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Immer in Bewegung

Pendeln, Arbeitsweg, Rolltreppe, Tunnel [Quelle: unsplash.com, Autor: Tom Eversley]

Quelle: unsplash.com, Tom Eversley

Wie wir unseren Arbeitsweg zurücklegen, ist nicht egal. Berufspendler haben den Ruf, krank, dick und gestresst zu sein. Stimmt das? Und wen trifft es am meisten?

Wenn du zur Arbeit gehst, am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen: da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter." So beginnt ein Gedicht von Kurt Tucholsky, und so beginnt bis heute der Tag für Millionen Menschen in Deutschland: Pendler. Sie sind zum Symbol für die Mobilität der modernen Gesellschaft geworden. Bewegung, Hektik und Beschleunigung prägen unser Dasein. Vierzig Jahre lang denselben Beruf an ein und demselben Ort ausüben? Heute ist das beinahe undenkbar. Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert – und mit ihr die Lebenswelt der Menschen. Flexibilität ist das neue Zauberwort. In einer Stadt wohnen, in einer anderen arbeiten: mit diesem Modell müssen sich viele anfreunden, die nicht ständig umziehen wollen.

Nach einer Definition von Norbert Schneider sind strenggenommen all jene Erwerbstätigen, die nicht von zu Hause aus arbeiten, Pendler. "Egal, ob Sie nur kurz rüber ins Nachbargebäude gehen oder eine Stunde mit dem Zug in eine andere Stadt fahren: wer immer den Fuß vor die Haustür setzt, um zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen, ist statistisch gesehen ein Pendler", sagt der Statistik-Professor. Er muss es wissen. Für das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung arbeitet Schneider seit vielen Jahren am Thema Mobilität. Dabei interessiert ihn vor allem: Sind sehr mobile Personen wirklich die flexibleren, freieren Menschen, oder sind sie gerade wegen ihres ständigen In-Bewegung-Seins eher unflexibel, gebunden, vielleicht sogar unglücklich?

Daten aus dem sozioökonomischen Panel, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung für FAZ.NET ausgewertet hat, zeigen, in welchen Berufsgruppen in Deutschland besonders viel gependelt wird. Die meisten Kilometer Wegstrecke zur Arbeit haben demnach Soldaten; mit durchschnittlich rund 117 Kilometern Pendelweg führen sie die Liste an. Dahinter rangieren IT-Berater, Hochschullehrer und Wissenschaftler, sowie Beschäftigte in der Baubranche. Teilweise gehören die vielen Kilometer Pendelstrecke zum Selbstverständnis dieser Berufe. Soldaten rechnen meist mit weiten Anfahrten zur Kaserne, in der IT-Beratung sind wechselnde Einsätze bei Kunden in ganz Deutschland gelebter Alltag. Und auch auf dem Bau gehören, je nach Projekt, Einsätze weit weg von zu Hause zur gängigen Praxis. Die kürzesten Arbeitswege haben der Statistik zufolge Reinigungskräfte und Verkäufer in Bäckereien; in diesen Berufen lassen sich meist problemlos Arbeitsplätze in den verschiedensten Wohnlagen finden. Unter den Höherqualifizierten fallen Grundschullehrer und Steuerberater durch relativ geringe Pendelstrecken auf – im Schnitt fahren sie rund 13 Kilometer weit zur Arbeit.

Mit dem beruflichen Glück ist es allerdings so eine Sache: Wie die Datenbank weiter zeigt, gehen Unzufriedenheit mit der Stelle und eine weite Pendelstrecke nicht zwingend miteinander einher. So finden sich Putzkräfte und Bäcker mit sehr kurzen durchschnittlichen Arbeitswegen unter denjenigen, die gleichzeitig angeben, mit ihrem Beruf sehr unzufrieden zu sein. Umgekehrt sind die Soldaten unter den zufriedensten Arbeitnehmern – trotz weiter Pendelstrecken. Das gilt auch für Hochschullehrer.

Verstopfte Straßen, überfüllte Bahnen

Obgleich so manche Berufsgruppe sich mit ihrem Pendlerschicksal abgefunden hat, ist das Pendeln immer wieder Gegenstand soziologischer wie medizinischer Untersuchungen und hat dabei zumeist eine negative Konnotation. "Der Schöpfer hat unserer Seele einen Bleiklumpen angehängt, der wie die Penduln an der Uhr sie durch seine niederziehende Kraft in beständiger Bewegung erhält" – so zitierte schon im 19. Jahrhundert Grimms Wörterbuch den Dichter Lenz, um das Wort "Pendel" zu erklären, das sich aus dem mittellateinischen "pendulum" ableitet. Der "flexible Mensch" (Richard Sennett) von heute ist selbst zu einem "Pendulum" geworden: Die Arbeitsmöglichkeiten im ländlichen Raum sind rar geblieben, in den Großstädten aber explodieren die Immobilienpreise und Mieten. Pendeln wird zur attraktiven Lösung. Gleichzeitig gibt es immer mehr Doppelverdiener-Haushalte und daher immer häufiger das Problem, dass Partner nicht am selben Ort eine Arbeitsstelle finden. Auf staatlicher Seite wird auf den Zwang zur Mobilität mit Steuererleichterungen reagiert: Die Pendlerpauschale subventioniert die Fahrten der Beschäftigten und trägt häufig dazu bei, dass ein Umzug finanziell unattraktiver wird.

Dass das Berufspendeln zunimmt, entspricht auch der Alltagswahrnehmung: Wir sehen verstopfte Straßen morgens und zur Feierabendzeit, U-Bahnen ohne Chance auf einen Sitzplatz und überfüllte ICE-Züge. Aufgrund einer immer stärkeren Digitalisierung ist das Arbeiten heute fast von überall aus möglich, und in den Verkehrsmitteln spürt man das auch: Anzugträger checken in den morgendlichen Pendlerbahnen ihre dienstlichen E-Mails, und in den ICE-Zügen mutiert so mancher Großraumwagen zum fahrenden Großraumbüro. Die Bedeutung von Home-Office als Gegengewicht zur ständigen Fahrerei bleibt trotz flexibler Arbeitsorte statistisch allerdings weiterhin gering.

Studien untermauern die Bereitschaft der Deutschen zu weiten Arbeitswegen. Die Zahl der Berufstätigen, die in einem Bundesland wohnen und in einem anderen arbeiten, sei zwischen 2004 und 2014 stark gestiegen. Das hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mit Hilfe von Daten der Bundesagentur für Arbeit ausgerechnet. Demnach hat sich in diesem Zeitraum die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die über Landesgrenzen pendeln, um 27,9 Prozent erhöht, während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt nur um 13,7 Prozent gestiegen ist.

Norbert Schneider warnt allerdings vor einer zu schnellen Interpretation dieser Zahlen: Über Landesgrenzen zu fahren bedeute noch nicht zwingend, weitere Strecken zu fahren. "Von Mainz nach Wiesbaden fährt man auch über eine Landesgrenze und ist trotzdem nicht lange unterwegs", sagt er. Auch die Zahl der Pendler über Stadtstaaten-Grenzen, etwa von und nach Hamburg, dürfte sich Schneider zufolge kräftig erhöht haben und für die vielen Pendler zwischen den Bundesländern mit verantwortlich sein.

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