Legal Tech bei Gleiss Lutz: KI im Kanzlei-Alltag

Zwei Computer, aus denen Hände mit Diagrammen heraus kommen, sind selber in einem Diagramm

Gleiss Lutz wurde kürzlich zur innovativsten Kanzlei Deutschlands gekürt – und das nicht ohne Grund. Marc Geiger und Catrin Weckesser aus dem Legal Operations- und Legal Tech-Team verraten, welche Rolle Prompting, KI-Agenten und Design Thinking in ihrem Arbeitsalltag spielen und welche Tipps sie für junge Jurist:innen haben.

Wie wird man zur innovativsten Kanzlei Deutschlands – was hat Gleiss Lutz 2024 zur Auszeichnung durch die Inhouse Matters Awards geführt?

Marc Geiger: Für uns war das eine tolle Auszeichnung, über die wir uns sehr gefreut haben – vor allem, weil sie zeigt, dass wir mit unserer Legal Tech- und KI-Strategie seit Jahren auf dem richtigen Weg sind. Wir haben früh verstanden, dass Innovation nicht nur ein Trend, sondern ein echter Hebel für Qualität und Effizienz ist; sowohl in der Mandatsarbeit als auch in unseren internen Prozessen.

Die Auszeichnung spiegelt auch den Freiraum in der Kanzlei wider, den wir als Legal Operations- und Legal Tech-Team haben, um genau dort anzusetzen, wo wir einen großen Mehrwert schaffen können. Zugleich ist sie Ansporn, konsequent weiterzumachen und dabei immer wieder neue innovative Impulse zu setzen.

Man hört in den Medien immer häufiger, dass KI die Rechtsbranche erheblich verändern wird – welche Rolle spielt KI aktuell bei Gleiss Lutz und woran arbeitet ihr konkret?

Catrin Weckesser: KI ist für uns längst Alltag, nicht erst seit der Hype um generative KI losging. Schon vorher haben wir KI vielseitig eingesetzt, zum Beispiel bei Due Diligences, großen Compliance- oder Investigations-Mandaten oder in Massenverfahren. Mit generativer KI kam dann eine neue Dimension hinzu, die uns zahlreiche weitere Use Cases eröffnet. Das kann das einfache Gegenlesen einer E-Mail oder die komplexe Analyse eines M&A-Vertragswerks sein.

Marc Geiger: Wir waren bei dieser Entwicklung früh dran: Wir haben zum Beispiel als erste deutsche Wirtschaftskanzlei die Legal-AI-Plattform Harvey kanzleiweit eingeführt und schnell in den Kanzleialltag integriert. Harvey ist stark bei der Textverarbeitung und Dokumentenanalyse und wir teilen die Nutzung systematisch in der Kanzlei – etwa über unsere eigene Prompt Library, die wir mit konkreten Anwendungsfällen ständig erweitern. Unser Fokus liegt jetzt auf KI-Agenten, also Workflows, die nicht mehr promptbasiert Schritt für Schritt funktionieren, sondern ganze Aufgabenketten automatisiert übernehmen – vom Dokumenteneingang bis zum finalen Antwortschreiben.

Marc Geiger Gleiss Lutz

Marc Geiger ist Director Legal Operations & Business Technologies bei Gleiss Lutz und seit über 20 Jahren in der Kanzlei tätig. Legal Tech ist für ihn seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der Produktentwicklung sowie des Ausbildungscurriculums für Juristinnen und Juristen. JUVE zählt Marc Geiger zu den 10 führenden Köpfen des deutschen Rechtsmarkts für Legal Operations & Legal Tech.

Catrin Weckesser Gleiss Lutz

Catrin Weckesser ist Legal Operations Manager und seit 2018 bei Gleiss Lutz. Sie verantwortet Prozess- und Projektmanagement, Legal Tech und Change-Management in enger Zusammenarbeit mit Juristen, IT und Business Units. Catrin steuert interdisziplinäre Projekte zur Digitalisierung juristischer Prozesse von der Bedarfsanalyse über die Entwicklung bis zur Implementierung.

Wie sieht euer Arbeitsalltag aus? Mit welchen Tools und Prozessen arbeitet ihr konkret?

Catrin Weckesser: Unser Arbeitsalltag ist extrem vielfältig, fast kein Tag ist wie der andere. Mit unserem interdisziplinären Team arbeiten wir natürlich eng mit den anwaltlichen Teams in Mandaten zusammen, wenn viel Legal Tech-Einsatz oder Fact Tracking gefragt ist. Daneben sprechen wir mit Anbietern, testen neue Tools oder konzipieren eigene Ideen und Lösungen.

Genau dieser Wechsel zwischen Tool-Testing, Eigenentwicklung und praktischer Anwendung macht den Job so spannend. Wir benchmarken regelmäßig Plattformen, begleiten Rollouts, führen Trainings zu KI und Legal Tech durch und sind auch immer häufiger als Sparringspartner bei Mandanten gefragt, wenn es um passende Legal Tech- oder KI-Tools sowie um Prozessdesign geht. Dazu kommen unsere Legal Apps, die wir selbst entwickeln und anpassen – oft ganz konkret für die Anforderungen in einem Mandat oder für einen Mandanten.

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Welche Kriterien sind für euch entscheidend, wenn ihr neue Technologien oder Tools auswählt und in die Kanzlei integriert – insbesondere im Spannungsfeld zwischen Eigenentwicklung und externer Lösung?

Marc Geiger: Wir diskutieren intern oft die "make or buy"-Frage. Klar ist: Wenn es eine ausgereifte Lösung am Markt gibt, dann kaufen wir sie – vorausgesetzt, sie passt in unser IT-Ökosystem und lässt sich gut integrieren. Dafür durchläuft jede Lösung eine fundierte Testphase mit Evaluierung und Schnittstellen-Check.

Catrin Weckesser: Trotzdem stoßen wir regelmäßig an Grenzen. Dann merken wir: Das Produkt, das wir brauchen, gibt es so noch nicht, also bauen wir manchmal selbst eines. Und das können wir, weil wir ein internes Development-Team haben, mit dem wir die juristischen Anforderungen genau abstimmen können. Unsere Eigenentwicklungen laufen nach denselben Standards wie die Entwicklung externer Software, mit Lastenheft, Testing und Rollout. Durch den regelmäßigen Einsatz in Mandaten werden sie naturgemäß immer weiterentwickelt und verbessert – sie sind also immer ein echter Mehrwert für unsere Mandanten.

Wie fördert ihr technologische Kompetenz innerhalb der Kanzlei – braucht es heute Jurist:innen mit IT-Know-how?

Catrin Weckesser: Ein gewisses technisches Verständnis hilft, klar – aber nicht jeder muss programmieren können. Legal Tech ist bereits seit Jahren im Ausbildungscurriculum unserer Juristinnen und Juristen etabliert. Dazu gehört auch die Entwicklung eigener Apps auf einer No Code-Plattform. Das macht den allermeisten Kolleginnen und Kollegen auch Spaß.

Wir im Team verstehen uns als Enabler: Wir schaffen die Strukturen, damit Juristinnen und Juristen Technologie sinnvoll einsetzen können. Die wichtigste Kompetenz ist heute oft eher: Zu wissen, wann und wofür ein Tool sinnvoll ist und dieses dann auch richtig einzusetzen.

Marc Geiger: Und natürlich hat KI auch die Skillsets verändert. Prompting ist bei uns längst Teil der juristischen Arbeit und ehrlich gesagt: Es macht vielen sogar Spaß. Repetitive Aufgaben kann man teilweise abgeben, das schafft Raum für die spannendere Arbeit. Wir fördern das ganz praktisch, zum Beispiel durch Promptathons oder interne Wettbewerbe zum Bau von Legal Apps. Das startet bei uns schon am ersten Tag – auch Praktikant:innen, Referendar:innen oder wissenschaftliche Mitarbeiter:innen entwickeln bei uns digitale Use Cases mit.

Was ratet ihr jungen Juristinnen und Juristen, die sich frühzeitig mit Legal Tech und KI beschäftigen möchten?

Catrin Weckesser: Einfach anfangen. Man braucht keine Vorkenntnisse, um erste Ideen umzusetzen. Wenn man zum Beispiel ein Prüfungsschema als Entscheidungsbaum denkt, ist man schon auf dem Weg zur Legal App. Mit No-Code-Tools klappt das ganz ohne Programmieren.

Marc Geiger: Und bei KI ist es genauso. Wer mit ChatGPT oder Harvey arbeitet und sich ein bisschen mit Prompting beschäftigt, merkt schnell, welche Use Cases funktionieren und welche nicht. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zu KI-Agenten, also richtigen Workflows, die konkrete Aufgaben übernehmen. Wichtig ist: Dranbleiben, ausprobieren und keine Angst haben, wenn mal etwas nicht klappt. Das gehört dazu.

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