Verkauf starten. Und wenn es nicht klappt? "Wer Plan B schon in der Hinterhand hat", sagt er, "kämpft nicht hart genug für Plan A."

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