Partner von:

Geld macht glücklich, aber …

Lachen, Freude, Feld [Quelle: unsplash.com, Autor: Priscilla Westra]

Quelle: unsplash.com, Priscilla Westra

Mit dem Einkommen steigt auch die Zufriedenheit? Ja, zeigen Studien. Allerdings tritt schnell ein Gewöhnungseffekt ein. Die perfekte monetäre Situation sieht anders aus.

"Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn." Dieses Zitat wird dem 2013 verstorbenen Publizisten Marcel Reich-Ranicki zugeschrieben. Der Regisseur Herbert Achternbusch könnte an dieser Stelle ergänzen: "Das schöne Gefühl, Geld zu haben, ist nicht so intensiv wie das Scheißgefühl, kein Geld zu haben." Und 200 Jahre früher hätte Jean-Jacques Rousseau vielleicht noch eingeworfen: "Das Geld, das man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit, dasjenige, dem man nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft."

Vor die Wahl gestellt würden die meisten Menschen lieber mehr Geld und Besitz haben wollen, als es aktuell der Fall ist. Gleichzeitig wird uns allenthalben gesagt, dass der schnöde Mammon doch gar nicht glücklich mache. "Money can't buy me love", sangen einst die Beatles. Pythagoras soll folgenden Aphorismus geprägt haben: "Reich an Geld heißt arm an Freuden." Und in der Bibel heißt es bekanntlich, dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher in den Himmel.

Trotz all dieser Warnungen lässt das Thema Geld wenige Menschen kalt. Ständig werden Hitlisten veröffentlicht mit den reichsten Menschen, Staaten oder Arbeitgebern, die am besten bezahlen. Sogar Hochschulen werben derweil mit dem Einkommen, welches ihre Absolventen später erwarten können. Doch lohnt sich die Jagd? Die Forschung kommt zu sehr unterschiedlichen Antworten.

Viele Menschen glauben, sie wären glücklicher, wenn sie reicher wären. Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit: Faktisch findet sich in Untersuchungen eine nichtlineare Beziehung zwischen Einkommen und Geld. Wer beispielsweise in Deutschland lebt und ein unterdurchschnittliches Jahreseinkommen von 15.000 Euro bezieht, der erlebt einen starken Glückszuwachs, wenn sich das Einkommen auf 30.000 verdoppelt. Wer es schafft, dies nochmal auf 60.000 zu steigern, erhält einen weiteren Glücksbonus, der jedoch schon bedeutend geringer ausfällt als beim ersten Sprung.

Irgendwo zwischen 80.000 und 100.000 Euro Jahreseinkommen verliert sich der Zusammenhang fast vollends. Ökonomen sprechen hier von einem abnehmenden Grenznutzen. Millionäre sind zwar im Mittel glücklicher als Menschen, die "nur" gut verdienen, aber dieser Unterschied ist unbedeutend im Vergleich zum Abstand zwischen Gut- und Geringverdienern. Warum spielen dann trotzdem so viele Menschen Lotto, woher kommt der Mythos von der ersten Million?

Eine Erklärung: Menschen können nur schlecht voraussagen, wie sich Ereignisse in der Zukunft auf ihr Empfinden auswirken werden. Psychologen nennen diesen Prozess Affective Forecasting. Die Valenz, also ob uns etwas ge- oder missfallen wird: Das schaffen wir noch ganz gut. Aber bei Intensität und Dauer liegen wir meist daneben. Zwar sagen die meisten Menschen korrekt vorher, dass ein Sechser im Lotto sich positiv auf ihr Empfinden auswirken würde. Sie überschätzen allerdings massiv, wie stark diese Wirkung sein würde und auch wie lange diese Veränderung anhalten würde. Studien mit echten Lottogewinnern zeigen: So ein Hauptgewinn gibt uns in der Tat einen Glückskick. Doch der Anstieg ist weit weniger bedeutend als gemeinhin angenommen. Nach ein paar Monaten, spätestens ein bis zwei Jahren, ist es aus mit der Herrlichkeit. Letztlich gewöhnen wir uns einfach emotional an die neuen Lebensumstände. Das, was einst besonders glücksstiftend war, wird zur Normalität.

Der Unterschied zwischen Haben und Habenwollen

Studien legen außerdem nahe, dass sich das Streben nach Reichtum negativ auf unsere Lebenszufriedenheit auswirkt. Wer finanzielle Ziele als zentralen Ausgangspunkt seines Handelns definiert, macht sein Lebensglück zwingend von extrinsischer Motivation abhängig. Laut der Selbstdeterminationstheorie, dem einflussreichsten Gedankengebäude der letzten 30 Jahre zur Frage, was Menschen im Kern antreibt, streben Menschen nach der Befriedigung von drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen: erstens Bindung an andere Menschen, zweitens Kompetenzerleben und Selbstwirksamkeit, und drittens Autonomie.

Wenn wir uns also Tätigkeiten widmen, die eines oder mehrere dieser Bedürfnisse ansprechen, erleben wir dies als intrinsisch motivierend. Wir haben dann ein Flow-Gefühl und sind wie Kinder beim Spielen. Das Spüren dieses inneren Antriebs wiederum geht mit einem hohen Maß an Zufriedenheit einher. Geld hingegen nützt an dieser Stelle, wenn überhaupt, dann nur sehr mittelbar. Wer sich also beispielsweise einen Beruf aussucht, der ein hohes Einkommen verspricht, aber nicht auf die Befriedigung unserer basalen Bedürfnisse einzahlt, opfert für den finanziellen Erfolg mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Stück Lebensglück.

Um überhaupt ein Gefühl dafür zu bekommen, ob wir genug Geld haben und wie glücklich wir damit sein können, brauchen wir eine Vergleichsgröße. Mit einem absoluten Wert allein kann unser Gehirn wenig anfangen. Für eine solche Einschätzung schauen wir gerne in des Nachbars Garten. Zufrieden sind wir vor allem dann, wenn unser Gras etwas grüner ist. Das führt mitunter zu irrationalen Entscheidungen. Wenn man Menschen in Experimenten vor die Wahl stellt, für 100.000 Euro bei einer Firma zu arbeiten, in der alle Kollegen 130.000 Euro erhalten, oder aber für 80.000 Euro bei einem Unternehmen, in der alle anderen 60.000 bekommen, dann entscheidet sich der größere Teil der Probanden für Option zwei, obwohl sie dadurch objektiv deutlich schlechter gestellt wären. Wir sind lieber der große Fisch im kleinen Teich als umgekehrt.

Ein weiterer interessanter Effekt zeigt sich auf volkswirtschaftlicher Ebene. Schaut man sich die Listen der Länder mit den zufriedensten Einwohnern an, so fällt auf, dass die Plätze ganz oben zwar von wohlhabenden Staaten belegt werden (meist haben skandinavische Staaten die Nase vorn), aber nicht von den extrem reichen Ländern. Auch die USA liegen in der Zufriedenheitsliste weiter hinten, als der rein finanzielle Wohlstand vermuten lassen würde. Der Grund: Wie zufrieden die Bürger eines Landes sind, hängt neben dem absoluten Wohlstandslevel vor allem von der Fairness der Wohlstandsverteilung ab. Der Gini-Koeffizient, ein Näherungswert für die Gleichförmigkeit der Wohlstandsverteilung innerhalb einer Volkswirtschaft, hat signifikante Aussagekraft für den Zufriedenheitslevel der Einwohner. Wenn die Wirtschaft wächst, aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung an diesem Zugewinn partizipiert, dann steigt (im Mittel) der Wohlstand, nicht aber das Wohlbefinden.

Wohin mit der Kohle?

Studien legen nahe, dass es für unser Wohlbefinden am Ende des Tages gar nicht so wichtig ist, wie viel Geld wir besitzen, sondern wofür wir es ausgeben. Hier lassen sich zwei Empfehlungen für die Praxis ableiten.

Erstens: Investieren Sie überschüssiges Geld im Zweifel lieber in Erlebnisse anstatt in Dinge, beispielsweise in einen Kurzurlaub anstelle dieser wahnsinnig tollen Lederjacke. Der Unterschied: Die Jacke unterliegt, wie alles, was einfach nur da ist, dem Gewöhnungseffekt. Wir freuen uns, wenn wir sie das erste Mal tragen, und vielleicht auch bei der zweiten und dritten Gelegenheit – doch dann brauchen wir im Prinzip schon wieder den nächsten Kick. Psychologen nennen dieses Phänomen hedonische Tretmühle. Positive Erlebnisse wie der Kurzurlaub können hingegen durch aktives Erinnern, unterstützt durch Fotos, immer wieder hochgeladen werden – und damit auch ein Stück weit die guten Gefühle, die mit dem Erlebnis einhergingen. Wir zapfen gewissermaßen das Licht vergangener Freuden an, um die Gegenwart zu erhellen.

Zweitens: Investieren Sie überschüssiges Geld in andere Menschen, sei es, indem Sie ihren Lieben eine Freude bereiten, oder Geld (beziehungsweise Ihre Zeit) für wohltätige Zwecke geben. Wir kennen alle dieses warme Gefühl im Bauch, wenn wir anderen Gutes tun. Menschen haben bis zu einem gewissen Grad das Bedürfnis, sich selbst als wertvolle, tugendhafte Individuen wahrzunehmen. Sich als großzügig und fürsorglich sehen zu können, bestärkt uns in diesem Teil unseres Selbstkonzepts. Auch das hält deutlich länger als die Lederjacke.

Die perfekte monetäre Situation, so es sie gibt, ließe sich so beschreiben: Wir leben in einem wohlhabenden Land, in dem es möglichst wenigen grundsätzlich an etwas mangelt. Die Armen sind nicht wirklich arm, die Reichen aber auch nicht absurd reich. Wir haben etwas mehr als der Durchschnitt und insbesondere als die Nachbarn. Wir können uns schöne Dinge leisten, wenn wir es wollten, es ist uns aber nicht so wichtig. Lieber geben wir Geld für andere aus, für die Menschen, die uns teuer sind, und auch für die, die es einfach nötig haben. Wir haben so viel Geld, dass wir uns keine großen Sorgen machen müssen. Gleichzeitig haben wir nicht so viel Geld, dass wir uns gerade deswegen Sorgen machen müssten. Das Geld ist unser Diener, nicht unser Herr.

Ja, so könnte es gehen.

© ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

nach oben

Wer weiß, wie viel seine Qualifikation und Berufserfahrung am Markt wert ist, hat beim Gehaltspoker bessere Karten. In der Gehaltsdatenbank kannst du nachsehen, was andere in deiner Position verdienen.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren